Der Herr der Silberminen (Silver River, USA 1948) #Filmfest 133

Großkapitalismus im Wilden Westen

Gefilmt in klassischem Schwarz-Weiß und produziert von den Warner Brothers, demgemäß weniger durchgestylt und weniger sentimental als der MGM-Weihnachtswestern von John Ford. Im Gegensatz zum hoch dekorierten John Ford hat Walsh für seine beachtliche Regiearbeit nie einen Oscar erhalten. Er war aber trotz 139 Regiearbeiten (inklusive stummen Kurzfilmen) kein Routineregisseur, sondern ein Meister seines Faches, der allerdings keinen ausgeprägt eigenen visuellen Stil wie Ford pflegte – und eine besondere Bildsprache ist nun einmal eines der am leichtesten zu erkennenden künstlerischen Markenzeichen. Walsh tat viel für die Karrieren von Humphrey Bogart (u. a. „The Roaring Twenties„, 1939 und „High Sierra“, 1940), bevor dieser mit John Hustons „Der Malteser Falke“ den endgültigen Durchbruch schaffte. Und er half, die Karriere des zügellosen Errol Flynn mit mehreren recht guten Filmen zu stabiliseren. In „Silver River“ spielt der als Swashbuckler zu Starruhm gekommene Flynn („Captain Blood“, 1935, Rezension) den zwielichtigen Helden Michael McComb.

Handlung

in „Silver River“ ist Errol Flynn der Unrecht aus der Armee entlassene Bürgerkriegsoffizier, der als baut  Casinobesitzer, Bankier und skrupelloser Geschäftemacher ein Wirtschaftsimperium aufbaut, das auf der Förderung von Silber beruht. Als er die Interessen der Minenarbeiter aus dem Blick verliert und sein Imperium aus purer Selbstsucht zugrunde richtet, wird er von seiner Frau verlassen. Kurzzusammenfassung: Moviepilot.de.

Zu Unrecht von der Kavallerie gejagt, geht Mike McComb nach Nevada, und trifft die Entscheidung nie wieder ausgenutzt zu werden. Rücksichtslos arbeitet er sich bis zu einem der mächtigsten Silbermagnaten im Westen hoch. Sein Reich beginnt auseinander zu fallen, als die anderen Minenbesitzer sich gegen ihn vereinen – seine Sturheit, den Kampf um jeden Preis auszufechten, beraubt ihn der Unterstützung seiner Frau und alter Freunde. Kurzzusammenfassung in eigener Übersetzung: IMDb.com.

Kurzkritik

Raoul Walsh hatte einen guten Sinn für Timing und Dramaturgie – und er konnte episch erzählen, wie u. a. „The Roaring Twenties“ beweist, und dazu brauchte er nicht drei Stunden, knapp zwei, wie in „Silver River“, reichen vollständig aus, um Jahre aus dem Leben eines Ex-Offiziers, der ins Business geht, dort groß wird und alles verliert, so darzustellen, dass es nachvollziehbar und – halbwegs – glaubhaft wirkt. Halbwegs deshalb, weil wir uns trotz des guten Aussehens von Flynn und der Aura seiner Figur McComb schon etwas gewundert haben, wie leicht gestandene Geschäftsleute sich von diesem Newcomer immer weiter in die Ecke drängen lassen, bis sie am Ende doch Gegenmaßnahmen ergreifen. Vielleicht waren diese Minenbesitzer aber auch, ähnlich wie viele Texas-Ölmillionäre gemäß ihrer Darstellung etwa in „Giganten“ (1956), oftmals ganz einfache Typen, die glücklicherweise auf dem richtigen Stück Land saßen und eben nicht so gerissen und ruchlos waren wie McComb.

Ein Prototyp dieses eigentlich ehrlichen Typus ist Stanley Moore (Bruce Bennett), dem McComb auf billige Weise einen Teil seiner Mine abknöpft, nachdem er das Geld dafür als Spielhallenbesitzer verdient hat. Er hat auch einen Blick auf Moores Frau (Ann Sheridan) geworfen und schickt Moore buchstäblich in die Wüste, wo dieser von Indianern ermordet wird, um an diese Frau heranzukommen – was ihm gelingt. Der belesene Anwalt Plato Beck (Thomas Mitchell), erst Freund, dann Gegner von McComb, erklärt uns die biblische Dimension dieses Handelns. Ähnlich ging es nämlich zu zwischen  König David und Betsheba, damals hat der König deren Mann, der Soldat war, in eine Schlacht geschickt.

Folgerichtig, denn spätestens mit dieser Tat ist die Saat des Bösen ausgebracht, verliert McComb das Imperium wieder, das er mit wuchtiger Durchsetzungskraft erschaffen hat. Doch am Ende behält er die Frau, als er sich läutert, indem er für den von skrupellosen politischen Gegnern erschossenen Beck, der sich vom Säufer zum Senatskandidat gewandelt hatte, auf die Wahlkampftribüne steigt, die Menge hinter sich bringt und dafür sorgt, dass die Minen wieder geöffnet werden, die Arbeiter wieder Löhne bekommen (aus seiner eigenen Bank) und der Minenkrieg beendet wird, den er selbst angezettelt hat. Die letzten Minuten der Handlung sind nicht mehr so logisch hergeleitet wie der übrige Film, das erinnert uns ein wenig an die Auflösung von Krimis, die mit einer bestimmten Spielzeit auskommen müssen, weswegen am Ende alles etwas hopplahopp geht, es hat aber auch mit dem doch sehr fundamentalen Wandel der Persönlichkeit von McComb zu tun.

Der Film vereint die Genres Western und Business-Saga auf unterhaltsame, schwungvoll inszenierte, wenn auch nicht sehr humorvolle Weise miteinander und er wirkt kapitalismuskritisch. Ist er das wirklich? Nur in dem Maß, wie viele Hollywoodfilme das Mantra vom zwar erlaubten, aber sozialpflichtigen Reichtum singen, das auch recht scheinheilig ist und den Average American, der sich die Filme im Kino anschaut, auf Kurs halten soll. Zwar wird klar ausgedrückt, dass die Manchester-Variante von freier Marktwirtschaft, die McComb sich zu eigen macht, nicht angeht; grundsätzlich aber braucht ein Land wie die USA Menschen, die groß denken und groß handeln können (und in großem Stil Raubbau an der Natur betreiben). So mischt sich beim  Zuschauer Bewunderung mit Abscheu – Bewunderung für die Weitsicht und die Tatsache, dass dieser McComb sogar vom Präsident der USA, Ulysses S. Grant, in seine ökonomischen Planungen einbezogen wird, Abscheu nur für den Pomp und die Radikalität, mit denen sich McComb am Ende überhebt. Eine klassische Saga von Aufstieg und Verfall durch Überdehnung der Kräfte.

1948 war dies noch kein Sinnbild für die USA selbst, das Land stand in voller Blüte. Aber es war auch noch die demokratische Ära, die Franklin D. Roosevelt als 32. Präsident der Vereinigten Staaten geprägt hatte und die man  bis heute als die sozial fortschrittlichsten Perioden der US-Geschichte ansehen kann, vergleichbar nur mit der ebenfalls von einem Demokraten namens John F. Kennedy zu Beginn der 1960er entworfenen Vision von einem gerechteren und weniger rassistischen Land. Dessen legendärer Satz aus der Inaugurationsrede vom Januar 1961 „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern, was du für dein Land tun kannst“, der sicher an die wirtschaftlich Kapablen der Gesellschaft und nicht an die Wehrlosen gerichtet war, lässt sich 13 Jahre rückwärts und im Maßstab 1:1 auf die Botschaft von „Der Herr der Silberminen“ übertragen.

Anstatt den USA, wie versprochen, durch hohe Silberproduktion dabei zu helfen, ihre mit Gold nicht mehr ausreichend gedeckte Währung zu sichern, tut McComb nach einiger Zeit das genaue Gegenteil und es kommt aufgrund seiner Aktivitäten zum Erliegen der gesamten Förderung. Dies ist, neben der rücksichtslosen, man kann sagen, Insbesitznahme von Mrs. Moore, seine zweite Sünde. Nicht, dass er gegen die nach langem Zuwarten ebenfalls nicht zmperlichen Unternehmerkollegen kämpft, sondern dass der Nation aufgrund dieses Kampfes die der Erde entrungenen Bodenschätze nicht zugute kommen können und die Minenarbeiter um ihre Exitenz bangen müssen, begründet seine zweite Schuld. Wir sehen aber, dass die riesigen Ländereien, welche die Minenbesitzer ihr eigen nennen, an sich keiner Diskussion bedürfen, auch wenn diese den Native Americans entrissen wurden. Beim den Ureinwohnern gegenüber freundlichen Hollywoodwestern war man 1948 noch nicht angekommen.

Es wird lediglich sauber getrennt zwischen gutem und schlechtem Kapitalismus und das ist geradezu lehrfilmhaft inszeniert. Dass dies alles aber nicht von nichts kommt, sondern daher, dass man McComb einst sehr ungerecht behandelt hat, macht den Film insgesamt stimmig und den Helden differenziert. Erol Flynn galt zwar nie als einer der größten Schauspieler in Hollywood, aber seine Darstellung besonders im letzten Drittel, als sein Verhalten, seine Mimik, seine Blicke mit zunehmender Deutlichkeit und für kleine Momente aufblitzen lassen, dass er weiß, dass er einen aussichtslosen Krieg führt, bevor er dann weitermacht und wieder frohgemut wirkt, ist sehr respektabel – erinnert aber auch gleichzeitig daran, dass Flynn selbst solche Phasen hatte, in seinem exzessiven Leben, das nur 50 Jahre währte.

Raoul Walsh reflektiert das auf eine ironische Weise, als McComb an der ausladenden Bar seines Spielsaloons tatsächlich ein Glas Milch bestellt. Das ist zwar kein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Westernfilms, aber doch ein besonderer, zumal bei einem Typ wie McComb, der nichts auslässt – außer eben dem Alkohol. Dieser spielt im Film und in Raoul Walshs Schaffen eine spezielle und durchaus abweichende Rolle. Wir wissen nicht, ob der Regisseur Abolitionist war, aber die Figur des Plato Beck, des trunksüchtigen Anwalts, der sich von der Flasche und McComb gleichzeitig löst und ein Vertreter des Bürgersinns wird, rekurriert auf die negative Darstellung des Hochprozentigen, die er auch in anderen Filmen auffällig häufig pflegt. Allgemein und nicht nur im Western zählt der Drink an der Bar zur US-Alltagskultur. Walsh zeigt uns aber etwas an sich vollkommen Logisches, anhand von Plato Beck: Nur ein von Süchten – weitgehend – freier, also unabhängiger Mensch hat die Klarheit, das Richtige nicht nur zu denken, sondern es auch  zu tun und dafür langfristig die Energie aufzubringen.

„Silver River“ ist gut erzählt, hat kaum Längen und behält die Fäden der für einen Western vergleichsweise komplexen Handlung mit ihren ökonomischen Hintergründen bis kurz vor Schluss gut in der Hand, alle Schauspieler zeigen mindestens ansehnliche Leistungen – lediglich die Identifizierung des Zuschauers bleibt irgendwo im weiten Land hängen, denn sie kann sich nicht an McComb als Sympathieträger wenden. Plato Beck ist lange Zeit zu wenig ein Held, Mrs. Moore ist zwar eine mutige und, wenn’s sein muss, für diese Männerwelt geeignete Frau, aber ihr rascher Wechsel zu McComb, den sie lange Zeit nicht ausstehen konnte, nach dem Tod ihres Mannes, den sie geliebt und für den sie sich absolut loyal eingesetzt hat, ist sicher einer der Schwachpunkte des Films und der Zeichnung seiner Charaktere.

72/100

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Raoul Walsh
Musik Max Steiner
Kamera Sid Hickox
Drehbuch Stephen Longstreet und Harriet Frank jr.

Errol Flynn          …            Michael J. ‚Mike‘ McComb
Ann Sheridan      …            Georgia Moore
Thomas Mitchell …            John Plato Beck
Bruce Bennett     …            Stanley Moore
Tom D’Andrea     …            ‚Pistol‘ Porter
Barton MacLane …            ‚Banjo‘ Sweeney
Monte Blue          …            ‚Buck‘ Chevigee
Jonathan Hale     …            Maj. Spencer
Al Bridge              …            Sam Slade (as Alan Bridge)
Arthur Space       …            Maj. Ross

Bemerkenswerter Kommentar im „ersten“ Wahlberliner

Stefan Wehmeier, Dezember 2012

Über die Bäume des Paradieses

„Und der Baum des ewigen Lebens, wie er in Erscheinung getreten ist durch den Willen Gottes, befindet sich im Norden des Paradieses, sodass er die Seelen der Reinen unsterblich mache, die hervorkommen werden aus den Gebilden der Armut zum Zeitpunkt der Vollendung des Äons. Die Farbe des Baumes des Lebens aber gleicht der Sonne. Und seine Zweige sind schön. Seine Blätter gleichen denen der Zypresse. Seine Frucht gleicht einem Bund von Weintrauben, wobei sie weiß ist. Seine Höhe geht hinauf bis in den Himmel.

Und neben ihm befindet sich der Baum der Erkenntnis, wobei er die Kraft Gottes hat. Seine Herrlichkeit gleicht dem Mond, wenn er sehr leuchtet. Und seine Zweige sind schön. Seine Blätter gleichen Feigenblättern. Seine Frucht gleicht guten, appetitanregenden Datteln. Dieser nun befindet sich im Norden des Paradieses, sodass er die Seelen aus dem Schlaf der Dämonen erwecke, damit sie zum Baum des Lebens kommen und von seiner Frucht essen und so die Mächte und ihre Engel verurteilen.“

Diese wundervolle Poesie (Die Schrift ohne Titel / Über die Bäume des Paradieses) ist nicht in der Bibel zu lesen; sie wurde erst 1945 als Bestandteil der „Schriften von Nag Hammadi“ (wieder-) gefunden, die im Nachhinein betrachtet als der wertvollste archäologische Fund aller Zeiten anzusehen sind, denn sie beinhalten mit dem Philippusevangelium (NHC II,3) das vergessene Wissen der Urchristen (Gnostiker = Wissende) und mit dem Thomas-Evangelium (NHC II,2) die wahre und ebenso vergessene Erkenntnis des Jesus von Nazareth – und damit den Schlüssel zur Überwindung der Erbsünde und der Verwirklichung des „Himmels auf Erden“!

Doch beschäftigen wir uns zunächst mit den „Bäumen des Paradieses“, die in der Genesis nicht näher beschrieben sind. „Apfelbäumchen“ sind es nicht, aber auch die Zypresse (immergrüner Nadelbaum) und der Feigenbaum (Laubbaum, der seine Blätter im Winter abwirft) sind wiederum nur Symbole für etwas sehr viel Grundlegenderes. Wörtlich übersetzt aus dem Althebräischen heißt der Baum des (ewigen) Lebens „Baum, der Frucht ist und Frucht macht“. Es gibt keinen Baum in der Natur, der gleichzeitig „Frucht ist und Frucht macht“, aber der Geldkreislauf in einer Volkswirtschaft ist der Gewinn und macht wieder Gewinn! Der Baum der Erkenntnis ist eigentlich der „Baum, der Frucht macht“. Das machen zwar viele Bäume in der Natur, aber von der Hypothese, dass es sich bei den „Pflanzen“ in der Genesis um natürliche Gewächse handelt, können wir uns jetzt verabschieden. Der Baum der Erkenntnis (von Gut und Böse) ist der Zinsgeldverleih und seine „Frucht“ ist der Zins, genauer: der Urzins (Silvio Gesell, 1916) bzw. die Liquiditäts(verzichts)prämie (John Maynard Keynes, 1935)!

Ab jetzt lassen sich alle anderen Bilder und Metaphern der originalen Heiligen Schrift (die Bibel nur bis Genesis_11,9), die nicht zum Zweck des Moralverkaufs gegenständlich-naiv uminterpretiert wurde, stringent und lückenlos erklären: Jüngstes Gericht.

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