Spione küsst man nicht (Rendezvous, USA 1935) #Filmfest 118

Filmfest 118 A

Screwball-Spionage

Um Eindruck bei seiner neuen Liebe Joel zu schinden, gibt der Journalist Bill Gordon vor, Autor eines Fachbuches zur Entschlüsselung von Geheimcodes zu sein. Prompt findet er im Büro von Joels Onkel wieder, wo er feindliche Codes entschlüsseln soll. 

Handlung

Der lebensfrohe Journalist Bill Gordon (William Powell) brennt darauf, für sein Land an vorderster Front zu kämpfen. Kurz bevor er den Marschbefehl erhält, lernt er die reizende Joel Carter (Rosalind Russell) kennen und verbringt mit ihr den Abend. Um Eindruck zu schinden, gesteht er ihr, er sei der Autor eines berühmten, unter Pseudonym publizierten Fachbuches über das Dechiffrieren von Geheimcodes. Bill ahnt nicht, dass Joel die Nichte von John Carter (Samuel S. Hinds) ist, der im Kriegsministerium die Abteilung für Spionageabwehr leitet. Als der von Bills Qualitäten erfährt, kommandiert er ihn umgehend in seine Abteilung ab.

Statt an der Front befindet Bill sich in einem Büro, wo er unter der Leitung von Major Brennan (Lionel Atwill) feindliche Codes dechiffrieren soll. Durch sein spezielles Talent findet er heraus, dass die Gegenseite alle amerikanischen Funksprüche abfängt und dechiffriert. Die undichte Stelle ist bald gefunden. Major Brennan entlarvt seine eigene Geliebte Olivia (Binnie Barnes) als Spionin. Doch als er sie verhaften will, kommt Olivia ihm zuvor und erschießt Brennan. Olivia versucht auch Bill zu täuschen, doch der schöpft Verdacht und stellt ihr geschickt eine Falle. Dazu muss Bill seine Geliebte Joel versetzen und mit Olivia ausgehen. Joel ahnt nicht, dass Olivia eine feindliche Agentin ist und glaubt, dass Bill sie betrügt.

Rezension

Dummerweise erzählt Bill Gordon seiner Joel, dass er unter Pseudonym ein Dechiffrierbuch geschrieben hat, und da sie ihn liebt und nicht will, dass er nach Europa an die Front abrückt, macht sie ihre Beziehungen nutzbar und er bekommt einen Posten beim Geheimdienst – in der Dechiffrierabteilung. Obwohl er wirklich mit viel Spürsinn einen deutschen Spionagering aufdeckt und dann an die Front will, passiert ihm am Ende das Gleiche wieder und er muss zurück an den Schreibtisch. Zwischenzeitlich bringt seine Flamme ihn in arge Bedrängnis, weil der Spionagering ihrer habhaft wird und versucht, ihn zu erpressen. Natürlich löst er die Situation auf elegante, einem Agenten gemäße Weise auf – was dazu führt, dass die Handlung, die bis dahin im Ganzen logisch war, etwas Schlagseite bekommt.

William Powell ist dieses Mal nicht Nick, der lebensfrohe Privatdetektiv, der hinter dem dünnen Mann her ist, sondern Lt. Bill Gordon, der patriotische und lebensfrohe Offizier und Gentleman, hinter dem eine schlanke Frau her ist. Ausnahmsweise handelt es sich nicht um Myrno Loy, sondern die im Fach der Screwball-Comedy ebenso versierte Rosalind Russell.

So schlimm ist das allerdings hier nicht, denn Mitte der 1930er begann die Zeit der Screwball-Komödien, und der Witz und das Spiel der Geschlechter steht im Film gleichberechtigt neben der in der Tat fantasievollen Gestaltung der Haupthandlung. Den Nationalsozialismus hingegen nahm man damals noch nicht so ernst wie einige Jahre später, sonst hätte der Film vielleicht eine andere, weniger elegante und ernstere Atmosphäre verpasst bekommen – wobei explizit antideutsche oder Anti-Nazi-Filme bis zum Kriegseintritt der USA Ende 1941 nicht sonderlich erwünscht waren (der erste wichtige Film zum Thema war Chaplins „The Great Dictator“, der im Herbst 1940 Premiere feierte und erst im Frühjahr 1941 landesweit in die Kinos kam).

Die Kombination eines typischen Screwball-Themas, des Liebes-Dreiecks, mit einer Spionagehandlung ist wie geschaffen für James Bond: inkludiert sind ein gutes Bond-Girl und die böse Gegenspielerin, aber die Verzahnung des Liebes-Parts mit dem Spionage-Plot ist noch nicht so ausgefeilt und durch schmissige Action unterlegt wie 30 Jahre später. Außerdem gibt es den schon ziemlich ernsten Moment, in dem ein junger multinationaler Offizier (Cesar Romero), der sich dafür entschieden hat, für Deutschland zu spionieren, sich opfert, um seine Mitstreiter im Spionagering zu schützen – da kommt doch wieder etwas Mata Hari-Feeling auf und der Film wirkt dadurch im Tenor nicht ganz einheitlich. Bei Bond hat man es später vermieden, den Gegnern des Geheimagenten ihrer Majestät sympathische Züge und einen nachvollziehbar ernsten Charakter zu geben, sondern sie bewusst übertrieben und nicht an der Landesverteidigung, sondern an der Weltherrschaft interessiert gezeigt.

William Powell war 1935 bereits ein Star, doch bei Rosalind Russell muss man berücksichtigen, dass sie ihr erster Film kaum mehr als ein Jahr zurück- und die Erfolge in Filmen wie „Die Zitadelle“ (1937) oder den Komödien „His Girl Friday“ (1940) an der Seite von Cary Grant noch einige Zeit voraus lagen.

Dass die Kryptografie, wie sie im Film gezeigt wird, so echt wirkt, dass sie beinahe nur von einem Insider beschrieben sein kann, liegt daran, dass der Film auf einem Buch basiert, das von einem Insider namens Herbert Yardley stammt und „The Black Chamber“ hieß (es wurde 1931 publiziert).  Dieser Experte war auch die Vorbildfigur für Powells Bill Gordon. 

Finale

Schon witzig, welche Filme immer wieder den Weg auf den Bildschirm von Sendern finden, die sich auf Spezielles konzentrieren – wie in diesem Fall von 3Sat. Mit Speziellem ist ja meist das Wichtige und Künstlerische gemeint, aber man kann mit einem gewissen Augenzwinkern mal einen Film wie diesen in einen Themenabend über Agenten und Spione integrieren und im Anschluss eine James-Bond-Parodie zeigen, mit Reminiszenzen an diesem fernen Vorläufer.

Was wir uns wünschen würden, dass die einflussreichen und publikumsträchtigen Filme jener Zeit wieder breiteren Zugang finden, denn wer, wenn nicht Sender wie 3Sat oder ARTE, sollten das in Deutschland leisten? Die Dritten der ARD sind längst keine Themengiganten mehr, die Dokumentationen un die wichtigsten Filme von Genres, Ländern und Epochen über Wochen hinweg durchziehen konnten – für ein Double Feature reicht es manchmal noch.

Auch in Deutschland wird es Fans der „Dünner Mann“-Serie mit William Powell geben, und auch für Spezialisten der Arbeit der geheimen Dienste hält der Film ein Schmankerl parat, indem er die Arbeit der Dechiffrierarbteilung im Kriegsministerium der USA im Ersten Weltkrieg im Jahr 1917 wohl recht realitätsnah zeigt. Im Zweiten Weltkrieg gab es bekanntlich längst maschinelle Chiffrier- und Dechiffriermaschinen wie die deutsche Enigma, über deren Entschlüsselung durch die Alliierten es ebenfalls mindestens einen Film gibt.

Nachwort 2020 anlässlich der Veröffentlichung: Aus dem öffentlichrechtlichen Medien wird die Zugänglichmachung wichtiger älterer Filme wohl kaum noch kommen, was insbesondere deshalb schade ist, weil die früheren „Specials“ mit Begleitmaterial fehlen – eher werden wir spezialisierte Streamingdienste nutzen können oder die Tatsache, dass immer mehr alte Filme gemeinfrei werden und problemlos auf Youtube und anderen Plattformen gezeigt werden können.

64/100

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Directed by William K. Howard
Sam Wood (uncredited)[1]
Produced by Lawrence Weingarten
Screenplay by P. J. Wolfson
George Oppenheimer
Adaptation:
Bella and Samuel Spewack
Uncredited:[1]
Herman Mankiewicz
Howard Emmett Rogers

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