Die schwarze Perle (All the Brothers Were Valiant, USA 1953) #Filmfest 135

Filmfest 135 A

Eine kleine Geschichte von zwei Brüdern, zwei Stars, einem Studio und einem Regisseur

„All the Brothers Were Valiant“ ist ein typischer Hollywoodfilm der 50er – mit einigen Besonderheiten, die ihn sehr typisch machen. Mit Robert Taylor und Stewart Granger setzte das Produktionsstudio MGM zwei seiner beliebtesten „leading men“ ein, und zwar gegeneinander. Regie führte Richard Thorpe, ein Routinier und eine Allzweckwaffe, die Louis B. Mayer seit den 30ern einsetzte, wenn es darum ging, Produktionen effizient, rechtzeitig und möglicht unter dem veranschlagten Budget durchzuziehen. Was dabei im Fall von „Die schwarze Perle“ herauskam, steht in der -> Rezension.

Handlung

Eine Seefahrergeschichte von zwei Brüdern aus einer traditionellen und angesehenen Familie von Seeleuten, wie die Chronik in Form eines Logbuchs beweist, die Joel Shore (Robert Taylor) zu Anfang des Films durchblättert.

Joel bricht als Kapitän der „Nathan Ross“ zu den südpazifischen Inseln auf, in deren Nähe sein Bruder Mark verschollen ist. Er findet den Bruder, der inzwischen ein großes Abenteuer erlebt und eine schwarze Perle erst gefischt und dann wieder verloren hat.

Mark bringt die Mannschaft auf seine Seite und dazu, gegen Joel zu meutern, und geht nicht auf Wale, was Bestimmung der Nathan Ross ist, sondern lässt dorthin steuern, wo die Perlen noch im seichten Küstenwasser liegen sollten. An Bord ist auch Joels jungvermählte Frau Priscilla, die einst in Mark verliebt war und sich diesem kurrzeitig wieder zuwendet, bis sie den wahren Charakter der beiden Brüder erkennt.

Der böse Bruder erlöst sich am Ende selbst, indem er dann doch hilft, die Meuterei niederzuschlagen und dabei tödlich verwundet wird. Priscilla gehört wieder Joel und die „Nathan Ross“ nimmt den Wahlfang wieder auf. Die Perlen bleiben in den Gewässern, aus denen sie gefischt werden.

Rezension

Dabei kam eine Reihe von akzeptablen Filmen heraus, unter anderem die Neuverfilmung von „The Prisoner of Zenda„, ebenfalls mit Stewart Granger oder „Three Little Words“ mit Fred Astaire und Vera-Ellen. Bei unglaublichen 185 Filmen (inklusive short metrage aus den frühen Jahren) zwischen 1923 und 1967 hat dieser Filmschaffende Regie geführt und nie einen Preis gewonnen, schon gar keinen Oscar. Und dies, obwohl er für eines der großen Studios tätig war, das technisch alle Möglichkeiten hatte, einen großen Film zu produzieren. Für die Großproduktionen von MGM war Thorpe jedoch in der Regel nicht zuständig.

1953, als Louis B. Mayer entmachtet und der Stern des glanzvollsten Hollywoodstudios im Sinken begriffen war, hätte es mutiger Entscheidungen bedurft, um wieder nach vorne zu kommen. Und sei es mit recycelten Stoffen wie „The Prisoner of Zenda“ oder auch „All the Brothers Were Valiant“. Diese Seefahrerschichte wurde 1923 schon einmal verfilmt. Mit dem sinistren Horrordarsteller Lon Chaney als Mark Shore. Schade, dass der Film als verschollen gilt, der Typ mit seinem außergewöhnlichen Gesicht hat vermutlich mehr Thrill gebracht als der differenziert, aber auch unausgewogen gezeichnete Mark, den Stewart Granger im Remake von 1953 gibt. Der Originalfilm, wenn man so will, stammt von der Paramount, aber auch von MGM existiert bereits eine Version aus dem Jahr 1928 unter dem Namen „Across to Singapore“,

Vielleicht gab es in der Stummfilmversion auch nicht diesen unglaubwürdigen Part, dass die frisch angetraute Frau von Joel Shore (Robert Taylor) für zwei oder drei Jahre mit auf einen Walfänger geht, sich dort bei Sturm an Deck herumtreibt und sogar den Ausguck besteigt. Und das im Jahr 1857, als die Seefahrt generell männlich und das Leben an Bord gefährlich war. In anderen Swashbucklern hat man auch Gründe gefunden, Frauen an Bord von Schiffen zu bringen, damit sich die Romantik entwickeln kann, aber zum einen waren diese besser intendiert (einige Piratinnen gab es wohl wirklich und Gefangenennahmen von adeligen Ladys, die von Flottenschiffen aus den Kolonien heimwärts übers Meer gebracht wurden, wirken nicht ganz so abwegig) – und zum anderen gibt es kaum Romantik in „All the Brothers Were Valiant“.

Vielmehr gerät Priscilla Holt (Ann Blyth) zwischen die beiden feindlichen Brüder. Joel hat sie in Abwesenheit von Mark geheiratet, Letzterer will sie zurückhaben, obwohl er zwischenzeitlich eine vermutlich echte Liebe in einer Insulanerin der Südsee gefunden hat. Beides wirkt seltsam. Joel meint, Priscilla sei frei, heiratet sie, obwohl er weiß, dass sie Marks Mädchen war – glaubt aber nicht, wie viele andere, an Marks Tod und sucht diesen mit der für einen Walfänger sehr schmucken „Nathan Ross“,  findet ihn und bekommt eine wohl wahre und ziemlich darwinistische Geschichte von drei Männern erzählt, die eine schwarze Perle erfischten oder von Eingeborenen fischen ließen. Nach mehreren Streitigkeiten überlebt nur Mark, muss aber vor Eingeborenen fliehen und lässt die Beute im flachen Wasser zurück.

Für diese Erzählung in Rückblende unterbricht der Film die Handlungschronologie für beinahe eine halbe Stunde und danach wird ohne weitere Unterbrechung fortgefahren. Das wirkt nicht nur uninspiriert, wir wunderten uns auch, dass Mark in dieser Rückblende viel positiver dargestellt wird als im anschließenden Zwist mit dem Bruder. Was er während dieser durchaus peppig und temporeich gefilmten Sequenz tut, wirkt beinahe zwangsläufig, abgesehen von dem Sprung ins Wasser zu Beginn, der die Geschehnisse auslöst. Aber als er Joel gegenübertritt, wird er ziemlich fies und sofort ist auch ein Gefühl für Priscilla wieder da, das allerdings eher besitzergreifend als liebend erscheint.

Den unglücklichsten Part hat die für eine Seemannsbraut, wenn man sie schon auf einem Walfänger des Jahres 1857 mitnimmt, viel zu süßlich und aus dem Ei gepellt wirkende Ann Blyth, die erst Mark innerlich abschreibt und Joel heiratet, dann ihre Gefühle für Mark wieder entdeckt, als dieser an Bord der „Nathan Ross“ kommt und am Ende wieder zu Joel tendiert, nachdem sich Gottseidank herausgestellt hat, dass dieser ja doch nicht feige ist.

Feige, und damit kehren wir wieder zu unserer These zurück, ist es aber von der einst großen MGM gewesen, so viele Ungereimtheiten im Film stehenzulassen, die Darstellungen zu akzeptieren, die das kaum kompensieren können und eine reine Routineproduktion aus dem Stoff zu machen. Wenn man so etwas auf die Leinwand bringt und sowieso seit einiger Zeit Schwierigkeiten hat, Blockbuster zu entwickeln, dann nur, indem man die Untiefen der Handlung von einem Top-Drehbuchautor beseitigen lässt, einen Topregisseur verpflichtet und vielleicht auch einen aktuellen Topstar oder deren zwei von einem anderen Studio ausleiht, wenn mane passenden Darsteller unter Vertrag hat. Natürlich, der Film wäre dadurch doppelt so teuer geworden, aber die defensive Art, wie MGM sich, abgesehen von den Musical-Großproduktionen, durch die 50er wurschtelte, hat den Niedergang des Studio unzweifelhaft mehr beschleunigt, als wenn man bei einigem Risiko auch mal einen Flop gelandet hätte  – obwohl „All the Brothers were Valiant“ gemäß  Studioangaben ca. 1,0 Mio. US-$ Profit einspielte; eine für damalige Verhältnisse nicht geringe Summe.

Das klingt hart und von Robert Taylor haben wir auch schon bessere Darstellerleistungen gesehen als diesen etwas linkisch und hölzern wirkenden Joel Shore, der sich gemäß Drehbuch von seinem Bruder Mark an die Wand reden und von Stewart Granger an ebenjene spielen lassen muss. Natürlich haben beide sich Meriten in den Abenteuerfilmen der frühen 1950er erworben, aber MGM schien es nicht für notwendig zu erachten, einen der trendigen Actors-Studio-Schauspieler an sich zu binden, die in Hollywood für Furore sorgten – Montgomery Clift war zeitweise für dieses Studio tätig.

Man gewinnt den Eindruck, dass MGM auf der hohen See der Kino-Innovationen und des Zeitgeschmacks den Kompass verloren hatte. Die Filme waren anspruchsvoller geworden und eine Mischung aus einer zwar interessanten, aber mit vielen Fragezeichen behafteten Abenteuergeschichte und einer sehr konventionellen Schauspielerei nebst ebensolcher Technik (abgesehen von der Technicolor-Kamera, die immerhin für den Oscar nominiert war) reichte 1953 nicht mehr aus. Und so richtig schmalzig, wie es damals in Melodramen en vogue war, ist „All the Brothers Were Valiant“ nun auch nicht geraten.

Im Gegenteil. Einer der wichtigsten Schauspieler des Studios wird eine eine zwielichtige Rolle gesteckt und die Seeleute, schon im Hafen, dann an Bord der Nathan Ross, zeigt man weit überwiegend als opportunistisches und geldgeiles Lumpenpack ohne Ehrgefühl. Das ist möglicherweise gar nicht so unrealistisch, für die Verhältnisse der Zeit, als gewiss viele seltsame Gestalten auf See – flüchteten.

Gewiss ist es sogar realistischer als manch edle Verklärung der christlichen Seefahrt, wie sie um 1950 gerne ins Kino gebracht wurde und möglicherweise dachte man bei MGM, sich damit eines progressiven, härteren Stils bedient zu haben. Das Problem ist aber, dass man sich nicht die Zeit genommen hat für eine gewissenhafte und stringente Skizze der wichtigsten Seeleute-Charaktere, denn das Publikum einer solchen Mainstream-Produktion möchte nicht ständig Fragezeichen im Gesicht haben, was die auf der Leinwand zu sehenden Menschen angeht. Gute Regisseure und Drehbuchautoren haben bewiesen, dass man Charaktere mit wenigen, kräftigen Pinselstrichen szenisch und durch DIaloge vorstellbar ausformen kann.

55/100

© 2020, 2012 Der Wahberliner, Thomas Hocke

Regie Richard Thorpe
Drehbuch Harry Brown,
Ben Ames Williams (Originalvorlage)
Produktion Pandro S. Berman (MGM)
Musik Miklós Rózsa
Kamera George J. Folsey
Schnitt Ferris Webster
Besetzung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s