Die goldene Zeit – Tatort 1120 #Crimetime 564 #Tatort #Falke #Grosz #NDR #Bundespolizei #Zeit #golden

Crimetime 564 - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Für irgendjemanden sind die Zeiten immer gut

Nun wissen wir, dass Falke in seiner Jugend als Türsteher auf der Reeperbahn gearbeitet hat. Wir sehen, wie ein alteingesessener deutscher Kiez-Clan mit den Albanern um die Vorherrschaft kämpft, auf verlorenem Posten, wie es scheint. Ein Mann der nun alten Generation gerät an einen Jungen, der als Auftragskiller für 2.000 Euro aus Rumänien eingereist ist. Grosz und Falke entwickeln sich mehr und mehr zum Dreamteam. Wie war das mit den goldenen Zeiten? Dies und mehr steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein Auftragsmord im Rotlicht-Milieu erschüttert den Hamburger Kiez. Während der Ermittlungen trifft Thorsten Falke auf seinen alten Bekannten Lübke und wird mit seiner eigenen St.-Pauli-Vergangenheit und persönlichen Erinnerungen an seine Zeit als jugendlicher Türsteher konfrontiert.

Julia Grosz ist angesichts von Prostitution und modernem Menschenhandel jede nostalgisch Kiez-Verbundenheit fremd. Gemeinsam jagen sie den Auftragsmörder und seine Hintermänner, bevor der schwelende Krieg im Rotlicht-Milieu eskaliert. Dabei entpuppt sich Falkes alter Freund und Mentor Lübke, ein Kiez-Urgestein, mehr und mehr als trickreicher Gegenspieler.

Rezension

In gewisser Weise ist der Film sogar politisch korrekt, denn am Ende stellt sich heraus, nicht die Albaner haben den nunmehr Clanchef Pohl junior ermorden lassen, der seinem dementen Vater als Betreiber des „Love Dome“ nachfolgte. Und wer setzte die Sexarbeiterinnen unter Druck und misshandelte sie? Manchmal ist „Die goldene Zeit“ etwas elegisch, es gibt Leerlauf, Blicke, Gesten, das gönnt man sich, mitten im Kiez der feuchten Träume. Aber es gibt auch Falke und vor allem Grosz, die hier nicht nur schnell spricht, sondern auch schnell schaltet und einen LKA-Beamten, der wie ein Assistent wirkt. Aber wir merken diesen kleinen Rassismus nur am Rande an. Notwendig ist die Figur für die Auflösung absolut nicht. Diese ist vergleichsweise tränenreich und das passt zu einer Sentimentalität, die eher abgeleitet wirkt als zu einer atmosphärisch dichten Darstellung.

Natürlich, man konnte keine Rückblenden machen, in denen Falke 20 und Lübke vielleicht 30 Jahre alt war. Solche CGI ist für deutsche Fernsehfilme einfach zu teuer. Es gibt keinen Sturz in die Tiefe der Zeit, es wird nur behauptet, es war mal anders. Doch juckt’s die Kunden, ob Puffs von Paulianern oder von Albanern regiert werden? Als einziges Bindeglied zwischen dem wohl doch nicht so goldenen Gestern und dem alternden Heute findet sich eine Kneipe, die im Grunde überall in einer größeren Stadt stehen könnte, in der es noch ein paar Nostalgiker des alten Kiezlebens gibt – und dort wird das Meiste von der Musik in der Playlist gespielt. Sehr kurz angespielt, i den meisten Fällen, sehr im Hintergrund. Wir hätten uns da mehr erhofft und vielleicht unbedingt erwartet, dass ausgerechnet „Am Tag, als Conny Cramer starb“ so herausgehoben wird. Denn gerade dieses Lied passt irgendwie nicht zu den Figuren, die 1970, als es entstand, noch nicht im Kiez tätig gewesen sein dürften und die auch nicht wirken, als sei die Junkie-Vergangenheit ihr gemeinsames Ding.

Es geht um die 1990er als historischen Hintergrund der sündigen Meile, und wenn man diese Zeit reeperbahnmäßig verstehen will, sollte man vielleicht die hochkarätig besetzte Sat 1-Serie „Der König von St. Pauli“ anschauen, die 1997/98 produziert wurde und deren Erfolg einen Nachhall in „Die rote Meile“ fand (1999/2000). Dass St. Pauli wieder trendet und mindestens drei Projekte über die Amüsierstätte am Hamburger Hafen in Arbeit sind, haben wir in der Vorschau erwähnt.

Neben dem weiterhin spannenden Verhältnis Falke-Grosz dominiert eine sehr ungewöhnliche und nur in Maßen glaubwürdige Beziehung zwischen dem betagten Samurai Lübke und einem jungen Killer aus Rumänien das Szenario. Die Entwicklung hin zu einer Freundschaft ist schön gespielt, wenn auch für den Jungen schmerzhaft, zumindest wirkt es so. Wenn man etwas auf Distanz geht, merkt man, es handelt sich um eine Reproduktion von „Léon, der Profi“, aber nicht so wild und konsequent, denn „Die goldene Zeit“ ist nun einmal ein deutscher Fernsehkrimi und der Aspekt einer Liebesbeziehung entfällt komplett. Alles basiert auf der Idee, dass der alte weiße Mann in dem Jungen eine Art Wiedergänger entdeckt, dass die Sympathie für ihn stärker wird als die Loyalität zum Sohn des Pohl, den der Junge umgebracht hat – am Ende so stark, dass er nicht den Jungen ins Feuer schicken will, sondern es nochmal selbst versucht – den vermeintlichen Auftraggeber des Mordes selbst zu richten. Auch Selbstjustiz ist schwer in Mode, das passt immerhin.

Für das generationenübergreifende Ding zwischen Lübke und dem Jungen Matei, der tatsächlich von einem rumänischstämmigen Jungdarsteller gespielt wird recht viel Zeit eingesetzt, Fans der Tschiller-Tatorte werden da entweder kribbelig geworden oder vor dem Fernseher dem Einschlafen nahe gewesen sein. Wir fanden es ansprechend, weil es spannend ist, wie diese Sache ausgeht. Dass der Junge im fremden Land nicht die Biege macht, sondern ganz rasch den Graubart als Bezugsperson annimmt, finden wir hingegen auf der psychologischen Seite stimmig, mehr als das Verhalten von Lübke jedenfalls, der ein hohes Risiko eingeht, wo er doch weiß, dass der Junge darauf trainiert wurde, Menschen zu töten.

Dass die Preise für Auftragsmorde nachgegeben haben, ist bekannt, es gibt einfach zu viele, die für eine warme Suppe morden, in diesen Zeiten. Wie dann erst für einen großen Fernseher für Papa, der offenbar in einem Konflikt mit seinem Sohn steht und dieser will ihn mit einem großen Geschenk besänftigen. Die Dialoge mussten sehr präzise gestaltet werden, aber die Glaubwürdigkeit des Verhältnisses Lübke-Matei leidet auch darunter, dass Letzterer viel zu schnell adaptiert. Schon klar, er konzentriert sich ganz auf den überlebenswichtigen Austausch mit seinem Zunächst-Peiniger, er hat eine gute Auffassungsgabe, sein Darsteller vermittelt das – trotzdem ist die Idee, ihm einen räumlich komplizierten Mordplan zu erklären, eine dumme Idee von Lübke. Vielleicht macht er sich auch deshalb nochmal selbst auf die Socken, weil er das eingesehen hat.

Finale

Unser Urteil zum 1120. Tatort kann man als durchwachsen bezeichnen. Der ganz große St.-Pauli-Krimi ist er sicher nicht, aber Falke und Grosz wirken solide, ohne vie Fez und mit nur wenig Privatleben, das unvermittelt gemeinsame Züge trägt, als Grosz bei Falke am Küchentisch sitzt und am Ende noch einmal, als sie mit dem Kollegen und seinem Sohn zusammen auf Erkundungstour geht. Es ist eher eine Art historische Führung, in der die beiden viel über Falkes Vergangenheit erfahren werden, was uns als Zuschauern verwehrt bleibt. Meist bleibt es bei Vignetten, wenn über die Jugend der Ermittler*innen berichtet wird. Ein bisschen liegt das im Trend, wie „Die Pfalz von oben“ vor wenigen Monaten belegte und vor einiger Zeit wurde Franz Leitmayr aus München tatsächlich von einem anderen Schauspieler dargestellt als von Udo Wachtveitl, weil man Leitmayrs Twenties wirklich ins Bild setzte. Es geht also auch ohne computergenerierte Jugendlichkeit, mit der Tiefe der Zeit.

7/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau

„Die goldene Zeit auf St. Pauli – gab es die überhaupt? Oder sind die Erinnerungen verklärt, die der Tatort-Hauptkommissar Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) von seinem früheren Dasein als Türsteher im Hamburger Vergnügungsviertel hat? Sein alter Mentor und väterlicher Freund Lübke, den der Ermittler im Zuge seiner Mordermittlungen auf dem Kiez wiedertrifft, leidet deutlich unter dem Wandel, dem St. Pauli seit Jahrzehnten schon unterworfen ist …“, schreibt die Redaktion von Tatort Fans einleitend zum 7. Film der Bundespolizisten Torsten Falke und Julia Grosz.

Das schoss uns auch sofort durch den Kopf: Gab es dieses „goldene Zeit“ jemals? Vielleicht, wenn man die Reeperbahn mit der Folklore in Verbindung bringt, die sich seit Hans Albers mit ihr verbindet, die aber immer schon etwas Wehmütiges hatte („Große Freiheit Nr. 7“, 1944 oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ (1954)). Bundespolizist Falke kehrt ebenfalls in die Vergangenheit zurück, denn er hat in jungen Jahren mal als Türsteher gearbeitet.

Nachdem zuletzt einige Tatorte Premiere feierten, die in seltenem Einklang bei Publikum und Kritik gut ankamen, liegt die Hürde für eines der besten aktuellen Ermittlerteams nun etwas höher, es geht darum, den guten Start der Reihe ins Jahr 2020 mit Filmen wie „Unklare Lage“ oder „Monster“ fortzuführen.

Die Redaktion von Tatort Fans ist verhalten positiv: Ein Hauch von „Léon, der Profi“, Logiklöcher, gute Weiterentwicklung des Verhältnisses Falke-Grosz.

Im SPIEGEL ergänzt Christian Buß unseren Informationsstand: „Allein drei Serienprojekte über die großen Tage der Reeperbahn sind in der Entwicklung. Am weitesten fortgeschritten ist wohl die Produktion der „Hindafing“-Schöpfer, die den Arbeitstitel „Luden“ trägt und ebenfalls in die Achtzigerjahre zurückschaut. Damals lag das Rotlichtgewerbe noch überwiegend in deutschen Händen“ und vergibt starke 8/10 für „Die goldene Zeit“.

Für mich bleibt zwar nicht diese, dafür viele andere Fragen offen. Da wäre mehr drin gewesen, wenn Falke schon quasi in seinem Wohnzimmer ermittelt. Aber wirklich viel über seine Kiez-Vergangenheit erfahren wir nicht„, befindet hingegen SWR 3 und vergibt nur zwei von fünf Elchen. Einiges weist wohl doch darauf hin, dass man der Stimmung und den Figuren Vorrang eingeräumt hat vor der Stringenz der Handlung – kein gerade neues Phänomen.

Ob da die alten Zeiten und die Luden-„Ehre“ nicht arg nostalgisch verklärt werden, sei mal dahingestellt, aber aus dem Spannungsfeld von Vergangenheit und Gegenwart wird in diesem Kiez-Krimi weitgehend überzeugend Kapital geschlagen.“ (…) Aber: „Die Huren von heute – alles freie, selbstbestimmte Sex-Arbeiterinnen?“, fragt sich Thomas Gehring in Tittelbach-TV. Das müssten wir Menschen fragen, die sich politisch mit der Sexarbeit befassen, die gibt es in unserem Umfeld und wir wohnen nur ca. 2 Kilometer von der Berliner Kurfürstenstraße entfernt. Gerade in einer Zeit starker, strikt hierarchisch aufgebauter Unterweltstrukturen dürfte man die Frage aber auch ohne Tiefenkenntnisse des Milieus verneinen können.

Filmstarts.de zieht folgendes Fazit: „Spannender und routiniert in Szene gesetzter Kiezkrimi, dessen etwas kitschig geratene Geschichte über weite Strecken in geordneten Bahnen verläuft.“

Soweit unsere kleine Vorab-Kritiken-Übersicht, am Sonntagabend wissen wir mehr und in den Tagen darauf wird unsere Rezension zum 1120. Tatort erscheinen. Apropos Verklärung und Nostalgie: Viel Musik mit hohem Nostalgiefaktor gibt es offenbar in diesem Film auch, gemischt mit neueren Werken.

Playlist, Besetzung und Stab 

Rolling Stones – „Sympathy for the Devil”
Daddy Yankee – „Gasolina”
J. Balvin – „Mi Gente”
Luis Fonsi – „Despacito”
J. Balvin, Nicky Jam – „X”
Kim Carnes – „Bette Davis Eyes”
Erasure – „Always”
RAF Camora, Bonez MC – „An ihnen vorbei“
Kalim – „Sig Sauer“
Kalim – „Kopfkrieg“
Morten Harket „Can’t Take My Eyes Off You”
Juliane Werding – „Am Tag, als Conny Kramer starb“

Hauptkommissar Thorsten Falke – Wotan Wilke Möhring
Oberkommissarin Julia Grosz – Franziska Weisz
Ermittler Thomas Okonjo – Jonathan Kwesi Aikins
„Kiez-Baron“ Egon Pohl – Christian Redl
sein Sohn Johannes Pohl – Till Butterbach
seine Tochter Carolin Sehling – Deborah Kaufmann
Michael Lübke – Michael Thomas
der Junge Matei Dimescu – Bogdan Iancu
Ex-Prostituierte und Kneipenbesitzerin Katharina Vanas – Jessica Kosmalla
Roman Kainz, Leiter im „LoveDome“ – Roland Bonjour
Voica Barbu, Neuling im „LoveDome” – Emma Drogunova
Prostituierte – Nadine Isabelle Albers
Krenar Zekaj, Boss der Albaner – Slavko Popadic
Torben Falke, Sohn des Kommissars – Levin Liam
Hostelangestellte Carla Klier – Gisa Flake
Psychologin – Odine Johne
Kiez-Bewohner – Tom Wald
u.a.

Drehbuch – Georg Lippert
Regie – Mia Spengler
Kamera – Moritz Schultheiß
Szenenbild – Dorle Bahlburg
Schnitt – Linda Bosch
Ton – Matthias Wolf
Kostümbild – Tina Eckhoff
Musik – Marc Fragstein

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