Frühstück für immer – Tatort 904 #Crimetime 574 #Tatort #Leipzig #Saalfeld #Keppler #MDR #Fruehstueck #Frühstück

Crimetime 574 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Nein, nein, so muss das nicht sein! Es gibt einen Berlinien-Bus, mit dem kommt von Leipzig ganz günstig nach Berlin, und man wird geheilt. Nein, wir meinen nicht eine Heilung in den berühmten Kliniken, die es hier gibt, sondern die vielen, die tausend Möglichkeiten, wie Männer und Frauen über 40 zueinander finden können, ohne dass es so mörderisch wird wie in „Frühstück für immer“.

Es ist nicht leicht, wenn man den ganzen Tag an einer Analyse von „Es war einmal in Amerika“ gesessen hat, auf einen Leipziger Tatort umzuschalten. Plötzlich wird alles so banal. Dafür kann der Leipziger Tatort nichts, der Vergleich hinkt nämlich. Oder? Wir müssen das alles in der -> Rezension auseinanderklamüsern.

Handlung

In den frühen Morgenstunden wird Julia Marschner, die in der Nacht noch ausgelassen auf einer „Ü40-Party“ feierte, tot im Park aufgefunden. Sie ist erwürgt worden. Die Hauptkommissare Eva Saalfeld und Andreas Keppler erinnert die Situation am Tatort an einen zurückliegenden Fall. Hat der „Würger von Mockau Ost“ wieder zugeschlagen oder ist die Ermordete, die an Händen und Füßen Fesselspuren aufweist, bei einem ausgefallenen Liebesspiel ums Leben gekommen?

Julias Freundinnen, die Physiotherapeutin Karmen Slowinski und die Rechtsanwältin Silvie Stein, berichten von einem Mann, der Julia am Abend zuvor auf der Tanzfläche bedrängt hat. Ist Julia mit diesem Fremden nach Hause gegangen?

Die Kommissare befragen Julias 20-jährige Tochter Caro, die von einer Affäre ihrer Mutter mit einem Flirtlehrer erzählt. Tom Römer streitet diese Beziehung mit dem Mordopfer vehement ab, verstrickt sich aber bei seiner Vernehmung durch Keppler immer tiefer in Widersprüche und wird in Gewahrsam genommen.

Die Kommissare ermitteln, dass Caros charmanter und etwas älterer Freund Mike in der Tatnacht längeren telefonischen Kontakt mit ihrer Mutter Julia hatte. Julia hat das Verhältnis ihrer Tochter mit Mike nicht gepasst und sie wollte sie dazu bringen, diese Beziehung zu beenden. Ist Mike gegenüber Julia handgreiflich geworden, um das zu verhindern?

Tom Römer versucht derweil, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und behauptet, ein anderer Stammgast der „Ü40-Party“ habe diese zusammen mit Julia verlassen: Peter Hauptmann. Der seriöse Schönheitschirurg scheint allerdings mit seiner Frau Annika glücklich verheiratet zu sein. Obwohl Annika Hauptmann ihrem Mann ein wasserdichtes Alibi gibt, verschaffen sich die Kommissare mit einem Durchsuchungsbeschluss Zutritt zu dessen Zweitwohnung. Dabei stoßen sie auf ein delikates Geheimnis, das den Kreis der Freundinnen offenbar stärker berührt hat, als diese zugeben wollen.  

Rezension (mit Angaben zur Auflösung)

Es muss leider geschrieben werden. Frauen sind manchmal selbst schuld, wenn sie falsch interpretiert werden. Das Drehbuch zu „Frühstück für immer“ stammt zum Beispiel von einer Frau. Und welches Weltbild vermittelt es? Ein frauenfeindliches. Genau dieses Thema hatten wir auch beim oben erwähnten Film als eines von vielen zu bearbeiten, und wir sind zu der Ansicht gekommen, in diesem Film liegt keine primäre Misogynie vor. Wenn ein Mann den heutigen Leipziger Tatort zu verantworten gehabt hätte, wäre der Vorwurf aber gewiss aus irgendeiner Richtung gekommen. Möglicherweise nicht einmal aus einer unberufenen.

Falls es ein Frühstück für immer gibt, dann vielleicht eines, an dem nur Eva und ihr Andy teilnehmen, aber sicher nicht eine der Frauen, die in einer Disco-Tanzbar Ü40-Partys mitmachen, was das Zeug hält. Aber wirkt es nicht von Beginn an irgendwie verlogen? Wie kann man einer Schauspielerin Jahrgang 1965, dazu einem Widder, der in knapp einem Monat 49 Jahre alt werden wird, den Satz in den Mund legen: „Ich darf da noch nicht hin?“. Bitte, wollt ihr uns nicht immer für so blöd verkaufen! Wieviel schöner wär’s gewesen, wenn Eva Saalfeld auch etwas hätte beitragen dürfen zum Thema. Klar hat sie sich gut gehalten, aber der Film macht ja genau das, was die Charaktere als zweifelhafte Verhaltensweise zeigen: Er vermittelt Panik vor dem Altern, indem er einfach behauptet, Eva Saalfeld = Simone Thomalla sei U40. Wie peinlich. Klar, drei, vier Jahre jünger machen, das ist normal, aber beinahe 10?

Egal, ob es optisch hinkommen könnte oder nicht, es ist das falsche Signal. Es ist das Signal, das wenig selbstbewusste Menschen nämlich auch in Internetforen, auf Partys oder wo immer man einander kennenlernen kann, dankbar annehmen, weil sie ohnehin so verfahren, anstatt auf das Leben zuzugehen, wie es ist. Irgendwann kommt es ja doch raus. Ja, wir haben Gründe, uns zu ärgern.

Nein, der Hauptärger kommt nicht daher, dass wir, als es noch ein aktuelles Modell war, das gleiche Auto gefahren haben wie die Täterin, sondern über die Art, wie mit den Ü40-Damen umgegangen wird.

Um der Linie unserer Vorschau zu folgen, wir hätten dieses Mal keine Handschrift von Claudia Garde erkannt, weil die Charaktere so verzeichnet sind. Klar, die Regie muss das hinbiegen, was nun einmal im Drehbuch steht, und wir haben wohl bemerkt, dass Simone Thomalla gut geführt wurde und seriös und empathisch wirkt, dass man Martin Wuttke bis auf seine immer noch doofe Ansprache gegenüber dem KT und, wie wir mittlerweile wissen, Halbtürken Menzel, sehr zurückgenommen und mit kleinen Gesten und Worten wirkungsvoll inszeniert hat – aber die Damen aus der Ü40-Welt sind uns zu klischeehaft geraten.

„Glaubwürdigkeit im Zwischenmenschlichen ist besonders wichtig bei einem klischeebaldenen Thema wie den Großstadtsingles. Eine Inszenierung und Schauspielerführung, die differenzieren kann, ohne die bei einem 90-Minuten-Krimi notwendige Kategorisierung aufzugeben, sprich, den Faden zu verlieren.“

Den vorausgehenden Absatz schrieben wir in der Vorschau zum heutigen Tatort. Das Zwischenmenschliche passt zwischen Saalfeld und Keppler mittlerweile so gut, dass man es immer mehr als schade empfindet, dass sie nicht weiterentwickelt werden. Zudem müssen wir dieses Mal zugeben, dass das Drehbuch relativ geschlossen und – auch aufgrund seiner Einfachheit – logisch wirkt. Es ist ein Whodunnit klassischer Machart. Ein Film alter Tatort-Schule schreiben wir nicht, nachdem wir uns immer besser mit frühen Tatorten und deren durchaus unterschiedlichen Strukturen auskennen.  Außerdem muss klassisch nicht schlecht sein.

Natürlich haben wir besonders auf die Inszenierung geachtet, und wir sind schon der Ansicht, dass vieles richtig gemacht wurde, aber es ist seltsam, beim MDR wird und wirkt alles immer irgendwie so – nein, banal ist zu stark, aber halt nicht sehr atmosphärisch. Nicht so dicht, schon gar nicht mystisch.

Es liegt aber auch einfach daran, dass wir so ein Gefühl von Beklemmung und Beengung bekommen, wenn wir sehen, wie sich hier Freundinnen um die wenigen gangbaren Männer in der Stadt zu reißen scheinen und eine die andere schließlich umbringt. Natürlich können immer echte, individuelle Gefühle im Spiel sein und Eifersucht ist auch in der Realität eines der Haupt-Mordmotive. Für unseren Geschmack wird das hier aber alles viel zu sehr aus dem Single-Status und dem Alter der Damen abgeleitet. Wir zitieren uns noch einmal selbst:

„Frauen sind heute mit Ü40 oftmals hoch attraktiv und in der besten Phase ihrer Karriere, haben viel Drive – und wenn sie Singles sind, genießen sie es manchmal sogar. Inklusive der Abwechslung, in kurzer Zeit verschiedene Männer zu kontaktieren. Gleichermaßen gilt dies für männliche Alleinstehende. Die echten Großstadtsingles heutiger Prägung sind nach unserer belegbaren Ansicht nicht mehr die klassischen einsamen Herzen.“

Schon gar nicht Anwältinnen, Erbinnen – okay, die Frau, die Wassergymnastik für Mütter mit Kindern macht, ist eine tragische Figur, weil sie selbst keine Kinder bekommen kann, da hat auch die Puppe, die sie zur Demontration in der Hand hält, ihren Symbolcharakter. Dass sich zwei Menschen mit besonderen Vorlieben oder sexuellen Praktiken gefunden haben und jemand dazwischen kommen kann, auch das ist generell und überall denkbar, aber dass jemand so abdreht, dass er die Freundin generell dämonisiert, weil sie es krachen lässt und bedenkenlos Kurzzeit-Liebhaber organisiert, würde nach unserem Verständnis von der Realistät doch eher zur Abwendung, zur Beendigung einer Freundschaft und zum Aufsuchen neuer Terrains führen – oder ist Leipzig wirklich so winzig, szenemäßig betrachtet? Wir zitieren uns ein drittes Mal:

„Es wäre hingegen unnatürlich, wenn in dem Film nicht auch die Gelegenheit wahrgenommen würde, das Thema anhand Saalfeld und Keppler selbst zu spiegeln, die Ü40 sind und mit dem Thema Beziehungen ihre Schwierigkeiten haben. Da spielen im Lauf der Biografie zugewachsene Traumata, persönliche Erlebnisse eine Rolle.“

Die Chance hat man komplett verpasst, indem man Eva einfach U40 gemacht hat. Dass wir das entlarvend finden, haben wir eingangs bereits ausgedrückt. Und noch einmal ein Ausschnitt aus der Vorschau:

„Und so ist es auch mit den vielen, vielen Singles allüberall: Wenn sie beziehungsfähig und bindungswillig sind, werden sie auch als Ü40-Gruppenzugehörige neue Partner finden, gleich, ob Mann oder Frau. Wenn nicht, warum auch immer das so ist, wird’s so schwierig, wie es für die Gruppe der Bindungsscheuen bis Soziophoben schon immer war – diese Neigung, wenn vorhanden, verstärkt sich allerdings mit zunehmendem Alter, denn die Toleranzschwelle anderer und die eigenen Möglichkeiten, sich anzupassen, nehmen sukzessive ab. Dies darzustellen, bis hin zu sich daraus ergebenden Todesfällen, wäre mal ein tolles Subthema – besonders für die Teams, die skurril können.“

Finale

Selten, dass wir Text aus einer Vorschau in eine Rezension übernehmen. Dieses Mal haben wir vier ganze Abschnitte zitatweise durchgewunken. Vermutlich haben wir noch nie zuvor so deutlich gespürt, worauf es in einem Tatort hinausläuft. Nicht die Täterin war übermäßig vorhersehbar, technisch ist dieser Tatort nicht schlecht, ein paar Zeitlupen als Maximum der visuellen Extravaganz gibt’s auch. Okay, man hat ihn schön gelängt, indem die Männer immer so unglaubwürdig und überdies unsinnigerweise leugnen, auf der Party gewesen zu sein und ebenso unsinnige Alibis bekommen, und jemanden, der zugleich verurteilt und freigesprochen wurde, haben wir auch noch nie kennengelernt, aber die zeitweise Dehnung und ein Schnitzer hauen uns nach 300facher Übung nicht aus den Filzpantoffeln oder Badeschlappen.

Aber wir hoffen, dass Frauen Ü40 sich nicht die Ansichten zu eigen machen, die hier ober- und unterschwellig transportiert werden. Da hätten wir nämlich alle viel weniger Spaß und Lust am Leben und würden uns verkrampfen und nur das erwarten, was wir dann auch zu Recht kriegen würden: Typen, ob Männer oder Frauen, die so hohl sind, dass man sie ohne Platzverlust ineinander stellen kann und die sich auf einen einzigen Tatbestand reduzieren lassen, den sie nicht einmal ändern, sondern mit Schönheitschirurg Dr. Hauptmann höchtens ein wenig kaschieren können – aber nur ein wenig, solange man nicht vergisst, neben den Gesichtern auch die Hälse und andere Partien zu straffen: Ihr Alter.

Es gab schon einige Single-Tatorte, aber dieser ist uns zu rückwärtsgewendet. Frauen, die nichts anderes haben als ihr Aussehen und sonst komplett uninteressant sind, gibt es, aber wir wollen doch nicht den Teufel an die Wand malen, indem wir davon ausgehen, dass wir in Großstädten nur auf diesen Schlag treffen? Es wird übrigens Frühling!

Da die Entwicklungskurven der Saalfeld-Keppler-Tatorte offenbar recht beliebt sind, hängen wir sie ausnahmsweise auch die Rezension. Aktueller Stand: „Frühstück für immer“ liegt genau im bisherigen Durchschnitt, nämlich knapp über 6/10. Das keine Offenbarung. Uns geht’s auch so, zum Thema Singles Ü40 haben wir nichts erfahren, was uns weiterbringt und neue Einsichten schaffen könnte. Zum Beispiel im wertschätzenden und generell verständnisvollen Umgang mit Frauen Ü oder U 40.

6,5/10

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Dr. Jasmin Zinner – Stephanie Schönfeld
Julia Marschner – Oana Solomon
Caro Marschner – Helen Woigk
Silvie Stein – Ursina Lardi
Karmen Slowinski – Inga Busch
Mike Satorius – Franz Dinda
Dr. Peter Hauptmann – Filip Peeters
Annika Hauptmann – Victoria Trauttmansdorff
Tom Römer – Marc Hosemann
Hanno Belkin – Niels Bormann

Drehbuch – Katrin Bühlig
Regie – Claudia Garde
Kamera – Birgit Gudjonsdottir
Musik – Colin Towns

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