Der Pauker (DE 1958) #Filmfest 143

Filmfest 143 A

2020-08-14 Filmfest ANach dem er so ein Flegel war und die Feuerzangenbowle anrührte, wechselte Heinz Rühmann die Seite …

… und spielte 1958 denjenigen, der vor der Klasse steht. 1944 war er für seine Schülerrolle im Grunde schon viel zu reif, aber sein noch immer jugendlich-rundliches Gesicht und seine Fähigkeit, sich sehr jugendlich im Stil jener Zeit zu verhalten, ließen ihn trotzdem glaubhaft wirken. Für einen kleinen, herrischen Pauker, Pauker, der pädagogisch vor dem Krieg geprägt wurde, war er jedoch 1958 gerade richtig.

Zwischen sanften, manchmal heiter-melancholischen Rollen wie in „Wenn der Vater mit dem Sohne“ und den ansehnlichen Pater-Brown-Verkörperungen in „Das schwarze Schaf“ und „Er kann’s nicht lassen“ gibt er als Pauker eine durchaus wieder etwas schärfere Vorstellung, die stellenweise an die stets in angehobener Stimmlage agierenden Charaktere erinnert, die Rühmann bis Kriegsende spielte. Gerade diese Rolle des Paukers erinnert uns auch daran, wie grandios und übergangslos sich Rühmann nach dem Krieg den leiseren Tönen in einem Deutschland anpassen konnte, das nach einer neuen, zivileren Identität suchte.

Der Lehrer, der seine Zöglinge in einer Unterstufen-Provinzschule gut im Griff hat, und zwar auf eine so konservative Art, wie die Gymnasialpädagogen in „Die Feuerzangenbowle“ niemals mit ihren Schölern umgegangen wären, versucht selbiges auch in der Großstadt (München) in der Oberstufe – und geht damit baden. Er wird regelrecht angezählt, beinahe suspendiert, doch mit Freizeitpädagogik gewinnt er zunächst die netteren unter den Aufsässigen für sich und am Ende die ganze Klasse.

Schön, wie der Film wieder die Verhältnisse der Zeit reflektiert. Ein Nutzer der IMDb (International Movie Database (1)) hat geschrieben, „Der Pauker“ sei eine milde Form von „Blackboard Jungle“ mit Glenn Ford, der in einer unterprivilegierten Gegend von New York spielt. In der Tat, die Idee zu diesem Vergleich kam uns bereits, bevor wir recherchiert haben. Da man die deutschen Verhältnisse der 50er Jahre, zumal in München, nicht mit denen der Bronx oder von Harlem zur selben Zeit vergleichen kann, ist der Bogen trotzdem ziemlich straff gespannt.

Ein großer Unterschied besteht zum Beispiel darin, dass Rühmann sich um seine Schüler zwar auch kümmert, sinnvolle Freizeit-Gestaltungsmöglichkeiten für die Jungs sucht – und was konnte in den 50ern sinnvoller sein, als an Autos zu basteln? – aber nicht den Unterricht mit neuen Ideen bereichert. Die Schulstunden konzentrieren sich ganz traditionell aufs Eintrichtern und Abfragen von Wissen, am liebsten stakkatoartig vor dem Oberschulrat, mit raschem Aufstehen und Setzen – militärischer Drill im Klassenzimmer, offenbar nach der Wiederbewaffnung sehr en vogue und eben ichtige Paukerei.

Dafür gibt es den Fall, dass an dem Gymnasium, an das Dr. Herrmann Seidel (Rühmann) sich versetzen lässt, ein Lehrer von den Schülern weggemobbt wurde. Es klingt an, dass die Eltern für ihre Kinder keine Zeit haben. Der sympathische Schüler Borg, gespielt von Peter Kraus, hat keine mehr, um ihn kümmert sich die ältere Schwester. Da klingt durch, dass ein Zahnarztgehalt ja wohl ausreichen sollte, damit der Sohn nicht abdriftet und die Frau nicht unbedingt noch mehr als der Mann durch Pressefotografie verdienen sollte. Immerhin ist mit der Vernächlässigung, mit dem Nicht-Reden in der Familie der 50er ein wichtiger Grund dafür benannt, dass Kinder in der Schule nicht „funktionieren“ und sich den Vorstellungen der Eltern verschließen.

Wir schreiben das Wort „funktionieren“ in Anführungszeichen, weil die reine Funktionalität im Bereich Geschichtswissen oder Wissen in anderen Fächern für uns nicht, wie für den Oberschulrat, ein  Ausweis von Schulqualität ist. Aber wir sind ja auch über 50 Jahre weiter und wissen, wie froh viele Lehrer nunmehr wären, wenn ihre Schüler wenigstens etwas wüssten.

Man sieht in „Der Pauker“ einzelne Fehlentwicklungen, die im Bildungsbereich mittlerweile zur Systemkrise geführt haben, sie werden aber isoliert gezeigt und es fehlen wichtige Bausteine der Erkenntnis für die Zusammenhänge, die wir heute für selbstverständliche Tatsachen nehmen.

Auch heute, meinen wir aber, kann die Schule nicht alles richten, was in den Elternhäusern nicht mehr vermittelt wird und weshalb die körperliche Bedrohung von  Lehrern, die 1958 immerhin auch schon anklingt und an die in den „Paukerfilmen“ nach Heinrich Spoerl von 1934 und 1944 nicht denkbar gewesen wäre in einer Stadt wie Berlin und an bestimmten Schulen alltäglich geworden ist.

Um den Bezug zu „Blackboard Jungle“ noch einmal aufzugreifen: An einer „höheren Lehranstalt“, einem Gymnasium im Bayern der 50er Jahre dürfte es kaum zu einer solchen Ansammlung von renitenten Buben innerhalb einer einzigen Klasse gekommen sein, von denen ein einziger Musterschüler ab- und ausgegrenzt wird. Die Tatsache, dass die Gruppendynamik in einer reinen Jungenklasse, wie sie damals noch selbstverständlich war, in der Regel eine andere ist als in einer gemischten, nehmen wir von der Betrachtung des Realitätsgehaltes von „Der Pauker“ und des Klassenszenarios aus.

Heinz Rühmann ist in fast allen seinen Nachkriegsrollen ein kleiner, aber beharrlicher Mann und Alltagsheld, also auch hier. Zwischenzeitlich denkt er zwar daran, sich zurück in die ruhige Provinz versetzen zu lassen, aber dann geht er in die Offensive und nimmt Kampfsportunterricht beim Wrestler Gert Fröbe.

Der ist die Show des Films und das ungewöhnlichste Element darin. Komplett cool, wie er uns inklusive der gespielten Verletzungen dieses amerikanisch geprägte Spektakel in einer Zeit näher bringt, in der noch keine Privatsender für die überproportionierte Massenverbreitung von Randsportarten sorgten. Herrlich, wie Dr. Seidel dem Ringer im Austausch für körperliche Unterweisung zeitgleich Grammatik beizubringen versucht. Es ist erkennbar, dass der Lehrer schneller lernt als der Kraftprotz, trotzdem ist Fröbe in dieser Rolle so urig und körperlich präsent, dass er in seinen Szenen Rühmann wörtlich an die Wand spielt.

Weniger kann sich der Teenie-Schwarm Peter Kraus am Beginn seiner Karriere in Szene setzen, obwohl er mehr Spielzeit hat als Fröbe. Die Ära seiner Hauptrollen an der Seite von Cornelia Froboess lag noch vor ihm – ebenso wie Fröbe bis zu seiner unsterblichen Rolle als Bösewicht „Goldfinger“ noch sechs Jahre warten sollte. Erstmals spielte Kraus einen Schüler im Jahr 1954, in der bis heute besten Verfilmung von „Das Fliegende Klassenzimmer“. Darin ist er Johnny Trotz, der in Deutschland gar keine Bezugspersonen hat, als er ins Internat gesteckt wird.

Heinz Rühmann hingegen war der beliebteste deutsche Schauspieler jener frühen Nachkriegsepoche. Über seine Funktion als beinahe ideale Projektionsfläche für die Deutschen haben wir andernorts geschrieben und listen im Anschluss an diese Kurzkritik diejenigen Filme mit Rühmann, die wir bisher für den Wahlberliner rezensiert haben.

Zur Inszenierung lässt sich sagen, es gab zu der Zeit Schlechteres. Axel von Ambesser, der auch mit Heinz Rühmann bei dessen zweitem Pater Brown-Film „Er kann’s nicht lassen“ zusammenarbeitete, bringt den Stoff mit sicherer und unauffälliger Hand auf die Leinwand. Realreminiszenzen an die Vorkriegszeit, wie der Adler von 1934, damals ein häufiges Auto in Deutschland, machen den Film lebendig und vermitteln ein wenig Epochenbewusstsein, denn ein solches Auto erregte 1958 als Relikt schon Aufsehen – wir befinden uns mitten im Wirtschaftswunder und die Autos, die in stark wachsender Anzahl die Straßen bevölkern, waren im Durchschnitt jünger als heute.

Etwas seltsam fanden wir zunächst die wechselnden Gefühle, die der Pauker für die Schwester eines Schülers hegt – wir dachten, diese sei kaum älter, aber die Schauspielerin Vera Frydtberg, die jene Vera Borg spielt, zählte 1958 bereits 32 Jahre, sodass man von einem Geschwisterpaar mit großem Abstand beim Geburtsdatum sprechen kann. Dass jemand wirklich mal jünger aussieht, als er ist, darf man der Person und denjenigen, die sich in sie verlieben, nicht anlasten, wie auch nicht die Katalogbilder im Bikini, die zunächst des Paukers Wohlbefinden stören, der richtigerweise als Mann in den Endvierzigern dargestellt ist.

Wie er sich dann arrangiert, verliebt und, als er feststellt, dass Vera verlobt ist, sofort auf der Straße kehrt macht und sich der Musiklehrerin Selinski zuwendet, zeigt einerseits eine erhebliche Lernfähigkeit, wir haben sie schon im  Zusammenhang mit seinen Lehrstunden bei Ringermeister Fröbe erwähnt. Zum anderen lässt ihn das sehr pragmatisch und taff wirken. Wie er der Lehrerin beinahe vorspiegelt, er habe das Essen und den Sekt für sie herangeschafft, nachdem klar ist, dass das mit Vera nichts wird, er aber schon für eine Zweipersonen-Party mit ihr eingekauft hat, ist für eine Rühmann-Rolle vergleichsweise unempathisch. Es gibt Momente, da wirkt er charakterlich ein wenig dubios die Meinung des Ex-Gymnasiasten Harry (dem Schmalspurrocker mit Lederklamotten), dem Pauker ginge nur darum, die Jungs auseinanderzudividieren, als er den netteren unter ihnen hilfreiche Angebote macht – um sich auf die schmeichelnde Art durchzusetzen, nachdem es mit den bisherigen Methoden nicht geklappt hat, diese Ansicht können wir nachvollziehen. Der Zweck heiligt am Ende die Mittel und das ist ja im Realleben auch oftmals so.

Kann man so und so sehen, denn dadurch wirkt der Film alles in allem recht unsentimental und seine Figuren sind von so simpel gestrickt wie meist zu jener Zeit, dafür aber mehr als in deutschen Zelluloidprodukten der 50er üblich von einer geradezu erfrischenden Robustheit.

Finale

Der Schulfilm bzw. der Film, der in der Schule spielt,  hat in Deutschland Tradition. Vom legendären „Blauen Engel“ über „Das fliegende Klassenzimmer“, „der Flegel“, „Die Feuerzangenbowle“ bis hin zu den Paukerfilmen der späten 60er und frühen 70er Jahre ist die Lehranstalt ein filmenswerter Ort. Mit den wirklich klamottenhaften Paukerfilmen ab ca. 1967 kann man den 58er Rühmann-Film, der diesem Subgenre aber offensichtlich den Namen gab, nur bedingt vergleichen. Vor allem sind diese Filme eher aus der Sicht der vorgeblich revoltierenden Schüler der 1968er-Generation gefilmt, während in „Der Pauker“ noch ebenjener im Mittelpunkt steht.

63/100

© 2020, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Axel von Ambesser
Drehbuch Curth Flatow, Eckart Hachfeld
Produktion Kurt Ulrich
Musik Raimund Rosenberger
Kamera Erich Claunigk
Schnitt Walter Boos
Besetzung

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