Drei Monate in einem besonderen Jahr – Reflexion Q1-2020 #corona #thueringen #climatechange #COVID19 #noAfD #Coronakrise #HousingActionDay2020 #Crimetime #Filmfest

Seit rund 21 Monaten gibt es den Wahlberliner nun. Es waren bewegte Monate, das kann man festhalten – und es sieht aus, als wenn sich die Dinge beschleunigen würden. Wie kam der Wahlberliner durchs erste Quartal 2020?

Es klingt zunächst nach einer Plattitüde: 2020 ist kein Jahr wie jedes andere. Jenseits der unumstößlichen Tatsache, dass kein Jahr dem anderen gleichen kann: Das laufende wird einen besonderen Platz in der Geschichte einnehmen, wie 1989 oder 1990, wie 2001, wie 2008 – so viel steht bereits fest. Es gibt für uns einen ganz wesentlichen Unterschied: Wir waren noch nie selbst so stark betroffen. Ein wichtiges Jahr für uns persönlich war beispielsweise 2007, unser Berlin-Umzugsjahr. Aber 2020 wird Geschichte nicht nur um uns herum gemacht, wir erfahren sie unmittelbar.

Wie lässt sich das Außergewöhnliche am besten beschreiben?

Als 2020 begann, hatten wir schon ein ungutes Gefühl. Das kann man rückwirkend gut behaupten, es war aber so und resultierte aus einer Beobachtung, die jeder 2019 schon machen konnte: Wahlen in drei Bundesländern verdeutlichten, dass der Rechtsruck sich in schwierigen politischen Konstellationen nach den Wahlen manifestierte. Besonders in Thüringen. Für uns war aber weiterhin das Thema „Mietenwahnsinn“ der zentrale Punkt unserer Berichterstattung, außerdem kam die „Herbst-Winter-Offensive“ Klima / Umwelt hinzu.

Was sich 2020 verändert hat, lässt sich am besten daran verdeutlichen: Bereits vor dem Thüringer Sündenfall vom 5. Februar lag etwas in der Luft, deswegen haben wir die Akzentuierung verändert und die Reihe „Diskursverschiebung nach rechts“ begonnen, die wir mit etwas verkürztem Titel bald fortführen werden. Falls nichts dazwischenkommt. Eine absolute Festlegung ist derzeit nicht möglich. Denn Ende Februar mussten wir erneut umplanen, weil seitdem alles, was politisch geschieht, mehr oder weniger durch die nicht gerade rosarote Corona-Brille betrachtet wird.

Ein gutes Beispiel war der „Housing Action Day“ am 28. März, den wir nur mit einigen Aktionsbeispielen und einer Geschichte beschrieben haben, geplant war ein Bericht von der Großdemonstration in Berlin, die wegen der Ausgangsbeschränkungen nicht stattfinden konnte.

Wir haben innerhalb von drei Monaten zweimal eine Revision des Programms vornehmen müssen.

Das ist doch journalistischer Alltag – sich nach aktuellen Themen zu richten.

Für ein kleines Blog wie den Wahlberliner, der kein nachrichtliches Vollangebot machen kann, keineswegs. Die Schwerpunkte so zu verschieben, die man vertiefen wollte, ist auch belastend, zumal das derzeitige Hauptthema nicht gerade Spaß macht und wir nur eine Publikation von sehr vielen sind, die sich damit befassen. Wir können Corona aber nicht ignorieren. Wir arbeiten derzeit an der Auffächerung der Berichterstattung dazu und gleichzeitig versuchen wir, eine kleine Drehung hinzubekommen: Nicht mehr alles im Lichte von Corona zu betrachten, sondern die Corona-Krise, wie sie sich in unsere gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Ansichten einordnen lässt. Manches zur Sache wird deshalb im April nicht mehr unter einem „Corona-Label“ laufen.

Weil zu erwarten ist, dass die Menschen den Begriff „Corona“ nicht mehr hören bzw. lesen mögen?

Das auch. Und als Zeichen dafür, dass wir nach dem Schock, der uns genauso erfasst hat wie die meisten Menschen, mehr in die Analyse übergehen und uns nicht mehr so von den Veränderungen dominieren lassen wollen, die sich durch die Krise ergeben haben.

Welche Veränderungen sind das, auf persönlicher Ebene?

Es gibt seit zwei Wochen keine zwingenden Präsenzzeiten mehr, wir dürfen alles im Homeoffice machen. Das Arbeiten ist dadurch ruckiger geworden, tagelang ist kaum etwas zu tun, dann kommt ein großer Stapel an Aufgaben, die zu bearbeiten sind. Das Abschalten fällt schwerer, zumal sich Abläufe bisher nicht beschleunigen, sondern eher verzögern und einiges, was früher direkt geklärt werden konnte, manchmal länger offen bleibt als bisher. Oder: Es war okay, wenn absprachegemäß und notwendigerweise etwas erst am Folgetag erledigt werden konnte, aber jetzt fühlt es sich anders an, zumal wir nicht wegen jeder kleinen Info, die früher m. o. w. auf Zuruf kam, Anrufe tätigen und alle sehr busy sind und es manchmal etwas dauert, bis Rückmeldungen eintreffen.

Nicht zuletzt haben sich die Arbeitsinhalte verändert. Gemäß der Lage geht es im Moment vor allem darum, Dinge zurückzufahren bzw. das kundzutun, schrittweise gibt es immer mehr Einschränkungen, die wir vermitteln müssen und noch keinerlei Gegenbewegung. Dabei muss immer sehr diplomatisch formuliert werden …

Und das ist nicht der Beritt …?

Kommt darauf an. Wir glauben, die meisten Menschen sind darauf ausgerichtet, an Verbesserungen zu arbeiten und kommunizieren nicht gerne, dass alles, was in Jahren aufgebaut wurde, mit einem viralen Schlag wie vom Erdboden verschluckt ist – wenn auch nur temporär, wie wir alle hoffen. Nein, einen Notbetrieb gibt es schon, aber die wichtigen persönlichen Kontakte, das Zwiegespräch, das Teamleben, das ganz wichtig ist, musste sehr stark reduziert bzw. ganz eingestellt werden. Das Private hat sich natürlich auch verändert, aber nicht so stark, bisher, wie das Berufliche. Und damit wieder zum Wahlberliner.

Wie hat sich das wechselreiche erste Quartal auf den Wahlberliner ausgewirkt?

Wir wollen es nicht zu hoch hängen, aber im März ist uns etwas passiert, was ziemlich genau der aktuellen Lage entspricht. Der Februar lief so gut, dass wir gemäß unserer Philosophie, maßvoll wachsen zu wollen, erstmals den Wahlberliner für eine Woche vom Netz genommen, ihn in Urlaub geschickt hatten. Seitdem haben wir Schwierigkeiten, das vorherige Niveau zu erreichen. Der Februar war der bisher mit Abstand stärkste Monat, ohne 7-Tage-Lockdown wäre uns die Steigerung zu stark ausgefallen – der März hingegen der schwächste seit Februar 2019.

Das liegt an der zwischenzeitlichen Nichterreichbarkeit?

Es hat erstens mit der Themenverschiebung zu tun. Was wir derzeit machen, machen andere eben mehr oder weniger auch, das war im Februar, als wir noch ungehindert nach draußen und über das eine oder andere Event schreiben konnten, nicht so. Und es zeigt sich, dass generell das Hochfahren nach einem Lockdown nicht von heute auf morgen geht. Wir werden sehen, ob die Parallele anhält: In der Form, dass sich auch die Wirtschaft und das Soziale nach der Corona-Krise eher langsam wieder erholen werden.

Gab es auch Positives?

Wir arbeiten wieder ein wenig am Filmfest. Das bringt zwar, weil es kaum eingeführt ist bzw. lange brachlag, noch nicht viele Leser*innen, während „Crimetime“ sich recht gut etabliert hat, mittlerweile gibt es sogar wieder Kontakt zu Filmschaffenden, wie beim „ersten Wahlberliner“, aber es macht Spaß und wir haben jetzt auch mehr Abende zur Verfügung, an denen wir uns Interessantes anschauen können. Wir könnten mal mehr lesen, nicht nur Corona-Nachrichten, sondern das eine oder andere gute Buch, aber das noch nicht getan zu haben, ist ja nichts Positives. Vermutlich ist die Krise schon vorbei, wenn wir so weit sind. Dann wirkt das Virus nachträglich als Intellektualitätsbeschleuniger. Man könnte es daran sehen, dass auch mal ein Beitrag in der Rubrik „Lesewelt“ erscheint. Vielleicht behalten wir die erlesenen Eindrücke aber auch für uns, sonst erschrecken die Leser*innen möglicherweise über die Explosion des Kulturellen.

Bringt die aktuelle Lage neue Ansichten und Einsichten?

Unser Kulturpessimismus kann nicht stärker werden, egal, was kommt.

Heute ist der zweite, nicht der erste April.

Das war etwas überspitzt, aber die Sorgen über den Zustand der Menschheit werden mit Corona nicht geringer. Die Solidarität, die man sieht, ist eine Sache, das finden wir auch super. Aber sie wird gnadenlos von der herrschenden Politik ausgenutzt, die der Wirtschaft außerdem hilft, um selbst zu überleben und mit viel Geld, das eigentlich nicht da ist, Fehler der Vergangenheit zukleistern will – und weil sich die Chance bietet, auch allerkleinste soziale Fortschritte der letzten Jahre flugs wieder in Frage zu stellen, wenn die Aufräumarbeiten beginnen. Sodann gibt es viele Spinner, die während der Corona-Krise nun vollkommen abdrehen, weil das Virus überhaupt nicht oder zu gut zu deren politischen Konzepten oder Spins passt. Da gibt es Leugner, Dramatisierer, Schadenfrohe – ganz wie zuvor, nur auf einen neuen Gegenstand bezogen, bei dem wir alle im Moment eben empfindlich sind und bei dem die Häme und Gemeinheit, die aus manchen Statements spricht, uns besonders stört. Wir haben uns noch nicht daran gewöhnt, dass man auch eine Pandemie für die krudesten Spins verwenden kann. Hier ist aber nicht der Platz für Details. Es gibt jedenfalls zur Sache mehr Nachrichten, über die man mehr (…) möchte, als man (…) kann.

Das ist wirklich ein quantitatives Problem?

Bezüglich der Aufnahmefähigkeit von Nahrung auf jeden Fall. Wir müssen wieder mal reorganisieren, um die Nachrichtenflut kanalisiert zu bekommen. Alles strömt derzeit sozusagen durch den Corona-Trichter. Mit Glück führt das dazu, dass wir die Abläufe jetzt so optimieren, dass wir in einer „normalen“ Lage gleichermaßen schnell und entspannt reagieren können. Wir müssen anders filtern als bisher, das ist ganz klar, aber aus mentalen Gründen schwierig umzusetzen. Aber auch das ist hier nicht im Einzelnen auszuführen.

Was wird Corona verändern – allgemein und persönlich gefragt?

Vollkommen offen. Vielleicht läuft es wie mit den Vorsätzen fürs neue Jahr. Sowas machen wir gar nicht, sondern ändern Dinge nach Bedarf und überschätzen dabei möglichst nicht unsere Kräfte, so soll es auch mit Corona laufen. Apropos Laufen: Da machen wir mehr als bisher, das wollen wir künftig beibehalten, zusätzlich zu den zwei Regeltagen, die wir im Moment nicht wahrnehmen können. Jeden Tag ein bisschen Sport draußen. Der BMI muss um drei oder vier Punkte runter, das war uns leider vor der Pandemie schon klar.

Allgemein – ebenfalls nicht einschätzbar. Selbstverständlich wünschen wir uns, dass die Menschen nun, wo viele etwas mehr Ruhe haben (nicht alle, wir wissen das!), mehr darüber nachdenken, welchen teilweise unsinnigen Dingen sie die ganze Zeit nachrennen, darüber, wie wir als Spezies in der Welt stehen – aber ganz ehrlich: Die meisten werden einfach froh sein, wenn sie den alten Trott wieder aufnehmen können. Corona bringt keine politische Zäsur, wird nicht die Chance auf einen Neuanfang bieten, wie das Ende der Nazi-Zeit. Selbst damals hat’s nicht so richtig geklappt, wie wir wissen und wie man am immer offensiveren Auftreten der Rechten und ihrer kapitalistischen Freunde sieht. Da ballt sich etwas zusammen, das durch Corona hoffentlich nicht noch verstärkt wird. Wir werden noch viel zu schreiben haben – und stehen in einem Dilemma.

Welches bzw. in welchem?

Wir würden gerne ein breiteres Meinungsspektrum als Diskussionsgrundlage aufnehmen und dann die Meinungen untersuchen. Andererseits hat der Wahlberliner ein Profilproblem, das ist uns sehr wohl bewusst. Wir müssten viel schärfer schreiben, weniger fragen, uns auf ein Ding konzentrieren, um den Anforderungen der Aufmerksamkeitsökonomie perfekt gerecht zu werden. Oder / und uns in den sozialen Netzwerken mehr herumbalgen mit Kindsköpfen, die den ganzen Tag lang „Mein Profit, meine Häuser, meine Jacht, mein Ego“ schreien. Und sogar in der Nacht keine Ruhe geben. Solche Scharmützel bringen auch einen gewissen Auftrieb. Aber es läuft mittlerweile immer aufs Gleiche hinaus. Es gibt nicht mehr viel Neues zu besprechen. Wenn es von der Einzelfallbetrachtung, die natürlich immer wieder Stoff bietet, zum größeren Politischen kommt, ist im Grunde alles gesagt. Das heißt nicht, dass wir nicht hin und wieder kommentieren werden, wenn die Klassisten es zu toll treiben. Es gibt dazu aber keinen Plan und keine Strategie. Bisher war es in der Regel so, dass wir aufgrund von Artikeln herausgefordert wurden, die im Wahlberliner erschienen sind.

Wird es zu Veränderungen oder Änderungen beim Wahlberliner kommen, die schon sicher sind?

Wir können nun einmal nicht einschätzen, wie die nächsten Monate verlaufen werden. Ähnlich dem Anti-Neujahrs-Vorsatz: Es ist besser, es zu machen, wenn es sich anbietet; wenn wir glauben, der richtige Moment ist gekommen, als dass wir uns viel vorzunehmen und dann von den Ereignissen überrannt werden. Die aktuelle Situation ist an sich frustrierend genug, das muss man nicht steigern, indem man an unrealistischen Ansprüchen scheitert.

Eines können wir aber doch vorhersagen: Es wird im zweiten Quartal 2020 draußen wärmer werden, als es im ersten, speziell in den letzten Tagen war. Erfahrungsgemäß sollte das unsere Kreativität beflügeln. Und ist das etwa nichts?

TH

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