Saarbrücken, an einem Montag – Tatort 2 #Crimetime 605 #Tatort #Saarbrücken #Saarbruecken #Liersdahl #Schäfermann #SR #Montag

Crimetime 605 - Titelfoto © SR (Der Film ist in Farbe)

Tatort-Urzeit, aufbereitet an einem wichtigen Tag

Dass wir den zweiten Film der Tatort-Geschichte heute besprechen, hat einen Grund: In Saarbrücken startet das neue Team – 50 Jahre später. Mit der bisher nicht gezeigten Kritik zu „Saarbrücken, an einem Montag“ wollen wir diesen besonderen Tag der Tatorthistorie würdigen – und natürlich die Tatsache, dass der Saarländische Rundfunk zu den Pioniersendern des Formats zählt. Dass der Tatort 1128 „Das fleißige Lieschen“ ausnahmsweise an einem Montag Premiere feiert, ist ein reizender Zufall, den wir gerne mitnehmen.

Da wir den ersten Tatort, „Taxi nach Leipzig“ noch nicht rezensiert haben, fällt es leicht, zu schreiben, dies ist der älteste bislang. Wir waren wirklich sehr gespannt auf diesen Film, weil uns hier die Urzeit des Tatorts entgegentreten sollte. So der erste Satz des Entwurfs aus dem Jahr 2015. Mittlerweile haben wir „Taxi nach Leipzig“ gesehen, das Original und den Reminiszenz-Tatort 1000, der aber handlungsseitig mit dem allerersten nichts zu tun hat. Wie die Nr. 1, wurde auch der folgende Tatort nicht als solcher konzipiert, sondern war ein Einzelstück, das in die Reihe eingegliedert wurde, nachdem ihr Konzept stand und man für die Startzeit Filme brauchte, die bereits vorhanden waren.

Wir veröffentlichen diese Rezension heute, weil am Abend das neue Saarbrücken-Team starten wird – fast exakt 50 Jahre nach dem allerersten Saar-Tatort, der Film wird die Nummer 1128 haben und trägt den Titel „Das fleißige Lieschen“.

Handlung (Wikipedia)

Kommissar Schäfermann wird von Ludwigshafen nach Saarbrücken versetzt und arbeitet dort mit Kommissar Liersdahl zusammen. Da Liersdahl eher unkonventionell ermittelt und Schäfermann ein Muster von Korrektheit darstellt, ist das kollegiale Verhältnis der beiden nicht immer einfach.

Irene Hartmann findet heraus, dass ihr Mann Dr. Günther Hartmann, Mathematiker in einem Stahlwerk, seiner Untergebenen, der Datenverarbeiterin Eva Konalsky, monatlich Geld überweist und spioniert ihr nach. Dabei beobachtet sie, wie Eva und Gerd Dietz, ein alter Studienfreund und neuerdings Kollege ihres Mannes, vor dem Hauptbahnhof Briefumschläge austauschen. Sie macht bei Dietz und ihrem Mann Anspielungen darauf. Nachdem Eva einen geheimnisvollen Telefonanruf erhalten hat, verschwindet sie spurlos von ihrem Arbeitsplatz.

Die Kommissare verdächtigen zunächst Evas Freund Sergent Georges Gardentier, einen Raketenspezialisten der französischen Armee, denn nachdem er Eva kürzlich mitgeteilt hatte, sie nicht heiraten zu wollen, hatte es einen heftigen Streit gegeben. Sie ermitteln mit Amtshilfe französischer Kollegen auch in Frankreich. Dort erfahren sie, dass die aus der DDR stammende Eva wegen eines vagen Spionageverdachts aus Frankreich ausgewiesen worden war. Als Irene Hartmann an einer französischen Landstraße erschossen aufgefunden wird, gerät ihr Ehemann in Verdacht.

Schließlich finden Schäfermann und Liersdahl im Zusammenspiel ihrer so verschiedenen Methoden die Wahrheit heraus: Dr. Hartmann verschaffte Gerd Dietz und Eva Konalsky, die er beide bereits seit Jahren aus Mainz kannte, ihre Stellen. Hartmann und Eva waren vor sieben Jahren – noch bevor Hartmann seine spätere Frau kennenlernte – ein Paar und haben ein gemeinsames Kind, was Irene Hartmann nicht wusste. Eva besaß einen Brief von Hartmann, in dem er seine Vaterschaft eingestand, und erpresste ihn damit sowie mit seinem von ihr entwendeten Ehering. Er bat seinen Freund Dietz, Eva 30.000 DM im Austausch für den Brief und den Ring zu überreichen, doch Eva bluffte und übergab einen leeren Umschlag. Da sie noch einen zweiten Brief besaß, der einen Hinweis darauf enthielt, dass Dietz neun Jahre zuvor – bevor er sich in die Fremdenlegion absetzte – in Mainz Evas große Liebe Holger Schmidt ermordet hatte, versuchte sie auch Dietz zu erpressen, worauf dieser sie tötete. Weil Irene Hartmann in Dietz‘ Vergangenheit schnüffelte, erschoss er auch sie. Er sucht Hartmann im Stahlwerk auf und droht, ihn ebenfalls umzubringen. Es kommt zu einem Handgemenge, wobei Dietz in das glühende Roheisen stürzt und ums Leben kommt.

Rezension

Zunächst ein Dankeschön an SR und SWR, die uns halfen, die Tatortgeschichte noch ein wenig mehr zu verstehen – diese alten Filme in Sachen Traditionspflege hin und wieder auszustrahlen, ist richtig und für uns unerlässlich. In konsequenter Form haben wir das allerdings bisher nur beim NDR mit dem Duo Stoever /  Brockmöller erlebt, schrieben wir 2015. Mittlerweile gilt das aber für weitere Ermittler*innen, vor allem die des WDR aus den 1970ern und 1980ern, aber auch der Hessische Rundfunk hat den Konrad ausgepackt und der SWR als Nachfolger des frühren Südfunks Stuttgart den Lutz. Es muss nicht jedes Jahr zu Wiederholungen kommen, aber ein so alter Tatort interessiert uns zugegebenermaßen oft mehr als die Premieren. Denn von denen gibt es mittlerweile ca. 40 pro Jahr, vor einem halben Jahrhundert jedoch waren diese Krimis echte Ereignisse, etwa einmal im Monat gab es einen Erstausstrahlung. 65 Prozent Einschaltquote im Jahr 1970 für „Saarbrücken, an einem Montag“, sprechen für sich – allerdings gab es auch nur zwei Hauptsender und die dritten Programme der ARD waren gerade im Entstehen begriffen. Daher sind heutige Quoten anders zu bewerten. Alles über 20 Prozent und der Sieg beim Sonntagabend-Primetime-Quotenmeter sind sehr respektabel.

Mancher aktuelle Tatort könnte sich einiges von diesem Urgestein abschauen, auch wenn die Inszenierung von „Saarbrücken, an einem Montag“ langsamer, die Bildsprache konventioneller ist. Selbst der Plot ist nicht fehler- und zweifelsfrei. Die Plotprobleme? Die Sache mit dem Ring klärt sich nicht auf, die Biografie der Frau aus Ostpreußen, die in den Westen rübergemacht hat, stimmt an zwei Stellen nicht: Fluchtzeitpunkt aus der DDR, Mord an der Liebe ihres Lebens zu einer Zeit, da sie gemäß Biografie erst 17 war (Ostflucht also im Alter von 2 Jahren).

Das wär’s gewesen, wäre der erste Saarbrücker Tatort, der zweite überhaupt, eine krude Agentenstory geworden, mit Industriespionage via Frankreich bis hinein in diese seltsame Welt hinter dem Eisernen Vorhang. Es versteht sich von selbst, dass die Franzosen keine negative Rolle spielen durften, obwohl der Verlobte oder Nicht-Verlobte von Eva Konalsky kein sehr sympathischer, sondern ein ziemlich materieller, berechnender Typ ist. Die Figuren sind ohnehin erstaunlich ungeschminkt. Der fremdgehende Mathematiker, der die Frau seines unehelichen Kindes in seiner Firma unterbringt, dessen hysterische, unsympathische Frau, ältere Damen, die alles andere als liebenswürdig wirken – und, last but not least, ein Ermittlerduo, das es in sich hat.

Wir haben neben anderen Erkenntnissen nun den Beweis, dass schon in der alleranfänglichsten Anfangszeit des Tatorts es a.) in etwa gleichrangige Ermittlerduos gab, die b.) asymmetrisch angelegt sind. Uns schien das bisher eine relativ neue Erfindung innerhalb der Reihe zu sein. Okay, Schäfermann ist der Boss, aber nicht mehr, als bei den Kölnern Ballauf der Boss von Schenk ist. Liersdahl, der Saarbrücker, der sich auskennt, dominiert die Ermittlungen mit seiner intuitiven Art und wir wissen nun auch, was ein Eidetiker ist. Eine wirklich nette Idee, einen Kommissar mit einem fotografischen Gedächtnis auszustatten und ihn dann anhand eines Lichtbildes den Fall lösen zu lassen. Vielleicht etwas überzogen, aber wenn schon die Kripo in Saarbrücken keine Kriminaltechnik hat, wodurch die Kommissare ausschließlich von Befragungen abhängig sind, dann ist ein solcher Mann doch umso mehr wert. Ganz außen vor ist die KT nicht: Fingerspuren und Lackspuren. Mehr muss nicht sein, denn DNA-Abgleiche und ähnliche Methoden, die es nun erschweren, spannende Spürnasenkrimise zu schreiben, gab es 1970 noch lange nicht (der erste reale Fall, der per DNA-Test gelöst wurde, ereignete sich im Jahr 1988).

Modern ist der Film also durchaus, was die Figurenkonstellation angeht – die beiden Kommissare haben ein spannendes Binnenverhältnis, was ja mittlerweile zum Ritual geworden ist, die Idee dazu ist demnach so alt wie der Tatort selbst.

Der Fall ist im Wesentlichen einem realen Verbrechen nachgebildet und, von kleineren Schnitzern wie oben genannt abgesehen, komplex, aber sauber konstruiert. Nicht immer zwingend, aber auch nicht unlogisch. Nicht immer überzeugend, die Schauspielleistungen betreffend, aber mit so viel  Zeitgeist, auch die Schauspielleistungen betreffend. Und das Setting in der Stahlhütte Völklingen! Hochinteressant. Ebenso die Momente, in denen der oder die weiße Citroen DS vorbeikurvt. Nicht in Schwarz, sondern in unschuldigem Weiß war er in den 1950ern und 1960ern das angesagte Gangsterauto in Frankreich, in Nachfolge des berühmten 11/15 CV, der allerding meist in Schwarz anzutreffen war. Wir hatten sofort Assoziationen zu einem Krimi mit Alain Delon, der sich als Gangster einen DS besorgt, mit falschen Kennzeichen versehen lässt und bei der Auftragsausführung verwendet.

War es „Der eiskalte Engel?“ Vermutlich, aber es gibt noch mehr Filme mit diesem Wagen. Vielleicht war’s sogar Absicht, dass man sofort auf damals noch recht junge Kinofilme kommen sollte, wenn man das Auto sieht.

Außerdem kommt es später auch in Frankreich zum Einsatz, wo sein Fahrer einen VW Käfer von der Straße drängt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt (Autos von PSA Peugeot-Citroen zählen heute noch zu den meistverkauften im Saarland, dank der Sondergeschichte des Landes, das erst 1959 wirtschaftlich an die Bundesrepublik Deutschland angeschlossen wurde (die Abstimmung, die zur zweiten Rückkehr nach Deutschland innerhalb von 20 Jahren führte, war 1955). Das französische Ambiente ist also nicht irgendwie hergeholt und wenn Leute nicht glauben, dass es diese grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Polizei, die wir im Film sehen, damals wirklich schon gab – ganz sicher war das so, denn das Saarland und Lothringen waren auf vielfältige Weise miteinander verbunden und sind es wohl heute noch. Wenn es ein Bundesland gibt, in dem die deutsch-französische Freundschaft wirklich gelebt wird und in den Menschen verwurzelt ist, dann im Saarland.

Durch die Hütte, den Frankreich-Kontext, hat dieser Tatort bereits einen hohen dokumentarischen Wert. Das gilt natürlich auch für die Mode, die Verhaltensweisen der Menschen, nur eines weist er nicht auf:Einen regionalen Touch. Die Menschen sprechen, im Gegensatz zur Palü-Ära, alle hochdeutsch, und wenn sie einen leichten Slang haben, dann einen dem Südwesten Deutschlands fremden. Dadurch wirkt Saarbrücken trotz des Stahlwerks in der benachbarten Stadt etwas abstrakt, denn auch die Charaktere sind – ebenfalls im Unterschied zu späteren Ermittlerteams, alles andere als „Südwestler“. Viel zu spröde. Nur der verbindliche Liersdahl hat ansatzweise etwas von den Menschen dieser Gegend – spricht aber ebenfalls keinen Dialekt. Auch die Hingabe an gutes Essen, die ebenfalls in den Tatorten der Palü- und der Kappl-Deininger-Ära vorkommt und nicht gespielt ist, suchen wir hier vergebens, wenn man davon absieht, dass sich Liersdahl das Frühstück gemütlich im Büro zurechtmacht. Dass man einige Plätze der Stadt sieht, versteht sich von selbst, das ist in anderen Tatortstädten ebenso, und alle diese Orte haben sich in den 50 Jahren der Serie erheblich verändert. Manche, wie Berlin, sicher mehr als Saarbrücken.

Der in manchen Belangen progressive Eindruck, den dieser Tatort macht, gründet nicht auf der Inszenierung, sondern auf den Schauplätzen und manch anderem Detail. Eva Konalsky im Rechenzentrum der Hütte arbeiten zu lassen, ist eine feine Idee, nicht nur wegen der Riesencomputer mit Magnetbändern als Datenträger, sondern auch, weil schon im zweiten Tatort ein moderner Beruf eine Rolle spielt – beinahe wäre Frau Konalsky sogar zur Programmiererin ausgebildet worden. Und als sie zum ersten Mal im Bild ist, mit dem weißen Kittel, den zurückgebundenen Haaren, wirkt sie beinahe zeitlos; die Frisur ist nur in Details anders als die heute übliche Art, die Haare mit Knoten oder Band zu tragen. Und solche weißen Kittel werden von Verwaltungsangestellten großer Industriefirmen verwendet, wenn sie „in die Produktion“ gehen, also in den Bereich, in dem hier Stahl hergestellt wird.

Selbst das Tatort-Logo und dann der Vorspann vor bewegten Bildern ist schon wie in den heutigen Filmen aufgebaut, lediglich die Wiederholung des Fadenkreuzes am Ende gibt es nicht. Dass die ersten Tatorte nicht für die Reihe gedreht, sondern in sie integriert wurden: Man merkt’s nicht. Dieser Saarbrücken-Krimi ist ein waschechter Fadenkreuzfilm, viel mehr als einige andere der Reihe aus den 1970ern, die noch stark vom hier konsequent angewendeten Whodunit-Schema abweichen.

Fazit

„Saarbrücken, an einem Montag“ ist ein Must-See der Tatortgeschichte, er belegt, wie früh die Reihe in ihr heutiges Grundmuster aufwies. Schwieriger ist es, ihn zu bewerten und vollkommen unsinnig, ihn mit den heutigen Inszenierungen mit ihren hochglänzenden, teilweise digital nachbearbeiteten Bildern zu vergleichen, mit allen möglichen Schnitt- und Kamera-Gimmicks. Dominante Inszenierungen, die nicht selten schwache Plots übertünchen und wenig prägnanten Figuren mehr Profil verleihen sollen, sehen wir häufig – so unser Urteil 2015, und daran hat sich nichts geändert, eher hat sich die Tendenz seitdem verstärkt, denn rückblickend gilt 2015 als eines der besten Jahre der Reihe.

Aber eines ist „Saarbrücken, an einem Montag“, sicher nicht: objektiv und ohne Berücksichtigung der Entstehungszeit besser als die Mehrzahl der heutigen Filme. Die nachfolgende Bewertung bezieht jedoch das Alter des Films einerseits, seine Pionierstellung andererseits in Maßen ein.

7/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie    Karl-Heinz Bieber
Drehbuch           Johannes Niem
Musik   Joachim Ludwig
Kamera                Leander Loosen
Schnitt Barbara Weiland

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