Jutta oder die Kinder von Damutz – Polizeiruf 110 Fall 178 #Crimetime 596 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Potsdam #Voigt #ORB #RBB #Kinder #Damutz

Crimetime 596 - Titelfoto © ORB / RBB

Wieso so Brandenburg?

Jutta oder Die Kinder von Damutz beruht auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Helmut Bez, der auch am Drehbuch beteiligt war. Im Stück, das 1980 uraufgeführt wurde, hatte Dagmar Manzel bereits die Rolle der Jutta verkörpert.[1] Der Film wurde im Sommer 1995 gedreht.[2] Die Kostüme schuf Christine Zartmann, die Filmbauten stammen von Eduard Krajewski. Der Film erlebte am 3. Dezember 1995 in der ARD seine Fernsehpremiere. Die Zuschauerbeteiligung lag bei 16,2 Prozent.[3]

Es war die 178. Folge der Filmreihe Polizeiruf 110Tanja Voigt ermittelte in ihrem 6. Fall. Es war das Filmdebüt der damals 12-jährigen Luise Helm, die hier als Juttas Tochter Sabine zu sehen ist.

Handlung (+ Vorinformation oben: Wikipedia)

Die zweifache Mutter Jutta arbeitet in einem Warenversandhaus in der Nähe ihrer Heimatstadt Damutz. Männer verehren sie und so hat sie auch diesmal keine Mühe, ein stark gemustertes Kleid als vermeintliche Retoure für sich zur Seite zu legen. Sie hat viel vor: Am nächsten Tag ist eine Brückeneinweihung in Damutz; zudem erwartet sie den Vater ihres Sohnes Roland, Herbert Melchior, und dessen Frau Edda im Ort, da sie in zwei Tagen mit ihrem Freund Uwe Rockstroh zu einem zweiwöchigen Urlaub nach Mallorca aufbrechen will. Herbert soll seinen Sohn in dieser Zeit erstmals zu sich nehmen, da Oma Emmi Pahl sich weigert, beide Kinder zwei Wochen lang allein zu betreuen. Emmi vertritt zudem die Meinung, dass sie sich jahrelang um beide Kinder gekümmert hat und nun auch einmal Herbert seinen Teil dazu beitragen soll. Dieser hatte einst seine Frau mit Jutta betrogen und Edda hat ihm dies nie verziehen. Von Roland will Edda nichts wissen und so kommen beide nach Damutz, um Jutta zu sagen, dass sie das Kind nicht bei sich aufnehmen werden.

Jutta bringt Herbert und Roland kurz nach ihrer Ankunft zusammen. Herbert schenkt seinem Sohn einen Fotoapparat und sieht sich außerstande, Jutta zu berichten, dass sie Roland nicht aufnehmen werden, zumal Herbert selbst nichts gegen Zeit mit seinem Sohn hätte. Die unnachgiebige Haltung seiner Frau und ihre Vorwürfe über den mehrere Jahre zurückliegenden Seitensprung zermürben Herbert und führen ihn schließlich dazu, sich noch in Damutz von seiner Frau zu trennen. Mit Roland verbringt er schöne Stunden am Weiher und beide lassen Papierschiffchen fahren. Ganz Damutz feiert unterdessen die Brückeneinweihung mit einem großen Fest, wobei es zu Spannungen zwischen Jutta, Uwe und der blonden Elvira Batzke kommt, auf deren Flirts sich Uwe einlässt.

Juttas Tochter Sabine alarmiert ihre Mutter, dass Roland verschwunden sei. Eine Suchaktion beginnt, doch informiert Emmi Pahl anonym die Polizei und weist auf den Fundort von Rolands Leiche hin. Sie treibt im Weiher. Hauptkommissarin Tanja Voigt kann aufgrund der massiven Verletzung am Hinterkopf zunächst Mord nicht ausschließen. Da auch Sabine verschwunden ist, die Jutta bei der Suche nach Roland geholfen hat, verdächtigen die Einwohner von Damutz den stummen Schäfer Alfred als Täter. Er war einst mit einem Kind verschwunden, auch wenn beide wiedergefunden wurden und dem Kind nichts fehlte. Tanja Voigt findet bei Alfred eine Kinderstrickjacke und nimmt ihn in Gewahrsam. Erst nach einer Weile erfährt sie, dass Alfred im Winter im Gebäude der Damutzer Bäckerei wohnt; im Haus kann Sabine gefunden werden, die versichert, dass Alfred ihr nichts getan habe. Ärztliche Untersuchungen bestätigen dies und Alfred, der zwischenzeitlich einen Selbstmordversuch unternommen hat, kommt frei.

Auch Herbert Melchior gilt als verdächtig, ließ er doch einen Taschenkalender, mit dessen Seiten er die Schiffchen für Roland gebaut hatte, verschwinden. Er gibt an, mit Roland am Weiher gewesen zu sein, jedoch unbemerkt von dem Jungen fortgegangen zu sein, da er ihm die Wahrheit – seine durch Edda erzwungene Abneigung ihm gegenüber – nicht gestehen wollte. Im Wasser wird kurz darauf Rolands Fotoapparat gefunden. Drogist Heinze entwickelt nach und nach die Bilder, wodurch Herbert entlastet wird. Er verschwand nicht unbemerkt, wie er vermutet hatte, sondern wurde von Roland beim Weggehen abgelichtet.

Sabine erscheint bei Tanja Voigt und gesteht, ihren Bruder ins Wasser gestoßen zu haben. Sie habe ein Märchen gelesen, in dem dem Kind so alles kommende Böse erspart geblieben ist. Alfred habe sie vor der Polizei verstecken wollen. Das letzte Foto Rolands zeigt jedoch Juttas auffälliges Kleid, das sie auf ihrer Arbeitsstelle an sich genommen hatte. Tanja Voigt passt Jutta am Flughafen ab, wollte sie doch trotz allem nach Mallorca reisen. Auf dem Revier gibt Jutta zu, Roland am Abend gefunden zu haben. Als sie ihn am Arm gezogen habe, um ihn mitzunehmen, habe er sich losgerissen und sei hintenüber ins Wasser gefallen. Er habe sich nicht mehr geregt, weswegen sie zurück zum Fest gegangen sei. Aus früheren Befragungen weiß Tanja Voigt zudem, dass Emmi Pahl die Leiche kurz darauf im Weiher schwimmen sah und daher anonym die Polizei benachrichtigte. Jutta wird abgeführt, auch wenn Tanja Voigt Mitgefühl zeigt. Sabine kehrt allein nach Damutz zurück, aus dem immer mehr Menschen weggehen und wo am Ende, nach ihren Worten, nur Roland zurückbleibe.

Rezension

Das Schlussbild zeigt, eingefroren, das Gesicht des Mädchens Sabine, also das von Luise Helm. Wir sind nicht mehr so auf aktuelle Kinofilme abonniert, aber beispielsweise zur berührenden Atmosphäre von „Her“ (2013) hat sie durch ihre Stimme viel beigetragen. Helm ist eine der wenigen Kinderdarstellerinnen, die den Übergang in Erwachsenenrollen geschafft hat und eine der wichtigsten deutschen Synchronsprecherinnen, weil sie aktuellen amerikanischen Topstars ihre Stimme verleiht. Dagmar Manzel haben wir zwar im selben Jahr, in dem „Jutta oder die Kinder von Damutz“ entstand, ebenfalls in einer Mutterrolle, aus „Nach fünf im Urwald“, aber der Typ der Schauspielerin, die Tatort-Fans in der Rolle der Kommissarin Paula Ringelhahn vom BR-Franken-Tatort bekannt ist, hat sich ein wenig gewandelt. Gudrun Ritter, die wiederum ihre Mutter im 178. Polizeiruf spielt und die wir im Rahmen unserer „Crimetime“-Rezensionen erstmals im Polizeiruf „Ein Fall ohne Zeugen“ sahen, ist bis heute eine vielbeschäftigte Darstellerin.

Der Film ist ein Krimidrama in bester Tradition der späten DDR-Polizeirufe und versprüht deren Melancholie in einem schwer erträglichen Maß. „Peter Hoff bezeichnete den Film Polizeiruf 110: Jutta oder Die Kinder von Damutz als einen Außenseiter der Polizeiruf-Reihe. Er sei weniger ein Kriminal- als ein Frauenfilm, da nur die Frauen Individualität hätten.[5]

Ob der Film Mitte der 1990er ein Außenseiter war, können wir noch nicht verifizieren, da wir aus dieser Polizeiruf-Epoche einige Jahre nach der Wende noch nicht viel gesehen haben – genauer gesagt, so gut wir gar nichts, „Jutta und die Kinder von Damutz“ ist der erste aus dem Jahrgang 95, den wir besprechen. Wenn man aber ein paar Jahre zurückgeht, entdeckt man durchaus Gemeinsamkeiten, das Stück, auf dem der Film basiert, entstand ja auch schon 1980. Geändert hat sich das Panorama. Viel Umland, das war in den oft kammerspielartigen Polieiruf-Dramen der späten DDR-Zeit weniger üblich und ein größeres Figurenpanorama, das wiederum dazu passt, dass hier typische Bewohner*innen eines ganzen Dorfes abgebildet werden. Allein anhand dieses Films könnte man sagen: Wir wissen nun, woher Rainald Grewe die Inspiration für sein satirisches Lied „Brandenburg“ bezogen, das in der Zeit, als wir nach Berlin zogen und viel in Brandenburg zu tun hatten, vor allem bei denen beliebt war, die mit der Distanz Zugezogener auf die Tristesse blickten. Allerdings wird damit nicht der Speckgürtel von Berlin porträtiert, in dem wir damals meist unterwegs waren, sondern das „weitere Umland“, am besten hinter dem äußeren Autobahnring, so die Anfahrten nach Berlin plötzlich sehr lang erscheinen und die Grundstücke und Häuser noch immer billig sind und wo Dörfer noch immer veröden – das alles lernten wir intensiver ab den Jahren 2011, 2012 kennen.

Die andere Aussage, die von der obigen Kritik getroffen wird, hat uns zwar etwas überrascht, der Perspektive wegen, aber man kann es durchaus so sehen. Von der (nicht mehr so) kleinen Sabine bis hin zu Juttas Mutter und deren Arbeitgeberin-Freundin dominieren Frauencharkatere den Film, die ganz unterschiedlich gezeichnet sind. Und der Film hat Anklänge an US-Roadmovies, besonders am Ende, wo das Luder Elvira sich mit dem Schäfer Alfred auf den Weg vom Irgendwo ins Nirgendwo ins Nirgendwo macht. Wie oft ist die Szene, in der ein Absatz kaputtgeht und die Schuhe weggeschmissen werden, schon zitiert worden? Nur, von welchem Original? Wir erinnern uns am besten an die Szene aus „Im Netz der Leidenschaften“, als Cora zu Fuß mit ihrem Koffer unterwegs ist, um der Tankstellen-Tristesse zu entfliehen (die erste Verfilmung von James Cains „The Postman Always Rings Twice“ aus 1946). Es gibt bei all diesen Existenzen da draußen in Damutz, deren Motive man gut nachvollziehen kann, zwei wirklich unangenehme Figuren. Die eine ist Frau Melchior und die andere der Bauunternehmer Rockstroh. Ihm gegenüber tritt Kommissarin Voigt zwar ablehnend auf, aber heute würde man eine Frau da viel offensiver und ironischer sein lassen. Eine gewisse Hilflosigkeit aller Frauen gegenüber einem solchen Macho ist durchaus spürbar. Am Ende will er ja doch mit Jutta nach Mallorca, aber – zu spät. Er hat die Katastrophe, den Tod von Roland, nicht unwesentlich mitverursacht.

Es ist schlimm, wenn Kinder nur stören, weil Eltern keine kohärenten Lebensentwürfe umsetzen können. Das gibt es nicht nur auf Dörfern und war nicht letztmalig in den 1990ern ein Thema. Jemanden anzunehmen oder abzulehnen ist etwas sehr Persönliches und überzeitlich. Nur das, was man heute Framing nennt, ändert sich, nicht die Tatsache, dass doch im Leben so vieles Glücksache ist. Chancengleichheit werden wir immer nur formal herstellen können, wenn überhaupt – ob ein Kind jedoch in einem Umfeld aufwächst, in dem es sich wohl und sicher fühlen kann, das kann niemand von außen steuern – auch nicht dadurch, dass rigider in offensichtlich dysfunktionale Familienverhältnisse eingegriffen wird, als das in Deutschland derzeit der Fall ist. Nach außen is ja auch alles auffällig-unauffällig. Die Biografien sind gebrochen, aber Mutter und Großmutter schaffen es irgendwie, die beiden Kinder durchzubringen, obwohl der schnieke Lehrer-Vater die weitaus größeren finanziellen Kapazitäten hätte. Es wird im Film nicht gesagt, aber er zahlt sicher brav seinen Unterhaltsteil und ist an ansonsten ein typischer Städter, der sich nie so recht für irgendwas entscheiden kann und damit auch seine Frau in den Wahnsinn treibt. Die für ihn auch „falsch“ ist, das spürt man deutlich.

Der Film hat auch witzige Szenen, weil er sich so viele Figuren gönnt und mit Nebenrollen de Zuschauer manchen Relief gönnt und so etwas die Wucht des Dramas mildert. Kriminalistisch ist „Jutta oder die Kinder von Damutz“ gar nicht so übel, nur, dass die Falllösung eben nicht im Vordergrund steht. Ob Juttas Sohn tatsächlich selbst ins Wasser gefallen ist oder von der Mutter hineingestoßen wurde, darüber dürfen wir am Ende rätseln. Sie hat jedenfalls keine Hilfe gerufen. Es gibt nicht so viele Filme im Krimiformat, in denen so gut gezeigt wird, wie es ist, wenn man noch leben möchte, aber allein gelassen wurde. Sicher ist ein Typ wie Rockstroh etwas übertrieben dargestellt, aber er ist nicht aus dem Dorf selbst, in dem es wohl keine in Frage kommenden Männer gibt. Er gibt den Fremden, der in amerikanischen Filmen auftritt und die verkrusteten Verhältnisse ins Rollen bringt. Meist ist dieser Fremde aber ein eher positiver oder differenzierter Charakter.

Finale

Wir fanden „Jutta oder die Kinder von Damutz“ spannend, weil wir kein Problem damit haben, wenn in einem Krimi ein Drama in den Vordergrund gestellt wird, solange es eindringlich und glaubwürdig wirkt. Trotz einiger Überdehnungen ist das in „Jutta und die Kinder von Damutz“ der Fall. Die heutigen Polizeirufe zeigen ein fragiles oder negatives Umfeld anders – und nicht unbedingt besser. Dieses megadräuende, das zum Beispiel die Magdeburg-Schiene zeigt, ist nicht intensiver, nur vielleicht besser auf abgestumpfte Medienrezipient*innen unserer Zeit abgestellt. „Jutta und die Kinder von Damutz“ ist kein leiser Film, sondern zeichnet eine Welt, in der es ja doch viele Menschen gibt, Brandenburg-Ödnis hin oder her, mit kräftigen Pinselstrichen und viel Liebe zu den Details. Wir fanden Kampf der Frauen um ihren Platz berührend und authentisch in dem Sinn, wie Authentizität in einem Theaterstück vermittelt wird. Schon in den DDR-Polizeirufen werden sehr häufig Familien gezeigt, die auseinandergebrochen sind und in neuer Konstellation entstehen neue Familien – mit vielen Problemen, die nicht verschwiegen werden. Heute wirkt das alles so easy und selbstverständlich. Man findet sich, Kinder werden geboren, man trennt sich, weil man einander nichts mehr zu sagen hat. Es ist auch etwas wie ein Hype um Patchworks aller Art entstanden. Sicher ist der Umgang mit dieser Situation heute souveräner geworden, aber emotionale Defizite gibt es trotzdem, wenn ständig neue Konstellationen sich einspielen müssen – oder gar nicht entstehen, wie die vielen Alleinerziehenden belegen. In Großstädten besteht immerhin der Vorteil, dass die Chance hoch ist, wieder eine*n Partner*in zu finden, aber da draußen in Brandenburg? Kein Wunder, dass alle nach Berlin wollen.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Bernd Böhlich
Drehbuch Helmut Bez, Bernd Böhlich
Musik Tomas Kahane
Kamera Martin Schlesinger
Schnitt Karola Mittelstädt

Dagmar Manzel: Jutta Pahl
Katrin Saß: Tanja Voigt
Gudrun Ritter: Emmi Pahl
Barbara Dittus: Edda Melchior
Heino Ferch: Uwe Rockstroh
Michael Greiling: Herbert Melchior
Hermann Beyer: Alfred Henschel
Manfred Möck: Polizist
Petra Kleinert: Elvira „Beverly“ Batzke
Ilona Schulz: Rosi
Christine Schorn: Frau Hoyer
Luise Helm: Sabine, Juttas Tochter
David Schelle: Roland, Juttas Sohn
Michael Kind: Gerd
Jürgen Watzke: Hotte
Erhard Marggraf: Heinze
Oliver Korittke: Polizist
Klaus Schindler: Arzt
Walfriede Schmitt: Frau Weißfang
Ute Lubosch: Frau Henninger
Claudius Freyer: Juttas Chef
Angelika Howland
Hans-Gerd Sonnenburg: Bürgermeister
Pfarrer Zastrow als Gast

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s