Tatort 1129 – Die Guten und die Bösen #Crimetime Vorschau DAS ERSTE 19.04.2020 20:15 Uhr #Tatort #Frankfurt #Brix #Janneke #HR #Gut #Böse

Crimetime Vorschau - Titelfoto © HR / ARD Degeto

Hannelore Elsners letzter Auftritt

„Der Frankfurter Tatort-Beitrag „Die Guten und die Bösen“ zeigt einen der letzten Auftritte der großen, renommierten und beliebten Schauspielerin Hannelore Elsner, die am 21. April 2019 – am Ostersonntag – im Alter von 76 Jahren nach schwerem Krebsleiden verstarb; das geschah nur knapp drei Wochen nach den Dreharbeiten.

Elsner verkörpert im Film die pensionierte Kommissarin Elsa Bronski, die den Ermittlern Paul Brix (Wolfram Koch) und Anna Janneke (Margarita Broich) mit ihrer Aktenwälzerei dabei hilft, einen äußerst ungewöhnlichen Mordfall zu ergründen.“ (Redaktion Tatort Fans)

Wir schauen ohnehin alle neuen Tatorte, aber diesen hätten wir uns vielleicht auch angesehen, wenn wir das sonst nicht täten – um Hannelore Elsner noch einmal bewundern zu dürfen. Keine Frage, sie zählte zu den prägenden Fernsehschauspielerinnen der letzten Jahrzehnte in Deutschland und die pensionierte Kommissarin in „Die Guten und die Bösen“ ist ihre vorletzte gewesen. Deswegen haben wir ausnahmsweise ein Titelbild ausgewählt, in dem nicht (auch) die hauptamtlichen Ermittler*innen einer Tatort-Schiene zu sehen sind.

Bezüglich des Krimis selbst ist die Tatort-Fans-Redaktion euphorisch (eine Stimme) bzw. positiv (die andere), Tragik und auch humorvolle Dialoge werden betont, aber auch bemängelt, dass der Tatort nicht aufs Wesentliche reduziert wurde. „Erneut legt der Hessische Rundfunk die Latte für einen stark erzählten und zugleich ungewöhnlichen, modernen Tatort hoch“, heißt es einleitend. Das ist ein anderes Mindset als unseres, wir beklagen, dass der Frankfurt-Tatort nach Sänger-Dellwo einiges von seiner Stellung als besonders moderne Schiene verloren hat. Das lag zum einen an der zu kurzen und gestörten Entwicklung des Duos Steier-Mey, zum anderen daran, dass man sich mit Brix und Janneke desöfteren vergaloppiert hat, anstatt das Format zu erweitern oder voranzubringen. Das Visuelle passt immer, da haben andere Tatortstädte jedoch aufgeholt und manchmal wirken die heutigen Frankfurt-Tatorte auch etwas leer oder fassadenhaft. Was sagen weitere Kritiker*innen?

„Ein Tatort mit Spannung, auch ohne übliche Ermittlungsarbeit“ resümiert der SWR 3-Check und vergibt, wie am vorigen Sonntag, vier Elche. Es gebe keine Tätersuche, heißt es, aber das Leben sei eine große Baustelle. Symbolisiert wird das offensichtlich auch dadurch, dass Brix und Janneke kein Büro haben, weil das gesamte Polizeipräisidium auf einen Schlag renoviert wird. So läuft das normalerweise nicht,  es sei denn, es handelt sich um die Kernsanierung eines vorher leerstehenden Gebäudes und eine Dienststelle zieht dann komplett neu ein – aber wenn’s der Symbolik dient. Beim Lesen der Folgekritik relativiert sich diese Sache aber, offensichtlich werden die Büros doch nacheinander erneuert.

Auch Christian Buß vom Spiegel kommt wieder auf 8/10, eine Wiederholung der Punktzahl für „Das fleißige Lieschen“, die Headline lautet: „Bewegender Tatort – Hannelore Elsner auf der Suche nach letzten Wahrheiten.“ Vielleicht ist auch ein bisschen Elsner-Nostalgie dabei, denn mit ihr sind ja viele Kritiker aufgewachsen, zum Beispiel, als sie ihre Rolle als Lea Sommer spielte und nach Aussage von Buß eine der ersten starken Kommissarinnen war. Auch Buß ist der Ansicht, dass ermittlungstechnisch kaum etwas zu tun ist und wir kennen ja die Meinung vieler Tatort-Fans zu Krimis, in denen das Kriminalistische eine geringe Rolle spielt und sind daher gespannt auf deren Reaktionen.

Beim Publikum dürfte es der spannungsarme „Tatort“ trotz des prominenten Gastspiels, das mit Elsners früherer Rolle als Lea Sommer mit Ausnahme des Schauplatzes Frankfurt nichts zu tun hat, allerdings schwer haben: Die Filmemacher brechen mit vielen ungeschriebenen Gesetzen der Reihe und stellen lieber Fragen, als Antworten zu geben“, unkt man bei „Filmstarts.de“ und wir schwören, wir haben diese Einschätzung erst nach dem Verfassen des vorherigen Absatzes gelesen. Die Ausgangssituation erinnert „Filmstarts.de“ an „Das Team„, den wir aber nicht so entsetzlich schlecht fanden, wie das zweifellos bei vielen anderen Zuschauern und gemessen an der Rangliste des Tatort-Fundus der Fall ist. Manchmal seien die realitätsfernen Experimente des HR gelungen, wie „Murot und das Murmeltier„, schreibt die Redaktion, manchmal zum Fürchten, wie „Fürchte dich“ mit Janneke und Brix.

Ganz klar, zu Felix Murot passt das Abgehobene seiner Filme weitaus besser und macht meistens auch Spaß, während wir finden, dass es bei Brix und Janneke eine zu große Divergenz zwischen Anspruch oder was sonst dahinterstecken soll und dem gibt, was sich dem Zuschauer letztlich vermittelt. Genervt fühlt man sich bei „Filmstarts“ vor allem von der zu geringen Spannung und vergibt die auch für die Verhältnisse von „Filmstarts“ niedrige Bewertung 2/5. Kein Abschiedsbonus für Hannelore Elsner und dass sie als Pensionistin einfach in alten Akten rumwühlen darf und ihr Schäferhund auf den Gängen des Präsidiums herumflitzt, stört auch.

Steil aufwärts geht es dann, wie nicht anders zu erwarten, kann man ein wenig spöttelnd hinzufügen, bei „Tittelbach.TV“, deren ausführliche Rezensionen wir immer mit in den Blick nehmen. Der Film sei eine herausragende Reflexion über die Arbeit der Polizei, heißt es dort (und natürlich spielt Hannelore Elsner in einer Nebenrolle groß auf) und hebt die klasse Dialoge hervor:

„„Wir verhindern doch keine Kriminalität“, sagt die schon etwas angetrunkene Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich). „Dann würden wir uns ja arbeitslos machen“, erwidert der ebenfalls nicht mehr ganz nüchterne Kollege Paul Brix (Wolfram Koch).“ Wir hoffen, dass diese Stelle nicht der Gipfel der reflexiven Polizei-Inellektualität ist. Es konnte nicht ausbleiben, dass uns dabei folgende Assoziation ereilte: „Wir schreiben Tatorte möglichst hoch, denn würde die Reihe eingestellt, würden wir ja arbeitslos werden“. Das träfe auf uns mehr zu als auf jene, die viele andere Serien und Reihen rezensieren, aber der „Tatort“ ist natürlich das Zugpferd, das gilt sicher auch für die Lesezugriffe, während wir innerhalb von „Crimetime“ nur den Vergleich mit Polizeirufen haben, und auch diesen noch nicht sehr lange.

Apropos Assoziation: „In Wagners assoziativer Bildsprache (der rote Ball!) ergänzt der Panorama-Blick über das Häusermeer der Frankfurter City von den oberen Etagen aus den Eindruck von Chaos und gleichzeitiger Abgeschiedenheit im Inneren.“ Wenn man erst bedenkt, welch moralisches Chaos im Inneren von Bankentürmen herrscht … Nun könnte die Sache als langweiliger, schwermütiger Arthouse-Krimi enden, doch der Film behält Leichtigkeit, Humor und Skurrilität. Komisch und unkonventionell ist allein schon, dass sich der Tatverdächtige frei bewegt, mit den Kommissaren in die Kantine geht, Brix ein sauberes Hemd aus dem Auto holt.“ Genau das, was „Filmstarts“ bemängelt, wird hier als konzeptionelles Highlight angesehen, woran man wieder feststellt, wie unterschiedlich Menschen doch die Welt wahrnehmen und (und warum es so schwierig – geworden – ist, ihre kollektiven Bedürfnisse und Interessen zu ermitteln und politisch umzusetzen). „Tittelbach.TV“ vergibt 5,5/6.

Bald wissen wir mehr und werden unsere Eindrücke aufschreiben.

Handlung

Nach einer durchzechten Nacht werden Anna Janneke und Paul Brix schwer verkatert zu einem Tatort gerufen: Ein Mann wurde in einer einsamen Waldhütte offenbar gefoltert und ermordet. Zu ihrer Verwunderung legt Polizeihauptmeister Ansgar Matzerath noch am Ort des Verbrechens ein Geständnis ab.

Er behauptet, den Mann getötet zu haben, weil dieser vor sieben Jahren seine Frau entführt und vergewaltigt habe. Er legt keinen Wert auf mildernde Umstände und fordert eine harte Strafe für sich. Erschwert durch umfangreiche Renovierungsarbeiten im Kommissariat und parallel stattfindende Coaching-Sitzungen, beginnen die Kommissare mit ihrem Verhör. Ist Matzerath wirklich der Täter? Ist das Opfer wirklich der Vergewaltiger seiner Frau?

Was weiß die längst pensionierte Kommissarin Elsa Bronski, die damals den Fall bearbeitet und nie gelöst hat und noch immer die eigenen Dämonen jagt? Stück für Stück fügen sie die Puzzleteile zusammen und stoßen dabei auf neue Fragen, die ihre eigene Arbeit betreffen und ihr Selbstverständnis als Polizisten erschüttern.

Besetzung und Stab

Anna JanneckeMargarita Broich
Paul BrixWolfram Koch
Ansgar MatzerathPeter Lohmeyer
Elsa BronskiHannelore Elsner
Olivia DorDennenesch Zoudé
Stellv. Staatsanwalt BachmannWerner Wölbern
Kollege JonasIsaak Dentler
FannyZazie de Paris
KTU Chef UhlichSascha Nathan
KameramannSamuel Simon
Helen MatzerathDina Hellwig
Musik:Helmut Zerlett
Kamera:Jan Velten
Buch:David Ungureit
Regie:Petra K. Wagner

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