Wer bin ich? – Tatort 968 #Crimetime 571 #Tatort #LKA #Hessen #Murot #HR #Wer #ich

Crimetime 571 - Titelfoto © HR, Kai von Kröcher

Der Karton bleibt zu

Selten wurde um einen Tatort im Vorfeld ein solcher Medienhype aufgebaut wie bei „Wer bin ich?“. Aber wenn derlei passt, dann bei einem Film, der die Medialität als solche thematisiert, und alle, die sich freiwillig in deren Fänge begeben haben.

Wenn man das Foto genau anschaut, das wir als Titelbild ausgewählt haben, ahnt man vielleicht schon, dass es neben der Doppelebene, auf der Tatort-Schauspieler über sich und ihre Filmarbeit reflektieren, sie also als Tatort-Figuren und als sie selbst auftreten, noch eine weitere geben könnte. In der Tat, ohne eine solche hätte der Plot nicht funktioniert. Nach dem Anschauen dieses Films fragt man sich mit Ulrich Tukur – wer bin ich? Ob wir das für uns klären konnten, steht in der -> Rezension.

Handlung

Felix Murot und Magda Wächter werden morgens in das Parkhaus der Spielbank in Wiesbaden gerufen. Dort, im Treppenhaus, wurde ein Toter gefunden. Während der Spurensicherung entdeckt Murot im Kofferraum eines Autos eine weitere Leiche. Er findet er heraus, dass einer der Toten kurz zuvor einen hohen Geldbetrag gewonnen hat, das Geld allerdings ist verschwunden.

Ging es tatsächlich nur um Geld oder steckt doch mehr hinter den Morden? – Dann passiert es: Ulrich Tukur selbst wird des Mordes verdächtigt. Ein Film im Film. Rasch erkennt Tukur, der Tukur spielt, dass es in der Filmbranche keine Loyalitäten gibt. Er stellt sich aber auch noch andere Fragen, die mit der Natur der filmischen Illusion zu tun haben und mit seiner eigenen Rolle im vergnüglichen Spiel um die Widersprüche des Genres. Ein selbstreflexives Spiel, in dem sich die Hauptfigur in interessanten Volten um sich selbst dreht. Wie ist das eigentlich, wenn man einen Kommissar spielt oder spielt, ihn nur zu spielen, während man eigentlich Ulrich Tukur ist, wobei man den allerdings hier auch nur spielt? „Wer bin ich?” 

Rezension

Wir hatten erst  heute Abend Zeit, uns den mit hohen Erwartungen verbundenen Tatort 968 anzuschauen. Weil die Erwartung so hoch waren, haben wir den kleinen Karton aus dem Schrank geholt, kurz den Staub abgewischt und ihn voller Vorfreude auf den Tisch gestellt. Und dann haben wir ihn doch nicht geöffnet. Und wir waren froh, dass wir ihn nicht öffnen mussten, haben ihn einmal liebevoll gestreichelt, ihn weggepackt und sind dann zum Schreibtisch gegangen, um diese Rezension zu verfassen.

Im Karton waren natürlich die 10 Punkte, die noch nie ein Tatort von uns bekommen hat. In der FilmAnthologie, die ein anderes, höher angesiedeltes Bewertungsschema hat, ist es ja neulich passiert, dass wir sie vergeben haben, der Platz neben 10 Punkte-Tatort-Karton war also schon leer. Nein, besser als „Im Schmerz geborgen“ ist „Wer bin ich?“ nicht. Und der vierte Murot ist der bisher einzige Tatort, dem wir die 9,5/10 überreicht haben. Allerdings wird er bald einen Bruder bekommen, denn nach so vielen Rezensionen für die Tatort-Anthologie und damit einem besseren Überblick übe die gesamte Reihe ist bereits abzusehen, dass wir beim demnächst fälligen Wiedersehen mit „Reifeprüfung“ diesen von 9 auf 9,5 anheben werden.

Das Filmische war bei „Im Schmerz geboren“ einfach stärker. Die Ruchlosigkeit der Inszenierung, das Wagnis, der Bombast und dieser Unwille, auch nur auf das Geringste zu verzichten, was gerade als Idee daherkam, um 90 Minuten noch praller zu füllen. Die Verknüpfung von Theater mit Film und das Zitieren großer Regisseure. Das alles in einem Tatort  und nicht in einer Reflexion über. Dass war fantastisch gemacht. Allerdings: Die Meta-Ebene hatte sich  mit dem Durchbrechen der Vierten Wand durchaus angedeutet.

Einen Murot später riecht es nach Abschied. Das Ende lässt darauf deuten. Denn was soll man noch mit einer Figur anfangen, die sich abgespalten und der Kontrolle ihres Darstellers entzogen hat? Die offenbar in eine Bibliothek gegangen ist und sich dort zu sehr in die vielen literarischen Doppelgänger und „Anderen“ vertieft hat, als dass sie noch mit Ulrich  Tukur eine Person sein könnte. Ja, es gibt ältere Tatorte, da war es schon, das Böse, wie Tukur es verkörpert hat, bevor er in die Murot-Rolle schlüpfte und Murot hatte diesen Hirntumor. Kein Wunder, die starke Spreizung seiner Psyche muss enorm aufs Kastl gedrückt haben. Dann hat man ihn vom Tumor befreit und damit wohl auch vom Gewissen. Hätte man das geahnt. Hätte man das selbst nach „Im Schmerz geboren“ geahnt, der doch schon darauf hinweist, dass aus dem Schmerz eine Figur erwächst, die frei von allen moralischen Belastungen ist. Dieses Experiment ging also schief, wie so viele Experimente am Menschen, die wir im Film schon gesehen haben. Manchmal sind der Eine und der Andere in ein und demselben Körper geblieben, aber nicht immer. Nein, wir versuchen jetzt nicht, eine Schau von Filmen zusammenzutragen, in denen Menschen irgendwann ihrem anderen Ich gegenüberstanden oder -saßen, wie Tukur gegenüber Murot, in der Schlussszene. Die Zitatmöglichkeiten sind zu vielfältig, als dass wir ein literarisches Motiv auf ein bestimmtes Vorbild verengen und es mehr oder weniger wahllos und spekulativ unseren Lesern vorlegen wollen. Wir sind auch ein wenig zu eitel für eine solche Festlegung.

So, wie eben Schauspieler hier Schauspieler-Eitelkeiten spielen. Nur darf man nicht davon ausgehen, dass dies ihre wirklichen sind, das ist eine weitere Ebene, auf die man achten sollte. Wir gehen nach dem Angucken von „Wer bin ich“ nicht davon aus, dass das neue Frankfurter Team Koch-Broich miteinander am Set nicht kann, wenn es Brix und Janneke spielt. Oder dass Koch kaum  anderes im Kopf hat, als Brix mit Waffe gut aussehen zu lassen. Aber zur Reflexion über die Selbstreflexion in diesem Tatort gehört auch, dass ein neues Team, das sich gegen viele andere behaupten muss, damit interessant gemacht und von seinem Sender promotet wird. Außerdem glauben wir nicht, dass Martin Wuttke nach dem Aus seiner Keppler-Figur in Leipzig darauf angewiesen ist, 78.000 Euro zu klauen, weniger also, als ein Hauptdarsteller für einen Tatort bekommt.

Trotzdem ist da auch das echte Element. Dass Schauspieler über ihre Dialoge nörgeln und sich dann als sie selbst auch nicht viel elaborierter unterhalten, ist sehr schön inszeniert, und wie es um die Loyalitäten im Filmbusiness bestellt ist, das entspricht, wie es hier gezeigt wird, sicher nicht ganz der Wirklichkeit, aber in der Pointierung liegt die Veranschaulichung – und welcher Stab muss schon beweisen, dass er zu einem Schauspieler hält, der unter Mordverdacht steht? Der Mordverdacht kann auch darin bestehen, ein Quotenkiller zu sein, und dieses Verbrechens wurden schon einige Tatortschauspieler für schuldig befunden und  mit Absetzung bestraft. Nicht immer zu Recht. Aber was ist denn überhaupt Recht, in diesem Zusammenhang?

Finale

Wir haben’s gewiss schon bei der Rezension von „Im Schmerz geboren“ und einigen anderen außergewöhnlichen Tatorten geschrieben: Das Format wird auf absehbare Zeit nicht von diesen Experimenten derart geprägt werden, dass sie zum Normalzustand der Reihe werden. Die Traditionalisten müssen sich also keine Sorgen machen. Wenn ein Tatort dann zu normal wirkt, wie vor ein paar Tagen „Benutzt“ aus Köln, die vorausgehende Premiere, dann ist es aber auch wieder nicht recht.

Das Ende des Films hatte etwas Trauriges, und wenn es stimmt, dass Ulrich Tukur mit Murot Schluss macht, weil dieser ihn verraten und ausgenutzt hat, dann liegt darin weniger Entsetzen als Melancholie. Auch du, mein Sohn. Darüber kann man sicht nicht mehr aufregen, es bleibt die Resignation, die zunehmend zur Grundstimmung unserer Zeit wird. Selbst wenn sich ein anderes Ich verselbstständigt, man kann es nicht mehr retten oder bekehren und sich selbst nur durch dessen Tod erlösen. Manchmal sogar nur durch den eigenen, wie in vielen literarischen Vorlagen, die wir selbstverständlich nicht deklinieren. Aber das wollen wir ja nun nicht hoffen. Sonst könnte Ulrich Tukur ja keine Nazis mehr spielen, für die er Filmpreise bekommt und damit nicht mehr den Neid weniger begnadeter Kolleginnen und Kollegen genießen.

8/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Neben Ulrich Tukur und Barbara Philipp sind in weiteren Rollen das Frankfurter “Tatort”-Team Wolfram Koch und Margarita Broich sowie Martin Wuttke, Michael Rotschopf, Yorck Dippe, Sascha Nathan, Caroline Schreiber, Justus von Dohnányi, Elias Eilinghoff, Franz Dobler und Eisi Gulp zu sehen. An der Kamera stand Michael Kotschi, für das Szenenbild war Börries Hahn-Hoffmann verantwortlich, den Ton besorgte Majid Sarafi. Den Schnitt machte Stefan Blau, um das Kostümbild kümmerte sich Katharina Schnelting. Die Produktionsleitung hatte Uli Dautel.

Musik: Bertram Denzel
Kamera: Michael Kotschi
Buch: Bastian Günther
Regie: Bastian Günther

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