Westfront 1918 (D 1930) #Filmfest 114

Filmfest 114 A

2020-08-14 Filmfest AKein Patriotismus, kein Optimismus

Wir setzen die 2016 entstandene Rezension zu „Westfront 1918“ in den Zusammenhang mit den hier veröffentlichten / empfohlenen Kritiken zu „Im Westen nichts Neues„, „1917„, „Teufelsflieger“ und „Aviator„. Damit hat sich, zunächst unbeabsichtigt, ein Themenschwerpunkt herausgebildet, der auch in unserer Rubrik „Crimetime“ anlässlich der aktuellen Babylon-Berlin-Rezensionen eine Rolle spielt: Filme über den Ersten Weltkrieg. Die in der -> Rezension erwähnte Kritik zu „Wege zum Ruhm“ (1957), einem der eindrucksvollsten Filme über den Ersten Weltkrieg, werden wir ebenfalls demnächst veröffentlichen. Regisseur G. W. Pabst hatte vor dem Tonfilm die beiden Kinostücke mit Louise Brooks „Die Büchse der Pandora“ und „Tagebuch einer Verlorenen“ inszeniert, die in keiner Aufzählung über wichtige Filme des Weimarer Kinos fehlen dürfen. Für den Wahlberliner werden wir auch diese beiden Werke rezensieren.

Handlung

Frankreich 1918. In den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs verbringen vier Infanteristen – der Bayer, der Student, Karl und der Leutnant – ein paar Ruhetage hinter der Front. Dabei verliebt sich der Student in das französische Bauernmädchen Yvette. Wieder an der Front, erleiden die vier aufs Neue den Kriegsalltag mit Entbehrungen, Schmutz und Todesgefahr. Der Bayer, Karl und der Leutnant werden verschüttet, der Student gräbt sie aus. Später geraten sie irrtümlich unter den Beschuss eigener Artillerie, und wieder rettet sie der Student: Als Meldegänger riskiert er sein Leben, um die Einstellung des Feuers zu erwirken.

Karl erhält Urlaub in die hungernde Heimat und erwischt prompt seine Frau im Bett mit einem Metzgergesellen. Verbittert und unversöhnt kehrt er an die Front zurück. In seiner Abwesenheit wurde der Student im Nahkampf erstochen. Im Schlamm eines Granattrichters liegt noch seine Leiche, nur eine Hand ragt heraus. Eine feindliche Offensive kündigt sich an. Schließlich bricht der von Panzern unterstützte Großangriff französischer Infanterie über die dünnen deutschen Linien herein. Bei der Abwehr des Ansturms werden Karl und der Bayer schwer verwundet, die übrigen Angehörigen der Gruppe fallen. Der Leutnant hat einen Nervenzusammenbruch und fällt in geistige Umnachtung. Pausenlos „Hurra“ schreiend, salutiert er einem Leichenhaufen. Er wird ins Feldlazarett eingeliefert, ebenso wie Karl und der Bayer. Im Fieber sieht Karl noch einmal seine Frau und stirbt mit den Worten „Alle sind wir schuld!“. Man deckt ihn zu, aber seine Hand hängt seitlich heraus. Ein neben ihm liegender französischer Verwundeter nimmt sie in die seine und sagt: „Feinde – nein – Kameraden.“ Die Schlusseinblendung „Ende“ ist mit einem Fragezeichen und einem Ausrufezeichen versehen. 

Rezension

G. W. Pabst – eine neue Entdeckung

Ich bin wirklich spät dran, einen der besten deutschen Regisseure am Beginn der Tonfilmära betreffend, kenne nicht seine „Büchse der Pandora“ und auch nicht den Nachfolgefilm von „Westfront 1918“ mit dem Namen „Kameradschaft“, in dem das deutsch-französische Verhältnis von einer anderen Seite als aus dem Grabenkrieg von 1914-18 beleuchtet wird. Im Moment befasse ich mich allerdings wieder viel mit unserem Vorkriegs- und Kriegskino, daher passt der Film natürlich gut, auch, um Georg Wilhelm Pabst kennenzulernen. Leider fehlt mir aus den letzten Jahren und als Rezension beim Wahlberliner auch „Im Westen nichts Neues“, mit dem ich Pabsts Werk sicher gut hätte vergleichen können. Soviel allerdings schon jetzt, auch wenn die Erinnerung an „Im Westen nichts Neues“ ein wenig verblasst ist: „Westfront 1918“ hat eine ähnliche Grundanlage, indem er das Schicksal vierer Soldaten heraushebt, um den Krieg erfahrbar zu machen. Diese Handlungsführung ist allerdings mehr oder weniger selbstverständlich, solange es sich nicht um einen Dokumentarfilm handelt. „Westfront“ ist aber kürzer und weniger breit angelegt als „Im Westen nichts Neues“.

Bekanntlich zweifeln wir beim Wahlberliner grundsätzlich an der Existenz eines Genres oder Subgenres „Antikriegsfilm“, aber vielleicht doch endlich ein Film, den man so bezeichnen kann?

Ich habe dies schon dem fantastischen „Wege zum Ruhm“ zugeschrieben, obwohl auch er nicht frei davon ist, Soldatentum als solches auch mit positiven Attributen auszustatten. Die meisten Antikriegsfilme haben für mich ein Grundproblem, nein, sogar zwei: Das eine ist, dass vor allem US-Filme doch immer wieder sehr in Gewalt schwelgen und sich durch ihre Bildsprache verraten, die eben nicht das Abscheuliche allein in den Vordergrund stellt, sondern auch die Faszination für Gewalt nicht leugnen können. Damit einher gehen positive Figuren im Krieg, welche die Identifikation des Zuschauers erreichen sollen, und zwar nicht aufgrund ihrer bedauernswerten Schicksale, sondern ihres besonders hervorzuhebenden Verhaltens im Krieg. Oft werden sie von bösen Vorgesetzten und Politikern in sinnlose Abenteuer geschickt. Das trifft für den gesamten Ersten Weltkrieg natürlich auch zu, und besonders für jene Frontsoldaten, und sie sind vielleicht weniger selbst daran schuld, als Karl, einer der vier von der Infanterie, im Moment seines Todes glaubt. Aber sie sind bei Pabst nicht mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet, kämpfen nicht besser als ihre Gegner, die Franzosen, sind der zunehmenden materiellen Überlegenheit der Alliierten und deren richtiger Entscheidung, auf Tanks zu setzen, 1918 beinahe hilflos ausgeliefert, wie man in den letzten Kampfszenen gut erkennen kann.

Nebenbei ist das auch ein  Kommentar zur Dolchstoß-Legende: Deutschland hätte, das kann man dem Film klar entnehmen, den Krieg auf jeden Fall verloren, egal, wie die Politiker optiert hätten, es hätten nur vielleicht noch etwas länger dauern können, bis sie nämlich ganz auf deutsches Gebiet zurückgeworfen worden wären und Deutschland möglicherweise schon damals ganz besetzt worden wäre. Die Zahl der Opfer hätte sich damit aber weiter erhöht.

Die Kompromisslosigkeit der Figurenzeichnung, also von Menschen, die nie etwas anderes sein wollen und sein können als ganz normale Alltagstypen, die im Krieg einen elenden Tod finden, macht Pabsts Film noch heute besonders und ist gerade in unserer gewalttätigen Zeit sehr aktuell. Dass die Inszenierung ziemlich unkompliziert wirkt und stellenweise etwas roh, verstärkt den realistischen Eindruck des Schützengrabendaseins im Ersten Weltkrieg eher. Ich glaube aber, alle Szenen sind original gedreht, es ist kein Archivmaterial eingebaut, und das ist noch einmal mehr bemerkenswert, weil dadurch die Aufnahmen stilistisch recht einheitlich sind und nicht der Eindruck, der mich immer etwas stört, entsteht, dass Dokumentation und Fiktion zusammengeschnitten wurden.

Also ist „Westfront 1918“ wirklich ein Antikriegsfilm.

Die Nazis haben ihn so gesehen, und ihn 1933 sogleich verbieten lassen. Ich sehe es auch so, freilich mit einer anderen  Haltung, und glaube, bei alle Vorsicht hier einen der wenigen wirklichen Antikriegsfilme identifiziert zu haben. Sicher gibt es auch in ihm Momente, die nicht in den Schützengräben spielen und das klaustrophobische Bild, welches das Leben und Sterben in Erdwällen vermittelt, auflockern: Das Fronttheater. Die Heimatfront. Und natürlich die Liebe des Studenten zu einem französischen Mädchen, die gemütlichen und ein wenig derben Szenen im Haus ihrer Familie. Ganz ohne solche Elemente funktioniert wohl auch ein noch so ernst und ehrlich gemeinter Film nicht, denn das Publikum muss Momente der Erholung und der Hoffnung präsentiert bekommen. Wenn die Erholung so kurz ist, wenn die Heimatfront sich sogar als depressionsfördernd erweist, wenn am Ende alle Hoffnungen zerstört sind, wirkt dies umso mehr. Und leider ist es notwendig, zu zeigen, dass Hoffnung in einem Massenvernichtungskrieg beinahe mit einer Illusion gleichzusetzen ist. Eine Erwartung auf Erlösung gibt es nicht, und das Hospital, vermutlich in einem Kloster eingerichtet, in dem „Westfront 1918“ endet, ist ein apokalyptischer Ort. Sie sind verwundet oder wahnsinnig geworden, die im Feld nicht etwa gestählten, sondern traumatisierten Soldaten, und sie sterben, wie der letzte der vier von der Infanterie, Karl, auf den unser Interesse im Besonderen gelenkt wurde, weil er im Heimaturlaub feststellen musste, dass seine Frau sich mit einem anderen Mann befasst hat, um an Lebensmittel zu kommen.

In der Tat war der Hunger im Deutschen Reich währen des Ersten Weltkrieges groß – größer als im NS-Krieg zwanzig Jahre später, als ein ausgefeiltes Rationierungs- und Markensystem fürs Notwendigste sorgte, zumindest lebensmittelseitig. Die Demoralisierung der Menschen, die „Westfront 1918“ zeigt, war nichts, was man während der Vorbereitungen auf den nächsten Krieg in den Raum stellen wollte. Dadurch, dass ich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Kritik für das Filmfest des neuen Wahlberliners z. B. „Babylon Berlin“ rezensiert habe, die Serie spielt im Jahr 1929, bin ich auch etwas tiefer in die Recherche zur „Schwarzen Reichswehr“ gestiegen und weiß daher etwas mehr über die heimliche Wiederaufrüstung Deutschlands unter Verletzung des Versailler Vertrags schon in der Weimarer Republik, bevor die Nazis an die Macht kamen.

Dass der nächste Krieg kommen würde, das ahnten wohl 1930 schon hellsichtige Menschen. Man beachte das „Ende?!“-Tableau. Genau darum geht es nämlich, es enthält ein Ausrufezeichen, nämlich die Notwendigkeit, mit dem Wahnsinn endlich Schluss zu machen, aber auch ein Fragezeichen, das Skepsis darüber ausdrückt, ob die Menschen wirklich begriffen hatten. Wir wissen leider, dass dem nicht so war und dass es bis heute nicht so ist. Nur die drohenden Atompilze haben vermutlich den Westeuropäern eine nunmehr 75-jährige Friedenszeit beschert.

Kennzeichen der WB-Rezensionen ist der politische Kontext, der Blick in die Gegenwart, also „Westfront 1918“ heute.

Für mich ist diese Rezension auch der persönliche Beitrag zu „100 Jahre Verdun“, das am heutigen Tag begangen wurde. Die Notwendigkeit zur Versöhnung und zum Ausgleich sind dringend und vorrangig, und ich bin nicht sicher, dass die Politik, auch die deutsche und die französische, auf ganz verschiedene Weise wirklich etwas gelernt haben, was den Menschen dient und von der rücksichtslosen Durchsetzung eigener Interessen zu einem globalen Verständnis weist. Die Befürchtung eines Atomkrieges ist es vor allem, die den Frieden sichert und wohl in unseren Ländern weiter sichern wird. Die Schlachten gibt es immer noch. Sie werden mehr als einst im Hintergrund in Form eines ökonomischen Tauziehens ausgetragen, das einem morschen Wirtschaftssystem seine Existenz erhält, aber die Menschen schon lange nicht mehr interntional solidarisiert, wie es am Ende von Pabsts Film kurz gezeigt wird, als der französische, verwundete Soldat die Hand des sterbenden Karl nimmt.

Finale

„Westfront 1918“ gehört für mich zu den wichtigen deutschen Filmen, auch wenn er nicht perfekt ist und so gar nichts hat, woran man sich aufrichten könnte. Erbauung und Patriotismus ganz beiseite zu lassen, ist eine große Leistung, denn wenn ich zurück in die Entstehungszeit gehe: „Fridericus“-Filme sind wohl eher für die damalige deutsche Kinolandschaft üblich gewesen als Papsts besonderes Einzelwerk mit seiner kompromisslos negativen Tendenz. Man hat aber zumeist das Heil in der glorreichen Vergangenheit gesucht, und das schon 1921, als der erste Film über Friedrich II. von Preußen herauskam. Und diese Rückwärtsgewandtheit war schon ein erster unheilvoller Ausblick darauf, was kommen würde, der Rücksturz in die Barbarei. Man muss die Geschichte ein wenig kennen, um heutige Vorgänge bewerten zu können, aber das ist nicht dasselbe wie das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen.

Alles, was in dem Film geschieht, ist wahr oder wirkt echt, wobei die Sequenzen, in denen die Schützengräbenlandschaft gezeigt wird, und zwar immer aus der niedrigen Perspektive des Beteiligten, nie als Schlachtfeld-Überblick, besonders hervorstechen. Die damalige Unmöglichkeit, mit dem Kamerakran über die Gegend hinwegzufilmen, die technischen Begrenzungen, haben möglicherweise dazu beigetragen, dass der Film so authentisch und von Stilisierung frei wirkt. Kinematografisch-dramaturgisch gab es allerdings auch damals schon ausgefeiltere Werke, deshalb komme ich nicht in die allerhöchsten Bewertungszonen – und weil ich nicht glaube, dass ich einem Film, der vom Krieg handelt, je 10/10 geben kann, und sei er so sehr dagegen wie „Westfront 1918“. Die bisherige Bestwertung für einen Kriegsfilm ging an „Wege zum Ruhm“ von Stanley Kubrick und dürfte bei der Wiederveröffentlichung im Filmfest etwa 90/100 betragen.

84/100

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie G.W. Pabst
Drehbuch Ladislaus Vajda
Peter Martin Lampel
Produktion Seymour Nebenzal
Musik Alexander László
Kamera Fritz Arno Wagner
Charles Métain
Schnitt Wolfgang Loë-Bagier
Besetzung

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