Flucht ins 23. Jahrhundert (Logan’s Run, USA 1976) #Filmfest 104

Filmfest 104 A

2020-08-14 Filmfest ADie Uhr ist mal wieder abgelaufen

Wie würde es sein, wenn man bereits bei Geburt eine Lebensuhr eingepflanzt bekäme, die unerbittlich heruntertickt – und mit dem 30. Geburtstag ist sie abgelaufen?

Eines ist sicher, wir könnten in einer Welt, in der die Bevölkerungszahl auf so drastische Weise kontrolliert wird, diese Rezension nicht schreiben. Da ist uns die Ein-Kind-Politik in China allemal lieber, zumal sie offenbar nicht richtig funktioniert, sonst würde die chinesische Bevölkerung nicht weiter wachsen – wenn auch moderat.

Natürlich würde niemand sich einfach mit 30 abschalten lassen. Nicht in der härtesten Diktatur hätte eine solchermaßen offene, gesetzlich verordnete vorzeitige Lebensbeendigung, die für alle gilt, eine Chance. So etwas rührt zu sehr an den Grundfesten des Lebens. Wir sind sehr darauf gepolt, ein Alter zu erreichen, das zunächst einmal unbestimmt ist. Deswegen glauben wir mit 20, mit 30, mit 40 und mit 50, wir hätten noch so viel Zeit.

Also bedient sich das System in der Welt, aus der Logan 5 dann wegrennt, eines ganz banalen und ganz üblichen Tricks – man redet von Erneuerung, einer Art Wiedergeburt, anstatt von Tötung. Wenn man eh zurückkehrt, vielleicht sogar erleuchtet, ist der Tod eine Nebensache. Eine Durchgangsstation. Wie bei den Katzen gegen Ende des Films, deren Herr Peter Ustinov ist; der einzige alte Mensch, den wir in „Logan’s Run“ zu sehen bekommen (die Figur, die er spielt, ist um einiges älter, als er es damals selbst war).

Dass mit der Philosophie etwas nicht stimmt, hätte Logan schon daran merken müssen, dass sein eigener Nachfolger, Logan 6, bereits um Brutkasten liegt, da ist er gerade erst 26 und hat noch vier Jahre Zeit, sich aufs erneuert werden vorzubereiten. Allerdings ist Logan auch ein besonders systemtreuer Zeitgenosse – ein Sandmann. Und Sandmänner haben die Aufgabe, Läufer, die dem Erneuerungs-Braten nicht recht trauen, in die Spur zu bringen oder zu eliminieren.

Die City unter der Kuppel

Aber da der Film im Original „Logan’s Run“ heißt, ahnt man schon, Logan wird sein sorgloses Leben zwischen Sex aus dem Liebeslift und dem zeitweiligen Erschießen von Läufern ändern. Das passiert, als er den Auftrag erhält, Läufer in einem Outback namens Zuflucht zu fangen und damit die Läufer dem V-Mann des Systems auch glauben, wird seine Lebensuhr um vier Jahre vorgestellt – und es ist fünf Minuten vor 30. Das bringt ihn, der ohnehin einen Tick kritischer war als zum Beispiel sein guter Kumpel Francis, vollends ins Nachdenken und natürlich auch aus der Fassung. Wenn man bedenkt, was damit ausgelöst wird, kann man nur sagen: Das System hat sich mit dieser unfairen Lebensverkürzung des jungen Logan selbst umgebracht.

In der Logik ist es dennoch: Wenn die Leute ja davon ausgehen sollen, dass sie erneuert werden, ist es nicht schlimm, wenn die Lebensuhr ein wenig vorgestellt wird. Der Computer, mit dem Logan seinen Auftrag verhandelt, hat aber leider keinerlei Ahnung vom immer wieder zweifelnden menschlichen Charakter und merkt nicht, wie die Sache  außer Kontrolle  gerät. Computer sind eben doch nur Maschinen, auch, wenn die Menschen sie so konstruiert haben, dass sie ihnen das Denken möglichst abnehmen sollen – wie in der hermetisch abgeschlossenen Stadt des Jahres 2274, in der Logan lebt.

Sandmänner bei der Arbeit: Jagd auf Läufer / Handlung:

Eine futuristische Wohlstandsgesellschaft, in der alle Menschen nur bis zum 30. Lebensjahr existieren dürfen, wird von einem strengen Kontrollsystem überwacht, das ein vermeintlich allwissender Großcomputer steuert. Die Einwohner leben in der Illusion, dass ihr Tod lediglich eine Erneuerung ist, sie also wiedergeboren werden. Das System zu hinterfragen, ist verboten. Logan 5 ist ein erfahrener Sandmann, der dafür zuständig ist, sogenannte Läufer zu eliminieren, die sich der Erneuerung entziehen wollen. Vom Computer wird Logan auserwählt, das sagenumwobene Versteck der Läufer, die Zuflucht, zu finden und zu zerstören, sofern sie existiert. Zu diesem Zweck soll sich Logan als Läufer ausgeben, um die Dissidenten zu infiltrieren.

Die Läuferin Jessica 6 flieht vor den Sandmännern

Logan 5 kann Jessica 6, die Mitglied des Netzwerkes der Läufer ist, mit großer Mühe überzeugen, dass er keinen Verrat plant. Mit ihrer Hilfe findet er Zugang zum geheimen Treffpunkt der Läufer. Logans bester Freund Francis 7, ebenfalls ein Sandmann, ist inzwischen misstrauisch geworden und nimmt die Verfolgung auf. Er wird Zeuge, wie Logan 5 einen weiblichen Läufer nicht exekutiert, wie es seine Pflicht gewesen wäre, sondern stattdessen Fluchthilfe leistet. Francis 7 erschießt den Läufer und greift daraufhin Logan 5 und Jessica 6 an, denen die Flucht in den Untergrund der Stadt gelingt.

Durch ein Labyrinth verfallener und offenbar lange nicht benutzter technischer Anlagen gelangen Logan 5 und Jessica 6 über einen Aufzug in eine Eishöhle oberhalb der Stadt. Dort treffen sie auf den Roboter BOX. Von ihm erfahren sie, dass er alle bisherigen über 1000 Läufer, die denselben Fluchtweg benutzt haben, gemäß seiner uralten Programmierung eingefroren und dadurch haltbar gemacht hat. Um dem gleichen Schicksal zu entgehen, zerstört Logan 5 den Roboter. Er und Jessica 6 erreichen schließlich die Oberfläche, und stoßen auf die von Pflanzen überwucherten Ruinen von Washington D. C. sowie einen bärtigen alten Mann, der weitaus älter ist als die erlaubten 30 Jahre. Durch seine Existenz wird ihnen klar, dass die Altersgrenze ihrer Gesellschaft willkürlich geschaffen wurde und nur der Populationsbegrenzunginnerhalb der Stadt dient. Auch wird ihnen klar, dass die künstliche Begrenzung keinen Sinn ergibt, da Leben außerhalb der Kuppelstädte jederzeit möglich wäre.

Logan 5 und Jessica 6 auf der Flucht: die Eishöhle

Plötzlich taucht Francis 7 auf, der den beiden die ganze Zeit über auf der Spur war. Es kommt zum Kampf, in dessen Verlauf Logan 5 seinen unbelehrbaren Freund tötet. Logan, Jessica und der alte Mann kehren in die Stadt zurück, um den Einwohnern den Irrsinn der Erneuerung zu erklären, werden jedoch von den Sandmännern verhaftet. Beim anschließenden Verhör berichtet Logan von seinen Entdeckungen außerhalb der Kuppel. Da diese Berichte dem widersprechen, was der Computer als Tatsache ansieht, wird dessen Selbstzerstörung eingeleitet. Infolge der entstandenen Panik kommen die Bewohner frei und können die Kuppelstadt verlassen. Der Film endet mit einer Einstellung, in der sich die geflüchteten Menschen staunend um den alten Mann versammeln.

Rezension

Flucht ins oder aus dem 23. Jahrhundert?

Im Grunde müsste der Film auf Deutsch „Flucht aus dem 23. Jahrhundert heißen“, denn Logan 5 (Michael York) flieht aus dieser grünrot designten Kunstwelt, in der die Menschen mit 30 ihr Leben beenden, in ein verlassenes Land, in dem die Stadt Washington D. C. baulicherseits noch vorhanden ist. Sie ist überwuchert und in ihr lebt ein einziger alter Mann ohne Namen (Peter Ustinov). Da man in den 70ern gegenüber den 50ern aber doch etwas vorangeschritten war, was die sinnvolle Gestaltung deutscher Verleihtitel angeht, kann man natürlich auch sagen: Es stimmt schon. Irgendwann waren die Menschen aus der Not und dem Elend, das sie in großer Zahl angezettelt hatten, in gar nicht mehr großer Zahl in eine abgeschotte Zukunftsstadt geflüchtet, in der alles so reglementiert ist, dass nichts aus dem Ruder laufen kann.

Ritual: Wandlung oder Tod? Logans Sonderauftrag: Finde die „Zuflucht“! Doch wird seine Lebensuhr, die zu diesem Zweck auf „Rot“ gesetzt wird, danach wieder zurückgestellt?

Tut es aber doch. Die Läufer, die genauso mit 30 gewandelt werden wie die Sandmänner, welche für die Überwachung der City zuständig sind, haben durchaus eine gewisse Ahnung davon, dass sie verschaukelt werden, die Sache mit der Erneuerung betreffend. Und sie fliehen. Nicht in großen Scharen, aber immer mal wieder. Insgesamt waren es über 1000, die sich bisher aus dem Staub machen wollten. Dass sie dabei einer Chimäre aufgesessen waren, die sich „Zuflucht“ nennt und in Wirklichkeit dem Roboter „Box“ in die Arme liefen, der sie dann schockgefroren gegen die Wand stellte, ist sehr sarkastisch, denn die Zuflucht gibt es ja wirklich. Das Draußen, wo sich die Natur über alten Marmor schlängelt und ihre Welt zurückerobert.

Die Erneuerung hat man wohl deshalb nicht gleich als Wiedergeburt oder Auferstehung bezeichnet, weil man den Religionen nicht auf die Füße treten wollte. Ob der Film religionskritisch ist oder nur die Perversion religiöser Motive anprangern will, ist nicht einfach zu entscheiden – wir gehen, auch wenn 1976 in einer für US-Verhältnisse recht liberalen Epoche lag, von Letzterem aus.

Logan verliebt sich in die Gespielin Jessica

Kurz vor dem Krieg der Sterne. Für 1976 war „Logan’s Run“ ein sehr interessanter Science-Fiction-Film und auch ein utopischer – oder eher dystopischer – Film. Für die teuren Special Effects erhielt er einen Oscar und – ja, hätte sich nicht ein Jahr später ein gewisser George Lucas aufgemacht zu den Sternen, um dort ein monumentales Zukunftsmärchen zu erzählen, welches vom Publikum weltweit begeistert aufgenommen wurde – dann hätte sich der SF-Film vielleicht weiter in die eher ernsthaft-utopisch-dystopische Richtung entwickelt. „Logan’s Run“ hat wenig mit dem „Krieg der Sterne“ gemeinsam, nur der Droid C-3PO wirkt wie eine freundlichere, verkleinerte Ausgabe von „Box“ aus „Logan’s Run“, der wiederum ein wenig dem Blechmann aus „The Wizard of Oz“ (1939) abgeschaut scheint. Man zitiert gerne, im Filmbusiness. Auch „Logan’s Run“ hat einen gewissen Kultstatus erreicht, der zu Zitaten in späteren Filmen geführt hat.

Logan und Jessica dringen ins geheime Innenleben der City ein

Interessant ist, dass „Star Wars – Episode V – Eine neue Hoffnung“, wie „Krieg der Sterne“ seit der Neuedition heißt, heute noch filmisch und inhaltlich recht aktuell wirkt (nicht nur wegen der digitalen Aufbereitung, die es inzwischen gab), dass der politisch und weltanschaulich deutbare „Logan’s Run“ hingegen deutlich gealtert wirkt. Das wird daher kommen, dass „Krieg der Sterne“ überzeitlich ist. Man hätte ihn als Ritterfilm, als Western, als Gangsterballade oder Politthriller mit ähnlichem Handlungsverlauf inszenieren können. Ohne die tollen Raumschiffe, Raumjäger und Kampfsterne natürlich. In Logan’s Run gibt es eher eine Prämisse und er ist bei weitem nicht so spektakulär.

Er wirkt nicht nur deswegen hermetischer, weil er nicht im freien Universum, sondern unter der künstlichen Glocke einer imaginären Stadt spielt, auch seine Inszenierung trägt dazu bei. Michael Anderson hat nicht diese imaginäre Kraft entwickelt, welche die Filme von George Lucas auszeichnet, die Figuren haben weniger integrierende Kraft. Bei Michael York hat das sicher nicht an der Besetzung gelegen, wie man wenige Jahre zuvor sehen konnte, als er in der Neuverfilmung von „Die drei Musketiere“ sehr schön den D’Artagnan gab. Er hätte auch in „Star Wars“ einen adäquaten Charakter abgegeben.

Am Ende des Weges: eine andere Welt

Die Inszenierung:„Logan’s Run“ wirkt vor allem im ersten Teil auf eine Weise klinisch. Das korrespondiert gut mit der Welt, die gezeigt wird. Die Charaktere sind nicht besonders tief veranlagt. Wie auch, wenn Babys nicht nur bei medizinischer Notwendigkeit, sondern offenbar generell in Brutkästen gehalten werden, Vater und Mutter nicht kennen und nicht in irgendeiner erkennbaren Struktur aufwachsen, die Bindungsfähigkeit und emotionale Reife verursachen könnte. Natürlich ist die Inszenierung an sich nicht sehr innovativ, wirkt stellenweise sogar etwas hölzern, aber zu den Charakteren passt das nicht so schlecht. Dass am Ende das Urmenschliche wieder durchkommt und echte Gefühle möglich sind, ist guter, alter Hollywood-Optimismus.

„Logan’s Run“ ist kein Actionfilm und die funkensprühenden Strahlenkanonen, über welche die Sandmänner verfügen, sind alles andere als Präzisionswaffen. Deswegen hat man ein Jahr später in „Star Wars“ wohl auf Laserschwerter vertraut und nicht etwa deswegen, weil sie pure Anachronismen sind.

Diese einerseits apathische, andererseits leichtlebig-oberflächliche Welt der überkuppelten Stadt ist für uns durchaus stimmig, eher schon wird der Film etwas beliebiger (wenn auch witziger), als die eigentliche Flucht beginnt, auf der Logan zusammen mit der schönen Jessica (Jenny Agutter) vor dem System, insbesondere verkörpert durch seinen früher besten Freund Francis 7, die Biege macht.

Symbol vergangener Größe: Abraham Lincoln

Am Ende gibt es deutliche Reminiszenzen an „Planet der Affen“ (1967), den neben Kubrick’s „2001“ wohl besten SF-Film der 60er Jahre. Diese überwucherten alten Gemäuer und die überlebensgroße Statue von Abraham Lincoln in Washington D. C., dann der Rückweg am Meer entlang, der sich aus der Logik nicht erschließt, das sind beinahe kopierte Szenen.

Möglicherweise will der Film gar nicht formal geschlossen sein, es soll eine deutliche Trennung der Stimmung, der Atmosphäre, der Art, wie die Figuren sich verhalten und wie die Handlung verläuft geben – zwischen dem ersten Teil und dem zweiten draußen, beide symbolisch geteilt durch die Abendsonne, welche die Flüchtenden zum ersten Mal in ihrem Leben sehen, als sie die Eishöhle verlassen. Man kann den Zeitpunkt des Wechsels zu einem eher konventionellen Muster aber auch früher ansetzen, nämlich dort, wo die Flucht beginnt.

Die bemerkenswerteste Szene der Flucht ist die in der Tiefkühlhöhle. Ein alter Roboter versperrt den Weg in die Freiheit und wird eliminiert – was auf den ersten Blick zu einfach geht. Aber Logan ist ja der erste Sandmann, der flieht, die Läufer,  die vor ihm an Box vorbeiwollten, waren, im Gegensatz zu ihm, nicht bewaffnet. Aber sie haben sicher auch nicht ihre nassen Sachen ausgezogen, sich mit Fellen bedeckt und sind dann gleich wieder in die immer noch nassen Klamotten gestiegen. Dieser Flaw wird unterstrichen durch einen harten Schnitt – offenbar hat man die Szene gekürzt. Möglicherweise war sie zu freizügig.

Vergesslich, voller Wissen, in Würde gealtert: Peter Ustinov

Zur Inszenierung gehört unbedingt die Musik von Jerry Goldsmith, der auch den Score für „Planet der Affen“ schrieb. Auch sie zeigt deutlich die Zweiteilung zwischen der künstlichen, individuellen Biografien feindlichen Welt, in der Logan 5, Jessica 6 und die anderen aufwachsen und der großen Freiheit draußen. Hier kommt die Zäsur wirklich mit der großen, roten Sonne. Bis dahin ist die Musik innovativ, disharmonisch, wie man sich damals eben  Zukunftsmusik vorgestellt hat – dann wird sie sinfonisch und stellenweise romantisch, ganz dem Szenario entsprechend; der Konzentration auf die Flucht- und Liebesgeschicht von Logan und Jessica.

Film, Buchvorlage und Prinzipien

Ein Kritikpunkt am Film war, dass man zwar die Prinzipien des Romans von William F. Nolan und George Clayton Johnson übernnommen hat, aber die Handlung doch deutlich verändert. Es gibt viel weniger Sex, keine Drogen, keine wirkliche Zuflucht, die im Orbit kreist, Francis wird charakterlich vollkommen gedreht – undsoweiter. Vor allem wird angekreidet, dass ein wichtiges Motiv für Logans Wandlung vom Sandmann zum Läufer entfällt – die Rache wegen einer Vergewaltigung seiner Jessica, die im Film nicht vorkommt.

Der alte Mann möchte die jungen Menschen kennen lernen – Logan und Jessica nehmen ihn mit zur City, als Beweis dafür, dass Leben jenseits der 30 existiert und dass Befreiung möglich ist

MGM war immer ein konservatives Studio, vielleicht wollte man die Vorlage glätten. Vielleicht wollte man sie aber auch von allen Nebeneffekten befreien und sich ganz auf den Dualismus konzentrieren, der so viele SF-Szenarien beherrscht: Diktatur gegen Freiheit, Massengleichschaltung gegen individuelles Glück. Seit „Brave New World“ und „1984“ war dies immer das große Thema dystopischer Romane und es ist auch sehr aktuell. Gar keine Frage, dass ein von hoher Intelligenz gelenktes, zentralistisches und komplett undemokratisches System am besten in der Lage wäre, verschiedene Missstände in den Griff zu bekommen, die seit 1976 nicht etwas kleiner geworden, sondern immer weiter ausgeufert sind.

Jedem denkenden Menschen muss klar sein, dass die Bevölkerung der Welt nicht ins Endlose wachsen kann, dass die Ressourcen nicht weiter so wie bisher verpulvert werden können. Im Film wird angedeutet, wie man das löst. Durch eine rigide und sehr ökonomische Art, eine Zivilisation zu gestalten. Keine Frage auch, dass das heute schon in dieser Form möglich wäre – nur, niemand will es. Weil alle echten Gefühle gegen eine solche Staats- und Wirtschaftsform sprechen. Das Dilemma scheint unauflösbar, und damit sind wir im Kern: Ist die durchaus erkennbare Vernunt, die hinter dem System von Logans Stadt steckt, tatsächlich nur mit einer Diktatur, die willenlose Wesen anstatt echter Menschen hervorbringt, zu vergleichen?

In diesem Punkt übrigens ähnelt „Logan’s Run“ auch wieder einem berühmten Vorbild: Dem Film „The Time Machine“ (1960) nach dem Roman von H. G. Wells, der diese Fragen ebenfalls sehr zuspitzt. Dort werden die Menschen nicht „aufsteigen“, sondern von einer bösen, unterirdischen Gegenzivilisation gefressen werden, wenn sie reif sind, und auch dies geschieht sinnvollerweise, solange sie jung und knackig sind. Bis dahin leben sie ähnlich apathisch und frei von materiellen Sorgen wie in „Logan’s Run“.

Nach oben oder nach unten – in Dystopien ist das Schicksal ausweglos

Die Prinzipien, die man in utopischen Romanen zuspitzt, sind meist die gleichen: Wie kann eine Gesellschaft aussehen oder wie wird sie aussehen, wenn die Entwicklung auf der Erde irgendwann zu radikalen Veränderungen führt? War es in „The Time Machine“ ein Atomkrieg, der die Welt umbrach (im Film, nicht in der Buchvorlage), nicht anders als in „Planet der Affen“; ist es in „Logan’s Run“ wohl ganz ähnlich verlaufen. Kriege, ökonomische und ökologische Fehlentwicklungen, Überbevölkerung, Hunger, Ressourcenerschöpfung – was immer es ist, es bringt radikale Lösungen und Veränderungen hervor. In „Logan’s Run“ leistet man sich nicht die mehr als ironische Pointe, dass die Affen die Herrschaft übernehmen, als die Menschen abgewirtschaftet haben, aber die Dinge stehen nicht gut.

Auch der Ausbruch eines Individuums aus dem System ist in beinahe allen diesen Romanen als Grundmotiv vorhanden, mit unterschiedlichem Ergebnis. In Logan’s Run gibt es ein Ende, das ein wenig unfreiwillig komisch wirkt. Da Logan nicht von seiner Ansicht abweicht, es gebe keine Zuflucht, verglüht der Computer, der darauf programmiert ist, dass die Zukunft existiert und zu finden ist, dass diejenigen, die sie erreicht haben, von den Sandmännern eliminiert werden können. Warum erst jetzt, fragt man sich unwillkürlich, warum erst durch Logan als Exekutor? Und weiß das großes System nichts von Box? Die Logik explodiert an der Stelle mit dem Computer und der City, die ihm in den Untergang folgt. Die Menschen aber werden frei und gehen nach draußen, um den alten Mann zu treffen. Das ist dann wieder eine schöne Abschlussszene, als ein junges Mädchen fasziniert sein weißes Haar berührt.

Im Jahr 2011 sind wir allerdings auch weiter, was die Aufnamefähigkeit für Happy-Endings im großen Stil angeht. Wir finden es immer noch toll, wenn Menschen sich finden, den Tod besiegen und was es sonst noch gibt. Aber dass eine geknechtete Zivilisation in die Freiheit tritt und alles wird gut, das sehen wir schmunzelnd. Im Gegenteil. Alles wird von vorne anfangen, wenn sich die Leute der alten Stadt bemächtigen, sie neu bewohnen, sich individuell verändern, verkrachen und in ihrer urwüchsigen Zerstörungswut auseinanderdividieren werden. Sie haben ja zudem alle keine echte Biografie, sind Retortenbabys und die meisten von ihnen emotional etwas unterbelichtet, wie Francis 7.

Das Gegenmodell bildet der alte Mann, der sich zwar an seinen eigenen Namen nicht erinnert, aber weiß, dass er Mutter, Vater, eine Kindheit hatte. Dass es Bücher gibt und Menschen, die als Einzelpersönlichkeiten Großes für ihr Land und für die Welt geleistet haben – die Washingtons und Lincolns. Der Rekurs auf diese einstigen Größen, deren Geist die Welt aber nie wirklich regiert hat, sonst wäre nicht die Wirklichkeit entstanden, in der Logan aufgewachsen ist – der singt doch das Hohelied auf Demokratie und den immer neuen Versuch, einer verflixt komplizierten und gefährlichen Wirklichkeit mit freiheitlichen Methoden Herr zu werden und nicht eine neue Welt zu erfinden, in der alles, was Menschen besonders macht, ausgelöscht ist – sogar die individuelle Alterung mit dem natürlichen Tod, der in der Realität noch nicht vorauszuberechnen ist.

Finale

Filmisch und in konzeptioneller Hinsicht ist Logan’s Run nicht frei von Verschleißspuren, das trifft aber auch auf andere SF-Filme zu, die nicht ins Weltall verlegte Heldensagen sind, sondern sich in wirklich utopische Szenarien vertiefen (eine Ausnahme stellt für uns ausgerechnet der älteste aller großen SF-Filme dar: Metropolis). Jede Zeit hat eben ihre unverkennbaren Dekors, das kommt hinzu. In „Logan’s Run“ zum Beispiel merkt man stellenweise, dass die Innenszenen in damals hoch modernen Bürogebäuden gedreht wurden.

Da gibt es schöne Rauputzwände, wie sie wenige Jahre auch in Deutschland sehr in Mode kamen und von denen man sich fernhalten musste, um sich nicht die Kleidung anzureißen, auch die Whirlpools waren damals echte Gimmicks. Und natürlich spiegelt auch die Kunststadt den Zeitgeschmack, wie wir ihn aus populärwissenschaftlichen Büchern der 70er kennen, die sich (meist positiv) mit Zukunftszenarien auseinandersetzen und die mit hübschen Grafiken ausgestattet sind. Die Liebesgeschichte, die im Verlauf mehr und mehr dominiert, ist schön, nicht tief und unbedingt notwendig als Aufhänger. Ganz selten aber, dass Utopien sich nicht anhand menschlicher Basisgefühle beweisen müssen und, wie in „Logan’s Run“, daran scheitern. Alles andere wär viel zu abstrakt fürs Mainstream-Publikum.

„Logan’s Run“ ist, trotz einiger interessanter Besonderheiten, ein Mainstream-Film. Wegen seines Plädoyers und seiner visionären Momente, wegen der hübschen Jessica und dem herrlich verschmitzten, den Film beinahe ironisch kommentierenden Peter Ustinov  und 44 Jahre nach dem Entstehen von „Flucht ins 23. Jahrhundert“

71/100.

© 2020, 2012, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Anderson
Drehbuch David Zelag Goodman, Buch: William F. Nolan, George Clayton Johnson
Produktion Saul David
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Ernest Laszlo
Schnitt Bob Wyman
Besetzung

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