Trickbetrügerin gesucht – Polizeiruf 110 Fall 46 / Crimetime 610 #Polizeiruf #Polzeiruf110 #Berlin #FrankfurtOder #Fuchs #Subras #DDR #Trick #Betrug

Crimetime 610 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD (Der Film ist in Farbe)

Vorlagen für verschiedene Begehungsweisen des Diebstahls und des Betrugs

„Trickbetrügerin gesucht“ hat noch das klassische Format der Polizeiruf-110-Anfangsjahre, also eine Spielzeit von weniger als 70 Minuten Länge. In dieser Zeit ist eine Menge Handlung unterzubringen, allein deswegen, weil die Trickbetrügerin an atemberaubender Geschwindigkeit neue Delikte begeht – manche davon sind Trickdiebstähle, andere tatsächlich Trickbetrügereien. In einer Hinsicht hat uns „Trickbetrügerin gesucht“ nach kurzer Zeit sehr an den neun Jahre später gedrehten Film „Verlockung“ erinnert und es kam zu (k)einer kleinen Überraschung. Dazu und über andere Aspekte des 46. Polizeirufs schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Innerhalb von vier Tagen hat eine Trickbetrügerin mehrfach in Frankfurt an der Oder und Berlin Geldbeträge in zwei- bis dreistelliger Höhe ergaunert. Mal gab sie vor, Geld für Kohlen oder andere Rechnungen zu brauchen, mal bestahl sie Reisende im Zug. Die Opfer beschrieben sie als um die 30 Jahre alt. Charakteristisch war zudem eine Tasche, die dem Zakopaner Kunstgewerbe zuzuordnen ist. Hauptmann Bechler zufolge hat die Aufklärung des Falls, der Oberleutnant Peter Fuchs und Kriminal-Wachtmeister Lutz Subras übertragen wird, oberste Priorität. Peter Fuchs kennt die Masche der Täterin, Reisende beim Aussteigen aus dem Zug zu bestehlen, von Hertha Tuch, die als Diebin eine zweijährige Gefängnisstrafe verbüßt und am nächsten Tag entlassen werden soll. Hertha jedoch kann sich nicht vorstellen, dass eine ihrer Mitinsassinnen ihre Masche übernommen haben könnte.

Hertha wird am nächsten Tag entlassen. Vor dem Gefängnis wartet nicht nur ihr Freund Klaus auf sie, der ihr in der Haftzeit regelmäßig Briefe geschrieben hat und für sie da war, sondern auch Carla Siedmann – die gesuchte Trickbetrügerin. Sie hat mit Hertha eine Zeitlang die Zelle geteilt und steckt ihr nun Geld für den Neuanfang zu. Klaus ist misstrauisch und lehnt Carla ab. Gerne würde er jeden Kontakt von Hertha zur mondän auftretenden Carla unterbinden, doch verweigert Hertha diesen Schritt. Als Carla für zwei Tage bei Hertha wohnen will, zieht Klaus demonstrativ für diese Zeit aus der Wohnung aus.

Carla betrügt ihre Mitmenschen auf unterschiedlichste und raffinierte Weise. Sie tarnt sich stets mit einer Perücke, ändert jedoch ständig ihr Aussehen. Auch ihr Schriftbild passt sie regelmäßig den Umständen an, hat immer mehrere gestohlene Ausweise bei sich und kann verschiedene Dialekte imitieren. Größere gestohlene Gegenstände, wie eine wertvolle Kändler-Porzellanfigur, deponiert sie im Schließfach eines Bahnhofs. Eines Tages macht sie die Bekanntschaft von Roland Wagner, der am Biologischen Institut arbeitet und ihr von internationalen Forschungsreisen erzählt. Beide treffen sich ein zweites Mal und verbringen die Nacht im Hotel. Am nächsten Morgen fehlen Roland nicht nur die Brieftasche, sondern auch seine Arbeitstasche mit zahlreichen Unterlagen des Biologischen Instituts. Carla gibt sich unterdessen als Genossin Trautwein des Instituts aus und versucht so, beim Pressechef eines Herstellers optischer Geräte wertvolle Kameras und Nachtsichtgeräte zu ergaunern. Den Transport der Waren, die angeblich für eine Expedition des Biologischen Instituts benötigt werden, soll Klaus mit seinem Wagen realisieren, doch weigert sich Hertha, die mit Carlas Machenschaften nichts zu tun haben will. Sie bringt es dennoch nicht über sich, Carla aus der Wohnung zu werfen. Klaus greift ein und will Carlas Koffer einfach vor die Tür stellen. Der Koffer öffnet sich, als Klaus ihn vom Schrank holt, und heraus fallen neben verschiedenen Perücken auch gestohlene Ausweise und Schecks. Klaus glaubt, Hertha habe von allem gewusst, und verlässt aufgebracht die Wohnung.

Hertha will den Koffer zur Polizei bringen, als Carla erscheint. Sie wollte sich mit Pressechef Herrn Engel treffen, um einen geplanten Vorschuss für die angebliche Forschungsreise zu erhalten, doch hat der längst Kontakt mit Peter Fuchs aufgenommen. Als Carla beide Männer aus dem Büro kommen sah, flieht sie. Vor Hertha zeigt sie ihr wahres Gesicht und beschimpft sie, als sie Hertha mit ihrem Koffer sieht. Hertha wirft sie raus. Carla braucht nun Geld, um aus Berlin fliehen zu können. Sie versucht, die Porzellanfigur zu verkaufen, muss bei dem wertvollen Stück jedoch ihren Ausweis hinterlegen, sodass sie auf einen Verkauf verzichtet. Stattdessen antwortet sie auf ein Zeitungsinserat eines Porzellansammlers, der sich als Ermittler der Polizei entpuppt. Carla wird festgenommen, leugnet bei der Polizei jedoch alles. Hier ist unterdessen auch Hertha erschienen und hat den Ermittlern Carlas Koffer gebracht. Peter Fuchs und Lutz Subras können Carla nun ihre Taten nachweisen. Zudem haben sie sämtliche von ihr geschädigte Personen auf die Polizeidienststelle gerufen. Carla reagiert zunächst gefasst, als sie den Menschen gegenübersteht. Als jedoch Hertha den Raum betritt und sie vorwurfsvoll ansieht, bittet Carla, den Raum verlassen zu dürfen.

Rezension

Über „Verlockung“ aus dem Jahr 1986 waren wir sehr zwiespältig, weil die Frauenfiguren, die den Film dominieren, so übel dargestellt wurden. Das war es, was wir angesichts der Clara sofort dachten. Genau der gleiche Stil, den sie pflegt, die Art, wie sie inszeniert ist. Deswegen haben wir uns eher anerkennend auf die Schulter geklopft, als dass wir sehr überrascht waren, als wir nachschauten und feststellten, dass auch „Verlockung“ von Hans Knötzsch inszeniert wurde. Dann schauten wir nochmal nach – und entdeckten, dass wir ihn mit „Verführung“ verwechselt hatten, und der wurde von Peter Hagen realisiert. Also nicht: Ein Regisseur und sein Frauenbild. So kann’s gehen. Wir behaupten aber, dass die Vorlage für das böse Damentrio aus „Verführung“ und wie sie eine weitere Person in ihren Dunstkreis brachten, von „Trickbetrügerin gesucht“ weitgehend abgeschaut wurde – nur, dass man den Effekt gesteigert hat, indem man mehrere Akteurinnen im Team arbeiten ließ.

Dadurch wirkt eine Sache etwas glaubwürdiger als in „Trickbetrügerin“ gesucht: für längere Zeit unerkannt zu bleiben. Vor allem widmen sich die drei Damen aus „Verführung“ größeren Coups. Die sind zwar im Einzelnen schwieriger zu realisieren, aber haben den unstrittigen Vorteil, dass man nicht jeden Tag ein Delikt oder mehrere begehen muss, um über die Runden zu kommen. Diese vielen kleinen Gaunereien von Carla mussten doch nach kurzer Zeit die Kripo auf den Plan rufen. Sicher, Berlin ist groß, auch wenn man nur den Ostteil bearbeiten kann und zudem in anderen Städten aktiv wird. Damit versucht man auch zu erklären, warum Carla nicht so leicht zu fassen ist.

Aber in dem Moment, in dem sie von Trickdiebstählen zu Betrügereien übergeht, ist sie im Grunde geliefert, denn welcher Pressechef eines Produktionsbetriebs versichert sich nicht beim Hauptökonom oder wie sein Vorgesetzter damals hieß, wenn es darum geht, an eine Fremde wertvolles, dazu noch in der Erprobungsphase befindliches Gerät zu übergeben – für einen guten Zweck? In „ein großes Talent“, den wir kürzlich rezensiert haben, sahen wir ähnliche Trickbetrügereien so ausgeführt, dass die Betrogenen dem talentierten Betrüger reihenweise glaubten. Wir waren nicht davon überzeugt, obwohl wir selbst einmal auf einen Trickbetrüger – sagen wir mal, halb und halb – reingefallen sind. Das ist auch schon lange her – aber jemandem, der einigermaßen rational denken kann, hätte das nicht passieren dürfen. Trotzdem geht Carla auf eine so offensive Art und Weise vor, dass sie bald auffliegen muss.

Die Figur ist sehr unsympathisch gezeichnet, ein gewisser Charme dient eher dazu, abzuschrecken und wir sehen das nicht zum ersten Mal: Menschen, die etwas gewandt sind, werden in Polizeirufen sehr gerne diskreditiert. Wer, woher auch immer, ein wenig Umgangsformen mitgenommen hat, ist verdächtig, ein antisoziales Subjekt zu sein. Kein Wunder, dass es in Polizeirufen nicht nur vorkommt, sondern auch zelebriert wird, dass Kommissare Messer und Gabel falsch führen, wie wir das in einem anderen Polizeiruf gesehen haben, und beim Essen schaufeln die Ellbogen aufstützen. Die Verprollung war in der DDR offenbar programmatisch, hat aber letztlich nicht zum sozialistischen Menschen und zum solidarischen Erfolg für alle geführt. Das sollte man beim nächsten linken Experiment bedenken und nicht ein Minus an Kultiviertheit mit einem Plus an solidarischer Gesinnung gleichsetzen. Der Witz ist, dass gegenwärtig die Kultiviertheit nicht den Bach runtergeht, sondern eher einen Wasserfall hinabstürzt und gleichzeitig kein Mensch sich auch nur dazu augerufen fühlt, solidarischer zu werden. Ob das jemals alles gut wird?

Zwischenanmerkung zur Veröffentlichung: Der Entwurf wurde im August 2019 geschrieben, lange vor der Corona-Krise, die aktuell das Geschehen beherrscht. Manche erkennen derzeit ein Mehr an Solidarität, aber auch unsere Anmerkung lässt sich durchaus noch rechtfertigen – und auch, dass es schade ist, dass manche Polizeirufe doch ein entlarvendes Bild darüber vermitteln, wie man sich ein sozialistisches Volk vorgestellt hat. Die Veredelung des Arbeiters, seine Erhebung, war eher nicht das Ziel, sondern mehr die Diskreditierung von Menschen, die man als bürgerlich eingestuft hat. Das entspricht nicht unserem Verständnis einer solidarischen oder gar sozialistischen Gesellschaft, die allen mehr Teilhabe, auch kulturell und zivilisatorisch, erlauben sollte.

Wir haben mittlerweile festgestellt, dass die Polizeirufe Mitte der 1980er einen deutlich anderen Ton hatten als in den Jahren, in denen die Reihe startete, uns fehlten aber bisher die Jahrgänge 1977-1983, um den Wandel nachvollziehen zu können. Nun sind wir bei der brav chronologischen Wiederholungsweise einiger Drittprogramme der ARD aber schon in 1977 angelangt. Zumindest an „Trickbetrügerin gesucht“ lässt sich noch kein Wandel erkennen. Der Film ist seiner Hauptfigur gegenüber klar abgeneigt und brandmarkt sie als gesesellschaftsschädliches Element, als Einzeltäterin, als Ausgestoßene unter Ausgestoßenen. Nicht einmal ihre ehemalige Zellengenossin (weshalb saßen die beiden eigentlich zusammen ein?) findet ihr Handeln richtig, wiewohl Carla sie versucht, Hertha in ihre neuen Aktivitäten hineinzuziehen, also letztlich doch ein Duo zu entwickeln und sogar den Freund der Ex-Mitgefangenen als Fahrer einzuspannen, wodurch wir doch schon eine kleine Bande hätten, hätten die beiden mitgemacht. So verstrickt man sich, auch das haben wir anhand eines jungen Mädchens in „Verführung“ gesehen, das von den drei Hexen geschickt als Nachwuchs aufgebaut werden soll.

Damit wird die eigentliche Gefahr gezeigt: Nicht die kleinen Gaunereien sind das Problem, die größeren sind ohnehin nie erfolgreich – sondern die Gefahr der Infektion. Von einem Menschen springt das Virus des nicht gesellschaftsdienlichen Verhaltens auf den nächsten über und immer so fort. In einer Gesellschaft wie der westlichen, in deren Überfluss ein gewisser Schwund als normal gilt und gewisser Verbrechertypen sogar etwas wie Kultstatus genießen, hatte man davor vielleicht nicht so viel Angst – wenn jemand jemand anderen auf die schiefe Bahn brachte, war das eher ein persönliches Drama, als dass man befürchtete, der Staat könnte zusammenbrechen. In der DDR, in der alles knapper gestrickt war, aber schon.

Finale

Deswegen lässt auch Oberleutnant Fuchs keinen Zweifel und benennt alle wesentlichen Sünden von Carla. Auch das gehört zum traditionellen Ton der frühen Polizeirufe, kein Pardon, obwohl in dem Moment, als Fuchs‘ Einsatz beginnt, nur Privatleute um kleinere Summen geschädigt worden sind. Der Übergriff aufs sozialistische Eigentum beginnt erst, als Carla versucht, den Pressesprecher des Herstellers optischer Geräte zu foppen. Ein bisschen ist „Trickbetrügerin gesucht“ natürlich auch ein Heist-Movie, wie all die anderen vielen Diebstahls- und Betrugsfilme, die in der Reihe Polizeiruf 110 veröffentlicht wurden. Aber es passierte uns zumindest bisher nicht, dass wir es kultig fanden. Doch, es gibt eine Ausnahme: „Fehlrechnung„, wo eine komplette Minol-Arbeitsbrigade einen für DDR-Verhältnisse gigantischen Schaden in Form fortgesetzten Abrechnungsbetrugs bei Kraftstoffen verursacht. Da hilft am Ende nur noch ein weiblicher Undercover-Einsatz, um die Herren auffliegen zu lassen. Der Film war für 1974, als er entstand, geradezu avantgardistisch.

Das kann man von „Trickbetrügerin gesucht“ nicht sagen, der zudem ziemlich humorfrei gestaltet ist. Es ist ein Standard-Polizeiruf. Zwar wurden 1977 schon alle Filme der Reihe in Farbe gedreht, daran lässt sich nicht mehr festmachen, ob ein Film der etwas aufwändigeren Schiene angehört, aber die Kürze, dass nur zwei Ermittler-Stars tätig sind und die Szenen keinen hohen Materialeinsatz erfordert haben dürften, lassen den Film eher schlicht wirken. Ist es ein guter Krimi? Die Delikte waren uns am Ende zu grob ausgeführt, um eine durable Verbrecherkarriere zu ermöglichen und emotional und technisch bietet „Trickbetrügerin gesucht“ nichts Außergewöhnliches. Die Liste der Darsteller*innen ist zwar recht lang, aber es waren viele Kleinrollen als Opfer zu besetzen.

6,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 Regie Hans Knötzsch
Drehbuch Hans-Jürgen Faschina
Produktion Hans W. Reichel
Musik Reinhard Lakomy
Kamera Helmut Borkmann
Schnitt Renate Müller

Peter Borgelt: Oberleutnant Peter Fuchs
Alfred Rücker: Wachtmeister Lutz Subras
Rudolf Donath: Hauptmann Bechler
Doris Abeßer: Carla Siedmann
Petra Kelling: Hertha Tuch
Wolfgang Greese: Roland Wagner
Wolfgang Ostberg: Klaus
Christoph Engel: Herr Engel
Wilhelm Gröhl: Herr Jander
Joachim Tomaschewsky: Antiquitätenhändler
Brigitte Beier: Postangestellte
Lydia Billiet: Elsa
Erich Breese: Genosse Radtke
Margot Brühling: Brigadierin
Joachim Dittmann: Mitarbeiter Kaderabteilung
Harald Engelmann: Lockvogel
Hans-Joachim Entrich: Genosse Strafvollzug
Horst Gill: Herr Wegner
Gundula Gusik: Frau Penderowski
Horst Hamann: Schaffner
Edgar Harter: Mann im Café
Helmut Hellmann: Herr Penderowski
Hilde Kneip: Kassiererin
Herbert Meißner: Betriebskassierer
Manfred Müller: Junggeselle
Petra Pavel: Mädchen im Café
Christa Schwarz: Mutter
Karl Sturm: Taxifahrer
Angelika Mann: Sängerin
Erika Stiska: Frau Wenzel

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