„Klartext for Future“ – Jutta Ditfurth in DIE ZEIT, Kommentar #FFF #ClimateChange #Socialism

Am 5. Februar hat Jutta Ditfurth einen Gastbeitrag in DIE ZEIT geschrieben, über den wir hier ein wenig nachdenken wollen. Auf den Artikel sind wir gestoßen, weil sie nach „Thüringen“ auf Twitter über Faschismus geschrieben hat, das war der Ausgangspunkt dafür, nachzuschauen, was sie sonst in letzter Zeit geäußert hat. „Klartext for Future“ nennt sich der Text und an den Titel schließt sich diese Aussage an:

Die Klimabewegung fordert immer wieder „radikale“ Maßnahmen. Was soll das heißen? Macht euch doch ehrlich: Mit dem Kapitalismus wird es nicht gehen – nur gegen ihn.

Die schwierigen Zeiten bringen vielfältige Testimonials hervor und eine grüne Partei, die sich nicht mehr an Jutta Ditfurth als einer der wichtigsten Persönlichkeiten ihrer ersten Jahre erinnern möchten, wie die Auslassung ihrer Verdienste anlässlich des vierzigjährigen Bestehens der Partei nahelegt. Das ist schade.

Wir mochten sie ja auch nicht. Als Person. Doch das Erbe der grünen „Fundis“ ist heute wichtiger denn je, weil die dominierenden Realos keine kohärente Transformationsstrategie erkennen lassen – und wenn sie, die Fundis, die heute Kleinparteien führen, etwas zum Stand der Dinge sagen, hören wir angesichts des Drucks von Rechts und angesichts der dringend notwendigen Umsteuerung im wirtschaftlichen Bereich hin und oder lesen nach.

Wir treffen dabei – zum Glück – nicht auf vollkommen Neues, sondern auf Ansichten, die mit jenen, die wir in den letzten Jahren aus Einsicht entwickelt haben, im Wesentlichen übereinstimmen.

Was anderes sollte der Sinn des Lebens sein, außer dafür zu kämpfen, dass alle Menschen frei sind? Wirkliche Freiheit aber existiert nur auf Basis sozialer Gleichheit. 

Wer, antworten wir wiederum, würde sich als sozial denkender Mensch dieser Maxime nicht anschließen wollen, immer im Hinterkopf behaltend, dass es die absolute Gleichheit nie geben wird, weil die Eintrittsvoraussetzungen in die Welt nie vollkommen anzugleichen sein werden. Man muss sie aber auch nicht so vorselektierend gestalten, wie es derzeit absichtlich getan wird, um Privilegien vererben zu können. Wir lesen gerade nebenbei eine der üblichen lächerlichen Konversationen zu Leistung und Besitz mit, die wir fast täglich sehen, weil wir auf Twitter in Threads zu Immobilienfragen verortet sind. Die Eingebildetheit ist vor allem auf der Seite der Schein- und Kleinkapitalisten enorm.

Die Großen machen selten mit, es wird schon zu viel Staub aufgewirbelt.

Immer mehr Menschen, gerade die junge Menschen von Fridays for Future, merken, dass der schonungslose Verbrauch von Natur immer mehr Menschen noch ungleicher und damit unfreier macht. Bloß ist die Kritik am Kapitalismus, sofern sie überhaupt aufscheint, bisher eher rituell statt durchdacht.

Dass die 15- oder 16jährigen Schüler*innen, die mit FFF auf die Straße gehen, keine Philosoph*innen sind wie Herbert Marcuse sind und keine Soziolog*innen wie Jutta Ditfurth, sollte man ihnen nicht vorhalten, zumal bei den Elternhäusern heutzutage – wo soll’s herkommen, das Forschen nach der gesellschaftlichen Utopie? Selbst in meiner Generation, 1/2 nach Ditfurth, waren die politisch Oberschlauen eine kleine Minderheit, die anderen sahen die Dinge „eher rituell“, auch von links. Die allgemeine Politisierung war stärker als heute, die Grünen machten sich gerade auf den Weg in die Parlamente, ein Helmut wurde von einem anderen abgelöst. Aber es war die Generation, die damals noch politisch sein wollte, die es dann versäumte, der nächsten ein etwas über den Tellerrand hinausgehendes Bewusstsein zu vermitteln.

Also alles wieder auf Anfang und Grundsätzliches schreiben. Kommentatoren des Artikels haben sich dabei an diesem Satz gestört:

Deshalb kann es soziale Gleichheit und Rettung der Natur nur unter der Voraussetzung der Aufhebung des Privateigentums an industriellen Produktionsmitteln geben und ihrer Vergesellschaftung.

Es ist klar, dass somit solidarische(re) Wirtschaftsformen wie die Gemeinwohlökonomie nicht als zielführend gelten und eher Teile eines systemerhaltenden Green New Deals sind als des anzustrebenden Ökosozialismus. Wir hatten die Gelegenheit, uns damit etwas mehr zu befassen und sehen es grundsätzlich und strategisch ähnlich, und doch: Es ist um einiges besser als das, was wir aktuell haben, zumal es eine vergleichsweise ganzheitliche Art von Begrünung des Kapitalismus darstellt, die auch soziale Aspekte berücksichtigt.

Commons-Projekte verändern die gesellschaftliche Realität nicht, schreibt Ditfurth im Anschluss, auch das stimmt natürlich erst einmal. Ob sie das bei stärkerer Verbreitung nicht täten und ob sie so einfach zu verbieten wären, sollte allerdings gesondert diskutiert werden. Wir sehen das Problem mangelnder Bereitschaft, weil sie auch zur Prekarisierung beitragen, zum Beispiel, wenn es um Schutzrechte für die Ersteller*innen von Inhalten geht und weil es sich negativ auf die Kreativität von Menschen auswirkt, wenn sie nicht mehr monetarisierbar ist oder zum Ausgleich eine Form von Anerkennung bringt, die sich durch ein Mehr an Freiheit in der Lebensgestaltung des Schöpfers äußert oder die ihm wenigstens emotional etwas bringt. Das ist ein schwieriges Kapitel, aber zwangsläufig kommt Ditfurth zu den Genossenschaften:

Genossenschaftliche Organisationen können zwar als Notwehrmaßnahmen sinnvoll sein, systemverändernd oder wenigstens emanzipatorisch sind auch sie nicht. Sie können das Leben von Gruppen verbessern, das legitimiert sie. Oft genug in der Geschichte aber haben Genossenschaften den Kapitalismus bereichert, anstatt seine Raubzüge wenigstens zu stören.

Was im System funktioniert, hilft dem System. Gerade haben wir viel über eine Genossenschaft geschrieben, die tatsächlich als Notwehr-Abwehrmaßnahme gegen die kapitalistische Verwertungsmaschinerie gegründet wurde und viel Ärger auf sich zog. Diejenigen, die Kapitalismus-Propaganda betreiben, haben mit unglaublicher Giftigkeit darüber hergezogen. Da haben uns nur die Schärfe, die ideologische Rechtslastigkeit und der libertäre Touch anfangs gewundert, bis wir gemerkt haben, worum es wirklich geht: Kein Zollbreit für kooperative Ansätze! Die maximale Verwertbarkeit durch den Kapitalismus hat gewährleistet zu sein.

Wir haben auch gespürt, wie gefährdet solche kleinen Projekte sind, wenn ein Mob sich gegen sie richtet, der Freiheit nur als Freiheit, andere ausbeuten zu dürfen, versteht.

Mehr inhaltlich beschäftigt haben uns – und tun es immer noch – die Kritikpunkte von links, die ähnlich ausgerichtet sind wie die Argumente von Jutta Ditfurth. Diese Punkte beschäftigen uns, weil sie ihre Berechtigung haben.

Trotzdem war das, was sich bei diesem Vorgang auf dem Immobiliensektor ereignet hat, das Beste und das am Ende das unter den gegebenen Umständen einzig Mögliche, um eine Grenze zu setzen. Im System gibt es nicht die Möglichkeit, alles für alle anders zu machen. Das, was wir in Berlin „Verscherbelungspolitik“ nennen, ein Auslöser für die aktuelle Schieflage, und das Verpassen einer Verkehrswende, spricht Ditfurth beinahe ebenso konkret an, anhand des Beispiels Frankfurt am Main.

Der Kapitalismus hat, seit er vor rund 500 Jahren aufkam, mit ungeheurer Wucht den Feudalismus weggesprengt.

Die Produktionsweise betreffend, ja, aber der Kapitalismus hat selbst neofeudale Strukturen und die alten sind nicht beseitigt. In manchen Ländern ist die Fortwirkung offensichtlicher als in Deutschland, aber die Restitution ist eine der Ursachen dafür, dass die Ungleichheit immer mehr zunimmt. Die Vermögensungleicheit, wohlgemerkt, damit nicht wieder damit argumentiert wird, die Einkommensungleichheit haben ja in den letzten Jahren sogar abgenommen. Wir glauben sowieso, dass das nur behauptet werden kann, weil das Einkommen der wirklich Reichen einer kompletten Erfassung nicht ohne Weiteres zugänglich ist.

Der Mensch ist Natur und Kultur. Ohne Luft zum Atmen, ohne Trinkwasser, ohne Nahrung kann er nicht existieren und nicht denken. Ohne seinen Verstand kann kein Mensch die erste wirksame Waffe gegen unfreie Verhältnisse schmieden: die Waffe der Kritik für den Weg aus der Unmündigkeit.

Aber: Die Zeiten sind so mies, dass die Menschen sich nicht emanzipieren, sondern ihre Unfreiheit zementieren, indem sie rechter Politik den Vorzug geben. Das ist tragisch und wenn man bedenkt, wie wenige im Ditfurthschen Sinn progressiv denken und wie viele rechts wählen, sieht man schon im Verhältnis der Größenordnungen das Dilemma der Menschheit als solcher begründet. Geht es also darum?:

Nichts ist wirklich fertig, bevor die Auseinandersetzung beginnt. Und wer mit wem? Und wie? Der notwendige Streit fängt gerade erst an.

Wir würden uns gerne über den richtigen Weg aus dem Kapitalismus streiten und dann, genau wie Ditfurth etwas weiter unten, dabei herauskommen, gefasst in eigene Worte aus einem kürzlich entstandenen Text: „Dass Protest in unserer Zeit und eine revolutionäre Situation zwei ganz verschiedene Dinge sind, haben wir im Blick.“ (Diskursverschiebung nach rechts, Teil 1). Wir finden es aber gut, dass jemand immer noch diesen Weg gehen will:

Also arbeiten wir an Bewusstsein, Autonomie und Organisierung. Wir werden sehen.

Und sich nicht auf eine Position zurückzieht, die davon ausgeht, dass die große Verschwörung des Kapitals unsere Anstrengungen sowieso zunichtemachen wird. Allerdings: Es gibt schon einen Unterschied beim Ansatz. Ditfurth muss eigentlich den revolutionären Weg gehen, wenn sie schreibt, kleine kooperative Strukturen wären längst verboten worden, wenn sie das System gestört hätten. Wir meinen, auf einer informellen Ebene kann man Austauschwirtschaft, Selbsthilfe, regional-genossenschaftliche Strukturen, gemeinwohlorientierte Ansätze nicht ohne Weiteres verbieten und dieses Verbot allumfassend durchsetzen und überwachen. Das könnte nur ein totalitärer Staat Einen solchen haben wir aber trotz aller negativen Entwicklungen noch nicht. Das Heranzüchten des revolutionären Subjekts ist hingegen eine mühsame Angelegenheit, weil die Menschen ja eher in die Regression flüchten, also nach rechts, wenn sozial und aus Gründen der Klimaerwärmung die Hütte brennt.

TH

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