Ohnmacht – Tatort 911 #Crimetime 613 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Ohnmacht

Crimetime 613 - Titelfoto © WDR, Uwe Stratmann

„Gegen den Kopf“ auf Kölsch

Max Ballauf wird Zeuge einer Gewalttat gegen einen jungen Mann in einer U-Bahn-Station, greift ein und wird selbst verletzt. Die Suche nach den Tätern ist zunächst schwierig, da die Zeugen alle nicht viel gesehen haben, und die Überwachungskameras sind zugesprayt. Dennoch ist es im Verlauf eher die Frage, wie überführe ich die Straftäter, nicht die Frage, wer sind sie – der Knaller kommt aber zum Schluss, den verraten wir hier noch nicht. Auf jeden Fall aber steht mehr über den Film in der -> Rezension.

Handlung, Besetzung, Stab

Ein Schlag mitten ins Gesicht setzt Max Ballauf außer Gefecht. Auf dem Nachhauseweg war er im U-Bahnhof Zeuge einer Schlägerei geworden und sofort dazwischen gegangen. Als Ballauf wieder zu sich kommt, sind die Täter entkommen. Das Opfer, der Musikstudent Manuel Sievers, erliegt kurze Zeit später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Für die Presse ist die Prügelattacke ein gefundenes Fressen. Staatsanwalt von Prinz schaltet sich ein.

Als Zeuge der Tat darf Kommissar Ballauf nicht selbst ermitteln, sein Kollege Freddy Schenk übernimmt die Ermittlungen. Die jugendlichen Tatverdächtigen sind schnell ermittelt. Kai Göhden ist für die Polizei kein Unbekannter. Er war schon öfter straffällig geworden. In den Vorfall verwickelt war auch Janine Bertram, seine ehemalige Freundin. Doch sie schieben alle Schuld von sich: Manuel hätte den Streit provoziert, so ihre Aussage.

Rezension

So ähnlich und doch unterschiedlich kann man an dasselbe Thema herangehen: Vordergründig unmotivierte Gewalt gegen Unbeteiligte an einem vergleichsweise anonymen Ort. Jetzt müssten wir mal ermitteln. Nämlich, ob „Gegen den Kopf“ schon gezeigt war, als der aktuelle Kölner Tatort gedreht wurde, also, ob bewusst eine auf die Kölner zugeschnittene Variante dieses doch sehr ähnlichen Plots gefertigt wurde. Aus Zeitgründen belassen wir’s aber erst einmal bei der Aussage, dass auch dieser Tatort wieder packend war und genau die gleichen Gefühle wachgerufen hat wie der Berliner, zu dem wir natürlich einen besonderen Bezug haben, weil wir mit der BVG nicht so selten fahren, und wenn, dann meist mit der U-Bahn.

Am meisten hat uns nicht überrascht, dass Max Ballauf mal wieder eine zu hohe emotionale Betriebstemperatur für diesen Job hat, den er doch jetzt schon seit Jahrzehnten ausübt und sich und den Kollegen Schenk damit beinahe in böse Schwierigkeiten bringt – mehrfach. Es hat uns auch nicht überrascht, dass, im Gegensatz zu Berlin, wo das generell nicht die Masche ist, der Ermittler wieder selbst involviert war. Wir hatten gerade für die Anthologie den älteren Kölner „Odins Rache“ rezensiert (Veröffentlichung steht an), und wie sich die Momente gleichen: Auch dort wurde Max zusammengeschlagen und ermittelt mit Kopfverband weiter, obwohl er das auch dort als Betroffener nicht durfte. Schwamm drüber.

Wir halten kurz inne und gedenken Christian Tasche, dem Darsteller des Staatsanwaltes von Prinz, der in diesem Film eine große und starke Rolle spielt. Hat man da schon gewusst, dass es seine letzte sein wird, und gab man ihm darum so viel Spielzeit? Wir wissen es nicht, aber so, wie es uns bei der Schlussszene des Films geschauert hat, tut es das auch jetzt noch einmal. Viel Glück auf der langen Reise, Herr Staatsanwalt!

Dass die Kölner sich einmal so kompromisslos gegen die soziale Komponente und auf die Seite der Ofper stellen, das ist es, was uns am meisten überrascht hat. Wir stellen uns dazu ausdrücklich neutral, denn wir wissen, warum das Strafrecht ist, wie es ist. Es ist so, um Auswüchse früherer Zeiten zu verhindern. Wie es gehandhabt wird, ist eine andere Sache. Man muss nicht ganz so restriktiv damit umgehen, wie es hier die Haftrichterin vorführt und damit die Polizisten und den Staatsanwalt ohnmächtig zurücklässt.Man könnte auch mal ein Risiko eingehen. Man geht kein Risiko ein, weil man einer Generation entstammt, die schon der eigenen Karriere wegen immer auf der sicheren Seite bleiben möchte.

Es ist die richterliche Praxis, nicht die gesetzliche Grundlage, die im konkreten Fall entscheidet. Aber es handelt sich um Jugendliche und schon die Strafmündigkeit ist in Deutschland erst in einem vergleichsweise hohen Alter gegeben (ab 14), Jugendstrafrecht kann bis 21 angewendet werden. Vielleicht wäre durchaus darüber nachzudenken, ob angesichts der heutigen Gegebenheiten, die eine moralische Infantilisierung eine physische Frühreife wie nie zuvor mit sich bringen, der eine oder andere Akzent verschoben werden könnten. Wir empfehlen hier aus guten Gründen nicht „Rübe ab“, das wäre zu einfach. Man sieht auch an den Elternhäusern, die hier gezeigt werden, dass dies zu einfach wäre.

Das Strafrecht sieht selbstverständlich auch keine Sippenhaft vor, sonst könnte man die Eltern als Verantwortliche für das Abdriften ihrer Kinder mit zur Rechenschaft ziehen, auch wenn der Vater von Janine sich so äußert, dass mit ihr quasi das Böse in die Familie gekommen sei, etwas ganz und gar Unberechenbares und Unbezwingbares. Wir glauben aber, dass es Menschen gibt, die nicht sozialisierbar sind, und das ist frustrierend genug und irgendwie auch unidealistisch, aber wenn es sie gibt, dann nützt auch keine Verschärfung des Strafrechts, weil die kriminelle Energie sich auch gegen höhere Strafandrohungen durchsetzen wird. Und Jugendliche in Gefängnissen weiter zu brutalisieren, ist möglicherweise auch keine optimale Lösung. Es gibt keine optimale Lösung in einem System, ds ein Mindestmaß an Freiheit wahren will, was das Verbrechen angeht.

In den USA, wo die meisten Bundesstaaten die Todesstrafe anwenden, ist die Mordrate, gerechnet auf die Einwohnerzahl sechsmal höher als in Deutschland. Das liegt nicht nur an den Waffengesetzen, sondern auch an der allgemeinen anderen Einstellung zur Gewalt, die dort etwas beinahe Banales hat. Das unkorrigierbar Schlechte werden wir in Kauf nehmen müssen, wenn es sich so zeigt wie bei den missratenen Jugendlichen in „Gegen den Kopf“ oder in „Ohnmacht“. Das gehört zu den unabänderlichen Dingen des Lebens und natürlich würden wir hassen und trauern gleichzeitig, wenn wir Eltern eines Opfers wären. Natürlich würden wir so entsetzt reagieren wie Max Ballauf und wütend sein, wenn wir Betroffene und Beteiligte wären, die – man sieht es auch hier wieder – als einzige Zivilcourage aufbringen. Wobei ein Polizist diesbezüglich strengeren Anforderungen unterliegt als ein Normalbürger, ebenso wie ein ausgebildeter Retter schneller wegen unterlassener Hilfeleistung in Notfällen in Regress genommen werden kann als jemand ohne eine solche Ausbildung.

Wir haben mal gerade in den „Fundus“ geschaut – U-Bahn-Tatorte mit unverständlicher, im engeren Sinn tatsächlich sinnloser Gewalt Jugendlicher emotionalisieren. Mal sehen, ob „Ohnmacht“ den ersten Platz, den er derzeit hält, gegen den bauähnlichen „Gegen den Kopf“ wird verteidigen können. Wir fanden Letzeren einen Tick realistischer, dafür aber sind die Kölner eben Sympathieträger und sie muss und darf man anders inszenieren als die echten Großstadtcops in Berlin. Und dass dieser Tatort psychologisch spannend war und ein echt krachendes Ende hat, das kann wohl niemand bestreiten. In Berlin hätte man sich sowas nicht getraut, zu Recht, wie wir meinen, denn die so tatort-emotionale Rheinschiene ist der passende Ort für Selbstjustiz der besonderen Art.

Selbstjustiz gegen das Böse im eigenen Haus. Das haben wir so zuvor noch nicht gesehen. Der Vater Bertram bringt seine Tochter um, weil es keinen anderen Ausweg für ihn gibt, dieses Böse, das er mit großgezogen hat, aus der Welt zu schaffen. Als die Polizeiautos mit Blaulicht unterwegs waren, dachten wir, die fahren zu den Bertrams. Und wir ahnten, was kommen wird. Aber es war trotzdem krass. Die Kölner haben kapituliert, könnte man beinahe denken, und fahren jetzt auch die harte Linie, die sich allgemein immer mehr durchsetzt. Die Filme, in denen es nur Opfer gibt, weil auch die Täter als solche erscheinen, werden seltener, die Ermittlungen gegen die OK, gegen den Staat, gegen randalierende Jugendliche, mithilfe von viel Elektronikverständnis und unter Aufgabe bisher heiliger Prinzipien des Öffentlichrechtlichen Krimis werden häufiger.

Ist das wirklich so? Nein, ist es nicht. Im Grunde beschreibt diese Tendenz eher einen Kreis. Denn in der Anfangszeit des Tatorts gab es sie auch schon, die Buben und Mädels, die einfach böse waren, krude Bandenverbrecher, teuflische Frauenmörder, psychopathische Figuren. Jugendliche waren es damals meistens nicht, aber die Zeiten haben sich auch wirklich ein wenig geändert, was das Durchschnittsalter von Gewalttätern angeht.

Die Wurstbude steht dieses Mal am Anfang und sie steht am Ende, denkt der Zuschauer. Doch dass danach noch etwas kommt, ist neu. Wie so vieles in den letzten Tatorten der Kölner. Wir schrieben in der Vorschau:

„Wir rechnen es den Machern beim WDR hoch an, dass sie mit den letzten beiden Tatorten erkennbar eine Renovierung des einst führenden, mittlerweile aber in jeder Hinsicht in die Jahre gekommenen Konzepts der dialektischen Tatorte vornehmen – und nicht mutlos immer schlechtere Tatorte machen, wie in Ludwigshafen, wo sich das Format nur noch dahinschleppt. Die Kölner sind zuletzt düsterer, schärfer, konsequenter geworden, und dazu bedarf es eben gerade keiner Jungspunde als Kommissare.“

„Ohnmacht“ hat es bestätigt, und wir freuen uns für Max und Freddy, dass sie dermaßen anziehen und nach so vielen Jahren noch einmal ein neues Kapitel ihrer grandiosen Tatortgeschichte schreiben – mit Filmen, die zwar kontrovers sind, die dadurch aber ganz klar diese Weder-Fisch-noch-Fleisch-Phase hinter sich lassen, die irgendwann in den 2000ern begann und sich bis ins Jahr 2013 zog. Dadurch ist es auch kein Problem, innerhalb weniger Monate drei neue Kölner zu gucken, man wird sie nicht leid, auch wenn Max‘ angefasste Art langsam nicht mehr zu seinem Alter passt. Das ist vielleicht das i-Tüpfelchen, das noch fehlt: Seinen Charakter gemäß seiner polizeilichen Erfahrung etwas adoleszenter zu gestalten. Seine existenzialistische Melancholie und dass es immer wieder einmal eine Frau gibt, das kann man ihm ja ruhig lassen. Die Zeiten, in denen Freddy das wilde Schaf war, sind aber wohl endgültig vorbei, es wäre aber begrüßensert, wenn er jetzt nicht immer mehr eingreifen müsste, um seinen Chef vor Dummheiten zu bewahren.

Ein wenig prophetisch waren wir dieses Mal auch, wir zitieren wieder die Vorschau:

„Das Existenzialistische hat insbesondere dem Max immer schon gut gestanden, warum also nicht mehr Film noir reinbringen? Wenn es in dieser Richtung weitergeht, freuen wir uns noch mehr auf jeden neuen Köln-Tatort, als wir’s wegen der beiden Kommissare sowieso tun. Ein wenig von ihrer kumpelhaften Gemütlichkeit wird wohl auf der Strecke bleiben, wenn das Konzept Richtung Mord ohne Firlefanz und Emittlung ohne Umwege getrieben wird.“

Das Ende von „Ohnmacht“ ist so schwarz, wie ein Ende nur sein kann, voilà, Mut und ins Volle greifen zahlt sich doch aus.

Finale

Alle drei Kölner Tatorte dieses Jahres waren gut, aber welcher ist der Beste? Wir lassen es offen, weil wir nicht auf die ganz hohe Wertung von 9/10 gehen, die bisher die höchste darstellt. Vielleicht nach einer späteren Revision, aber wir haben „Gegen den Kopf“ 8,5/10 gegeben, da können wir bei „Ohnmacht“ nicht ohne dezidierte Begründung höher gehen. Es gibt Dinge, die bei dem einen Tatort etwas besser gemacht sind (die Ermittlungsarbeit in Berlin) oder bei dem anderen (das Ende und das doch wieder typisch kölngemäße Familiendrama ebendort). Schauspielerisch geben sich die Filme nicht viel, wobei die Jugendlichen-Rollen schwierig sind und man von Jungschauspielern hier nicht zu viel erwarten sollte.

Im Gegensatz zu Max und Freddy, deren Filmcharaktere wohl ihren echten Gemütern ziemlich nahe kommen, sind diese Darsteller garantiert als Menschen ganz anders als die nach außen so bürgerlichen, innerlich verwahrlosten Kids, die sie zu porträtieren haben. Was Köln im Gegensatz zu Berlin auch nicht gemacht hat: Andere Ethnien oder soziale Schichten bewusst freistellen von dem Verdacht der Gewalt. Und im Weglassen kann auch ein Mehr an Realismus liegen, das auf einer subtileren Ebene stattfindet. Die Möglichkeit einer sozialen Verortung wird nicht mit der Unwahrscheinlichkeit einer anderen beinahe gleichgesetzt, um die PC zu wahren. Das haben sie in Köln sehr geschickt gemacht, der Frage nach dem Woher ein wenig auszuweichen und einfach zu konstatieren, dass alle Gewaltkinder, die hier gezeigt werden, aus akademischen Elternhäusern kommen, ohne dass dies ein eigenes Thema darstellt und dadurch eine spezielle Form von Unglaubwürdigkeit entsteht.

8,5/10

© 2020, 2014 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Adrian Hamstetten – Sven Gielnik
Frau am Bahnsteig – Madlen Kanuith
Johannes Pahl – Guido Renner
Kai Göhden – Robert Alexander Baer
Lucie Heinze – Miriam Häslich
Notarzt – Torsten Knippertz
Regina Sievers – Isabella Archan
Staatsanwalt Wolfgang von Prinz – Christian Tasche
u.a.

Drehbuch – Andreas Knaup
Regie – Thomas Jauch
Kamera – Clemens Messow
Musik – Stephan Massimo

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s