Kollaps – Tatort 958 #Crimetime 576 #Tatort #Dortmund #Faber #Bönisch #Dalay #Kossik #WDR #Kollaps

Crimetime 576 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Der Kollaps ist nicht zu vermeiden

Vier Männer und Frauen unter Strom und ein Revier voller Gefahren, alles und jeder in einem desaströsen inneren Zustand, außer der Drogenmafia. So ist, gemäß WDR, Dortmund-Nord, und in jeder Großstadt gibt es eine solche Gegend. Dies ist keine Prämisse, nur eine subjektive Zustandsbeschreibung. Mehr in der -> Rezension.

Ganz langsam entsteht ein Flow, ein Swing, ein permanenter Flirt mit dem Desaster. Nachdem in „Verbrannt“ vor zwei Wochen der Täter derselbe war wie in „Die letzte Wiesn“ vor drei Wochen, nachdem der geistige Brandstifter in „Kollaps“ derselbe ist wie in „Verbrannt“, sind wir endgültig überzeugt davon, die selben Propheten des Untergangs der Zivilisation reisen quer durch die Republik, um das maximale Desaster zu verursachen. So viele sind es gar nicht, der Trick ist die Wiederverwendbarkeit an verschiedenen Einsatzorten. So wird eine Übermacht dumpfer Menschen mit spießigen Ansichten, Frisuren und einigen Manipulationsmöglichkeiten sehr verdichtet dargestellt, indem sie sich weniger Schauspieler bedient, denen am eigenen Image offenbar nicht viel liegt, sonst würden sie sich nicht fortgesetzt in dieselben miesen Rollen drängen lassen.

Man kann auch feststellen: Die Sendefolge neuer Tatorte ist derzeit unter aller Würde. Auch deshalb, weil jeder Sender versucht, der aktuellste beim Thema Flüchtlinge zu sein – nachvollziehbar, wenn die Macher so vorausschauend waren, bei Drehs, die im letzten Jahr stattfanden, zu antizipieren, wie gnadenlos gut die betreffenden Tatorte gerade in die Zeit passen. Trotzdem ist es nicht geschickt, sich so zu verausgaben. Außerdem fordern aufeinander folgende themenähnliche Tatorte zu Vergleichen hinsichtlich ihrer Machart heraus. Wie wir mit dieser Herausforderung umgehen, beschreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Noteinsatz auf einem Dortmunder Kinderspielplatz: Doch für die sechsjährige Emma kommt jede Hilfe zu spät. Sie hatte das bunt verpackte Kügelchen im Sand für ein Bonbon gehalten. Es war Kokain.

Erste Untersuchungen ergeben schnell, dass Dealer den Spielplatz im Park häufig als Versteck für ihre Drogen nutzen. Wie kann man sein Kind hier spielen lassen, fragt Martina Bönisch Emmas Mutter Claudia Siebert. Für Emmas Vater Roland Siebert steht fest: Die drogendealenden Asylbewerber sind schuld am Tod seiner Tochter. Tatsächlich wurden bei einer Razzia im Park kürzlich zwei junge senegalesische Dealer gefilmt.

Rezension (enthält Angaben zur Auflösung)

Ganz langsam entsteht ein Flow, ein Swing, ein permanenter Flirt mit dem Desaster. Nachdem in „Verbrannt“ vor zwei Wochen der Täter derselbe war wie in „Die letzte Wiesn“ vor drei Wochen, nachdem der geistige Brandstifter in „Kollaps“ derselbe ist wie in „Verbrannt“, sind wir endgültig überzeugt davon, die selben Propheten des Untergangs der Zivilisation reisen quer durch die Republik, um das maximale Desaster zu verursachen. So viele sind es gar nicht, der Trick ist die Wiederverwendbarkeit an verschiedenen Einsatzorten. So wird eine Übermacht dumpfer Menschen mit spießigen Ansichten, Frisuren und einigen Manipulationsmöglichkeiten sehr verdichtet dargestellt, indem sie sich weniger Schauspieler bedient, denen am eigenen Image offenbar nicht viel liegt, sonst würden sie sich nicht fortgesetzt in dieselben miesen Rollen drängen lassen.

Man kann auch feststellen: Die Sendefolge neuer Tatorte ist derzeit unter aller Würde. Auch deshalb, weil jeder Sender versucht, der aktuellste beim Thema Flüchtlinge zu sein – nachvollziehbar, wenn die Macher so vorausschauend waren, bei Drehs, die im letzten Jahr stattfanden, zu antizipieren, wie gnadenlos gut die betreffenden Tatorte gerade in die Zeit passen. Trotzdem ist es nicht geschickt, sich so zu verausgaben. Außerdem fordern aufeinander folgende themenähnliche Tatorte zu Vergleichen hinsichtlich ihrer Machart heraus.

Und wie geht der Vergleich aus? Zunächst muss man sich vorstellen, dass man es mit einem Ermittlerteam zu tun hat, das, von Münster abgesehen, so weit von der Realität weg ist wie kein weiteres im weiten Tatortland. Was in Dortmund an privaten Problemen, an Anschlägen auf die Seele aller Beteiligten geradezu zelebriert wird, führt normalerweise zur Außerkraftsetzung aller Teamfunktionen, und als am Ende Faber eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Hals kriegt, kann er im Grunde froh sein, weil er sich etwas erholen kann, bis die Sache geklärt ist. Vieles bleibt übrigens am Ende des Films ungeklärt, das gehört zum Konzept der maximalen Zuschauer-Verunsicherung, das der WDR mit der Dortmund-Schiene mittlerweile fährt. Außerdem macht es den Weg frei für Entwicklungen. Die schwierige Gefühlslage von Faber und Bönisch, das weitere Liebesleben des jüngeren Ermittlerpaares, Fabers Hassliebe zum Drogenboss Abakay – alles wird in die nächste Runde gehen.

Jedoch, in einem Tatort, der mit dem schrecklichen Tod eines kleinen Mädchens beginnt,das im Sandkasten spielt, wirkt das ales in dieser massiven Form überzogen, überreizt. Nich deplatziert, nein, grundsätzlich sind wir bisher mitgegangen, mit diesen Grenzgängern unter den Tatort-Polizisten, aber hier stimmen die Proportionen nicht. Und damit wird das Thema Verwahrlosung von Problemvierteln, Drogen-Alltagskriminalität, Drogen-Großkriminalität, Situation von Flüchtlingen, Perspektiven und Perspektivlosigkeit, zu sehr marginalisiert. Vor allem aber werden die Opfer marginalisiert. Das kleine Mädchen, die junge Senegalesin, weniger deren Bruder, dessen Tod sozusagen die Schlusspointe darstellt. Ihm werden immerhin einige Szenen eingeräumt, die ihn fassbarer machen und Fabers Schwäche für die Kleinen unter den Kriminellen ebenfalls. Faber hat ohnehin ein geradezu erotisches Verhältnis zum Verbrechen, das schält sich immer deutlicher heraus – auch, weil wir nicht mehr dadurch abgelenkt werden, dass er mit Sanitärobjekten schmeißt und in seiner eigenen Vergangenheit herumfabert. Eine Art Konzept-Kollateralschaden, ein unvermeidlicher, weil eh alles schon so dicht gepackt ist. Da passt keine Rückwärtsgewandheit rein, das Hier und Jetzt ist schlimm genug.

Ist es aber so desaströs und hoffnungslos, wie es im Dortmund-Tatort rüberkommt? So übel auch, dass man jede Peilung geradezu verlieren muss? Seltsamerweise stimmt es mit einer Gesamtwahrnehmung überein, die weit über ein einzelnes Problemviertel hinausgeht. Die Tatsache, dass die Opfer so schnell vom Tisch sind und jeder mit sich selbst befasst, dass die Deutung des Films ohne Weiteres in die Richtung gehen kann, dass alle tradierten und persönlichen Schuldkomplexe zusammen zu einer verschobenen, jeder Ratio und auch jedem Gerechtigkeitsgefühl feindlichen Wahrnehmung der Welt führen, spiegelt sich auf erschreckender Weise im politischen Gesamtzustand, wie er seit einigen Jahren hierzulande herrscht. Wir sind uns ziemlich sicher, dass genau das mit dem Film nicht ausgesagt werden sollte, aber wenn Faber mindestens fünfmal wiederholen muss, dass der Jamal eine arme Sau ist, dann klingt die Selbst- und Zuschauerbeschwörung so deutlich durch, dass man bemerkt, hier kann etwas nicht stimmen. Nicht die Zuschreibung ist aber das Problem, sondern der beinahe gewaltsame Versuch, die Aufgabe einer Zivilgesellschaft zu rechtfertigen, und diese Aufgabe muss natürlich auch zum Verlust jedweder Sicherheit führen. Die Unsicherheit in den Kiezen spiegelt die Unsicherheit im Inneren aller Beteiligten.

Wenn eine Mutter nicht einmal als Möglichkeit vorausdenkt, dass ihre Kinder möglicherweise lieber zum Vater möchten und bei der Sorgerechtsbestimmung vollkommen unvorbereitet von diesem Fakt ist, kann man sich denken, wie düster es bezüglich der Kontakte innerhalb der Familie aussieht.

Es sagt einiges über den Kollegen Faber, wenn der Kollege sein Verhältnis zur OK nicht in den Griff bekommt und von einem echten Kriminellen Hilfe erwartet, mit der Drohung, ihm ansonsten ordentlich ans Bein zu pinkeln. Warum hat er das nicht längst gemacht, wenn er es könnte? Entweder man arrangiert sich mit der Unterwelt, oder man kämpft wirklich gegen sie, aber was Faber exerziert, wirkt extrem krampfig und neurotisch. Und lächerlich. Wer die echten Bandenchefs, die in der Großstadt herumflitzen, mal gesehen hat, der fragt sich dann doch, wo die Drehbuchautoren die Chuzpe hernehmen, solche Flitzpiepen wie den Abakay zu figurieren. Aber wer weiß, vielleicht ist es auch Rache an Faber, dass sie am Ende den Jamal abstechen. Was wiederum belegen würde, dass Faber sein eigenes und anderer Leute Problem ist, und nicht die Lösung im Sinn einer wenigstens halbwegs funktionierenden Exekutive.

Verbale Übergriffe seitens der Ermittler gegenüber Dritten und untereinander gehören in Dortmund seit dem Start der Schiene zum Programm, aber jemanden zum Beispiel als nunmehr quasi normalisiert zu bezeichnen, wie den Faber, der kaum einen Satz ohne verbalen Angriff oder Übergriff zu Ende bekommt, auch das ist ein Zeichen massiver Schräglage des eigenen inneren Zustandes. Wir hoffen, niemals als Verdächtige dem Faber oder der Bönisch gegenüberzustehen, denn ob wir angesichts deren vollkommen fehlgeleiteter Art, Menschen anzusprechen, so ruhig blieben wie z. B. das Elternpaar des toten Mädchens, ist alles andere als sicher. Genau das ist es aber, was bei den Tatort-Fans bezüglich der Nr. 958 häufig bemerkt wird, wie normal doch nun der Faber geworden ist. Das Innere von Faber mag sich dank Psychopharmaka gerade so stabilisert haben, dass er nicht mit den Fäusten ausrastet wie der Kollege Falke letzte Woche, aber im Grunde ist alles, was er sagt, kontraproduktiv. Und dass die anderen da so mitmachen, die von ihm gepiesackt werden! Dass er als Figur so stark rüberkommt, liegt doch nur daran, dass seine Gegenspieler sich nicht verhalten, wie derart angegangene Personen es in der Realität tun würden, nämlich Grenzen setzen.

Und tun sie das nicht doch? Der Großdealer Abakay und das Ende des Films sind der beste Beweis dafür, dass Faber eine Dienstaufsichtsbeschwerde bitter nötig hat. Denn anstatt Jamal im Gewahrsam zu behalten, nachdem dieser Fabers krude Lockvogel-Tour schadlos überstanden hat, und ihn damit erst einmal zu schützen, lässt Faber auf freiem Fuß rumlaufen und, zack, sind ein paar Typen von Abakay da und erstechen ihn. Welch ein Ende der Hoffnungslosigkeit, provoziert von Ermittlern, die ihrerseits Symbole der Hoffnungslosigkeit darstellen. Selbst die beiden Jungkommissare wirken schon so innerlich angegriffen, dass man den Eindruck gewinnt, es gibt gar kein Stadium echter Jugend mehr, sondern nur noch den Übergang von einer offenbar wenig erfreulichen Kindheit in die andauernde Depression. Vielleicht war es ja auch der Kossik, wie er es dem Faber schon angedroht hat, der die Dienstaufsichtsbeschwerde auf den Weg gebracht hat. Nichts Genaues weiß man auch hier erst einmal nicht.

Nun wenden wir uns zurück zum Beginn und stellen fest: Wenn man über diesen Tatort schreibt, passiert genau das, was dem Film selbst eignet. Es gerät ganz aus dem Blick, dass es in den Städten Gegenden gibt, in denen Spielplätze Orte der Lebensgefahr sind, wegen der dort ausgeübten Drogenkriminalität. Es gibt viele Varianten dieser Gefahr, die gezeigte ist nur eine davon. Damit die Inszenierung dieses Todes eines kleinen Mädchens klappt, muss bereits auf subtile Weise an unserer Sympathieverortung geschraubt werden: Die Mutter lässt es ganz ohne Bedenken spielen, obwohl der Ort als Drogenumschlagplatz bekannt ist, und sie wendet sich beim Telefonieren so ab, dass sie die wichtigsten Momente auf dem Weg zum Tod der Tochter verpasst. Faber buddelt später im Sand, aber lässt nicht einmal den Platz im Ganzen untersuchen, sondern lediglich als Tatort kurzfristig sperren. Auf diese Weise wird bereits eine Achtlosigkeit suggeriert, die erstaunlich exakt mit dem Verlust an Wahrnehmungssicherheit bei Menschen korrespondiert, die das alles nicht bemängeln oder zum Gegenstand des Nachdenkens über den Ansatz dieses Films machen, es mithin gar nicht mehr bewerten oder bewerten können.

Der Hauptunterschied zu „Verbrannt“ aus der Vorwoche ist in der Tat das Zuviel von allem, einhergehend mit mangelhaften Maßstäben des Handelns, insbesondere des Handelns von Polizeiorganen.

Finale

Mag schon sein, dass die Inszenierung des verloren gegangenen Überblicks, des Kollapses aller Handlungs- und Denkstrukturen programmatisch ist und natürlich reizt es Filmemacher, auszuprobieren, wie weit das Publikum bei der immer stärkeren Auflösung von Srukturen aller Art mitgeht, und wir wissen auch, dass Dortmund das depressive Ende des großen Tatortpanoramas sein soll, aber diese Form von Beknacktheits-Explotation bringt einen Verlust an Identifikation mit sich. Alles, was wir nicht für uns selbst wollen, wird nicht angedeutet und wir können keine Fragen dahingehend stellen, was sich in den Personen abspielt und wie wir uns in ihrer Lage fühlen würden, vielmehr ist alles komplett ausdefiniert, inklusive der verschoben wirkenden Dialoge. Wenn man dadurch ein Gefühl der Bedrängnis und Abwehr beim Zuschauer verursachen will, dann ist das sicher eine gute Methode, und warum sollte in Konzept wie dieses nicht einen Platz haben unter den vielen Tatort-Konzepten der verschiedenen Sender, von denen allein der WDR drei sehr unterschiedliche verwirklicht hat? Doch, aber die Sendefolge. Es wird langsam etwas viel, und wenn wir zu wählen haben, was aus diesem Viel wir bevorzugen, dann dieses Mal die klare, kompakte, die Nordlinie des vorherigen Tatorts „Verbrannt“ gegenüber der Kakophonie von „Kollaps“.

6,5/10

© 2020, 2015 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Peter Faber – Jörg Hartmann
Hauptkommissarin Martina Bönisch – Anna Schudt
Oberkommissarin Nora Dalay – Aylin Tezel
Oberkommissar Daniel Kossik – Stefan Konarske
Gerichtsmedizinerin Greta Leitner – Sybille J. Schedwill
Tarim Abakay – Adrian Can
Oliver Lahnstein – Axel Schreiber
Dieter Lahnstein – Werner Wölbern
Mann in Bar – Thomas Eickhoff
Kai Lubitz – Stefan Haschke
u.a.

Drehbuch – Jürgen Werner
Regie – Dror Zahavi
Kamera – Gero Steffen

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