Rechnung ohne Wirt – Tatort 164 #Crimetime 604 #Tatort #Duisburg #Schimanski #Thanner #WDR #Wirt #Rechnung

Crimetime 604 - Titelfoto © WDR

Die italienische Mafia, Grundkurs 1

Wie erklärt man dem deutschen Publikum am besten die italienische Mafia? Am besten, indem man Horst Schimanski einen italienischen Freund haben lässt. Denn wo Schimanski, da ist das organisierte Verbrechen jedweder Couleur nicht weit. Auch wenn der Tatort 164 nicht als Meisterwerk gilt, in einer Hinsicht ist heutigen OK-Krimis verblüffend ähnlich. Auf den ersten Blick. Was wir damit meinen und was sonst zum Film zu schreiben ist, steht in der -> Rezension.

Handlung

Kommissar Schimanski ist gut bekannt mit Guido, dem Wirt eines italienischen Restaurants. Guido steht unter Druck, er soll „Schutzgeld“ zahlen, aber er weigert sich. Zuerst wird sein Lokal demoliert, dann schlägt man ihn zusammen. Er bleibt stur. Schimanski hilft Guido gegen die Erpresser, halb freundschaftlich, halb dienstlich, denn er soll den Mord an einem Boxer aufklären, der irgend etwas mit dieser Schutzgeldgeschichte zu tun haben muß. Im Notizbuch des Ermordeten hat Schimanski Guidos Namen gefunden, obwohl Guido, wie er versichert, den Boxer nicht gekannt hat.

Es kommt zu einem Deal zwischen Guido und seinen Erpressern, einem Vertrag unter sehr ehrenwerten Männern, dessen Garant gewissermaßen Schimanski ist. Durch das Eingreifen des ahnungslosen Thanner jedoch muß die Gegenseite den Eindruck gewinnen, daß Guido sie übers Ohr hauen wollte. Guido, der für Freund und Feind verschwindet, ist in Lebensgefahr. Da findet Schimanski heraus, daß Guido den toten Boxer sehr wohl gekannt hat. Hat Guido Schimanskis Freundschaft nur ausgenutzt, um eigene, ziemlich ungesetzliche Ziele zu verfolgen?

Rezension

Auch bei diesem Schimanski-Krimi haben wir zwei- oder dreimal ansetzen müssen, bis wir ihn am Stück geschafft haben. Man darf diese ollen Schinken nicht zu spät am Abend anschauen. Das geht nur bei Werken, die wirklich einen Drive haben und vielleicht etwas Besonderes, das sie so spannend macht, dass die Müdigkeit der alten Tage doch besiegt werden kann. Scherz, muss auch sein. Auf die alten Tage bezogen.

Diese Tatorte aus Duisburg, von einigen berühmten Ausnahmen abgesehen, haben tatsächlich einen eigenartigen Sound, der Schimanski-Fans auf Trab hält, neutral betrachtet aber von flacher Dramaturgie und einem für jene Zeit schon beachtlichen Mangel an Logik kündet. Wir haben uns gefragt, ob man sich bei dem Film die Mühe gemacht hatte, jemanden zu konsultieren oder als Berater hinzuzuziehen, der wirklich mit dem Innenleben der Mafia vertraut ist. Ansonsten hätte man sich ja auch bei „Der Pate“ oder anderen einschlägigen Filmen, die es damals schon gab, bedienen können – kleiner Schönheitsfehler: Diese Werke sind in der Regel nicht aus Polizeisicht gefilmt, sondern glorifizieren die Mafia teilweise erheblich, was wiederum nicht in der Absicht der Macher eines Ruhr-Tatorts liegen konnte.

Also stellt man sie ein wenig kleiner und etwas lächerlich dar, was leider auch wieder nicht ganz den Tatsachen entspricht. Mittlerweile teilen sich verschiedene Unterflächen-Organisationen das Geschäft auf eine Weise, die uns vor allem darüber rätseln lässt, wie man damit so unendlich viel Geld machen kann, dass es für alle reicht. Wenn man dann noch sieht, wie viel Geld aus der Unterwelt mittlerweile an der Oberfläche sichtbar wird, überlegt man, ob in bestimmten Berliner Bezirken schon der überwiegende Teil des BIP dort oder immer noch von braven Kleinbürger*innen erwirtschaftet wird. Ein paar hundert Mark oder Euro pro Woche Schutzgelderpressung? Damit könnte man keine Millionenhäuser kaufen.

Bei Schimanski hat die Mafia noch etwas leicht Folkloristisches und ist im Grunde eine interne Sache der Italiener. Was auf die klassische Schutzgelderpressung sicher zutrifft, auch wenn einer der Wirte offenbar nicht zur Community gehört und trotzdem erpresst wird. Wieso auch nicht?

Die Art, wie Schimanski arbeitet, passt sich dem Subjekt seiner Ermittlungen an, so weit, dass man sich fragt, wer ist das Huhn und wer das Ei in dem Stall namens Duisburg, in dem das Verbrechen ausgebrütet wird. Die Koordination mit Thanner klappt zeitweise so schlecht, dass der eine die Absichten des anderen torpediert, unabsichtlich, versteht sich. Aber wir haben jüngst festgestellt, dass das illegale Handeln von Tatortermittlern schon älter ist als die Figur Schimanski und nicht immer ist ein Thanner dabeigewesen, der den Korrekten geben darf.

Weil Schimmi mehr ein Gefühlsmensch als ein Stratege ist, gelingt es ihm beinahe, ein Geschäft innerhalb der Mafia von einem an einen anderen Zweig zu verschieben, na bravo! Am Schluss ist er deshalb auch enttäuscht von seinem Freund Guido, der doch versucht, ein Doppelspiel aufzuziehen. Diese Italiener!

Finale

In welcher Hinsicht ähnelt „Rechnung ohne Wirt“, in dem Schimanski dem Wirt des besten italienischen Restaurants westlich der Ode-Neiße-Linie helfen will, aber die Rechnung ohne diesen gemacht hat, heutigen Plots, in dem es um die OK geht? Am Ende sind die Hintermänner noch nicht gefasst. Aber bei Schimanski heißt es noch: Es gibt viel zu tun, packen wir’s an. Heute so: Es gibt zu viel zu tun und trauen tun wir uns auch nicht mehr so richtig.

Das ist durchaus den Kenntnisständen der jeweiligen Epoche entsprechend. 1987 herrschten noch weitgehend „normale“ Zeiten, während heute bereits ähnliche Strukturen aufgebaut sind wie während der Prohibition der 1920er Jahre in den USA, die das organisierte Verbrechen explodieren ließ – ohne der Oberflächenwirtschaft groß zu schaden, wie es schien. Deswegen gilt diese legendäre Zeit auch heute noch als eine ziemlich romantische. Ob im stets enger werdenden Korsett des Kapitalismus und dem damit einhergehenden Zwang zu mehr Solidarität, soll das Ganze funktionisfähig erhalten werden, heute das Gleiche gelten kann, wagen wir zu bezweifeln. Anders als z. B. Drogenkriminalität kann man aber Schutzgelderpressung nicht durch die Legalisierung des Ausgangsbusiness besiegen.

Was hatten sie eigentlich mit Chef Königsberg gemacht? War er im Strudel des Verbrechens untergegangen? Nein, er hatte nur ausgesetzt. Im nächsten Schimanski-Fall „Doppelspiel“ wird er wieder auf dem Posten sein.

6/10

Vorschau: Wer die Rechnung ohne den Wirt macht …

… muss noch einen Extra-Beitrag schreiben. Morgen gibt es wieder fünf Tatorte anzuschauen, der Dienstagabend hat sich zum Wiederholungspanoptikum entwickelt. Letzte Woche waren es erstmalig sogar sechs Filme. Eigentlich hätte trotzdem alles gut sein können. Die Rezension zu einem Tatort hatten wir bereits veröffentlicht, weil der neue Wahlberliner schon online war, als der Film Premiere hatte („Ein Tag wie jeder andere„), die zu drei weiteren Filmen lagen im Archiv („Blaues Blut„, „Licht und Schatten„, „Feuerteufel„) und wir haben sie für den neuen Wahlberliner aufbereitet. Das Wiederveröffentlichung ist schon auch Aufwand, aber nicht so viel, wie einen neuen Beitrag zu schreiben. Doch wer tanzt wieder aus der Reihe?

Es ist Schimanski. Horst Schimanski. Wer sonst. Über „Rechnung ohne Wirt“ gab es im ganzen weiten Archiv – nix. Also ist noch diese Vorschau fällig, denn wenn im Archiv und hier bereits veröffentlicht nix ist, dann heißt das, wir haben den Film noch nicht gesehen. Zumindest nicht, seit wir im März 2011 anfingen, uns mit der Reihe „Tatort“ in der Form zu befassen, dass wir Rezensionen dazu verfassen.

„Rechnung ohne Wirt“ schließt in etwa das erste Drittel der Schimanski-Ära ab, die von 1981 bis 1991 dauerte. Wenn man die Wertungen der Tatort-Fundus-Nutzer zugrunde legt, ist er qualitativ aber im unteren Drittel angesiedelt, als viertletzter von 29 Filmen. Vielleicht wird er selten wiederholt, weil die Verantwortlichen vom WDR es genauso sehen. Morgen Abend werden wir aufzeichnen und in den nächsten Tagen wissen wir mehr und werden es unseren Leser*innen mitteilen.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Besetzung

Kriminalhauptkommissar Schimanski – Götz George 
Kriminalhauptkommissar Thanner – Eberhard Feik 
Kriminalrat Wolf – Wilfried Blasberg 
Hänschen – Chiem van Houweninge 
Guido Tessari – Guido Gagliardi 
Susi Steuben – Cornelia Glogger 
Gino – Pietro Giardini 
Berger – Gerd Rigauer 
Sattmann – Hans Zander 
Adoptivkind – Vy Nguyen 

Buch – Peter Adam 
Regie – Peter Adam 
Kamera – Axel Block 

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