Traumtod – Polizeiruf 110 Fall 279 #Crimetime 590 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Schwerin #Hinrichs #Tellheim #NDR #Traum #Tod

Crimetime 590 - Titelfoto © NDR, Dirk Plamböck

Der Traum stirbt früh

Zwei Todesfälle am See, in einer Traumlage – ist das der Hintergrund? Oder sind es Artefakte in Bernstein, 50 Millionen Jahre alt? Schuss und aus der Traum. „Traumtod“ ist der zweite Film mit Kommissar Hinrichs, verkörpert von Uwe Steimle, mit seinem damals noch fast neuen Partner Tellheim, dargestellt von Felix Eitner. Im Jahr zuvor hatte Steimle zusammen mit anderen einen Grimme-Preis für die Weiterentwicklung der Reihe Polizeiruf bekommen. Wie weit entwickelt ist nun „Traumtod“? Darüber mehr in der -> Rezension.

Handlung

Luise Rimbach meldet ihren Ehemann als vermisst, als er nicht zum vereinbarten Frühstück im Hotel eintrifft. Die Kommissare Jens Hinrichs und Markus Tellheim beruhigen die Frau und gehen zunächst von einem harmlosen Vorkommnis aus. Im Gespräch berichtet sie, dass sie die Schwester von Heribert Wölflein ist, der in Schwerin ein größeres Anwesen besitzt. Zufälligerweise verschlägt es Tellheim am Abend zu diesem Mann, als unerwartet seine alte Freundin Paulina Meier auftaucht und ihn mit zu Wölfleins Party nimmt. Im Verlauf des Abends wird Tellheim mit K.-o.-Tropfen betäubt und erwacht nach diffusen Träumen im Zimmer seiner Schweriner Wohnung, ohne genaue Erinnerung an die letzte Nacht.

Kurze Zeit später wird er zu einem Leichenfund auf Wölfleins Anwesen beordert und muss entsetzt feststellen, dass man dort Paulina Meier aus den Wasser gefischt hat. Er ist sich sicher, dass Wölflein den Tod seiner Freundin zu verantworten hat. Hinrichs möchte erst einmal abwarten, ob überhaupt ein Tötungsdelikt vorliegt, doch Blut- und Schleifspuren lassen die Kommissare aufmerksam werden. Die Spuren führen zu Wölfleins Bootshaus, wo die Ermittler unverschlossene Waffen und schon am nächsten Tag Horst Rimbachs Leiche in der Nähe des Bootshauses finden. Er wurde erschossen.

Hinrichs und Tellheim finden mehr und mehr Hinweise auf einen illegalen Kunsthandel, den Wölflein betreibt. Die Gäste auf der Party bestanden ausnahmslos aus Kunstsammlern und Kunsthändlern, die keinen Hehl aus ihrer Leidenschaft machen. So hatte Rimbach kurz vor seinem Tod einen sehr wertvollen „Bernsteindrachen“ erworben, den ihr Paulina Meier vermittelt hatte und an dem auch andere Sammler sehr interessiert waren. Für die Ermittler könnte der Bernstein helfen den Mörder zu überführen, denn wer ihn derzeit besitzt, dürfte auch der Täter sein. So lässt Tellheim Wöfleins Villa durchsuchen, was leider keinen Erfolg bringt. Dafür aber eine Hausdurchsuchung bei Wölfleins Angestelltem Kirst. Er gerät damit unter Mordverdacht, leugnet jedoch jemanden ermordet zu haben. Den Bernsteindrachen hätte er lediglich bei dem Toten gefunden. Tellheim glaubt ihm und will dem wahren Mörder eine Falle stellen. Es bittet Frau Kirst ihrem Mann zu helfen und Wölflein zum Schein zu erpressen, dass sie beweisen könne, dass er Rimbach umgebracht hätte. Wölflein geht darauf ein, und Tellheim versucht um jeden Preis ihm ein Geständnis abzupressen, doch er gesteht lediglich, die Leiche versteckt zu haben, und als Paulina Meier ihn dabei beobachtet hatte, sei sie ausgerutscht und ins Wasser gefallen, wo sie in ihrem angetrunkenen Zustand ertrunken sei.

Letztendlich gesteht Luise Rimbach, ihren Mann selber erschossen zu haben, weil er mit seiner Sammelleidenschaft nicht aufhören wollte und sie finanziell bereits fast ruiniert waren. Als er sie dann anrief und entgegen allen Versprechungen wieder ein Stück gekauft hatte, konnte sie einfach nicht anders.

Rezension

Der Schwerin-Polizeiruf soll nicht mehr so trist sein und spannender, krimimäßiger, heißt es in einer Kritik, die den Übergang zum damals noch recht jungen Tellheim als Partner von Hinrichs reflektiert. Das sei auch recht gut gelungen. Felix Eitners Rolle ist zumindest in „Traumtod“ anders angelegt als seine spätere in der Reihe „Heiter bis tödlich: Alles Klara“, die mit ihrer aufgekratzten Art zu den vielen mehr oder weniger nervigen Humorkrimi-Vorabendproduktionen zählt, die dafür sorgen, dass man, anders als beim realen Wasserstand, eher von einer Flut als von niedrigem Pegel sprechen kann.

Hinrichs haben wir bisher nur einmal an der Seite des älteren Groth gesehen, in „Über den Tod hinaus“, der in der Tat melancholischer war als „Traumtod“. Von Schmücke und Schneider haben wir schon ein wesentlich umfänglicheres Bild, vielleicht nicht nur, weil sie mehr Filme gedreht haben (50, Hinrichs kommt auf 31), dieser Unterschied spiegelt nicht die Relation der heutigen Wiederholungen – sondern, weil Steimle zu einer politischen Persona non grata geworden ist. Das könnte sich durchaus auf die Frequenz auswirken, mit der seine Filme wieder ausgestrahlt werden.

Leider fängt „Traumtod“ schlecht an. Nicht visuell, da liegt der Film über dem Schnitt der damaligen Produktionen – aber dass Hinrichs sich erst beim zweiten Schuss darüber aufregt, dass geschossen wird, als er mit der Vogelpfeife im Schilf sitzt, ist ein klarer Schnittfehler und wir fragen uns immer wieder, warum sowas nicht redigiert wird. Leider geht es den ganzen Film über in diesem Stil weiter: Wir haben ja bezüglich der Logik schon die Anforderungen erheblich heruntergeschraubt, damit wir nicht überwiegend schwache Bewertungen für heutige Tatorte und Polizeirufe vergeben müssten (bei den Tatorten noch extremer, dafür haben sie meist die bessere Dramaturgie). Aber das war uns dann doch wieder zu viel. Wir haben überlegt, sämtliche Filmfehler und Dialog-Betisen während des Anschauens schon ins Handy zu sprechen, um damit überwiegend die Rezension zu füllen, es dann aber doch gelassen. Immerhin mussten wir zu diesem Film dreimal ansetzen, um ihn durchzustehen, da wäre ein wenig Rache durchaus vertretbar gewesen.

Mit den seltsamen Momenten geht es gleich weiter, als Hinrichs erstmalig auftaucht: Naturschutzgebiet? Da ist er doch selbst mit dem Auto unterwegs. Aber damals, in der DDR, die Bonzen. Den Satz haben sie ihm sicher in den Mund gelegt und damit seinem Darsteller ein Ei, der ein profilierter Ostalgiker ist. Oder war die Entrüstung, weil die Frau an dem Auto schraubt? Und hatte sie wirklich eine Panne? Nicht zu sehen.

Das zieht sich durch bis zur Verwechslung von Frau Rimbachs verschiedenen Ehemännern in der Szene, in der sie mit Hinrichs an der Bar sitzt. Uns sind mindestens zwei Dutzend schlecht aufeinander abgestimmte Szenenfolgen und noch mehr bescheuerte Dialoge aufgefallen. Weiterhin gibt es einige Unklarheiten, man muss sich viel selbst zusammenreimen – zum Beispiel, dass die Frau ,die Abends bei Tellheim auftritt, nicht diejenige ist, die er einige Stunden zuvor anrief. Was aber ist mit jener, wieso taucht sie nicht ebenfalls auf? Und warum ist die Haushälterin am See so verstockt? Es gibt doch keinen Grund dafür. Weil sie schwarz arbeitet? Viele Reaktionen wirken irritierend, ohne dass es irgendeine pychologische oder sachliche Erklärung gibt. Oder wie krass gut Frau Kirst den Wölflein erpresst, der spurt, obwohl er keinen Mord begangen hat – und warum ist die Mordkommission überhaupt am See, solange nicht klar ist, ob Fremdeinwirkung beim Tod von Paulina vorliegt? Usw. Usw. Schwer, all diese teilweise erheblichen Unstimmigkeiten als absichtliche Verfremdung anzusehen.

In und mit diesem Film wurde geschlampt, anders kann man es nicht nennen – und wird auch nicht durch eine gewisse Detailverliebtheit und putzige Wortscharmützel, besonders zwischen Hinrichs und Tellheim aufgefangen, die für damalige Verhältnisse sehr auf Kontrast angelegt waren. Gegen diesen Kontrast selbst ist nichts zu sagen, auch wenn er für manche Plattitüde sorgt. Es sind auch spannende Momente drin, wohingegen der Film im Ganzen spannender wäre, wenn Dialoge und Plot nicht für so viel Kopfschütteln sorgen würden. Wir dachten nach den ersten peinvollen Anfangsminuten, jetzt kommt Jenny Schily, jetzt wird’s besser. Dann ist sie nach 25 Minuten tot. Damit beendet man das zwischenmenschliche Verhältnis, das die meiste Spannung verspricht, jenes zwischen ihr und Tellheim, auch schon sehr früh.

Dass Sammler über Leichen gehen, um ihren Trieb zu befriedigen oder dafür zumindest kriminell werden, ist eigentlich eine schöne Reminiszenz an die Polizeirufe aus der DDR-Zeit. Damals gab es mehrere Filme, die sich damit befassten, wie es zum Entzug und zur Privatisierung sozialistischen Eigentums an Kunstgegenständen kommen konnte. Der Witz ist: Das alles spielt hier am Ende keine Rolle, obwohl ein Großteil der Ermittlungen auf einen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Echse in altem Baumharz abgestellt ist. Am Ende ein banales Eifersuchtsdrama oder warum hat Frau Rimbach überhaupt ihren Mann erschossen? Ja, doch. Eine Behauptung, denn er verscheidet so früh und es wird nie gezeigt, wer es dann war, der den Vorzug vor seiner Frau, der Kunstschützin, erhielt.

Das strafrechtlich interessanteste Thema wird vergeigt: Wie ist es zu bewerten, dass jemand, der nicht nur angetrunken war (wie in der Handlungsangabe zu lesen), sondern auch K.O.-Tropfen erhielt, ins Wasser fällt und ertrinkt. Hat nun eine Ursache dafür ausgereicht? Hätte sie siech, nur angetrunken, aber nicht durch die K.O.-Tropfen zusätzlich „gelähmt“, retten können? Führten nur beide Faktoren zusammen letztlich zum Tod? Gab es also doch eine Fremdeinwirkung oder nicht? Egal, wir sind ja hier nicht in einem Tutorium. Nee, nicht egal. Uns hätte schon interessiert, wie Wölfleins Handeln letztlich bewertet wird und was hatte er mit Paulina vor, indem er ihr die Tropfen durch Kirst hat verabreichen lassen? Was war der Zweck? Dieser Film ist wirklich mühsam, selbst beim nachträglichen Schreiben über.

Finale

Wenn man es an „Traumtod“ festmacht: Kein Wunder, dass die Fälle mit Hinrichs bei ihren Premieren deutlich hinter den Quoten zurückblieben, die neue Tatorte erzielen, wenn man „Traumtod“ als Maßstab nimmt. In dem Fall ist es nicht nur das Drehbuch: Die Fehler sind teilweise so krass, dass jeder Zuschauer zumindest einige davon bemerken dürfte – umso gilt das für das produzierende Team. Demgemäß sind auch Regie, Schnitt, Post-Produktion und viele weitere Mitwirkende nicht von Schuld für ein mangelhaftes Ergebnis freizusprechen. Der Eindruck, dass Tatorte am Schluss nicht mehr auf Fehler und Stimmigkeit gecheckt werden, ist ja nicht neu, wir haben ihn in „Crimetime“ mehrfach kommuniziert. Das trifft auch auf Polizeirufe zu und der Hintergrund könnte bei beiden Reihen auch sein: Man hat schlicht kein Geld mehr übrig, um Fehler zu korrigieren, um Szenen evtl. nachzudrehen, an denen irgendwas nicht stimmt. Oft wird das durch grandiose Inszenierungskunst überdeckt oder gemildert – hier reichen eine sichere Bildgestaltung und die recht gute Leistung von Uwe Steimle nicht aus, um den Film schick zu machen. Dadurch kommt es zur bisher niedrigsten Bewertung für einen Polizeiruf. Bei Tatorten sind wir ja hin und wieder schon bis 3,5/10 heruntergegangen – wenn zu einer schwachen Ausführung eine fragwürdige Tendenz hinzukam.

5/10

Regie Christine Hartmann
Drehbuch Ulli Stephan
Produktion Heike Richter-Karst
Musik Fabian Römer
Kamera Stefan Unterberger
Schnitt Bettina Staudinger

Uwe Steimle: Jens Hinrichs, Kriminalhauptkommissar
Felix Eitner: Markus Tellheim, Kriminalhauptkommissar
Franziska Walser: Luise Rimbach
Jenny Schily: Paulina Meier
Herbert Trattnigg: Heribert Wölflein
Gundula Köster: Frau Kirst
Rainer Sellien: Uwe Kirst
Karl Knaup: Fauler
Sanne Schnapp: Hausangestellte
Heidrun Perdelwitz: Museumsangestellte
Cornelia Lippert: Frau Wölflein
Annett Kruschke: Dr. Helmsdorf, Gerichtsmedizinerin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s