Häuserkampf in Neukölln. Ein trauiges und ein erfreuliches Ereignis: Kein Sieg für die Elsenstraße 74, stiller Vorkauf der Juliusstraße 59 durch die Gewobag. @derjochen @heimatneue @u67bleibt @CorinthStr53 @HDay2020 @MietenwahnsinnB u. a.

Wir hatten von dem wunderschönen Hoffest berichtet, das die Bewohner*innen der Elsenstraße 74 am 15. Februar veranstaltet haben. Den Hintergrund bilden wir hier am Ende dieses Beitrags noch einmal in Form der Presseerklärung ab, welche die Hausgemeinschaft einige Tage zuvor ins Netz gestellt hatte. Leider hat die Hausgemeinschaft ihr Ziel nicht erreicht, kommunalisiert zu werden. Wir haben aber auch über einen erfolgreichen Vorkaufsfall zu berichten.

Die Elsenstraße 74 hat es nicht geschafft, von einer städtischen Wohnungsbaugesellschaft, einer Genossenschaft oder einem „weißen Ritter“ gekauft zu werden, um den Zugriff eines Investors abzuwenden, dem man einen spekulativen Umgang mit dem Haus zutraut. Notwendig wäre dazu die Ausübung des bezirklichen Vorkaufsrechts zugunsten Dritter gewesen, die in Neukölln im Jahr 2019 häufig zum Erfolg führte und sowohl den Mieter*innen die Furcht vor Gentrifizierung nahm als auch den Bestand an städtischem Wohnraum erweitern konnte.

Die Angst vor Verdrängung wird nach dem Kauf durch einen Investor nun weiterhin in der Elsenstraße 74 umgehen. Wir hoffen sehr, dass die Mieter*inen wohnen bleiben und die Angst eines Tages verflogen sein wird.

Kurz nach Ablauf der Frist zur Ausübung des Vorkaufsrechts am 24. Februar gab es bereits eine Meldung des Neuköllner Baustadtrats Jochen Biedermann auf Twitter, die wir in die Richtung deuteten, dass es nicht geklappt hat, aber wir wollten warten, bis die Mieter*innen sich selbst äußern. Am heutigen Nachmittag schrieb Jochen Biedermann an uns:

Mit Bewohner*innen der Else74 habe ich eben noch zusammengesessen und nachbesprochen, was war und wo wir trotzdem helfen können, auch wenn es nicht geklappt hat, was mich sehr schmerzt, weil die Bewohner*innen richtig klasse und umtriebig waren. Leider sind uns in den letzten Tagen alle Möglichkeiten weggebrochen und dann haben selbst alle Versuche zwischen Freitag und Montag doch noch was zu reißen, nichts mehr geholfen.“

Gestern meldete sich die Hausgemeinschaft auch auf Twitter zu Wort und hat in ihrem Blog einen Eintrag geschrieben:

„Der 24. Februar 2020, die Vorverkaufs-Deadline für unser Haus, ist nun schon seit ein paar Wochen verstrichen. Leider hat es nicht geklappt. Unsere Wohnungen sind nun endgültig im Besitz der four real GmbH.

Nichtsdestotrotz möchten wir uns für Euren Support bedanken, jede Hilfe und Unterstützung war Gold wert und es ist beinahe gut ausgegangen. Leider nur beinahe. Und das mussten wir erst einmal verdauen.

Noch wissen wir nicht, wie es weitergehen wird. Aber wir wissen, dass wir als Hausgemeinschaft zueinander halten werden, gemeinsam agieren werden, wenn etwas passiert. Und wir möchten uns mit allen anderen, die gerade in ähnlichen Situationen sind, solidarisch verhalten. Denn gemeinsam sind wir stärker! #Else74Bleibt! #WirBleibenAlle

Wir würden uns sehr freuen, wenn die Mieter*innen der Elsenstraße die anderen trotzdem im Kampf um das Recht auf Wohnen unterstützen würden. Wie schwer das ist, können wir uns vorstellen. Wir werden uns, falls wir die Zeit dazu finden, aber noch mit einem kleinen Dankeschön unsererseits für das schöne Fest melden.

Erster Vorkauf des Jahres 2020 in Neukölln geglückt!

Gestern Abend hat Baustadtrat Jochen Biedermann bekannt gegeben, dass die Juliusstraße 59 per Vorkaufsrecht erfolgreich in den Bestand der städtischen Gewobag eingegliedert werden konnte.

Die Juliusstraße ist eine am Südende der Karl-Marx-Straße in Neukölln gelegene westliche Seitenstraße nahe der Autobahn A 100, die Gegend ist nicht so „kiezig“ wie in den Fällen, über die wir bisher geschrieben haben, sondern hat teilweise gewerblichen Charakter, das Haus 59 wirkt auf den mittlerweile zwölf Jahre alten Google-Streetview-Bildern relativ frisch saniert.

Es ist einer jener „stillen“ Vorgänge gewesen, von denen die Öffentlichkeit während der Verhandlungen nichts mitbekommen hat – weil die Juliusstraße 59 keine Mieter*innen-Initiative gründen konnte, die auf sich und ihr Haus aufmerksam macht. Wir wissen, dass es in Neukölln Politik ist, immer eine gute Lösung für die Mieter*innen finden zu wollen, die Verdrängung fürchten – und welch eine Gratwanderung dies darstellt.

Einerseits ist Publizität ganz wichtig, sollten Einsatz und Kampf belohnt werden, sind von Bedeutung für die Kämpfe der Stadtgesellschaft, andererseits darf die mediale Kompetenz einer Hausgemeinschaft nicht darüber entscheiden, ob eine Rettung vor Investoren möglich ist. So sieht es die Politik im Bezirk und wir können diese Sicht nachvollziehen. Es ist auch für uns immer wieder schwierig, mit diesem Zwiespalt klarzukommen.

Uns erinnert der Fall Juliusstraße an die Anzengruberstraße, die vor etwas mehr als einem Jahr ebenfalls überraschend „vorgekauft“ wurde – auch von diesem Vorgang hatte Jochen Biedermann erst nach Abschluss berichten können. Bis dahin gab es keinerlei für uns sichtbare Zeichen, dass etwas im Gange war.

Dennoch: Die Mehrzahl der von Investoren seit Ende 2018 ins Visier genommenen Häuser konnten wir mit einer Berichterstattung begleiten, weil sich ihre Bewohner*innen in den sozialen Medien gezeigt hatten. Wir finden es ganz wichtig, dass kenntlich wird, dass es um Schicksale, nicht um den Vorrang von Renditeziffern geht. Uns haben die Artikel über die kämpfenden Mieter*innen und, seit wir ab und zu selbst zu Hoffesten gehen, die Begegnungen sehr viel Freude bereitet. Wir waren glücklich in den Fällen, in denen es geklappt hat – und wir haben mitgelitten, wenn es nicht möglich war, die Investoren draußen zu halten, wie etwa bei der Schöneweider Straße 20 – und jetzt geht’s uns mit der Else 74 wieder so. Wir hoffen das Allerbeste für die Bewohner*innen und schicken

solidarische Grüße in den Harzer Kiez von Neukölln!

TH

Abschließend die Pressemitteilung, welche die Ausgangslage der Elsenstraße 74 erklärt:

Pressemitteilung

Gentrifizierung im Harzer Kiez – Else 74 bleibt!

In Zeiten, in denen Berlin für die internationale Immobilienbranche eine Goldgrube ist, befürchten
viele Hausgemeinschaften ihr Heim zu verlieren.

WIR NUN AUCH!

„Der Fokus liegt auf klassischen Mietshäusern (hier entweder Objekte mit überdurchschnittlichen
Renditemöglichkeiten oder mit Potential für Leerstand) …“

• four real GmbH (Ankaufsprofil für Berlin)

Wie wir erfahren haben, wurde unser Haus (Elsenstraße 74) an das WienerImmobilienunternehmen four real GmbH verkauft, die in den letzten sechs Jahren mindestens ein Wohnhaus im Kiez gekauft, entmietet und in Eigentumswohnungen umgewandelt hat.
Da es bislang keine Äußerungen von Seiten des Investors zur Zukunft unseres Hauses gibt, sind wir
in höchstem Maße verunsichert. Unser Kiez ist noch recht unberührt. Nach dem Verkauf der Elsenstr.75 im letzten Jahr, trifft es nun auch uns. In Gesprächen mit Nachbarn aus dem Kiez, stellt man fest, dass auch sie von den üblichen Verdrängungstechniken betroffen sind.

Wir sind eine kleine Hausgemeinschaft – so bunt wie Neukölln selbst. Wir gehören hier hin und
bleiben hier!

DIE ZEIT IST KNAPP!

Der Bezirk hat noch bis 24. Februar 2020 die Möglichkeit, das Vorkaufsrecht zu prüfen und geltend
zu machen. Um die ohnehin angespannte Mietsituation in Berlin etwas zu entspannen, fordern wir
den Bezirk auf hier im Kleinen ein Zeichen zu setzen.
Vorkaufsrecht nutzen – Kiezstruktur erhalten!

Zu diesem Zweck veranstalten wir am 15. Februar 2020 ab 13.00 Uhr ein Hoffest in der Elsenstraße
74, 12059 Berlin.

Was wir erreichen wollen:

• Ein Bewusstsein für die Veränderungen in unserem Kiez und Vernetzten der Nachbarschaft
• Engagement von Politiker*innen des Bezirks Neukölln und der Stadt Berlin für langfristige Lösungen zu bezahlbarem Wohnraum und damit auch konkret unserem Haus und solange die nicht vorhanden sind: Nutzung des Vorkaufsrechts vor allem bei Häusern, die Gefahr laufen in Eigentum
umgewandelt zu werden. Die Bauflächen in Neukölln sind begrenzt – Wohnraum muss für alle zugänglich bleiben
• Übernahme unseres Kaufvertrages durch eine städtische Wohnungsbaugesellschaft, eine Genossenschaft, eine Stiftung oder eine Privatperson, die sich für sozialverträgliches Wohnen in Berlin
engagiert.

ENDE PM

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