Das Treibhaus – Polizeiruf 110 Fall 149 #Crimetime 569 #Polizeiruf110 #Beck #Treibhaus

Crimetime 569 - Titelfoto © DFF / ARD, Wolfgang Ebert

Scheiben einschlagen als letztes Ausdrucksmittel

Wiederholen sie beim Polizeiruf jene mörderisch witzigen Filme mit den Gartenpavillons, in deren Fundamenten Leichen einbetoniert sind? Es gibt davon eine amerikanische und eine französische Filmversion, beide beruhen auf demselben Stück, The Gazebo. Aber „Das Treibhaus“ ist keine Krimikomödie, wenngleich die Abwandlung, die darin zu sehen ist, der Komik nicht entbehrt. Es ist aber auch ein recht seltsamer Film. Warum, das haben wir in der -> Rezension aufgeschrieben.

Handlung (Wikipedia)

Wie seit einigen Jahren fährt Barbesitzerin Elke Mutosch mal wieder allein in den Urlaub nach Oberwiesenthal. Ihr Mann Hans Mutosch ist Architekt und steht gerade kurz vor der Vollendung des Treibhauses auf dem Grundstück der Familie, in dem die zukünftige Biologiestudentin Heike Mutosch lernen und forschen kann. Heike stammt aus Elkes früherer Beziehung; Hans ist geschieden und hat zwei Söhne, die jedoch bei seiner Ex-Frau leben.

Hans erwartet am Abend der Abreise Elkes gerade eine Ladung Schnellbeton für den Boden des Treibhauses, weswegen er Elke mit seinem Wagen allein zum Bahnhof fahren lässt. Am nächsten Tag will er den Wagen am Bahnhof abholen, als dieser gerade abtransportiert wird: Er stand im Halteverbot. Elke kommt nach einer Woche nicht aus dem Urlaub zurück und bleibt auch Tage später verschwunden. Vater und Tochter sind zunächst wenig besorgt, da dieses Verhalten für Elke nicht untypisch ist. Nach einigen Tagen beginnen sie dennoch mit Nachforschungen. Elke hatte zwar in dem Hotel in Oberwiesenthal ein Doppelzimmer bestellt, ist jedoch nie im Ort angekommen. Dies ist umso verwunderlicher, als eine Fahrkartenverkäuferin Elke auf einem Foto erkennt. Elke hat bei ihr am Abreisetag Tickets gekauft, ist aber nie abgefahren. Dies kann Schwimmlehrer Hartmann bestätigen, der mit Elke eine Affäre hatte. Beide wollten heimlich gemeinsam in den Urlaub fahren und sich am Bahnhof treffen. Elke erschien jedoch nicht, auch wenn Hartmann ihr Auto vor dem Bahnhof im Parkverbot sah. Er betrank sich in einer Bar und die dortigen Kellner können sein Alibi bestätigen.

Bald geraten Hans und Heike ins Visier von Ermittler Hauptkommissar Günter Beck. Eine Mitarbeiterin Elkes, Bardame Karin, deutet an, dass das Verhältnis von Vater und Stieftochter sehr eng ist und in ihren Augen die Grenzen der Vater-Tochter-Beziehung überschreitet. Günter Beck erfährt zudem, dass Hans die Anlieferung des Schnellbetons einige Tage vor Elkes Abfahrt genau auf jenen Abend legen ließ und dann die Nacht durcharbeitete. Leichenspürhunde schlagen jedoch weder im Umkreis des Hauses noch im Treibhaus an, können aber auch nicht durch Beton riechen. Günter Beck setzt bei seinem Chef durch, dass der Boden des Treibhauses aufgehackt wird. Eine Leiche findet sich dort trotz intensiver Suche nicht. Günter Beck bleibt dennoch hartnäckig. Von Karin weiß er, dass die Beziehung zwischen Heike und ihrer Mutter gespannt war. Heike berichtet ihm in der Disko, dass sie sich kurz vor der Abreise mit ihrer Mutter ihm Treibhaus gestritten habe. Die Ticketverkäuferin meldet später, dass die von ihr für Elke gehaltene Frau wieder mit dem Zug gefahren ist – es handelte sich nur um eine Elke ähnliche Person.

Als Günter Beck nun erneut bei der Familie auftaucht, steht Hans mit gepackten Koffern da und folgt ihm bereitwillig auf die Wache. Er kann dem Druck nicht mehr standhalten und zeigt den Ermittlern den Weg zu Elkes Leiche. Zwischen Elke und Heike war es an dem Abend zum Streit gekommen. Elke hatte Heike geohrfeigt und Heike sie auf die Betonrüttelmaschine gestoßen. Elke blieb reglos liegen. Hans schaffte die Leiche in den Wald und verscharrte sie, auch um Heike zu schützen. Erst jetzt erfährt er, dass Elke zu diesem Zeitpunkt nur bewusstlos war. Erdpartikel in ihrer Luftröhre machen deutlich, dass sie bei lebendigem Leib begraben wurde und erstickt ist. Hans reagiert hysterisch und bricht anschließend fassungslos zusammen. Heike beginnt unterdessen, das Treibhaus zu zerschlagen.

Rezension

„Die Kritik schrieb rückblickend, dass Vater und Tochter im Film eine „verdeckte und nicht ausgelebte Inzestbeziehung“ verbinde. Vater und Tochter würden sich den Film über wiederholt gegenseitig versichern, dass die Mutter zurückkäme, obwohl beiden bewusst ist, dass die Frau tot ist. „Am Ende dreht Mutosch durch und erleidet einen ‚wahnsinnigen‘ hysterischen Lachanfall – auch der Zuschauer hatte Grund, angesichts dieser Geschichte ohne jede Logik an seinem Verstand zu zweifeln.“[3] So kann man es in der Wikipedia nachlesen.

Ja, natürlich kann man das so sehen. Aber in dem zitierten Ausschnitt sind auch Unschärfen festzustellen. Zum Beispiel ist Hans gar nicht Heikes Vater. Insofern liegt kein Inzest vor, wenn die beiden ein neurotisch-erotisches Verhältnis zueinander haben. Er ist zwar der Stiefvater, aber sie könnten, ohne illegal zu handeln, auch ein Liebespaar sein. Volljährig dürfte sie ebenfalls sein, alles kein Problem. Ein bisschen Lolita ist immer, könnte man sagen, aber so lolitahaft wirkt Heike gar nicht – und gerade das macht es interessant.

Dass man Menschen zeigt, die nicht komplett unattraktiv sind, aber auch nicht ohne vorrangig erotische Assoziationen wecken. Erst aus der von Thomas Jacob gut gefilmten flirrenden Anziehung zwischen Stiefvater und Tochter entsteht eine Atmosphäre, die durchaus stimmig wirkt. Immer unter der Voraussetzung der filmischen Verdichtung. Dass jahrelang nichts passiert ist und jetzt alles so hochkocht, wirkt immer ein wenig aufgesetzt, ist aber nun einmal unumgänglich, um den kleinen gezeigten Zeitausschnitt zur Klimax einer längerfristigen Entwicklung werden zu lassen. Warum passiert etwas, das lange in der Luft lag, genau zu diesem oder jenem Zeitpunkt?

Vielleicht war es auch erst durch das Treibhaus möglich. Das Treibhaus ist das Symbol für die künstliche, überhitzte Beziehung von Stiefvater und Tochter und wenn die Mutter da reingeht, kann sie es nicht überleben. Aber wieso fahren beide, obwohl sie es gewusst haben, dass Elke tot war – nach Oberwiesenthal, um sie zu suchen? Wegen der Polizei, um einen suchenden Eindruck zu machen? Oder muss man psychologisch sehr um die Ecke denken? Oder ist es wirklich kompletter Quark? Vielleicht ein bisschen von allem, aber dann natürlich nicht eins davon vollständig oder komplett. Am interessantesten finden wir die psychologische Deutung: Durch die Suche manifestiert sich die Sehnsucht beider nach einer Bestätigung und vielleicht auch einer Aussprache. Hätte es diese gegeben, wäre allerdings der Plot nicht haltbar gewesen. Dieser basiert darauf, dass der Zuschauer nicht weiß, was passiert ist und Hans und Heike so tun, als wüssten sie es auch nicht. Aber sie wissen mehr, das merkt man mit der Zeit schon deutlich. Ein seltsamer Film. Aber je mehr wir darüber nachdenken, desto weniger würden wir sagen, er ist einfach schlecht.

Klar, der verdächtige Schwimmmeister, die Frau mit Hut, die gekaufte Fahrkarte, da passt hinten und vorne nicht viel, denn so ähnlich sieht Heike ihrer Mutter nicht, dass man die beiden hätte ohne Weiteres verwechseln können. Schon gar nicht aus der Nähe, als Fahrkartenverkäuferin. Und wie ist Heike zurückgekommen, die Familie hat doch nur ein Auto. Mit dem Taxi?

Kommissar Beck hat’s also nicht leicht, aber sein Spiel ist einer der großen Pluspunkte des Films. So ein Knochen, ein Besessener, der alles dransetzt, den Treibhausboden aufstemmen lassen zu dürfen – und dann wird ihm die Leiche doch einfach präsentiert, an anderer Stelle, weil der Täter dem Druck nicht mehr standhält. Das nehmen wir ihm schon ab, vielleicht sogar, dass er nicht bemerkt, dass Elke tot ist. Er hat es sich ja gewünscht, da schaut man nicht mehr so genau nach. Das versteht Beck nicht, dazu ist er zu traditionell.

Es ist selten in Krimis, dass ein Gebäude zum Zentrum des Befindens gemacht wird. Selbstverständlich symbolisieren die gebauten Umgebungen auch den sozialen Raum, aber dass ein Gebäude erstellt und dann wieder zerstört wird, ist ungewöhnlich. Man kann das banalisieren oder, kaum anders, auf eine psychologische Ebene heben. Heike wird ja wohl nicht straffrei davonkommen, was soll also noch das Gewächshaus? Aber das Einschlagen der Scheiben steht natürlich auch für die Zerstörung der Beziehung, der es zu verdanken war, vielleicht auch der Einkapselung, in der die Familie, Stiefvater und Tochter, gelebt haben, die Frau hingegen nicht, die sich nach außen gewendet hat. Es ist sicher wieder von allem etwas.

Finale

„Das Treibhaus“ hat interessanterweise wieder den letzten DDR-Vorspann, während die zuvor gesendeten Filme schon eine motivisch noch angelehnte, aber schon auf Nachwende-Verhältnisse zugeschnittene Optik aufwiesen. Grotesk wirkt der Rücksturz vor allem, weil keiner der im Vorspann gezeigten traditionellen DDR-Ermittler in „Das Treibhaus“ mitwirkt. Gab es wegen der modernisierten Version Zuschauerproteste im Osten? Anders ist die Verwendung der alten und veralteten Vorspannversion kaum zu erklären – und wenn das schon 1991 der Fall war, was sagt es über die Zuschauer*innen aus? Der Mensch als reales Wesen ist ebenso diffus und komplex wie die Filmfiguren, die ihm nachgebildet werden, wenn man sie nicht rigoros im literarischen Sinn reduziert und typisiert. In „Das Treibhaus“ hat man sehr auf dieses Diffuse gesetzt und in der Tat die Handlungslogik abgeschossen, das kann man nur heilen, indem man sie auf eine ganz hintergründige Weise herbeiinterpretiert. Ob man das tun sollte? Wir haben es mal mitgedacht.

Politisch ist der Film auf den ersten Blick ganz neutral, Kommissar Beck hat ja seine Krise und seine Reinwaschung schon in „Das Duell“ vollzogen, bei anderen Ermittlern, deren Darsteller viel mehr Grund gehabt hätten, sich auch persönliche Fragen zu stellen, wurde die Verstrickung der Polizei in DDR-Unrecht gar nicht erst thematisiert. Der kantige Kommissar Beck hat stellvertretend für die anderen eine politische Auseinandersetzung mit sich selbst geführt. Jetzt ist er nur noch auf die Ermittlungsarbeit konzentriert, die er mit einer ungewöhnlich deutlich sichtbaren Verbissenheit durchführt. Das ist im französischen Kino zum Beispiel ziemlich populär, Ermittler auch als Getriebene darzustellen, in Deutschland eher nicht, aus naheliegenden Gründen. Hier wird eher mal über den schwierigen Job genölt als über die Kröten, die man schlucken oder jagen muss.

Es wird nun nicht überraschen, dass wir die Bewertung des Films als schwierig empfinden. Aber ist es nicht so, dass das Interessante daran, wie zum Beispiel die kundige Inszenierung der Charaktere, die Regisseur Jacob wieder einmal zeigt (wir haben gerade seinen ersten Polizeiruf „Die Rechnung ging nicht auf“ rezensiert), unter den vielen Drehbuchpannen leidet und man das Ganze hätte so aufziehen müssen, dass nicht ganz so viele Interpretationsschleifen notwendig sind, um die offensichtlichen Plotschwächen zu kitten? Wir meinen, das wäre möglich gewesen.

6,5/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Thomas Jacob
Drehbuch Gabriele Kotte, Wolfgang Müller 
Produktion Uwe Kraft 
Musik Arnold Fritzsch
Kamera Peter Krause
Schnitt Brigitte Krex
 
Günter Naumann: Hauptkommissar Günter Beck
Anna-Katharina Muck: Heike Mutosch
Gerd Preusche: Hans Mutosch
Monika Hildebrand: Elke Mutosch
Gerald Schaale: Kommissar König
Werner Tietze: Kriminalrat Böhme
Harry Merkel: Nachbar
Waltraut Kramm: Nachbarin
Ralf Lindermann: Schwimmlehrer Hartmann
Rita Feldmeier: Karin
Klaus Gehrke: Verkehrspolizist
Brigitte Lindenberg: Frau Burmeister
Theresia Wider: Fahrkartenverkäuferin
Ursula Genhorn: Sachbearbeiterin im Betonwerk
Karin Beewen: Schwimmerin
Manfred Müller: 1. Hundeführer
Knut Schultheiß: 2. Hundeführer
Swetlana Skorochodowa: Double Elke
Holger Richter: Arbeiter im Betonwerk
Veronika Schikowski: Hartmanns Freundin
Klaus Hecke: Gerichtsmediziner
Stefan Klebig: Junge in der Disko
Thomas Jacob: Conferencier Herr Dy
Rita Haban: Stripperin Lady Dy 

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