Franziska – Tatort 895 #Crimtime 568 #Tatort #Koeln #Köln #Ballauf #Schenk #WDR #Franziska

Crimetime 568 - Titelfoto ©  WDR, Martin Valentin Menke

Franziska Farewell

Die Handlung in einem Stz, ohne Auflösung: Franziska Lüttgenjohann, Max‘ und Freddys getreute Assistentin, engagiert sich ehrenamtlich als Bewährungshelferin und betritt just zu dem Zeitpunkt die JVA, um mit einem Häftling zu sprechen, den sie nach seiner anstehenden Entlassung betreuen soll, als ein Mord an einem anderen Häftling geschieht – verdächtig ist der Mann, mit dem Franziska gerade spricht und es gelingt ihm, sie als Geisel zu nehmen; ein SEK, Ballauf und Schenk und Staatsanwalt von Prinz arbeiten fieberhaft an einer Auflösung der bedrohlichen Situation.

Die patente Assistentin Franziska Lüttgenjohann (Tesse Mittelstaedt) ist erwachsen geworden. So erwachsen, dass sie z. B. mit einer Hauptrolle in „Heiter bis tödlich“ nun den Kinderschuhen entwachsen ist und in ihrem letztzen Auftritt im Kölner Tatort auch entführt werden darf, was bekanntlich ein Ritterschlag für renommierte Ermittler ist. Manchen passiert das so oft, dass es der Franzsiska immerhin einmal passieren darf. Allerdings endet dergleichen für Assistenten zumeist tödlich. Das unterscheidet sie dann doch von ihren Chefs.

Dass der Film nicht, wie üblich, um 20:15 Uhr, sondern erst um 22:00 Uhr ausgestrahlt wird, hat Kritik aus erster Hand erfahren: von Klaus J. Behrendt, der dies als eine zu große Bevormundung empfindet. Wir finden es aber nach dem Anschauen richtig, dass er mit dem Warnhinweis „ab 16“ und zu dem späten Zeitpunkt gesendet wurde. Vielleicht ist die Quote dadurch nicht optimal gewesen, aber wir haben das Gefühl, „Franziska“ wird noch oft wiederholt werden – zu später Stunde, versteht sich. Insofern revidieren wir unsere Meinung, die wir in der Vorschau geäußert haben. Es gibt brutalere Filme, aber die Strangulationszenen am lebenden Objekt sind auf ihre Art das Maximum dessen an sehr detaillierter Gewalt in einem einzelnen Fall, was wir bisher in einem Tatort gesehen haben.

Obgleich heute Abend auch die „Premiere“ von „Der Eskimo“ mit dem sehr geschätzten Frankfurter Kommissar Steir stattfand (um 20:15 Uhr), ziehen wir „Franziska“ vor, denn wir können unmöglich heute noch die Rezension für beide Tatorte schreiben. Und wir geben es zu – während des Frankfurt-Krimis haben wir kurz die Konzentration verloren und angesichts des komplexen Plots müssen wir ihn morgen noch einmal anschauen. Das ist uns bei „Franziska“ trotz späterer Stunde nicht passiert. Warum nicht, erklärt die -> Rezension.

Handlung

Franziska wurde als Geisel genommen: Diese Nachricht trifft Ballauf und Schenk mitten ins Mark. Sie müssen nicht nur den Mord an einem Häftling in der JVA Köln aufklären, sondern auch dringend ihrer Kollegin helfen. Neben ihrem Job bei der Mordkommission engagiert sich Franziska als ehrenamtliche Bewährungshelferin. Und ausgerechnet der ihr zugeordnete Häftling Daniel Kehl bedroht sie jetzt im Besucherraum des Gefängnisses mit einem Messer.

Nach zehn Jahren Haft steht er eigentlich kurz vor seiner Entlassung. Doch er ist dringend tatverdächtig, gerade seinen Zellennachbarn Sergej Rowitsch ermordet zu haben. Kehl beteuert seine Unschuld. Doch sein Mithäftling Niklas Berg bezeugt, ihn quasi auf frischer Tat ertappt zu haben. Ist eine Verschwörung gegen Kehl im Gange?

Rezension

Das hätten wir nicht gedacht und wir geben zu, es hat uns erschüttert, wie Franziska sterben musste. Max und Freddy haben alles richtig gemacht, ja mehr als das. Sie haben in einer unvorstellbaren Geschwindigkeit ermittelt, um ihre geliebte Mitarbeiterin zu retten, unterstüzt von einer ebenso temporeichen Aktion in der Gerichetsmedizin und es ist Dr. Roth, der die entscheidenden Teile zum Puzzle liefert. Aber es ist zu spät. Um Sekunden zu spät. Es ist sogar unabwendbar.

Warum allerdings dann diese Schlussszene mit dem Ausräumen ihres Schreibtischs, erschließt sich uns nicht. Um die Emotionen wieder zu dämpfen? Um klarzumachen, dass es in Köln immer und immer weiter routinemäßig weitergeht, mag kommen und gehen und kommen und sterben, wer will? Manchmal passen die buddymäßigen Schlussbilder der beiden gealterten Kölner Kumpels prima, dieses Mal empfindet man sie beinahe als Sakrileg an einem der packendensten Thriller, die je im Tatortformat gedreht wurden.

Wir können es hier schon preisgeben – unsere Wertung wird hoch ausfallen. Gerade deshalb konzentrieren wir uns nun auf die Mängel in einem insgesamt sehr guten Tatort. Vor allem die Szenen zwischen Daniel Kehl und Franziska Lüttgenjohann während der Zeit der Geiselnahme wirken zu akademisch dialogisiert. Da sind zu viele typische Allgemeinplätze drin und vor allem provoziert Franziska im Grunde diesen gefährlichen Typ und wirkt mit diesem doch etwas übergroßen, der Klarheit und Ehrlichkeit geschuldeten Impetus, der vor allem aber sehr mutig wirkt, ein wenig überzogen. Dass Kehl konsistenter wirkt, liegt auch an Hinnerk Schönemann, der diese psychischen Verrutscher und Beinahe-Ausbrüche und dann den endgültigen Ausbruch, der aber auf eine Aktion seitens Franziskas hin stattfindet, sehr gut spielt. Man weiß bis zum Schluss nicht, wen man wirklich vor sich hat.

Aber es ist traurigerweise ein Serienmörder, wir wir dann erfahren. Wie es zu dieser Erkenntnis kommen konnte, ist nicht übel konstruiert, man hatte die beiden Altleichen ja schon wieder vergessen, die im Beton eingemauert wurde, weil man sie für Beiwerk hielt, das nichts mit dem Hauptfall zu tun hat. Das Ganze wirkt dadurch ein wenig herbeizitiert, weil der Zeitzusammenhang, in dem dies alles geschieht, in einem von mehreren tausen Fällen so günstig gestaltet sein dürfte, dass ein Serientäter darauf seinen Selbstbefreiungsplan aufbauen kann. Außerdem wirkt sein von Ballauf blitzschnell erkanntes Motiv auch ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Rein logisch betrachtet gibt es aber keine entscheidenden Schnitzer. Es kann alles in etwa so sein, wie wir es sehen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit gering ist.

Gefängnisthriller sind immer sehr eigenartig, es gibt deren viele und es ist auch nicht der erste aus Köln. Das Milieu dort wird teilweise mehr referiert als erzählt (welche Verbrechen haben einen hohen oder niedrigen Stellenwert in der Knast-Hierarchie) und da geht dann außerdem die Logik doch etwas flöten: Einer hat sein Kind, wie er behauptet, versehentlich umgebracht und steht daher ganz unten in der Hackordnung. Aber ein Vergwaltiger und Frauenmörder ist wesentlich besser angesehen? Vielleicht etwas besser, aber nicht wesentlich. Nicht in eindeutiger Stufung, denn es kommt ja auch auf die Person und Persönlichkeit des jeweiligen Täters an, wie er sich in der Hierarchie einfindet.

Nachruf auf Franziska

Sie negann 1999 beim Kölner Tatort (damals noch – einmalig – unter dem Rollennamen Anja) als Vertreterin von Lissy Pütz (Anna Loos) an und hat die Kölner seitdem in 43 ihrer nun 56 Tatorte begleitet. Ihren festen Platz im Team bekam sie in „Die Frau im Zug“ (2000). Diese hohe Zahl an Filmen ist eine Hausnummer, sie kommt damit unter die Top 10 aller Ermittler und ihrer Teams. Ausführlich dazu äußert sich DAS ERSTE auf dieser Seite.

Wir nehmen also Abschied von der Frau, die so viel Zuspruch von den Fans der Serie bekam und die es häufig bedauerten, dass sie nicht mehr Spielzeit bekam. Nur ihre meist hoffnungslos naiven Ansätze zur Entwicklung eines normalen Privatlebens, wie etwa Freddy Schenk eines hat, Ballauf aber niemals eines haben wird, die wurden kritisch beäugt, weil es diejenigen, die Franzi schätzen, hingegen nicht mochten, wenn diese immer wieder den falschen Typen hinterrannte. In der Mehrzahl der Fälle gab es diesen Aspekt allerdings nicht – vielmehr blieb sie ganz dienstlich und immer hilfreich, auch wenn sie sich ab und zu gegen die unmäßigen Überstunden auf der wohl am meisten übernächtigten aller Tatort-Dienststellen zur Wehr setzte.

Ihr Hang zur Idealisierung von Männern aber führt in ihrem Abschiedstatort zu einem wirklich bitteren Ende. Auch hier will sie wieder das Gute in einem Typ sehen, der als Frauenmörder generell keine Frau als Bewährungshelferin sein sollte. Insofern finden wir auch die „Zuteilung“ fragwürdig, von der Franziska an einer Stelle dem Mann gegenüber spricht.

Mit Franziska geht ein Teil der Vertrautheit und des Vertrauens in die Polizeiwelt als einem Hort des Menschlichen, welchen das patente Mädel mitgestaltet hat. Die Kölner Dienststelle war so heimelig wie kaum eine sonst im Tatortland, das lag auch an ihr. Allerdings: Mit einer neuen Assistenten-Figur könnte  neuer Schwung reinkommen in eine Tatortschiene, die sich ein wenig in Manierismen und Routine festgefahren ha (siehe unsere Vorschau, u. a. Ballauf & Schenk-Kurve).

Finale

Ob man des den Kölnern hoch anrechnen soll, dass sie sich wieder einmal richtig gezeigt haben oder sie dafür schelten soll, dass sie eine beliebte Figur so brutal verabschiedet haben, ist Ansichtssache. Wir tun weder das eine noch das andere, sondern bewerten den Film rein faktisch und natürlich auch von der emotionalen Seite. Man hätte einiges noch ein wenig besser machen können, noch dichter und in gewisser Weise literarisch verdichtet, aber gerade den Rheinländern fällt es ersichtlich schwer, knallharte Präzision auf den Bildschirm zu bringen. Wäre dieselbe Handlung in Kiel verfilmt worden, hätte sie ein höheres dialogtechnisches und atmosphärisches Momentum gehabt.

Aber emotional und spannungsmäßig hat alles gestimmt. Wir sind mitgegangen und als es aus war und die Vergeblichkeit aller Anstrengungen und Hoffnungen so deutlich wurde wie in kaum einem anderen Tatort, den wir bisher rezensiert haben, waren wir ganz und gar gefangen in diesem Film. Leider, wir müssen es auch hier noch einmal schreiben, mindert man die Dramatik durch eine Schlussszene, die wohl einen elegischen Tenor haben sollte, aber eher aufgesetzt oder angeklebt wirkt. Das ist auch wieder typisch Köln neuerer Prägung – immer eine Spur zu hinweisend, anstatt dem Zuschauer Raum für seine Fantasie und alle Freiheit zum Nachdenken zu lassen.

Keine Frage, dass „Franziska“ ein guter Tatort ist, aber wir zücken nicht schon wieder die 9, wie kürzlich bei „Borowski und der Engel“, sondern landen bei sehr guten 8,5/10.

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke  

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Franziska Lüttgenjohann – Tessa Mittelstaedt
Staatsanwalt Wolfgang von Prinz – Christian Tasche
Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Katharina Streiter – Birge Schade
Daniel Kehl – Hinnerk Schönemann
Sergej Rowitsch – Dimitri Bilov

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Dror Zahavi
Kamera – Gero Steffen
Schnitt – Fritz Busse

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