Lohn der Angst (Le salaire de la peur, F / I 1953) #Filmfest 100 DGR

Filmfest 100 A "Die große Rezension"

2020-08-14 Filmfest AZum Jubiläum: Die 100. Rezension für das Filmfest des Wahlberliners

Vorwort 2020

Ursprünglich wurde diese Rezension im Jahr 2012 als Nr. 50 der „FilmAnthologie des ersten Wahlberliners“ veröffentlicht und „Lohn der Angst“ bekommt auch im „neuen“ oder „zweiten“ Wahlberliner, in der erweiterten Rubrik Filmfest, wieder einen Ehrenplatz. Der Film, der in der Saison 1953/1954 mehrere der wichtigsten europäischen Filmpreise gewann ist sowohl ein essentieller Film noir wie ein herausragend inszenierter Abenteuerfilm und ein Buddy-Movie mit Bad Ending. Er ist auch ein Film für Existenzialisten, denn …

der Lohn der Angst ist der Tod.

Henri-Georges Clouzot hat mit „Lohn der Angst“ einen der bis heute größten Abenteuerfilme, ein mehr als prototypisches Roadmovie und auch ein frühes Stück hartes Actionkino hinterlassen. Er hat aber auch eine Geschichte von vier Männern erzählt, die noch immer anrührt, die viel vom Menschsein und dessen Grenzen erzählt – und demgemäß nachdenklich macht. Die Geschichte ist überraschend zeitlos und kann heute wieder in Zusammenhänge gestellt werden, die zum Beispiel in den 90er Jahren nicht so nahe lagen.

Laut IMDb (Internet Movie Database) zählt der Film noch heute zu den 250 besten aller Zeiten, die Nutzer, mehrheitlich Filmenthusiasten, haben ihn in diesen erlesenen Kreis gewählt. Aber es gibt signifikante Besonderheiten, an deren Linie entlang wir unsere Rezension aufbauen werden. Amerikaner mögen den Film weniger gerne als nicht-amerikanische Nutzer.

Die von uns angeschaute, ergänzte Version ist länger und mehr zeigt mehr Hintergründe als diejenige, die 1953 in den USA präsentiert wurde und später die Grundlage der ersten deutschen Fernsehfassung bildete. Die lange Version macht den Grund der kürzeren deutlich: „Lohn der Angst“ ist nicht unbedingt amerikafreundlich und dazu geht es um Öl – mittlerweile ein Symbol für krude amerikanische Interessenpolitik im Ausland, besonders natürlich im Nahen Osten – der Film spielt in Venezuela, einem wichtigen Öllieferland. Man kann sagen, die Gegenüberstellung der armen Bevölkerung eines venezolanischen Dorfes und der in ihm gestrandeten Europäer mit der amerikanischen Ölfirma, die sich hinter hohen Mauern verbarrikadiert, war visionär.

Weiter mit den Filmbuffs: Erfahrene Frauen mögen den Film nicht, während sehr junge die Botschaft wohl noch nicht so deutlich und negativ wahrnehmen. Auch diese Tendenz liegt auf der Hand: „Lohn der Angst“ ist frauenfeindlich auf eine Weise, wie man es im europäischen Nachkriegskino nur selten sieht. Aber man muss Formen von Macht und Unterdrückung zwischen Geschlechtern verstanden oder gar erfahren haben. Die Figur der Linda, ausgerechnet gespielt von der Frau des Regisseurs, Véra Clouzot, ist der Aufhänger, ist das Opfer der Repression, vor allem seitens ihres Geliebten Mario, der Hauptifgur des Films.

Hinzu kommt eine im Vergleich zu anderen Topfilmen starke Fraktion von IMDb-Nutzern, die den Film komplett und im Ganzen ablehnen, beinahe 10 % der Bewertungen entfällt auf die niedrigstmögliche Variante – ein Punkt. Umso höher ist zu bewerten, dass er sich noch in die 250 besten aller Zeiten gemäß IMDb-Klientel einreiht.

Der Film polarisiert also durchaus, und das liegt sowohl an den beiden genannten Faktoren wie an einem dritten: Seiner pessimistischen und sarkastischen Form, ein Existenzialistenkorso gescheiterter Figuren zu zeigen. Das ist viel Film noir drin. Film noir gab es in den USA allerdings auch. Wo also liegt der Unterschied? Zunächst im Genre. „Lohn der Angst“ ist kein Film, in dem Verbrecher ihrer letztlich doch gerechten Strafe entgegensehen, auch wenn man zwischendurch vielleicht Sympathie für sie empfindet. Er ist ein Abenteuer- und Actionfilm. Im US-amerikanischen Actionkino stirbt der Böse, sterben vielleicht seine Gehilfen, stirbt eine der guten Figuren, in guten Filmen auch mal zwei – dies alles, damit etwas Rührung aufkommt. Doch niemals sterben alle Helden, schon gar nicht die Identifikationsfigur Nummer eins, im Fall von „Salarie de la peur“ (Originaltitel) der korsische Franzose Mario (Yves Montand). Am Ende sitzt hier aber man vor der Leinwand oder dem Bildschirm mit nichts in der Hand als der Gewissheit, dass der Tod gewiss ist. Früher oder später. Und warum nicht etwas früher, kommt’s darauf an?

Doch warum früher und überhaupt? Dazu muss man die Philosophie dies Films, seine Zeit, seine Hintergründe analysieren, und das werden wir neben anderen Aspekten in der -> Rezension tun.

Handlung

Das Leben in einem kleinen venezolanischen Dorf ist trostlos. Eine US-Ölgesellschaft ist der einzige Arbeitgeber und es gibt bei weitem nicht für jeden einen Job, schon gar nicht für Ausländer. Wegen der Armut ist an ein Fortkommen derer daher kaum zu denken.

Als in einer Erdölquelle ein verheerender Brand ausbricht, der nur durch eine gezielte Explosion zu löschen ist, sehen vier Männer ihre Chance gekommen: Mario, ein attraktiver Korse, Jo, ein französischer Gangster, dessen Nerven aus Stahl zu sein scheinen, Bimba, ein Deutscher, der einem Arbeitslager der Nazis entkam, und Luigi, ein italienischer Bauarbeiter, erklären sich für 2000 Dollar pro Fahrer zu dem Himmelfahrtskommando bereit, hochexplosives Nitroglyzerin über eine Distanz von 500 km zu transportieren. Es handelt sich um ein mehr als gewagtes Unternehmen, denn die Strecke ist unwegsam und die Straßen in schlechtem Zustand. Deshalb werden auch zwei Lastwagen mit jeweils der benötigten Sprengstoffmenge losgeschickt, die einen Sicherheitsabstand von einer halben Stunde halten sollen, denn der Verlust eines Wagens ist quasi einkalkuliert.

Nach einer langen Exposition, in der Clouzot seine Protagonisten vorstellt, gelingt es dem Regisseur, den Spannungsbogen bis zur letzten Minute des Films aufrechtzuerhalten und weiter aufzubauen.

Während des Lkw-Transports in Zweier-Teams, die Angst im Nacken, entwickeln sich seine Charaktere weiter, prägen neue Züge aus oder zeigen einen weichen Kern unter einer harten Schale. Das Unternehmen gelingt schließlich; der Brand kann durch das Nitroglyzerin, das seinen Bestimmungsort erreicht, gelöscht werden. Von den vier Helden aber überlebt letztlich keiner – Bimba und Luigi kommen bei der Detonation ihres Lkw ums Leben, Jo stirbt an den Folgen eines Unfalls und Mario schließlich stürzt bei der allzu vergnügten, unvorsichtigen Heimfahrt über Serpentinen in den Tod.

Rezension

Ein Hinweis muss sein: Wir haben 2001 die „alte“ deutsche Fassung archiviert und rezensieren sie jetzt. Die neue Version von 2003, hergestellt im Auftrag des ZDF, hat wieder etwas mehr Länger – in etwa die Länge des französischen Originals. Sie wurde komplett neu synchronisiert.

Symbole

Henri-Georges Clouzot hat zwei unvergessliche Filme geschaffen. Der eine nennt sich „Die Teuflischen“ und ist ein großartiger schwarzer Thriller, der andere ist „Lohn der Angst“. Beiden Filmen gemein ist die schonungslose Offenheit und Direktheit, mit der sie inszeniert sind.

In „Lohn der Angst“ sind so viele unterschiedliche Elemente eingewoben, dass man sie einzeln betrachten muss, um dem Film gerecht zu werden. Da sind zum einen die Symbole.

Das allererste Bild legt es schon offen: Ein einheimischer Junge spielt mit Tieren. Vier Käfer, an einem Strick zusammengebunden. Er kann mit ihnen machen, was er will. Er ist das Schicksal und sie sind wehrlos. Nach und nach kommen die Männer des Films auf den Plan. Der Korse Mario (Yves Montand in seiner ersten großen dramatischen Rolle), der Italiener Luigi (Folco Lulli), der Pariser Jo (Charles Vanel) und der Deutsche, der sich in diesem südamerikanischen Kaff am Rande eines Ölfeldes Bimba nennen lässt (Peter van Eyck in einer seiner ersten großen Rollen).

Es ist wohl klar, dass die vier Käfer am Anfang schon alles aussagen, das kann man aber erst am Ende des Films mit Gewissheit deuten: Vier arme Kreaturen, die strampeln, die sich gegen ihr Schicksal stemmen, das sie unglücklicherweise in dieses Dorf geführt hat. Am Ende aber ist alles vergeblich, denn dem Schicksal kann man nicht entrinnen.

Mario sagt, als er vor der Rückfahrt gefragt wird, ob er nicht einen zweiten Fahrer im Wagen haben will: „Ich habe Angst, wenn  jemand anderer fährt.“ Dann hat er sich selbst nicht im Griff, fährt zu einem Wiener Walzer Schlangenlinien und stürzt in einen Abhang. Das ist Symbolkino par excellence.

Das zweite Symbol ist der Antikapitalismus in der besonderen und heute wieder sehr nachvollziehbaren Form des Antiamerikanismus. Wie die Amerikaner als Herrscher des Öls und über die Menschen in dieser ärmlichen Gegend gezeigt werden, weniger als partnerschaftliche Arbeitgeber denn als Besatzer, die sich eine Privatpolizei leistet. Die Polizisten fahren in Jeeps durch die Gegend, rücksichtslos werden die Einwohner mit Dreck bespritzt. So geht es auch dem Ankömmling Jo, der zwar mit einem großen Flugzeug einschwebt, normalerweise ein Symbol der Träume vom Glück und der weiten Welt.

Hier wird das Symbol aber umgekehrt und nicht umsonst schwebt die Maschine zeitweise als dunkler Schatten über die Szenerie. Jo steigt aus, in einem weißen Tropenanzug. Doch nach kurzer Zeit ist er – sic! – ein Opfer des allgemeinen Drecks im Ort geworden, weil eben gerade wieder so ein Jeep durch eine Schlammpfütze gefahren ist. Der Mann, wir erfahren es bald, ist pleite und genau ein solcher Verlierer wie die anderen, die hier gestrandet sind und sich in einem Spannungsverhältnis zur einheimischen Bevölkerung befinden. Sie lassen kein Geld im Ort, sondern schlagen sich mangels Arbeit schmarotzend durch die heißen, staubigen Tage und schwülen Nächte. Nur der Italiener Luigi arbeitet am Bau – und muss sich von einem Arzt sagen lassen, dass er angesichts seiner zementverklebten Lunge nicht mehr lange zu leben hat, wenn er so weitermacht.

Die Tage sind bestimmt von kleinen Machtspielen und Provokationen zwischen den latent aggressiven Männern und es gibt auch ein paar Freundschaften, die sind aber genauso vage und wenig ausgeleuchtet und motiviert wie die Rivalitäten. Man hat den Verdacht, Clouzot ist nicht gegenüber bestimmten Machstrukturen opponent, die aus bestimmten gesellschaftlichen Zuständen resultieren, sondern überhaupt gegenüber dem menschlichen Wesen nicht sehr freundlich eingesellt. Schließlich quälen schon die kleinen Kinder Tiere und jeder, der irgendwem irgendwas anzuschaffen hat, nutzt das auch aus, um seine Überlegenheit zu demonstrieren oder Pflöcke einzuschlagen.

Und es gibt eine Frau namens Linda, ein weiteres Symbol. Sie ist mit Mario befreundet, liebt ihn sogar. Umgekehrt kann man das nicht sagen. In einem neueren, besonders in einem amerikanischen Movie, wäre die Geschichte so verlaufen: Sie wäre nicht nur auf das Trittbrett aufgesprungen, als Mario seinen Laster durch den Ort steuert, sie wäre eingestiegen, hätte alle Gefahren mit ihm durchgestanden und am Ende hätten die beiden die 4000 Dollar verwendet, um in eine glückliche  Zukunft zu entschweben. Nicht so in „Lohn der Angst“. Mario stößt sie vom Wagen in den Staub. Eine Frau ist eben nur eine Frau und eher eine Gefahr, allenfalls ein lästiges Anhängsel – keinesfalls aber ein nützlicher Partner. Es wäre aber eine unhaltbare Unterstellung, dass Mario  am Ende sterben muss, weil er sie so behandelt hat.

Nein, das Schicksal der Kameraden, welche die vier Männer im Verlauf ihrer Reise werden, ist einem weiteren Symbol geschuldet: Einer Haltung, die Film noir auf  höchstem und gleichzeitig niedrigsten Niveau ist. Existenzialistisch, wenn nicht nihilistisch wird aller Wagemut anhand des Ergebnisses infrage gestellt. Freundschaft, füreinander einstehen, Wagnisse eingehen, sich immer wieder sehr gut, klug und mutig aus der Affäre ziehen, das alles führt am Ende – zu nichts. Am besten wird das in zwei Szenen deutlich: Der emotionale Luigi und der ziemlich coole, aber von Erfahrungen mit den Nazis gezeichnete Bimba sind ein kongeniales Fahrerpaar mit Erfindungsgeist und zupackender Mentalität. Dennoch verschwinden sie ohne jeden Kommentar in einer Explosion. Wer weiß, was ihre Vergangenheit ihnen mit auf den Weg zum brennenden Ölfeld gegeben hat, ein Freifahrtschein ins Glück war’s jedenfalls nicht.

Einen richtigen Pariser Metro-Fahrschein hat auch Mario mit nach Südamerikan genommen, ein Teil seines kleinen Museums, das im Wesentlichen aus wenigen Fotos besteht, eine wandhängende Parade der Vergangenheit, die bestimmt nicht glorreich war. Den Fahrschein schenkt er Jo, dem vermutlichen Kleingangster, der sich wehmütig an Paris erinnert. Jo stirbt in den Armen von Mario, der nimmt den Fahrschein wieder an sich. Am Ende kommt er ebenfalls ums Leben, weil er zu übermütig fährt, nachdem die große, die maximale Anspannung von ihm abgefallen ist. Das ist eine bittere Form von schwarzer Weltsicht, die nicht einmal in amerikanischen Films noir so unbarmherzig ausgespielt wird – zumal der Mann ja nicht symbolisch-moralisch vernichtet werden muss, weil er sich gegen das Gesetz stellt,  wie es diejenigen tun, die im amerikanischen Film vom tödlichen Schicksal ereilt werden. Am Ende, als er gestorben ist, öffnet sich Marios Hand und darin der Metro-Fahrschein. Es ist alles nur Schein und wir sind alle Staub und unsere Glücksbringer sind nichts wert.

Charaktere und Situationen

Bei so viel Negativismus ist es erstaunlich, dass der Film von vielen in erster Linie als Abenteuerkino wahrgenommen wird. Das ist er aber auch, zumindest ab der zweiten Stunde.

Anfangs wird erstaunlich viel Zeit darauf verwendet, die Lage in dem kargen Dorf in Venezuela darzustellen, das kann man dem Film durchaus anlasten. Roger Ebert zieht einen Vergleich, der uns sofort eingeleuchtet hat und erklärt in seiner Kritik zu „Lohn der Angst“ auch den Unterschied: Er nimmt Bezug auf den ebenfalls grandiosen John-Huston-Film „Der Schatz der Sierra Madre“ (1947), dessen Anfang offenbar das Vorbild für den in „Lohn der Angst war“. Auch dort werden ähnliche Charaktere in ähnlicher Umgebung gezeigt, viele Details wirken wie reproduziert – aber Huston verwendet dieses Szenario geradliniger, um die Charaktere zu formen, die sich bei Clouzot erst vollständig herausbilden, ja wandeln, als das Roadmovie begonnen hat.

Man kann aber nach unserer Ansicht nicht das eine gegen das andere stellen und dabei eine qualitative Abschichtung machen. In „Der Schatz der Sierra Madre“ bleiben die Charaktere nämlich während des Abenteuers um das Gold in den Bergen weitgehend statisch, während sie sich hier unter dem Eindruck der extremen psychischen Belastung, der Möglichkeit, jederzeit mit dem Nitroglyzerin in die Luft fliegen zu können, zur Endgültigkeit formen. Jo, der alternde Gauner und vielleicht auch Gaukler, hat die Hosen voll, Mario hingegen überwindet seine natürliche Angst, die er als „normaler“ unter den vier Charakteren selbstverständlich spürt.

Luigi hingegen hat sich auf eine Reise begeben, die ihn weg führt vom Zement, sterben hätte er auch müssen, wenn er einfach weitergearbeitet hätte, das weiß er. Er nimmt das Ganze mit italienischer Herzhaftigkeit und einem Humor, der sich graduell von der Realsituation abgekoppelt hat. Der eher schweigsame Bimba hingegen spielt auf der Harmonika „Ich hatt‘ einen Kameraden“. Wir sind wieder bei den Symbolen. Dieses überzeitliche, melancholische Soldatenlied ist auch wieder ein Symbol: Fatalismus ist die Lebenshaltung des besonnenen und tpyischerweise technisch orientierten, erfindungsreichen Deutschen. Das Gute wie das Schlechte einer gezeichneten Nation müssen einfach untergehen, und so geschieht es, in einem großen Knall.

Letztlich hat Clouzot Europa untergehen lassen, mit allen vier Figuren, die typische Vertreter des „alten Kontinents“ sind, und die Amerikaner sind die Sieger. Pragmatisch, rücksichtslos, kumpelhaft und jovial, wenn es dazu dient, Interessen durchzusetzen. Kennen wir das alles irgendwoher? Kommt es uns vor, als schrieben wir nicht 1953, sondern 2011? Ja, mit einer wichtigen Ausnahme: Auch die USA wirken im Moment, als hätten sie nicht mehr die Kraft, die Welt zu dominieren und in Wirklichkeit sitzen wir alle in einem Boot, das ziemlich leckt; so, wie die Ölleitung, die durch die Explosion von Luigis und Bimbas Lastwagen beschädigt wurde. Wenn man will, kann von hier aus wieder weitergehen: Einen Sinn hat es gar nicht, zu siegen. Die Toten in „Der Lohn der Angst“ mahnen uns. Ein brennendes Ölfeld zeigt es: Jeder Sieg ist nur eine Momentaufnahme.

Zwischen symbollastigen Anfängen und Toden zum Ende des Films hin liegen für damalige Verhältnisse grandiose Actionszenen. In ihrem Spannungsgehalt, nicht die Effekte betreffend, sind sie bis heute Maßstäbe, die man kaum übertreffen kann.

Der nach hinten verlegte erste Plotpoint

Der Spannungsbogen ist zwar zunächst flach, weil der erste Plotpoint (die Abfahrt der beiden Lastwagen) weit nach hinten verlegt ist. Er findet nicht nach 20 % der Spielzeit statt, sondern erst nach ca. 35 %. Warum ist das wichtig? Hollywood hat uns gut durchschaut und baut daher alle Filme mehr oder weniger gleich auf. Man weiß dort, dass bei abweichender Dramturgie der kommerzielleErfolg gefährdet ist, sei das Thema noch so gut gewählt, seien die Schauspieler noch so hinreißend. Offenbar entspricht diese 20-60-20-Aufteilung der Handlungsstruktur einer inneren Disposition in uns allen und wir empfinden Abweichungen als die Langeweile fördernd. Wer also das Drehbuch für einen hoch spannenden Film machen will, der sollte diese Aufteilung berücksichtigen und sich nicht ins Experimentelle begeben, indem er bewusst davon abweicht.

Aus genau diesem Grund wirkt der Film von Clouzot auch vom Spannungsaufbau disharmonisch. Zunächst gibt es gar keine wahrnehmbare Kurve, es sei denn, man sieht das Geplänkel der vielen Männer zu Anfang des Films oder die Situation in diesem Dorf der Gestrandeten vs. S.O.C. (Southern Oil Company, offenbar eine Anspieltung auf Standard Oil) als spannend an – auch die große Anzahl der Figuren trägt dazu bei, dass der Film anfangs nicht dynamisch wirkt. Mit der Abfahrt der beiden Teams sinkt die Zahl der Figuren, die im Bild sind, im Wesentlichen auf vier, steigt die Spannung ruckartig an und hält sich auf einem sehr hohen Niveau.

Während der Fahrt gibt es dann auch die stillen Momente, in denen die Leute miteinander agieren und uns als Figuren (in Maßen) nähergebracht werden – bis wieder eine herausfordernde Situation kommt, ganz wie im klassischen Abenteuerkino amerikanischer Prägung. Aber die Hinführung wirkt nach und wäre nicht in dieser Intensität und Dauer notwendig gewesen, um zu erklären, warum diese Typen für 2000 Dollar pro Kopf ihren Hals riskieren, obwohl 2000 Dollar (4000 verdient Mario nur, weil er Jos Anteil sozusagen erbt) damals in etwa ein amerikanisches Durchschnitts-Jahresgehalt darstellen und für die europäischen Verhältnisse der Zeit ein kleines Vermögen waren.

Welche Art von Thrill?

Nachdem wir den Spannungsaufbau im Gesamten milde kritisiert haben, konzentrieren wir uns auf den quasi zweiten Teil des Films, das Roadmovie, den Abenteuerplot, das menschliche Drama.

Wir erkennen, dass gute Action sich nicht in der Größe der Explosionen messen lässt, wenngleich es in diesem Film mehr davon gibt als 1953 üblich. Gute Charaktere sind genauso wichtig, und die sind hier vorhanden. Im Vergleich mit heutigem Actionkino konventionellen Strickmusters, das zwar die Plotpoints perfekt setzt, aber wenig zu sagen hat, verfügt „Lohn der Angst“ über mehrere Ebene, von denen jede den Thrill erhöht. Wir sind nicht nur gespannt darauf, ob die in der Handlungszusammenfassung erwähnte Behelfskonstruktion das Gewicht der Wagen aushält, ob der Felsen von der Straße gesprengt werden kann, ohne dass die vier Fahrer mit ihren Wagen ebenfalls in die Luft fliegen, ob die Öllache nicht zu tief und zu glitschig ist und der Wagen von Mario darin steckenbleibt.

Das alles sind für sich sehr gut und intensiv gefilmte, mithin prototypische Momente des Abenteuer- und Spannungskinos. Genauso interessant ist es aber auch zu sehen, wie verhalten sich die Leute? Sie verhalten sich nachvollziehbar – aber nich vorhersehbar, das ist eine der großen Leistungen dieses Films. Man kann ihre Reaktionen verstehen, die eines jeden von ihnen. Zu tief in uns verwurzelt sind all die hier gezeigten Verhaltensweisen, als dass wir sie nicht verstehen könnten. Die tausendfach erzählte Geschichte von Angst, Mut, Versagen, Selbstüberwindung wird hier radikal einfach und sehr, sehr wirkungsvoll erzählt. In diesen Momenten ist aller philosophische und ideologische Überbau – nicht verschwunden, aber hinter einem Vorhang. Wir wissen, er ist da, aber wir konzentrieren uns auf die Situation und werden nicht dabei gestört. Wenn wir mögen, können wir aber jeder Aktion jeder Figur wieder eine Symbolik unterlegen.

Suspense im Hitchcockschen Sinn entsteht aus der Kombination von charakterlichen und äußeren Unwägbarkeiten. Wer, der vor allem amerikanisches Kino gewöhnt ist, rechnet mit diesen dramatischen Wendungen und damit, dass am Ende niemand übrig bleibt? Dieses Entsetzen, diese tiefe Niedergeschlagenheit angesichts des Endes funktioniert aber nur, weil sie eben kein Ritual, keine Konvention in diesem Genre darstellt. Das tut sie nur im Film noir, und da ist der ethische Unterbau etwas anders. Allerdings – man könnte auch sagen, für Clouzot ist er genau das. Ob jemand zum Verbrecher wird oder strandet und sich dann mit dem Schicksal konfrontiert sieht, das ist einerlei, denn eine Chimäre ist das glückliche Ende in beiden Fällen. Bis es dazu kommt, sind die Mühen und Leiden der Hauptfiguren, die in Öl baden und auf Dynamit sitzen, nervenaufreibend und manchmal auch ekelerregend.

Zur Produktion und Ausstattung

Das verblüffend echt wirkende Südamerika wurde in Wirklichkeit in Südfrankreich gefilmt, und zwar mit erheblichem Aufwand und einer längeren Unterbrechung im Winter. Der Brand des Ölfeldes wirkt für damalige Kinoverhältnisse enorm realistisch, ebenso die Landschaft, durch welche die Lastwagen kurven. Einer der LKw ist ein fürs amerikanische Militär gebautes, sehr modern wirkendes Fahrzeug, das in Wirklichkeit, anders als im Film, allradgetrieben war. Hätte man das aber so gezeigt, dann wären einige Situationen  zu einfach gewesen: Das Transportfahrzeug wäre nirgends stecken geblieben, mithin wäre die Fahrt viel undramatischer verlaufen. Lediglich der Felsbrocken, der durch einen Erdrutsch auf der Straße liegen geblieben ist, wäre dann noch eine echte Herausforderung gewesen.

Dem großen Jean Gabin war die Rolle des M. Jo angeboten worden, glücklicherweise und mit gutem Instinkt hat er sie abgelehnt. Diesen letztlichen Versager und Verlierer zu spielen, das hätte schlimmstenfalls seine Karriere beschädigen und im weniger schlimmen Fall unglaubwürdig wirken können. Er hat dann sehr wohl Figuren gespielt, die keine klassischen Sieger verkörpern, aber nie einen Hasenfuß. Die Schauspielleitung von Charles Vanel wurde auf den Filmfestspielen von Cannes mit einem Sonderpreis geehrt.

Ursprünglich sollte der Film in Spanien gedreht werden, doch der politisch engagierte Jungstar Yves Montand wollte dort nicht arbeiten, solange das faschistische Franco-Regime an der Macht war.

Manche Kritiker sehen, wie später bei Jean-Paul-Belmondo, in dem jungen Montand, wie er hier seine Rolle des Mario spielt, Züge von Humphrey Bogart. Er ist ein anderer Typ, wirkt jung, groß gewachsen und schlacksig, wie es Bogart während der Zeit, in der er Berühmtheit erlangt hatte, nie war, aber in manchen Szenen, wenn er mit Kippe im Mund lässig dasteht oder auch in einer der ganz großen, wie er total verdreckt den sterbenden Jo im Arm  hält, sind Ähnlichkeiten im Ausdruck vorhanden. In späteren Filmen verlieren sich diese allerdings, da hat Montand längst seine eigene, unverwechselbare Aura.

Meriten

„Lohn der Angst“ gewann 1953 sowohl die Goldene Palme von Cannes als auch den Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele und war damit in Europa der höchstdekorierte Film des Jahres. Die Jahre haben diesem Film wenig anhaben können, weil er so direkt, bezüglich der Bilddarstellung minimalistisch und mit wenig modischen Attitüden gefilmt ist. Seine Philosophie könnte direkt aus der Schule der differenziert-postmodernen Kulturkritik in den Zeiten der Euro- und Dollarkrise kommen: Es gibt keine Erfolgsgeschichten und nicht den große Lohn für all jene Tapferen, aber den Ausweg aus der persönlichen Ausweglosigkeit nicht wenigstens zu versuchen, ist ebenfalls deprimierend.

Finale

„Lohn der Angst“ ist einer der großen europäischen Filme der 50er Jahre. Man geht mit den Figuren mit, aber nicht, weil sie sich einschmeicheln. Auch nicht, weil sie besonders edelmütig sind. „Lohn der Angst“ ist alles andere als ein Märchen. Aber der Film lebt von den für jene Zeit beachtlich vielen Ebenen, über die er verfügt und von einem Plot, der zwar erkennbar in zwei Teile zerfällt, aber viel zu bieten hat. Am Ende hat man das Gefühl, einen Film gesehen zu haben, der nicht nur Thrill und interessante Figuren bereithält, sondern der auch etwas aussagt. Was er aussagt, ist allerdings wenig freundlich und wenig beruhigend.

Viele werden sich in den Figuren des Films nicht wiedererkennen, weil sie nicht so an den Rand einer menschenwürdigen Existenz geraten sind, aber das sollte uns nicht davon abhalten, die Möglichkeit, dass es einmal so sein könnte, im Blick zu behalten. Dass nämlich nichts bleibt und dass wir viel gewagt und nichts gewonnen haben. Nicht einmal das nackte Leben.

Selbstverständlich ist diese Hinterlegung des Films mit einer pessimistischen Grundnote vor dem Hintergrund des damals gerade zu Ende gegangenen Zweiten Weltkrieges zu sehen. Die erste Welle der Erleichterung über die Befreiung von der deutschen Besatzung war in Frankreich vorbei, eine gewisse düstere Stimmung kam auf und zeigte erst die Wunden, die zwei verheerende Kriege in jedem der Länder geschlagen hatten, die hauptsächlich beteiligt waren. Die Franzosen hatten damals mehr als eine Ahnung davon, dass sie sich ohne die Hilfe der Amerikaner niemals hätten aus der deutschen Umklammerung lösen können. Und viele von ihnen hassten die Amerikaner dafür für diese Überlegenheit, welche die Franzosen noch heute zwar als wirtschaftlich unabwendbar, aber kulturell längst als nicht zwingend anerkennen. Dies hat die Tendenz des Films gewisss beeinflusst und ist nicht unverständlich. Genauso wenig, wie die Tatsache, dass der Deutsche im Film eine  gewisse Gleichgültigkeit dem Tod gegenüber, eine Art Untergangsgeneigtheit zeigt, hat er doch schon die Unterdrückung und den Tod des Vaters durch Nazi-Schergen erlebt. Seine erstaunliche Ruhe ist insofern ebenfalls nicht nur positiv zu sehen.

Das alles hat Clouzot in einen Film eingebaut, der mit mentalen Dispositionen spielt, die in den beteiligten, weil in wichtigen Figuren des Films verkörperten Nationen zur Zeit des Entstehens angelegt waren – und es leider partiell bis heute sind. Wie sonst ist es zu erklären, dass in Europa nicht endlich Vernunft und Realismus einziehen, sondern bis in den möglichen gemeinsamen Untergang an Idealvorstellen festgehalten wird, die ökonomisch hoch gefährlich, möglicherweise tödlich sind und wahrer, langfristiger und durch persönlichen, gegenseitigen Respekt getragenen Freundschaft zwischen freien Völkern abträglich? Der Plot von „Lohn der Angst“ ist in vielen Aspekten brandakuell – nicht nur, weil im Film ein Ölfeld brennt. Im Jahr 2020: Die Wirtschaft knirscht seit Jahren und wird nur noch durch außergewöhnliche Maßnahmen unter Inkaufnahme gewaltiger Ungerechtigkeiten am Leben gehalten und mit der Corona-Epidemie zieht eine neue Gefahr herauf.

88/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Henri-Georges Clouzot
Drehbuch Henri-Georges Clouzot
Jérôme Géronimi
Produktion Henri-Georges Clouzot
Musik Georges Auric
Kamera Armand Thirard
Schnitt Madeleine Gug
Etiennette Muse
Henri Rust
Besetzung

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