Kollision – Polizeiruf 110 Fall 45 #Crimetime 579 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Hiddensee #Fuchs #Arndt #Kollision

Crimetime 579 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Steiles Drama an der Steilküste

Hiddensee. Rügen. Die Fischköppe. Dass jemand so wütend werden kann, wenn er als solcher bezeichne wird: Der Wind und das Meer. Und mittendrin Oberleutnant Fuchs und Leutnant Arndt, wie sie versuchen, den Absturz eines Tierarztes von der Steilküste zu klären. Es könnte ein so romantischer Ort sein. Ist es auch irgendwie. Aber ziemlich wildromantisch und emotional alles andere als friedlich. Wir schreiben über einen besonderen Fall aus dem ersten Jahrzehnt der Reihe und was wir entdeckt haben, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Tierarzt Dr. Rudolf Boelsen ist ein Misanthrop. Er lebt von seiner Frau Ilse getrennt, die ihn vor einem Jahr verlassen hat. Als nun ihre Eltern bei Boelsen erscheinen, um einige Sachen von Ilse zu holen, wirft Boelsen sie kalt hinaus. Alles, was sie je besessen hat, habe er ihr gekauft, sodass ihr nichts zustehe. Auch seine wissenschaftliche Arbeit will er verteidigen. Vor fünf Jahren musste er eine wissenschaftliche Laufbahn aufgeben und hält nun mit der Abhandlung Veterinärmedizin die Ergebnisse seiner einstigen Forschung in der Hand – geschrieben von seinem damaligen Vorgesetzten Professor Siegfried Preckwinkel. Boelsen fährt nach Hiddensee und stellt Preckwinkel zur Rede. Er fordert von ihm bei einer zweiten Auflage des Werkes eine Nennung als Mitautor. Zudem soll Preckwinkel in einem Brief an den Verlag sein Plagiat gestehen. Boelsen will Preckwinkel später noch einmal aufsuchen. Dazu jedoch kommt es nicht, weil Boelsen am nächsten Tag tot am Hiddenseer Ufer liegt. Oberleutnant Peter Fuchs und Leutnant Vera Arndt kommen auf die Insel und übernehmen die Ermittlungen.

Zunächst ist gar nicht klar, wer der Tote überhaupt ist, da Boelsen ohne Anmeldung auf die Insel kam. Es stellt sich schließlich nicht nur die Identität Boelsens heraus, sondern auch, dass seine Frau Ilse auf der Insel lebt und arbeitet. Ilse, die von den Bewohnern nur „Ilsing“ genannt wird, hat sich fern von Boelsen eine eigene Existenz als Postfrau aufgebaut. Sie gesteht Vera Arndt, dass sie froh über den Tod ihres Mannes ist. Er hat sie stets wie geistig minderbemittelt behandelt, sie unterdrückt und seine Arbeit in den Vordergrund gestellt. Die Befragung der früheren Wissenschaftskollegen zeigt, warum Boelsen so verbittert wurde: Er hatte bis vor fünf Jahren geforscht. Seine Untersuchungen jedoch lagen außerhalb seines eigentlichen Forschungsgebietes, hätten aber dennoch wichtige Ergebnisse bringen können. Professor Preckwinkel stellte sich gegen Boelsen, während die Kollegen sich für ihn einsetzten. Auch die Genossen der Kreisleitung waren auf Boelsens Seite, als es zur Fachdiskussion um Boelsens wissenschaftliche Zukunft ging. Der jedoch hatte die Diskussion heimlich mitgeschnitten und wurde daher entlassen. Er begann wieder als Tierarzt auf dem Dorf zu arbeiten und trank.

Bei der Polizei stellt sich der Fischer Klaus Barhöft, genannt „Kläusing“. Er gibt zu, Boelsen erschlagen zu haben. Er hatte in einer Kneipe viel getrunken, hatte Boelsen, der an seinem Tisch saß, von Ilse erzählt und dass sie einen Freund hat. Als Boelsen ihn „Fischkopp“ nannte, sei er wütend geworden und es sei zu einer Prügelei gekommen. Barhöft glaubt, er habe Boelsen umgebracht, auch wenn er sich an die Tat nicht erinnern kann. Es stellt sich heraus, dass Boelsen in der Nacht auch Ilse und ihren Freund Günter Rogge – damals am Institut ein Freund Boelsens – aufsuchte und es dort zur Schlägerei kam. Bei der Prügelei stürzte Boelsen die Steilküste hinab und schlug auf dem Steinstrand auf. Er war sofort tot. Ilse und Günter wollten die Tat vertuschen und zogen Boelsens Leiche ins Wasser. Sie hofften, dass die Strömung sie aufs Meer ziehen würde und Boelsen so unauffindbar werde.

Rezension

Regisseur Manfred Mosblech hat von 1973 bis 1990 nicht weniger als 13 Film der Reihe Polizeiruf 110 inszeniert. Bisher haben wir aber erst einen davon gesehen, was mittlerweile unterdurchschnittlich ist: „Der Mann“ aus 1975, der zwar eine sehr spannungsgeladene und interessante Eingangssequenz hat und dezidierte Figuren vorweisen kann, mit dem wir aber wegen seiner Ideologie zunächst nicht klarkamen – es war der erste Polizeiruf überhaupt aus der DDR-Zeit, den wir angeschaut hatten. Mittlerweile sind wir ein gutes Stück weiter und haben vor allem viele Filme aus den ersten Jahren gesehen. Damals hatten wir die Rezension zu „Der Mann“ monatelang zurückgehalten, weil wir befürchteten, dass sie uns zu kritisch geraten war. Das war auch richtig, denn mittlerweile zeigt sich ein sehr differenziertes Bild. Eine weitere Facette und ein weiteres Element dieses Bildes liefert „Kollision“, der Film, den Mosblech als Folgeprojekt von „Der Mann“ übertragen bekommen hatte. Wir greifen zunächt noch einmal auf die Wikipedia zurück:

Die Kritik stellte fest, dass eine „Geschichte wie die um das Schicksal des Wissenschaftlers Boelsen, um die Behinderung seiner Arbeit durch die Parteiführung und durch Menschen, die in ihrer Mehrzahl Mitglieder der SED waren, […] auch zu diesem Zeitpunkt schon in einem ‚normalen‘ Fernsehfilm in der DDR kaum zu gestalten gewesen [wäre]. Das Genre der spannungsbezogenen Unterhaltung eröffnete hier Möglichkeiten, die andere Genres der Fernsehdramatik nicht boten, wenn nur das eigentliche Verbrechen nicht politisch motiviert war.“

Wir sind ja schon immer darauf aus, die ideologische Botschaft zu entdecken und vielleicht auch den abweichenden Subtest, wenn sich Spuren zeigen. Hatte Mosblech, mit dem linientreuen „Der Mann“ im Rücken, nun etwas gewagt? Um seinen Grundtenor zu verstehen, fehlen uns eben doch noch ein paar Filme, aber wir meinen, hier wird das Kritische etwas zu sehr herausgearbeitet. Es ist ja nicht irgendein Wissenschaftler, der von den Kadern behindert wird, sondern, ehrlich geschrieben, ein Arschloch erster Kajüte. Sehr geschickt, dass er zunächst als sympathisch gezeigt wird, weil er seinen Job als Pferde-Geburtshelfer gut macht, aber dann! So, wie er mit den Eltern seiner Noch-Ehefrau umgeht, dachten wir zunächst, mit „desertiert“, das Wort verwendet er dafür, dass sie ihn verlassen hat, sei Republikflucht gemeint – auch deshalb, weil er eben vorher eher positiv gezeigt wurde. Uns wurde richtig übel dabei, dass man den Film so angelegt haben könnte, dass sein Verhalten gerechtfertigt wird. So ist es aber nicht. Natürlich hätte sein Ex-Chef ihn fairerweise in der Fachpublikation als Mitautor erwähnen müssen, das würden doch nicht gerade wir bestreiten wollen.

Aber alles andere ist sehr vage: Frauen bringen ihm gegenüber ein gewisses Verständnis auf, Männer hingegen sehen ihn eher so, wie er sich auch dem Zuschauer darstellt. Seiner Ehefrau gehen die Augen auf. Den Begriff „gehirnamputiert“ kennen wir vor allem aus der Jugendsprache der 1970er, aber durchaus möglich, dass er auch unter Erwachsenen angewendet wurde. Nicht, dass diskriminierungsfreie Sprache damals schon üblich gewesen wäre, aber unter Eheleuten – das ist schon heftig und wird normalerweise so weder in Tatorten noch Polizeirufen gezeigt. Und so kommt es, dass man, als der Typ tot am Strand liegt, als Zuschauer fast ebenso froh ist wie seine Ehefrau, die er ständig gedemütigt hat. Da haben sie wunderbar ganz viele Aspekte verwoben, in diesem für damalige Verhältnisse mit 79 Minuten Spielzeit recht langen Film. Durchaus Kritik daran, dass Eltern ihre Kinder in die Akademisierung treiben, wo der dem Arbeiter- und Bauernstaat die Handwerker*innen fehlten. Fachkräftemangel schon damals, das halten wir an dieser Stelle nicht zum erten Mal fest. Andererseits kein Grund, dermaßen übergriffig zu werden, weil die Frau Schwierigkeiten im Studium hat.

Die Art, wie in diesem Film gespielt wird, liegt am oberen Ende der Ausdrucksskala, die damals im deutschen Fernsehen, Ost oder West, möglich war. Zum Teil liegt das am Lokalkolorit. Dass wir mal einen Krimi aus der DDR sehen würden, in dem wir ganze Passagen nicht verstehen, weil die Fischersleut ein unverfälschtes Platt miteinander reden, hätten wir uns nicht träumen lassen – aber es ist eben auch Folklore, die wichtigen Aussagen sind gerade so zu entschlüsseln – wenn der Insel-ABV all die Leute befragt, die er persönlich kennt.

Es sind natürlich auch tolle Schauspieler wie Otto Mellies dabei, von dem wir jetzt wissen, wie er in jüngeren Jahren aussah – verblüffende Ähnlichkeit mit Lex Barker. Doch die starken Emotionen inklusive dem bisher üppigsten Gefühlsausbruch – der Frau des Tierarztes, als der ganze böse Ehemüll aus ihr herausbricht, als Arndt sie befragt – sind programmatisch, denn auch die Ermittler spielen sehr aufgekratzt. Fuchs ist äußerst stramm drauf, auch für seine Verhältnisse, Arndt ebenfalls ziemlich straight, aber es gibt auch handfesten Humor und Fuchs fasst sie am Arm und nennt sie „Mädchen“, von Hübner haben wir das schon einmal gehört. Wir müssen doch mal auf Rügen, die Seeluft scheint zu elektrisieren. Alle drehen ziemlich frei. Es gibt Drama und Prügelei – und eine Tötung, die im Grunde eine Notwehrhandlung war. Du oder ich, einer geht über die Klippe. Dann lieber der böse Wissenschaftler als der nette Auch-Wissenschaftler, mit dem sie jetzt liiert ist, denkt sich die Frau und schubst ihren Peiniger über die Kante. Und am Ende fragt Fuchs die Arndt in eine recht barschen Ton: „Tut sie dir leid?“. Sie antwortet nicht. Natürlich ist da so. Sie ist ein Täteropfer, wie wir es mittlerweile so häufig sehen.

Aber in einer Zeit, in der sich die meisten Polizeirufe nicht an Tötungen heranwagten, sondern Diebstähle und Betrugsfälle in unzähligen Varianten durchdeklinierten, war „Kollision“ ein Sprung nach vorne ins Persönliche und ideologisch so kreuz und quer gestrickt, dass die Zensur vielleicht gerne was gefunden hätte, es offenbar aber nicht verorten konnte und daher den Film freigab. Ob da wirklich so viel Kritik an SED-Mitgliedern drinsteckte? Wenn ja, dann eben mit der Kritik an egozentrischen Charakteren wie dem Doktor Boelsen grekreuzt. Man achte auf Aussagen wie „Die Zeit der Einzelgänger ist vorbei“, die der Professor gegenüber seinem früheren Mitarbeiter ausspricht – ihn aber gleichzeitig nicht als Mitautor nennt. In die Kritik am Kaderismus passt das nur, wenn es vom Drehbuchautor ironisch gemeint ist.

Finale

Von den Filmen, die bis zu „Kollision“, der Nr. 45, gedreht wurde, fehlen uns noch etwa 15, wenn man diejenigen, die verschollen sind, nicht einbezieht – das heißt, es können noch Überraschungen kommen. Es sieht aber ganz so aus, als sei dieses Werk einer der ersten Polizeirufe gewesen, in denen das persönliche Drama groß ausgespielt wird und dabei auch keine Zurückhaltung bezüglich der Charakterdarstellungen geübt wird. Der Film ist keine Sekunde langweilig, denn er bietet einen guten Mix aus Whodunit und Melodram, der außerdem durch die klug gesetzten Rückblenden verständlich bleibt und außerdem ziemlich logisch aufgebaut ist. Natürlich, wären alle gleich zur Polizei gestiefelt – aber wer tut das, wenn er sich für einen Mörder hält oder tatsächlich ein Tötungsdelikt begangen hat.

Dieses Werben um Vertrauen zur Volkspolizei kennen wir ja nun auch schon aus anderen Filmen der Reihe – es ist aber unrealistisch, egal ob im Osten oder Westen. Man hat, wenn man in eine Sache verwickelt ist, immer Angst, dass man noch mehr angehängt bekommt. Es ist bezeichnend, dass man das im Realsozialismus für einen behebbaren Fehler hielt, nicht für eine menschliche Grunddisposition. Und vermutlich waren viele Volkspolizisten auch nicht so vertrauenswürdig wie Fuchs oder Arndt, denen man jederzeit die Fähigkeit zurechnen kann, das richtige Urteil zu fällen. Vielleicht kam es in der Realität auch darauf an, ob jemand ein guter PG war, vielleicht sogar IM – oder eher jemand, der sich nicht so recht eingliederte und daher unter Generalverdacht stand. Auch auf der Insel weiß der ABV ja wieder sehr gut über alle Bescheid und das Gefühl, beobachtet zu werden, spielte gewiss eine Rolle dabei, dass das rechte Vertrauen zwischen den Staatsorganen und vielen Bürgern entstehen wollte.

Leider war das Material in ungewöhnlich schlechtem Zustand, wir befürchteten stellenweise sogar, der Film könnte reißen, was natürlich Unsinn ist. Es gibt Farbprobleme, Materialermüdung ist deutlich erkennbar, die Schnitte sind teilweise nicht korrekt ausgeführt – als habe man diesem Film aus irgendwelchen Gründen nicht die Restauration angedeihen lassen, die alte Polizeirufe heute wieder sehr ansehnlich machen und sie in besserer Qualität sichtbar machen als manchen Tatort aus dieser Epoche. Dadurch steigerte sich aber auch das Gefühl von Unsicherheit und Spannung wie auch die Distanz, das Ambivalente und das Gefühl – auf Kollisionskurs zu sein. Für schätzen „Kollision“ als Must-See ein.

Ein weiterer Nachtrag ist nun für die Veröffentlichung der Rezension im März 2020 fällig: Auf Regisseur Mosblech gingen wir zwar weiter oben schon ein, aber „Der Mann“, mit dem wir Schwierigkeiten hatten, ist nach allem, was wir mittlerweile von ihm gesehen haben, eine Ausnahme: Mosblechs Filme zählen für uns zu den emotionalsten und wegen ihrer Figuren packendsten der Polizeirufen der DDR-Zeit, deshalb können wir nun folgende hohe Wertung in den Zusammenhang stellen: Es ist ein Mosblech.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Manfred Mosblech
Drehbuch C. U. Wiesner
Produktion Lutz Clasen
Musik Hartmut Behrsing
Kamera Günter Eisinger
Schnitt Margrit Schulz

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Sigrid Göhler: Leutnant Vera Arndt
Jürgen Zartmann: Unterleutnant Gustav Stresow
Fred Düren: Dr. Rudolf Boelsen
Helga Piur: Ilse „Ilsing“ Boelsen
Otto Mellies: Prof. Siegfried Preckwinkel
Lissy Tempelhof: Isolde Preckwinkel
Klaus Gehrke: Günter Rogge
Horst Weinheimer: Klaus „Kläusing“ Barhöft
Helmut Müller-Lankow: Heinrich „Gänse-Hinnerk“ Lüttjehann
Else Wolz: Minna Lüttjehann
Regina Beyer: Brigitte „Biggy“ Mauser
Brigitte Beier: Margit Hanke
Petra Hinze: Ingrid Gertz
Marga Legal: Frau Niemann
Fred Mahr: Herr Niemann
Richard Schrader: Herr Hinze
Ellen Rappus: Urlaubermutter
Gerd Blahuschek: Urlaubervater
Eleonore Dancker: Kutterführerin
Dietrich Puchert: Inselarzt
Oskar Daum: Kellner
Beate Schade: Urlauberkind
Wolfgang Ernst: Erster Kriminaltechniker
Peter Heiland: Zweiter Kriminaltechniker
Siegfried Bartschat: Kriminalist

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s