Leiden wie ein Tier – Tatort 610 #Crimetime 580 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Tier #Leid

Crimetime 580 - Titelfoto © RBB, Annegret Plehn

Leiden mit den Tieren und doch analysieren

„Ich will meine Manu“ wieder. Es nervt schon ein wenig, dass Ritter und Stark eine gefühlte Ewigkeit brauchen, um darauf zu kommen, dass es sich hier um ein Tier, vermutlich um eine Katze, handelt. Und woher wusste der Katzenbesitzer bereits zu Beginn, dass sein Tier in das Institut verbracht wurde, in dem die Tierversuche stattfanden? Nicht einmal die Kommissare oder die Öffentlichkeit hatten zu dem Zeitpunkt eine Ahnung, dass in Altkleider-Sammelstationen in Wirklichkeit Tiere gefangen haben. Dies und mehr analysieren wir in der -> Rezension.

Handlung

In der Nacht vor seiner Hochzeit mit Sandra Mangold, der Abteilungsleiterin der Berliner Pharmafirma NOVOFACT, wird Prof. Eugen Jähnicke, Leiter des Instituts für Tierversuche, VIVITEST, ermordet aufgefunden. Die Todesursache ist rätselhaft, aber eines ist klar: Sein Tod wurde „arrangiert“. Der tote Professor liegt auf dem Seziertisch in der Tierpathologie seines Instituts wie eines seiner Versuchstiere: In seinem ausgestreckten Körper stecken jede Menge Kanülen, Sonden, Schläuche und Elektroden.

Die Kommissare Till Ritter und Felix Stark vermuten, dass der Täter damit ein Zeichen setzen wollte und in den Kreisen der Tierversuchsgegner zu suchen ist. So gerät sogar Jähnickes eigene Stieftochter Caro in Verdacht, zumal die radikale Tierschützerin kurz zuvor einen handgreiflichen Streit mit ihm hatte. Und dann ist da noch Ingo Kaiser, der den Professor lautstark verdächtigt hat, seine geliebte Katze Manou für Tierversuche gestohlen zu haben.

Aber auch im Privatleben des Professors gibt es einiges zu recherchieren, denn der gut aussehende Witwer neigte zu Affären. Seine letzte Geliebte war seine Kollegin, die Leiterin der Tierversuchsreihen, Dr. Claudia Knobba, bevor er sich entschloss, die attraktive Sandra Mangold zu heiraten – für Dr. Knobba eine herbe Enttäuschung. War es vielleicht ein Mord aus Eifersucht?

Aber auch Sandra macht sich verdächtig: Ritter erwischt sie in Jähnickes versiegeltem Büro, als sie gerade dabei ist, Computerdateien zu löschen. Und der Professor selbst hat kurz vor seinem Tod noch Unterlagen im Reißwolf vernichtet. In welche Geschichte waren das Forschungsinstitut und der Pharmakonzern verwickelt?

Musste Prof. Jähnicke deswegen sterben? Und welche Rolle spielt eigentlich Volker Bensch, der im Institut als Versuchstierpfleger arbeitet und offenbar auch gute Kontakte zu den Tierschützern hat?

Während Ritter und Stark fieberhaft ermitteln, eskaliert die Situation im Hause Jähnicke. Caro und die langjährige Haushälterin Margarete Baier, die sie fast wie eine Mutter aufgezogen hat, verlassen nach einem Streit die Villa – ihr Verhältnis zu Sandra war ohnehin nie das Allerbeste. Sie verdächtigen sich sogar gegenseitig, etwas mit dem Tod des Professors zu tun zu haben. Doch dann entdecken Ritter und Stark eine heiße Spur – und die verdanken sie nicht zuletzt den beiden Lovebirds, auch die „Unzertrennlichen“ genannt, die der Professor in seinem Büro gehalten hat.

Rezension

Was haben die Organisationen in Berlin dazu gesagt, die solche Stationen aufstellen? Sehr realistisch wirkt der Part nicht, zumindest kann so etwas nicht über längere Zeit funktionieren, ohne dass jemand beobachtet, wie Tiere in diesen Stationen verschwinden, nicht mehr herauskommen und jemand dann mit einem Auto vorfährt und die Stationen leert. Was viel stattfinden  muss als in Wirklichkeit mit Altkleidern, damit die gefangenen Tiere nicht schon in den AK-Stationen verhungern. Sie bellen oder miauen wohl auch nicht, während sie in diesen öffentlich aufgestellten Fallen sitzen.

Als Tierfreund ist man involviert, als Tierkenner auch wieder beruhigt – so, wie in „Leiden wie ein Tier“ beschrieben, wird die Rekrutierung von Versuchstieren wohl in Wirklichkeit nicht ablaufen können. Dass jemand in einer stillen Gegend auf die Jagd geht und einzelne Tiere wegfängt, das ist eher denkbar, aber natürlich lange nicht so plakativ wie die gezeigte Lösung. Typisch Berlin, alles muss plakativ sein, ob’s auch logisch ist, steht weniger zur Debatte.

Klar, dass die Tierschützer und auch die afrikanische Institutsleiter-Nachfolgerin als Täter ausscheiden, das geht beides aus Gründen der politischigen Korrektheit nicht. Trotzdem interessant, dass diese studierte, distinguiert wirkende Afrikanerin überhaupt in ein solches Interessengeflecht eingebunden wurde. Da muss man ja geradezu den Hut  ziehen – selbst wenn gerade dies wieder nicht besonders realistisch ist. Die realistischere Darstellung aller Bevölkerungsgruppen in Berlin in Tatorten ist einer von vielen Wünschen, die offen blieben.

Dennoch ist „Leiden wie ein Tier“ kein schlechter Tatort, sondern ein durchschnittlicher. Was an Abstrusitäten (wie die Zurichtung der Leiche des Institutsleiters durch seinen Azubi, der damit der Tochter des Institutsleiters helfen wollte (!)) hineingebaut wurde, machen dieses Mal Ritter und vor allem Stark mit ihren guten, gleichermaßen zurückhaltenden wie präsenten Darstellungen wett. Ritter mal ohne Techtelmechtel. Uns schwante Böses, als er sich räumlich der plötzlich ohne Bräutigam dastehenden Fast-Medizinerin näherte, aber es ging dieses Mal gut.  Stark mit seinem Sohn und den Fragen zur Menschen- und Tierwürde kommen zwar einerseits wieder sehr didaktisch rüber, andererseits ist das Ende, nämlich, dass der Sohn einen Hund bekommt und ein alter Mann seinen Hund zurück, ganz reizend. Auch, dass der alte Mann zwischenzeitlich stillschweigend einen anderen Hund akzeptiert, sozusagen als Not- und Ersatzlösung, weil der richtige eben noch nicht gefunden wurde, ist schön und für Berliner Tatortverhältnisse sehr subtil gespielt.

Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic) fuchsen sich hinein und machen ein typisch britisches Krimifass auf. Anfangs wirken die beiden nicht besonders an dem Fall interessiert, auffällig zum Beispiel in der Szene, in der sie ziemlich lustlos im Büro des Institutsleiters herumstehen und sich die Sache nach Spuren anschauen. So ein Forschungsinstitut ist ja auf den ersten Blick auch eine etwas langweilige Sache, für handfeste Großstadtcowboys wie Till Ritter und Kollegen wie Felix Stark, die sich gerne emotional einbringen.

Das passiert aber auch hier: Stark wird in die Viecherei selbst involviert, weil sein Sohn einen Hund will – und am Ende auch bekommt. Und Ritter kann zumindest durch die schockierende allgemeine Situation der Tiere und den offenbar brutalen Mord an Professor Eugen Jähnicke (Walter Kreye) Zugang zum Fall finden. Die beiden sind wie kaum ein anderes Ermittlerteam davon abhängig, ob die Art, wie ein Fall emotionale Anbindung erlaubt, funktioniert oder nicht.

Zwischendurch lässt Stark die im Institut aufgefundenen Haustiere ins Netz stellen und verursacht damit einen Aufstand, am Ende will Ritter einen Trick anwenden und versammelt alle Verdächtigen im Kreis. Das erinnert sehr an britische Fallkonstruktionen von Agatha Christie oder Edgar Wallace. Die Filme dazu sind legendär. Wie unter dem aufgebauten Druck ein Verdächtiger, dem bis dahin nichts bewiesen werden konnte, dann zusammenbricht, und alles zugibt, hat schon für große Filmszenen gesorgt, hier kommt es eher still und der Glaubwürdigkeitsfaktor ist allenfalls ein mittlerer. Andererseits waren wir nicht überrascht, dass es die Haushälterin war, alle anderen Figuren waren schon so deutlich positioniert.

Echte Ermittlungsarbeit ist das nicht, was hier zur Auflösung führt, und zum Glück wird diese Variante im deutschen Krimi auch selten angewendet (und nicht nur im deutschen Krimi unserer Tage). Was die  Qualität der Ermittlungsarbeit angeht, stehen solche Lösungen in etwa auf einer Stufe mit der plötzlichen Auflösung des Falles anhand von DNA-Analysen, die im Grunde alles, was vorher mit viel personalem Aufwand inszeniert wurde, fragwürdig erscheinen lassen, weil man sich auch gleich auf diese Analysen hätte konzentrieren können.

Trotzdem verfehlt die mit Verve gespielte Auflösungszene ihre Wirkung nicht und wie so oft ist die eigentliche Mörderin ein im Grunde guter Mensch, ganz im Gegensatz zum Institutsleiter Jähnicke. Auch dessen Tochter ist ein guter Mensch – deswegen wohl auch die Stieftochter. Auf die Diskussion, ob böse Menschen gute Menschen zeugen können, wollte man hier erkennbar verzichten. Kein Grinser in einer Rezension, schade.

Eigentlich ein Sonderpunkt. Jedes soziale Thema ist wichtig, aber wir leiden schon deshalb lieber mit Tieren als mit unseren Mitmenschen, weil Tiere hilflos sind und weil man ihnen keine bösen Absichten zurechnen kann. Sie sind unschuldig und werden deshalb gerne in romantischer Verklärung zum Vehikel eines Fanatismus, der vielen anderen Formen des politischen Fanatismus ähnelt. Für uns ist Tierschutz gleichrangig mit Menschenschutz – da gehen wir mit der Haltung, die Stark und sein Sohn im Dialog erläutern, konform. Wie wir mit Tieren und mit Menschen umgehen, das entspringt derselben Mentalität: Ob wir Respekt vor jemand anderem als uns selbst zu zeigen in der Lage sind oder nicht.

Auch wenn die gezeigte Art der Haustierbeschaffung fragwürdig erscheint, generell ist die Versuchstierhaltung und -verwendung ein heikles Thema. Die Forscher werden sagen, ohne Knockout-Mäuse geht’s halt nicht, oder sollen wir stattdessen Menschen nehmen? Schließlich geht es um medizinischen Fortschritt. Es heißt, irgendwo muss der Fortschritt erzielt werden und wird erzielt werden, aber selbstverständlich muss an Verfahren gearbeitet werden, die ohne Tierversuche auskommen. Ersteres Argument verwendet Jähnicke im Film, Letzeres nicht, obwohl dieses ganz wichtig ist, nicht nur bei den Tierversuchen. Will man bei einer Technologie dabeibleiben oder aussteigen? Beide Haltungen haben Konsequenzen. Erste auf der moralischen Seite, letztere auf der ökonomischen – und damit im gegenwärtigen System auch wieder auf der moralischen.

Der Film bezieht eindeutig Stellung, ohne auf die Nachteile eines vollkommenen Tierversuchsverbotes einzugehen. Wir machen’s anders, wir enthalten uns hier einer Stellungnahme, weil wir aus unserem eigenen Lebenskreis beide Argumentationslinien kennen und wissen, wie schwierig die Abschichtung in Wirklichkeit ist. Auf jeden Fall  aber muss man dafür sorgen, dass alles so erträglich wie möglich abläuft und natürlich kann man nicht einfach Haustiere klauen.

Es wäre jetzt billiger gewesen, hier eindeutiger zu schreiben, aber wir sind ja nicht vom RBB, der die Sache um einiges simplifiziert darstellt. Deswegen trägt natürlich auch der Institutsleiter den heute nicht mehr gerade häufigen Namen Eugen – eine unterschwellige Anweisung, denn das Wort Eugenik ist uns ja allen negativ im Gedächtnis verankert (die aus der NS-Verwendung resultierende Abscheu ist auch einer von mehreren Gründen dafür, dass in Deutschland die Gentechnik generell sehr kritisch gesehen wird).

Handlung und Atmosphäre. Die Handlung an sich hat zwar einige grenzglaubwürdige Elemente, aber die Ausführung ist logisch nicht zu beanstanden. Letzteres rührt aber auch wieder daher, dass die eigentliche Auflösung nicht durch technische Ermittlungsarbeit, sondern durch die inquisitorische Runde veranlasst wird.

Die Figuren wirken insgesamt okay, wenn auch niemand so hervorsticht, dass er einen bleibenden Eindruck hinterlassen würde. Der Versuchstierpfleger-Azubi (gibt es den Lehrberuf wirklich?) kommt ziemlich schräg rüber, die Tochter Jähnicke wirkt kalt, wenn es nicht um Tiere oder die Haushälterin-Ersatzmama geht. Psychologisch stimmig, aber eine schöne Atmosphäre kommt dadurch nicht zustande.

Der Institutsleiter wird etwas zu sehr dämonisiert, die Verlobte hat ökonomische Interessen und auch ein wenig Gefühl, soweit ihr das vom Typ möglich ist, die Nachfolgerin wurde um Lizenzgebühren betrogen und ist auch nicht gerade jemand, den man sich leicht erschließen kann. Die Haushälterin hielten wir zunächst für die Managerin das Partyservices, der das Catering für die vorgesehene Hochzeit des Institutsleiters Jähnicke mit Frau Mangold zu leisten hatte. Keine der Figuren scheint enge Beziehungen zu haben, vielleicht noch die Mörderin zur Stieftochter des Dr. Jähnicke, Caroline.

Für sie mordet die stille Frau sogar, weil sie nicht will, dass Caroline durch die Verschiebung der Relationen qua Neuheirat von Jähnicke ausgebootet wird. Sehr gesund und rund wirkt das alles nicht. Es erklärt sich aber aus dem Genre selbst, dass Zwischenmenschliches nicht vorwiegend ein Quell der Freude, sondern der Nährboden für kriminelle Energie ist, sonst gäbe es ja keine Mordfälle.

Durch die lustige Tiere-Jagd zwischendurch wird das spezielle Wintergrau der Folge 610 und die typische Kühle der Berliner Tatorte etwas aufgeweicht, formal ist der Film routiniert und experimentefrei gestaltet.

Finale

Es wiegt sich auf. Es gibt einige sehr nette und auch einige nicht besonders überzeugende Momente und Elemente in „Leiden wie ein Tier“. Auch wenn sich bei uns die emotionale Anbindung nicht recht einstellen wollte, möchten wir gerne konzedieren, dass dies subektiv ist und beim Thema Tierschutz bei  anderen Zuschauern vielleicht alle Alarmglocken wie von selbst angehen und sie gebannt vor dem Bildschirm sitzen. Wir stellen dieses Thema aber mehr in einen allgemeinen Zusammenhang und sehen es daher gleichwertig mit anderen sozialen Fragen. Nicht, ob ein Thema behandelt wird, sonden wie, darauf kommt es uns an, auch und gerade im Krimi-Format. Und da gibt es eben einige Abstriche bei der Glaubwürdigkeit. Die hat man nicht in den Vordergrund gestellt, sonst hätte man auf den einen oder anderen Effekt verzichten müssen.

Mit den Ermittlern sind wir dieses Mal gut zurechtgekommen. Wir haben schon bessere und schlechtere Berlin-Tatorte gesehen.

7/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Gerichtsmediziner Dr. Jost – Milan Peschel
Sebastian Stark – Martin Aaron Müseler
Volker Bensch – Volker Bruch
Margarete Baier – Jenny Gröllmann
Professor Eugen Jähnicke – Walter Kreye
Caroline Jähnicke – Karoline Teska
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Sandra Mangold – Nele Mueller-Stöfen
u.a.

Drehbuch – Scarlett Kleint, Ilse Biberti
Regie – Uwe Janson
Kamera – Hagen Bogdanski
Musik – Oliver Biehler

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