Der große Eisenbahnraub (The First Great Train Robbery, UK 1979) #Filmfest 115

Filmfest 115 A

2020-08-14 Filmfest ADas etwas andere Viktorianische Zeitalter

Die Handlung dieses „Heist-Movies“ (die Durchführung eines Raubes steht im Zentrum der Handlung, die Perspektive ist diejenige der Räuber) trug sich tatsächlich zu – im Jahr 1855. Michael Crichton hat einen Roman dazu geschrieben, wie das Krimgold aus einem fahrenden Zug geraubt wurde und zeichnet bei der Verfilmung sowohl fürs Drehbuch als auch für die Regie verantwortlich.

Wir kennen das epische, die 64 Jahre von 1387 bis 1901 umfassende „Viktorianische Zeitalter“ einerseits in seiner späten Variante als elegant und kriminalistisch düster, gesellschaftlich gleichermaßen restriktiv wie formvollendet. Es gibt aber auch die frühe Zeit, in der u. a. die auf andere Weise düstere Welt von Charles Dickens hineinreicht, in dessen Büchern viel von sozialen Missständen erzählt wird.

„The Great Train Robbery“ fällt ins frühe Viktorianische Zeitalter, als die Eisenbahnwaggons noch ein wenig wie aneinandergefügte Kutschen aussahen und kräftige Farben trugen, insbesondere die Erste Klasse. Gleichermaßen bunt war offensichtlich die Mode und prächtig die Haartracht. Durchaus möglich, dass bei der Ausstattung des Films, die das spiegelt, noch zwei andere Aspekte eine Rolle spielten: einerseits die 1970er Jahre, in denen er entstand und die bekanntlich auch zu ausladenden Kleiderschnitten und großer Farbintensität neigten, andererseits die Ironie, die sich sehr stark durch „The Great Train Robbery“ zieht.

Alles ein wenig übertrieben, möglicherweise. Die Zylinder ein paar Zentimeter höher, die Schleifen und Rüschen auf den Hemden und die Backenbärte etwas breiter als in der damaligen Wirklichkeit. Symbolik für die ironisch-heitere Gestaltung eines Raubüberfalls, bei dem die Räuber ganz und gar die Sympathieträger sind.

Nicht nur, weil sie sich so anstrengen, um diesen für unmöglich gehaltenen Coup von für die Armee bestimmten Geldern auszuführen. Nicht nur, weil mit Sean Connery einer der elegantesten Komödianten aller bisherigen Kinozeiten (vielleicht der zweitbeste – nach Cary Grant) die Hauptrolle spielt, mit Witz und derselben humorvollen Distanzierung, mit welcher er James Bond in bis heute unübertroffener Manier verkörperte.

In Donald Sutherland als Schränker und Spezialist für falsche Schlüssel hat er hier einen kongenialen Mitdarsteller nicht als Gegner, wie in den gelungeneren Bond-Abenteuern, sondern als Gefährten und Mitgauner. Zudem gibt es eine luxuriös ausschauende Lesley-Anne Down als Gespielin von Bond … hier heißt er Edward Pierce bzw. John Sims zu bewundern (1).

Hauptsächlich aber ist es die Haltung des Film, die den Spaß ausmacht. Die Oberen Zehntausend werden etwas blasiert und gleichzeitig an niederen Instinkten klebend gezeigt, die unteren Zehntausend freuen sich über die Hinrichtung einer abgehärmten Frau, als ob Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen, ein wenig zotig ist der Film stellenweise auch – insgesamt ganz und gar ein Produkt jener Zeit, als Gauner ihre Beute endlich behalten durften, weil es keine inhaltliche Filmzensur mehr gab; als Sympathie für diejenigen, die Geld für Kriegskassen klauen und dem ganzen Apparat ein Schnippchen schlagen, wie eine Befreiung über die Welt des Kinos kam.

Man kann auch heute gut mit Leuten mitgehen, die sich ein schönes Leben machen wollen mit Moneten, mit denen das oft rücksichtslos und weltweit für seine Interessen kämpfende British Empire seine Soldaten auf der russischen Krim finanzieren wollte, wo es gerade wieder einen seiner (immer klug begrenzten) Interessenskonflikte austrug.

Nie war Großbritannien selbstironischer als in den 1970er Jahren, die nicht von ungefähr auch die hohe Zeit der Monty Pythons waren (für den Wahlberliner rezensiert: „Life of Brian“, weiere ihrer Filme werden folgen). Das Empire, das in der Zeit, in welcher der Film spielt, seine Vollendung findet, existierte 1978 nicht mehr, die Wirtschaft lief schlecht und man war auf eine Weise unbeschwert und frei von überschießenden Ambitionen wie vielleicht niemals zuvor in der ruhmreichen Geschichte der splendid Isolation, die eh vorbei war und sich erst in unserer Zeit rekonstituiert.

Diese beschwingte Lässigkeit prägt „The Great Train Robbery“ unübersehbar, auch wenn sich die Einheit aus Autor der Buchvorlage, Drehbuchschreiber und Regisseur stellenweise etwas problematisch darin äußert, dass die Dialoge die Handlung trotz der grundsätzlichen Thriller-Anlage dominieren. Aber es handelt sich ja auch um eine Krimikomödie und die etwas handlungsarme, dialoglastige Erzählweise ist nur im ersten Teil des Films zu bemängeln.

Der zweite ist durch die Ausführung des Raubes geprägt und mit hinreichender Geschwindigkeit für ein Heist-Movie gefilmt. Mit mehr als hinreichender Geschwindigkeit fuhr auch der Zug, den man eigens gebaut hatte, nämlich 90 anstatt geplanter 60 km/h, die 1855 wohl in etwa realistisch waren. Umso bemerkenswerter, dass Sean Connery sich u. a. für die Sequenz, in welcher er sich auf den Dächern der Waggons bewegt, nicht hat doubeln lassen. Er wirkt ein wenig angestrengt, während dieser Stunts, das lässt sie sehr natürlich ausschauen und trägt zum authentischen Feeling bei, das der gesamte Film bietet, auch wenn unverkennbar die Attitüde und die soziale Botschaft der Entstehungszeit 120 Jahre nach dem Geschehen mitschwingt.

Es gibt gewiss dramatischere Heist-Movies und Filme, in denen Sean Connery als Schauspieler mehr gefordert wurde, aber ein vergnügliches und mit einigem Charme ausgestatttes Schauspiel ist „The Great Train Robbery“ heute noch. Der Film trägt zudem einen berühmten Namen – den gleichen wie der 12-Minutn-Western aus dem Jahr 1903, der heute als erster Spielfilm der Geschichte gilt. „The Great Train Robbery“ steht zudem für einen spektakulären Millionenraub aus dem Jahr 1963, der u. a. 1965 in Deutschland als „Die Herren mit der weißen Weste“ verfilmt wurde.

73/100

© 2020, 2013, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

(1) Einem breiten Publikum wurde Lesley-Anne Down in Deutschland durch ihre Rolle als Südstaatenschönheit Maedeline an der Seite von Patrick Swayze im Fernseh-Mehrteiler „Fackeln im Sturm“ (1985, 1986) bekannt.

Regie Michael Crichton
Drehbuch Michael Crichton
Produktion John Foreman
Musik Jerry Goldsmith
Kamera Geoffrey Unsworth
Schnitt David Bretherton
Besetzung

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