Roulette mit sechs Kugeln – Tatort 151 #Crimetime 612 #Tatort #München #Muenchen #Lenz #Brettschneider #BR #Roulette #Kugel

Crimetime 151 - Titelfoto © BR

Schluss mit den Träumen der 1970er

Manchmal ist die Symbolik von Berufen in Tatorten ganz einfach, es gibt Pole und irgendetwas dazwischen. Arthur Steinemann (Manfred Zapatka), der Vater des entführten Kindes, ist ein Mann, der alte Schränke restauriert und dem Geld nicht viel bedeutet. Seine Frau ist ein Gelegenheitsmodel, das zu zeitgeistiger Musik zeitgeistige Mode vorführt. Der Bruder von Herrn Steinemann ist Architekt und möchte eine stylische Wohnanlage genau dort bauen, wo der Bruder das alte Haus der Familie, das Haus der gemeinsamen Kindheit, auf einem großen Grundstück bewohnt. Wir schreiben das Jahr 1983. Gerade wurde die sogenannte geistig-moralische Wende vollzogen, von der wir heute wissen, dass es eine Rückwärtswende war. Doch eines konnte man schon recht gut erkennen, was sich in den nächsten Jahren verfestigen sollte: Dass Hedonismus und Materialismus deutlich die Oberhand über politischen Aktivismus und Idealismus gewinnen würden. Was es sonst noch zum 151. Tatort zu schreiben gibt, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Kommissar Lenz und sein Kollege Brettschneider sollen in einem Entführungsfall helfen. Da es sich um einen dreijährigen Jungen handelt und daher alle Einsatzkräfte der Polizei mobilisiert werden, wird auch die Mordkommission mit einbezogen. Das Kind ist aus dem Garten vor dem Haus des Ehepaares Steinemann entführt worden und es wurden 200.000 DM Lösegeld verlangt.

Obwohl der besorgte der Vater des entführten Jungen nicht die Polizei einschalten sollte, hatte er es doch getan, da er sich nicht in der Lage sieht, die Geldübergabe selbst zu übernehmen. Das Lösegeld hat er sich von seinem Bruder geliehen und ein Beamter soll nun in Steinemanns Namen das Geld überbringen. Nachdem alles so befolgt wurde, wie der Entführer es gefordert hatte, erschießt dieser den Überbringer des Geldes brutal mit sechs Schüssen aus einem Revolver. Glücklicherweise wird das entführte Kind kurze Zeit später unversehrt aufgefunden.

Für Lenz stellt sich die Frage, ob Arthur Steinemann Feinde hat. Ruth Steinemann gibt an, dass eigentlich nur ihr Schwager Felix mit ihrem Mann im Streit liegen würde. So verwundert es schon, dass er ihm trotzdem eine so hohe Summe anvertraut hat. Lenz spricht mit Felix Steinemann und erfährt, dass dieser das Geld auch nur von seiner Bank geliehen hat. Als Gegenleistung hatte Arthur Steinemann sich bereit erklärt, dass sein Bruder das Grundstück, um das sie seit Jahren uneins waren, bebauen darf. So zieht Lenz den Schluss, dass Felix Steinemann die Entführung initiiert haben könnte, um seinen Bruder zu diesem Schritt zu bewegen. (…)

Rezension

So muss man auch die eindeutig mit Gut und Böse belegten Personen dieses Tatorts interpretieren: Arthur ist der Idealist, heute würde man auch sagen, der Nachhaltige, der sich der Tradition und gegen die Wegwerfgesellschaft wendet, indem er liebevoll an alten Schubladen für alte Möbel herumschleift, wobei man durchaus sieht, dass der Mann keine Schreinerlehre absolviert hat. Doch der gute Wille zählt so viel. Er ist einer von diesen Charakteren, die hoffentlich nie aussterben werden. In Berlin gab es lange Zeit eine Menge davon, doch sie sind vom Aussterben bedroht.

Als Mensch wirkt er emotional und ein wenig linkisch, zu Beginn auch hölzern, im Verlauf wird die Figur Arthur mit sich selbst wärmer. Die Frau hingegen ist dem Glitter einer Welt verpflichtet, die kein Gestern und kein Morgen kennt, sondern nur die aktuelle Kollektion, die morgen schon von vorgestern ist, ein typischer Mensch der neuen geistigen Verfassung, außerdem in gewisser Weise hermetisch oder doch nur oberflächlich und gestelzt. Das ändert sich bis zum Schluss des Films nicht. Die Fashion Week und vieles andere im neuen Berlin erinnern uns an die zunehmende Dominanz des Banalen.

Dass eine solche Person auf die Idee kommt, den Ehegatten im Wege der vorgetäuschten Kindesentführung bei Geldübergabe umbringen zu lassen, wundert uns nicht. So sind sie, die Gecken aus einem Milieu, das keine echten Gefühle kennt und demgemäß neigt der Geliebte auch dazu, sich ein nebulöses neues Ding mit Frau Steinemann zusammen auf eine beinahe geniale Weise aufbauen zu wollen: Ein Mord, bei dem das Opfer auch noch gleich das Startkapital für ein neues Leben anliefert.

Zwischen den Polen steht der andere Herr Steinemann, der Architekt. Er will das Elternhaus plattmachen, um stylisches Wohnen errichten zu lassen und damit auch sich selbst zu sanieren. Er steht zwischen der Tradition und dem Nichts des modischen Augenblicks, denn Wohnen ist nicht für den Augenblick, ist nicht per se zu verwerfen, neuer Wohnraum, auch wenn er, gemäß dem Modell, das wir im Architekturbüro sehen, eher für Besserverdienende sein soll als sozial, ist im Grunde etwas von Wert. Nicht ganz so wie das düstere alte Haus, das jetzt auf dem Grundstück steht, aber doch  grundsätzlich. Besonders aber und eigentlich immer in München. So jemand, der sich um die Belange der Wohnraumvermehrung kümmert, ist meistens kein Mörder, aber eben nur meistens nicht. Weshalb wir erst einmal im Unklaren bleiben, welche Rolle er in dem Roulette spielt, in dem Frau Steinemann fürs Platzieren der Einsätze oder fürs Einlegen der Kugeln zuständig ist.

Distanziert zu alldem steht der Kommissar Lenz, gespielt von Helmut Fischer in einem Fall, dessen Ermittlungstempo auch einen geschundenen Rücken wie den seinen nicht überfordert, in dem die Polizei einige wirklich dumme Fehler macht, indem sie zum Beispiel dem auf Steinemanns Aussehen getrimmten Polizisten, der das Geld übergeben soll, keine schusssichere Weste angedeihen lässt, die möglichen Fluchtwege des Täters nicht vollständig sichern lässt etc.

Dafür aber fragt und verhört sich der Kommissar auf eine Art durch die Handlung, die Spaß macht. Wenn er vor uns stehen oder sitzen und immer wieder so nachdenklich und leicht ironisch aussehen würde, würden wir vermutlich als Täter auch Probleme mit der Contenance bekommen. Da ist etwas, das ihn bei aller Freundlichkeit und der leicht steifen Art, die alle Schauspieler in diesem Film und gemäß dem zurückgenommenen Inszenierungsstil der 1980er zeigen, ziemlich penetrant und präsent wirken lässt. Den ehemaligen Assistenten von Kommissar Veigl zu befördern, war eine gute Idee, wenn auch nicht so – sic! – nachhaltig wie der komplette Neuanfang 1991 mit den Herren Batic und Leitmayr, die bald ihr 30jähriges Dienstjubiläum feiern werden. Schauspielerisch aber Fischer eine Klasse höher anzusiedeln als die aktuellen Kommissar-Darsteller Nemec und, deutlicher sichtbar, Wachtveitl zu Beginn ihrer Tätigkeit einzuordnen waren. Lenz wäre heute mit seinen feinen Nuancen eher untypisch, aber Fischer könnte sich vermutlich auch an den expressiveren Jetztzeit-Stil anpassen und dabei seine Fähigkeit bewahren, mit wenig sichtbarem Aufwand viel auszudrücken.

Auf die Idee, eine Kindesentführung als Vehikel für einen Mord zu verwenden, muss man erst einmal kommen, deswegen auch Applaus für die Idee an den Drehbuchautor. Allerdings krankt die Ausführung an einer gewissen Unglaubwürdigkeit im Detail, auch wirken die handelnden Personen nicht dezidiert, nicht getrieben genug, um solch eine ruchlose Tat zu begehen.

Oder ist gerade das der Clou? Im Grunde sind alle Personen ziemlich dünn charakterisiert, haben wenige Individualeigenschaften, werden fast nur über das definiert, was sie tun. Einzig bei Arthur kommt dadurch auch ein gewisses Maß an Eigenständigkeit zutage, und doch, das könnte so gewollt sein. Mord nicht mehr als Werk einer Bande von verwegenen, manchmal auch skurrilen Spießgesellen mit dem Motiv Habgier, sondern als Tat eher langweiliger, emotional verarmter Alltagsmenschen. Die kriminelle Energie ist schon genauso beliebig wie alle menschlichen Werte, inmitten einer wertearmen Gesellschaft. Schon in den 1970ern wurde der Materialismus tatortweise sehr beklagt, aber die Polarisierung durch den Regierungswechsel von 1982 hatte noch einmal eine eigene Note in diese Klage hineingebracht:

Das Klima der sozialen Kälte, das von den Gegnern der Kohl-Administration als Menetekel an die Wand geschrieben wurde, ließ sich in Tatorten gut illustrieren. Von heute aus betrachtet, kann man darüber beinahe lachen, wenn man bedenkt, welche sozialen Zustände die Agenda 2010 unter einer rot-grünen Regierung geschaffen hat. Der Witz aber ist wohl, dass die 1980er bei all der Idylle im Winkel und der tatsächlichen Kontinuität der politisch-sozialen Faktoren der 1970er durchaus eine Vorbereitung auf die hemmungslose Materialisierung aller Dinge waren, die nach dem Zerfall der Machtblöcke erst richtig in Fahrt kam.

Fazit

Die Polarität der Figuren in „Roulette mit sechs Kugeln“ ist vielleicht für heutige Verhältnisse etwas offensiv-naiv, aber mit mehr Finesse inszeniert, könnte man sie immer noch einsetzen, um die immer noch relevanten Botschaften zu transportieren. Die Handlungen haben immer noch solche Problemzonen wie die polizeiseitig schlecht organisierte Brücken-Übergabeszene, nur ist alles viel stylischer und schneller geworden. Schon deswegen wäre es in den 2010ern erforderlich, bei gleicher Anzahl Handlungselemente die Figuren umfassender auszugestalten. Und man könnte darauf achten, dass in einem Whodunit der ausführende Täter nicht erst ganz am Ende des Films gezeigt wird. Das gehört sich nicht, auch wenn man auf der Brücke bereits erkennen kann, dass der Maskierte wohl nicht der im Stein- und Betonbauwesen tätige Bruder Steinemann sein sollte. „Roulette mit sechs Kugeln“ ruft zwar titelseitig falsche Assoziationen hervor, war aber angenehm anzuschauen, ohne dass man sich über irgendetwas hätte aufregen können, denn dem kleinen Jungen, der von seiner eigenen Mutter als Entführungsopfer verwendet wird, ist ja nichts passiert. Traumata aufgrund solcher Situation spielten in den 1980ern offenbar noch keine Rolle, denn als das Kind nicht mehr zum Vorantreiben der Handlung gebraucht wird, hat es auf dem Bildschirm auch nichts mehr verloren. Ob dieser Eindruck von Lieblosigkeit auch gewollt war oder eine ungewollte Aussage über die Zeit, ihre Filme und deren Macher darstellt?

6/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Lutz Büscher
Drehbuch Peter Hemmer
Musik Ernst Brandner
Kamera Herrmann Reichmann
Schnitt Wolfgang Hedinger
Besetzung

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