Schmale Schultern – Tatort 771 #Crimetime 560 #Tatort #Koeln #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Schultern #schmal

Crimetime 560 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

Vorwort 2020

Wir machen es mal wieder. Wir stellen einen Beitrag im Original-Layout vor. Weitgehend jedenfalls. In der Regel tun wir das nur mit Artikeln zu Tatorten, die im Jahr 2011 entstanden sind, als die TatortAnthologie des „ersten Wahlberliners“ startete. Die Rezension wurde am 4. Juni 2011 verfasst und trug damals die Anthologienummer 33.

I. Kurzkritik

Ein klassisches Trennungsdrama aus Köln, angepasst an das neue Scheidungsrecht. Aus mehreren Perspektiven wird das Thema beleuchtet: Mann, Frau, Kinder. Dazu eine Spiegelung in der Familie des Freundes des Scheidungskindes Laura, eine dritte persönliche Ebene ist angesiedelt bei Kommissar Freddy Schenk, dessen Familie natürlich bei Familienthemen immer ins Spiel gebracht wird.

Der Plot des Films ist gut gearbeitet und man kann ihm nicht vorhalten, das liege daran, dass er so einfach sei. Das ist er allerdings, wenngleich nach dem Whodunit-Prinzip aufgebaut. Es gibt nur wenige Verdächtige, und die sind in der Familie Otte und deren Umfeld angesiedelt. Schon ziemlich zu Beginn hat man einmal den Eindruck, dass Frau Otte in die Sache verwickelt sein könnte, dieser unkontrollierte Mensch, der außerdem auf das Geld ihres Exmannes angewiesen ist. Dann verliert sich das, weil u. a. der Strang der Familie Cosca eingezogen wird.

Mäßige Spannung ist die Folge aus einfachem Plot, eher langsamem Spieltempo und dem Fokus auf die sozialen und psychischen Aspekte der Trennung von Familien. Ein Tatort mit wenig Show-Effekt, dem man bei der Bearbeitung des Sozialthemas zugute halten muss, dass er nicht so eindeutig  Partei für eine der Seiten bezieht wie andere Filme der Serie. Eine moralische Aussage trifft vielmehr Freddy Schenk, der seiner Tochter gegenüber von der Wegwerfmentalität im heutigen Beziehungsleben spricht. Womit er so zweifelsfrei recht hat, dass es schon wieder etwas platt wirkt.

Kein schlechter, aber auch kein überragender Tatort.

II. Inhalt

Jens Otten kann es nicht fassen: Seine Verlobte Regina Scheffler wurde ermordet. Unbekannte haben sie vom Balkon gestoßen, ihre Wohnung verwüstet und mit Graffiti beschmiert.

Ähnliche Vandalismus-Fälle waren in der Gegend in letzter Zeit öfter vorgekommen. Doch jetzt ermittelt die Mordkommission. Während Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) sich auf die Suche nach dem Graffiti-Sprayer macht, nimmt sein Kollege Ballauf das private Umfeld der Toten unter die Lupe.

Und dort liegt einiges im Argen. Seit Jahren führt ihr Verlobter Jens Otten einen Kleinkrieg mit seiner Exfrau Claudia wegen Unterhaltszahlungen. Die gemeinsame 15-jährige Tochter Laura hat kaum noch Kontakt zu ihrem Vater und war auf seine Freundin nicht gut zu sprechen.

Als Freddy Schenk schließlich herausfindet, dass es sich bei dem gesuchten Sprayer um Lauras Freund Patrick Cosca handelt, erhärtet sich der Verdacht gegen die Jugendlichen. Doch auch Patricks Vater, Ralf Cosca, kannte die Ermordete besser als er zunächst zugeben will. Gleich dreimal hatte Regina Scheffler ihn in der Mordnacht angerufen …

III. Rezension

1. Das neue Scheidungs- und Unterhaltsrecht

Ob alle Aussagen, die in dem immerhin noch recht neuen Tatort 771 bezüglich der Unterhaltsregelungen getroffen werden, stimmen, werden wir hier nicht ausführlich darstellen, sondern verweisen auf das Online-Portal „Lebenslange Scheidung“, das sich ausführlich, gut allgemeinverständlich und immer auf dem neuesten Stand mit der Thematik befasst. Fest steht jedenfalls, und das war auch 2010 schon so, dass eine neue Heirat von Herrn Otten (Pierre Bresson) seine Unterhaltspflichten gegenüber der bisherigen Ehefrau Claudia (Nina Petri) nicht geändert hätte, ein Motiv für ihre Tötungshandlung gegenüber Regina Scheffler also nicht finanzieller Natur sein konnte. Es sei denn, Claudia wäre diesbezüglich falsch informiert gewesen.

2. Motive hinter dem Streit ums Geld

Zum einen wird der Schlag mit dem Eiffelturm-Modell ja als Affekttat dargestellt, zum anderen scheint ja noch eine emotionale Verstrickung zwischen ehemaligen Eheleuten Otten zu bestehen, welche über das Thema Geld sozusagen ausgesteuert wird. Beide wollen nicht etwa einen klaren Schlussstrich ziehen, sondern streiten sich immer wieder und die Kinder leiden darunter. Es wirkt, als ob beide früheren Eheleute die Scheidung und die Trennung an sich nicht verwunden haben, aber auch nicht miteinander leben könnten.

In einem solchen Fall ist eine moralische Abschichtung nicht möglich und der Film nimmt auch keine vor. Man kann beide Seiten verstehen, hat aber auch Distanz zu beiden Seiten, weil Jens Otten so penetrant auf dem Geldthema herumreitet, dass Freddy Schenk ihn an zwei Stellen bremst. Weil andererseits Claudia Otten sich passiv in die Situation fügt und man auch den Eindruck hat, sie ist finanziell bei der Geschichte gut gefahren. Wie es um ihre Arbeitsfähigkeit tatsächlich bestellt ist, wird offen gelassen.

3. Neutralität

Das ist auch notwendig, um die hier geradezu nachrichtliche Neutralität zu bewahren, denn hätte es diesbezüglich eine Aussage in die eine oder andere Richtung gegeben, wäre auch das moralische Pendel zugunsten des einen oder des anderen der früheren Ehepartner ausgeschlagen. So wirkt alles fein austariert, aber auch ein wenig lehrbuchhaft. Natürlich, man kann es den Zuschauern nicht recht machen: Ergreift man stark Partei, passt dies denjenigen, die sich aufgrund eigener Erfahrungen der anderen Partei näher fühlen, keinesfalls. Bleibt man neutral, kann man diese Neutralität als emotionslos und zu didaktisch empfinden.

4. Identifikation

Allerdings beeinflusst auch eine bezüglich des Scheidrungsrechtes neutrale Haltung den Zuschauer und so kommt es hier dazu, dass man sich anfangs vor allem mit Jens Otte identifiziert, diese Identifikation aber im Verlauf nachlässt, ohne dass eine Identifikation mit Claudia Otte aufgebaut würde. Bleiben die Kinder der beiden, Benjamin und Laura.

Beide sind aggressiv, der Junge zudem traumatisiert, was sich in seinem unkontrollierten Nässen ausdrückt. Also klagen beide in ihrem Verhalten die Eltern an, die Aggressivität bezieht sich interessanterweise aber nur auf den Vater und es ist nicht ganz klar, wie sehr die Mutter die Kinder gegen diesen manipuliert. Nur das Ergebnis sieht man, und das zeigt Verwerfungen.

Die Mutter Claudia hingegen ist nicht nur Täterin, sie wirkt auch undurchsichtig und nicht ganz greifbar als Figur. Am Ende versucht sie, den Jungen und sich selbst umzubringen, in diesem Moment ist die Sympathie für sie auf dem Nullpunkt. Was jemand mit sich selbst anstellt, ist, christlicher Ethik und dem Strafrecht zum Trotz, eher eigene Sache, als ein Kind mit in den Tod reißen zu wollen. Dass man selbst abtritt und damit eine Lücke reißt, ist nicht dasselbe, als wenn man anderen Menschen keine Wahl zur Entscheidung lässt. Beinahe hätte sich Claudia Otten also nicht nur eines, sondern zweier Verbrechen schuldig gemacht. Im Grunde hat sie das ohnehin, wegen des strafbaren Versuchs.

So steht am Schluss doch Jens Otten wieder als die etwas hellere Figur da und als derjenige, der nun versuchen muss, Verantwortung zu übernehmen und die Kinder mit sich zu versöhnen.Trotzdem ist der Begriff der Schuld, wie wir ihn im vorigen Abschnitt verwendet haben, strafrechtlich gemeint und nicht moralisch, trotz des Sympathieverlustes, denn es wir bewusst nicht gezeigt, wie alles kam.

5. Keine Schuldzuweisungen

Es wird keine Herleitung gemacht, die eine Schuldzuweisung im moralischen Sinne erlauben würde – und genau das ist es, was den Tatort 771 unangenehm macht.

Vielleicht sein gößter Verdienst, dass er es nicht erlaubt, dass man zufrieden in irgendeine Richtung schaut. Der eigene Spiegel, das merkt man dem Konzept deutlich an, ist die Projektionsfläche, um die es hier geht.

Um das zu bekräftigen, wird auch ein Blick in die Verhältnisse der auf den ersten Blick intakteren Familie Cosca geworfen, in welcher der Mann fremdgeht und ziemlich locker darüber hinweg. Seine Frau will sich am Ende ebenfalls scheiden lassen. Auch hier kann der Zuschauer Stellung beziehen, wie er mag – oder sich sagen: Mist. Er ist zu locker, in dieser Sache, aber sie wirft tatsächlich wegen eines einzigen nachweisbaren Fehltritts etwa zwanzig Jahre Ehe weg. Menschen scheitern immer wieder, entweder an sich selbst oder an ihren Idealen – und damit auch wieder an sich selbst.

Fazit angesichts der beiden Familien wäre nun, die Ehe als Institution generell in die Tonne zu treten. Das ganze Konstrukt führt nur zu Leid und finanziellen Verwerfungen. Aber da gibt es ja noch Freddy Schenk, der ganz offensichtlich Ehekrisen gemeistert hat und die emotionale Kraft hat, ungerecht zu sein – aber stets aufrichtig um seine Tochter besorgt. Allerdings ist seine Haltun als ein weiteres Element, das die negative Botschaft des Films hinsichtlich des  Zusammenlebens mit Trauschein und Ringen mildern soll, ein wenig aufgesetzt. Man hat das Gefühl, da sind zwei Leute einen schwierigen Weg miteinander gegangen, so wie jeder Weg zusammen seine Schwierigkeiten hat, und sie konnten dabei sehr viel aufbauen und Verlässlichkeit und Vertrauen entwickeln.

Es ist Sache sozialwissenschaftlicher Dissertationen, nicht einer Tatort-Kritik, zu untersuchen, warum vielen Menschen heute das dauerhafte Partnerschaftsmodell selbst dann nicht gelingt, wenn sie es unbedingt wollen, nicht nur dann nicht, wenn sie sowieso zur  Beliebigkeit tendieren.

Jedenfalls ist Schenk in seiner ganzen Art eher eine Ausnahme und in gewisser Weise sehr ein traditionellen, auch humanistischen Werten verhafteter Typ, weit eher als Kollege Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), weil nun einmal einer der wenigen überzeugten Familienmenschen im Universum der Tatort-Ermittler. Das hat den Vorzug, dass man Familienthemen, wie hier, immer wieder an seinem Verhalten ankern und sie auf diese Weise mit Botschaften versehen kann. Aber auch den Nachteil, dass die Plots nicht immer genug fokussiert aufs eigentliche Geschehen sind und die Versuchung nahe liegt, alles via Freddy Schenk und Max Ballauf dialogisch-didaktisch zu kommentieren. Das hat man hier nur eingeschränkt getan, sondern die Botschaft durch Schenks Aussage gegenüber seiner Tochter relativiert.

6. Als Krimi

Da der Akzent des Films auf dem Familiendrama liegt, ist es legitim, die Handlung vergleichsweise kurz zu betrachten. Es gibt auch keine größeren Sachfehler, die hier zu besprechen wären. Wieder einmal zeigt sich, dass Einfachheit ein genauso zweischneidiges Schwert ist wie jedes klare Label. Sie verhindert Plotfehler, nimmt in 771 aber auch Spannung und lässt wenig „Drive“ zu. Dafür hat man sich bewusst entschieden, so wirkt es allerdings, um den Figuren und dem Anliegen der Darstellung Scheidung, Trennung, Unterhalt, Stand September 2010, Raum zu lassen. Formal ist der Film ebenfalls sehr unauffällig, auch mit anderen aus demselben Haus verglichen, die  zum Teil deutlich mehr Stilprägnanz hatten. Enkleidet man „Schmale Schultern“ von den vielen persönlichen Momenten, die der ausgewogenen Darstellung der Trennungsproblematik gewidmet sind, zeigt sich Handlung als eher dünn.

Aufgrund der privaten Schiene, die bei Schenk gezeigt wird, ist er präsenter als Ballauf, der ja bekanntlich ein eher rudimentäres Eigenes hat, wenn er sich nicht gerade im Film verliebt und dann doch nicht in die Nähe einsteigen kann. Im Grunde ist das alles hübsch schematisch und lässt keine Weiterentwicklungen zu. Auch Kommissare werden älter, und je älter sie mit bestimmten sozialen Macken werden, desto melancholischer wirken sie. Gerade bei Ballauf hat man in 771 diesen Eindruck. Seine Stimme wirkt sanfter, die Haare grauer, der Bauch ein wenig voluminöser. Ist es besser, die Einsamkeit zu ertragen und sich nicht zu binden, wenn  man sieht, was Bindung alles an Auswüchsen bewirken kann?

Aber da gibt es ja Freddy Schenk, den Kollegen mit der gelungenen Bindung. Und so wird es weitergehen, noch viele Folgen lang, dass die beiden über zwischenmenschliche Werte diskutieren und die eine oder andere Wurst miteinander essen, wenn der Fall gelöst ist und manchmal sogar mittendrin.

IV. Fazit

Ein Köln-Krimi, der jede Hinwendung und Abwendung erlaubt. Man kann als Beziehungsmensch darüber nachdenken, sich nicht für betroffen halten, man kann „Schmale Schultern“ als zu langsam, zu didaktisch empfinden. Man kann auch verschiedener Ansicht über die schauspielerischen Leistungen sein, nur eines gibt es nicht: Das Gefühl, in etwas Großes involviert und dadurch herausgefordert zu sein. Dafür ist alles, was es hier krimimäßig und sozialmäßig zu sehen gibt, zu austariert. Die Stärke des Films ist also auch seine Schwäche, und wie es so ist, wenn sich beides neutralisiert, weil man neutral bleiben will – es kann passieren, dass die Wertung am Ende neutral ist. 7,0/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Dr. Jospeh Roth [Gerichtsmediziner] – Joe Bausch
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Jens Otten – Pierre Besson
Melanie Schenk – Karoline Schuch
Laura Otten [gemeinsame Tochter] – Michelle Barthel
Patrick Cosca [Lauras Freund] – Ben Unterkofler
Claudia Otten [Ex-Frau von Jens Otten] – Nina Petri
Maria Cosca – Sema Meray
Ralf Cosca – Thomas Sarbacher
Sonja Peters – Lina Beckmann
Benjamin Peters – Mateo Wansing Lorriot
Christian „Chris“ Peter Bremer [Melanies Freund] – Gerdy Zint
Tanja Peters – Lilli von Kunhardt   

Regie – Christopher Schnee
Buch – Jürgen Werner, Stephan Wuschansky, Ulrich Brandt 

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