Schwarzer Afghane – Tatort 866 #Crimetime 575 #Tatort #Leipzig #Keppler #Saalfeld #MDR #Afghane #schwarz

Crimetime 575 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Aufatmen mit dem Absurden?

Nachdem in den letzten Monaten gleich zwei Tatorte Premiere hatten, die zu den schlechtesten von bisher 230 rezensierten Filmen der Serie gehören*, sucht man nach einer Art Anker. Nach etwas, das man kennt. Es muss nicht perfekt sein, aber eine bekannte Größe ist es, nach der man sich sehnt. Ob das mit dem Ankern geklappt hat, klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Hauptkommissar Andreas Keppler, gerade am Leipziger Flughafen gelandet, wird von seiner Kollegin Eva Saalfeld auf direktem Weg zu einem Tatort gerufen. Ein junger Afghane ist in den frühen Morgenstunden auf einer Wiese verbrannt.

Die Kommissare entnehmen den Ausweispapieren, dass es sich um Arian Bakhtari handelt, der Hochfrequenzphysik an der Universität Leipzig studierte. Als sie sehen, dass ganz in der Nähe die Halleeines Deutsch-Afghanischen Freundschaftsvereins abgebrannt ist, nehmen sie auch dort die Ermittlungen auf.

Die Kommissare finden heraus, dass der Tote noch vor kurzem für den Vermieter der Halle, den Spediteur Norbert Müller, gearbeitet hat. Er wurde entlassen, weil er sich an der Ladung, die Müller über den Leipziger Flughafen an deutsche Einrichtungen in Afghanistan transportiert, zu schaffen machte. Die Kommissare fragen sich, ob Arian die Halle angezündet hat, um sich an Müller zu rächen, und sich dabei versehentlich selbst tötete.

Auch Müllers Tochter Mette hatte Kontakt zu dem toten Arian. Er hat ihr geholfen, ihren afghanischen Freund Deniz Ghubar illegal nach Deutschland zu schleusen. Mette ist verzweifelt auf der Suche nach Deniz, der seit dem Brand verschwunden ist. In der abgebrannten Halle stoßen die Kommissare auf Reste eines großen Haschischlagers.

Die Spur führt die Kommissare zur Tante des Verbrannten, Jamila Nazemi, die allerdings bestreitet, etwas von diesem Lager gewusst zu haben. Als die Kommissare im Studentenwohnheim von Arian die Hülle einer Signalrakete entdecken, nimmt der Fall eine neue Dimension an.

Rezension

Diese Hoffnung erfüllt der mittlerweile 15. Tatort des Leipzig-Teams Saalfeld und Keppler recht gut. Eine Zeitlang sogar richtig gut. Bis man merkt, wohin die Handlung tendiert und wie unglaubwürdig auch dieser Tatort schon wieder ist.

Klar, die ganze Welt wirkt immer unglaubwürdiger, man muss ja nur die Nachrichten gucken,  jeden Tag werden ganze Länder auf virtuelle Weise gerettet, obwohl sich jeder halbwegs kaufmännisch ausgebildete Mensch sagen muss, es ist eben nur virtuell.

Wir leben in einer Zeit des tragischen Realitätsverlustes, weil wir uns eine Realität geschaffen haben, die wir nicht mehr beherrschen. Schlimmer: Wir haben gemerkt, dass wir sie nicht mehr beherrschen und machen unser Ding, weil uns nichts anderes übrig bleibt.

Genau so wirken Saalfeld und Keppler in einem Szenario, das, gäbe es ein solches wirklich, um einige Nummern zu groß wäre für ein Zweimann-Ermittlungsteam. Dass ein einzelner MAD-Offizier hilft, sich dabei erst bedrohlich und seltsam verhält und sich dann von einem Amateurterroristen einfach abstechen lässt, macht umso deutlicher, dass es wieder einmal an Beherrschung mangelt. Das Drehbuch beherrscht einfachste Authentizitätsabgleiche nicht.

Wir sollten alle einpacken und uns eingestehen, dass es lächerlich ist, überhaupt noch etwas wie Logik zu verlangen. Es reicht, dass es zündelt und dass die Raketen der Apokalypse in der Badewanne entschärft werden.

Der Titel trägt echt schwarzen Humor in sich, die Eingangszene mit den beiden Kiffern und dem Mann, der durch die Landschaft rennt und brennt, lässt beinahe vermuten, dass nun eine abgrundtiefe Krimikomödie unter Feuer gesetzt wird. Und wir sind überhaupt nicht streng, weil es nicht so kommt. In dieser Welt ist man froh, bekannte Gesichter zu sehen, wie die von Saalfeld und Keppler mittlerweile welche sind. Es ist eindeutig und wir breiten auch nicht mehr den Mantel des Verständnisses aus und hoffen, es ändert sich noch. Die beiden Darsteller sind, ihre schauspielerische Leistungsfähigkeit betreffend, unterschiedlich ausgestattet.

Es laufen aber zwei  Linien ungünstig zusammen und verschlingen sich zu einem Verdrussknoten. Zum einen hatten wir um den Jahreswechsel herum das Gefühl, der Tatort macht sich auf zu  neuen Ufern und gewinnt Stärke durch Einfachheit. Und durch ein hohes Maß an Präzision und Logik. Wieder müssen wir die Berliner diesbezüglich lobend erwähnen – und wer unsere Meinung zu früheren Tatorten des heutigen Gespanns kennt, weiß, das bedeutet nicht wenig.

Dann aber ging’s bergab bis auf die Tiefpunkte „Melinda“ und „Willkommen in Hamburg“, zwischenzeitlich haben uns die Österreicher und die Schweizer gezeigt, dass sie mittlerweile gut mithalten können, umso peinlicher die Vorstellungen aus Saarbrücken und Hamburg.

Und Leipzig? Es ist leider so, sie schaffen es dort selten, gute Drehbücher zu schreiben. Dieses Afghanistan-Thema ist over the Top. Es gab schon häufiger etwas zu diesem politischen Sujet, zum Beispiel „Heimatfront“, einen der letzten guten Tatorte aus Saarbrücken.

Aber dieser Rachefeldzug eines jungen Amateurterroristen, den wir in „Schwarzer Afghane“ aufgetischt bekommen, einem Film, in dem eine Tonne Haschisch zur Nebensache degradiert wird und doch so etwas wie ein Imagetransportmittel darstellt, der ist wieder einmal eher eine Verballhornung als eine Ausarbeitung eines brisanten Themas. Selbst in dieser Welt voller schwerer Verwerfungen und unheilvoller Entwicklungen ist es so etwas von unwahrscheinlich, dass ein Einzeltäter aus privater Rachsucht nach Deutschland kommt und hier mehrere ausgeklügelt-einfache Phosphorbomben zündet.

Als gäbe es nicht genug echte Gefahren, wie zum Beispiel  einheimische Politiker und Banker, muss man dem leidgeprüften afghanischen Volk noch einen Angehörigen andichten, der von einem ballernden SEK hundertfach durchbohrt wird und trotzdem noch zwei Fernauslöser betätigt. Kein Wunder, dass die Drehbuchautoren erst ganz am Schluss gemerkt haben – oder war es die Revision im Sender? – dass immer von vier Bomben die Rede war, aber nur drei aufgefunden wurden. Da gehen Saalfeld und Keppler von dannen, er ganz süß mit dem halb geöffneten und überquellenden Koffer unterm Arm, und irgendwo lauert das vierte Element. Es kann aber nichts passieren, denn derjenige, der es bedienen kann, ist tot.

Auch in diesem Tatort bleibt wieder kaum Gelegenheit, gute Figuren zu entwickeln und die Schauspieler entsprechend präzise zu führen. Einige Dialogsätze passen nicht, vorgebliche Anti-Klischee-Sätze wirken gekünstelt, auch das ist übrigens ein typisches Leipzig-Phänomen. Das alles würden aber auch nicht sinnvoller wirken, wenn man es auf Sächsisch sprechen würde – welches mittlerweile komplett abhandengekommen ist, weil Kepplers Schach spielender Pensionswirt in „Schwarzer Afghane“ nicht auftritt.

Keppler selbst wirkt wieder einmal auf eine existenzialistische Art abgerissen und cool zugleich, das ist einfach faszinierend und wird es bleiben. Die Präsenz von Martin Wuttke in dieser Rolle ist überlebenswichtig für das gegenwärtige Teamkonzept und für eine Tatortstadt, die schon 15mal den Schauplatz für einen oder mehrere Morde – in „Schwarzer Afghane“ sind es am Ende drei – gestellt hat, aber in der noch nie ein richtiger Klassiker inszeniert wurde.

Finale

Wenn man überlegen muss, ob man 6 oder 6,5 Punkte für einen Tatort vergibt, ist das Wort Begeisterung sicherlich fehl am Platz. Zwar bewegt sich Leipzig ganz sachte aus der bildsprachlich konventionellen Ecke heraus, ohne affektiert zu wirken, aber handlungstechnisch ist dies einer der schlechtesten Tatorte unter vielen schwachen bis seltsamen der letzten Zeit.

Wir wollen nicht jeden einzelnen Moment, nicht jede Konstellation, nicht jeden Satz einzeln aufzählen, den wir als misslungen empfinden.

Vielmehr wünschen wir Martin Wuttke alles Gute und dass er bald gesund wird. Aus ganz eigennützigen Gründen. Denn ohne seine starke Präsenz, dieses charakteristische Gesicht und seine Art, der Banalität noch etwas wie Tiefe zu vermitteln, würden wir ziellos und schmerzhaft durch eine irreale Welt mit Fragen über Fragen ohne echte Antworten getrieben. So, wie in der Wirklichkeit, wo es keine Figuren mit der Ausstrahlung eines Andreas Keppler gibt. Seinetwegen greifen wir doch noch  zur 6,5/10.

*Bezogen auf den Stand der Erstveröffentlichung der Rezension im März 2013 und das Vorgängerfeature von „Crimetime“ namens „TatortAnthologie“.

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissarin Eva Saalfeld – Simone Thomalla
Hauptkommissar Andreas Keppler – Martin Wuttke
Kriminaltechniker Wolfgang Menzel – Maxim Mehmet
Norbert Müller – Sylvester Groth
Mette Müller – Haley Louise Jones
Olaf Böhm – Anatole Taubman
Arian Bakhtari – Kostja Ullmann
Jamila Nazemi – Ilknur Boyraz
Walid Junbesh – Ramin Yazdani
Ina Feuerbach – Margrit Sartorius
Studentin Lena – Laura Lippmann
Hausmeister Lautenschläger – Fritz Roth
u.a.

Drehbuch – Holger Jancke
Regie – Thomas Jahn
Kamera – Thomas Jahn
Musik – Susan DiBona

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