Blindekuh – Tatort 256 #Crimetime 617 #Tatort #Hamburg #HH #Stoever #Brockmöller #NDR #blind #Kuh

Crimetime 617 - Titelfoto © NDR

Vorwort 2020

Am heutigen Tag schaffen wir die vorgesehene Zahl von Veröffentlichungen nur mit einem Trick – wir republizieren überwiegend Rezensionen in der Rubrik „Crimetime“, die bereits im „ersten“ Wahlberliner gezeigt wurden („TatortAnthologie“) und dies nicht im Zusammenhang mit aktuellen Wiederholungen. Schlimmer noch. Wir lassen auch ein „Original“ frei. Unsere erste Kritik zu einem Stoever-Brockmöller-Tatort aus Hamburg. Er trägt den Titel „Blindekuh“ und wir zeigen ihn in der Optik, in welcher der Originalbeitrag im Jahr 2011 erstmals erschien. Abgesehen, wie immer, von kleinen Änderungen, die den Bildrechtehinweis und unsere eigenen Rechte betreffen. Der Film selbst stammt aus dem Jahr 1992.

I. Kurzkritik

Stoever / Brockmöller sind als Ermittler heute eine Legende und gehören in Umfragen, in denen nicht nur die aktuellen, sondern auch die außer Dienst gegangenen Kommissare einbezogen werden, noch immer zu den Highlights.

Ein Fall von Kindesmisshandlung ist immer besonders emotional und dieses Video, das Stoever sich anschaut, in dem der Vater den Missbrauch seiner Tochter dokumentiert, ist, besonders für damalige Verhältnisse, ganz schön offensiv.

Der Tatort 256 ist auf seine Art allerdings auch konservativ, das betrifft den Plot und die sehr zeitgebundene Erscheinung und Spielweise gleichermaßen. „Blindekuh“ hat nicht diesen Überzeitlichkeitstouch wie die ganz großen Werke aus der Serie, denen m an ihre Entstehungszeit zwar auch anmerkt, die aber, wie berühmte Kinofilme, nicht im herkömmlichen Sinn altern, sondern reifen und manchmal Kult werden.

Ganz deutlich merkt man auch, dass der Film vor dem Beginn des Einsatzes der DNA-Analyse stand, sonst hätte man dem Vater Fevert, der seine Tochter misshandelt, möglicherweise doch den Sexualverkehr mit seiner Tochter nachweisen können, obwohl das Video als Beweismaterial nicht verwendbar war. Nur so war dieses Ende möglich, das nicht nur für heutige, sondern gerade für heutige Verhältnisse mit ihren politisch möglichst eindeutigen Aussagen ganz schön unbefriedigend daherkommt.

Kriminaltechnisch ist die Folge 256 eher unauffällig, Stoever und Bockmöller sind als Figuren aber prägnant gezeichnet und tragen auch ein wenig zum Nostalgie-Effekt bei. Nach heutigen Maßstäben ein knapp überdurchschnittlicher Tatort.

II. Handlung / Besetzung / Stab

„Blindekuh“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich von einem schrecklichen Tatverdacht befreien will, durch eigene Ungeschicklichkeit aber immer tiefer in ein Netz aus belastenden Indizien verstrickt wird.

Er hat all unsere Sympathie, wir leiden mit ihm (weil wir spüren, wie schnell jeder von uns in eine derartige alptraumhafte Situation geraten kann), wir empören uns darüber, wie rasch Freunde, Kollegen und schließlich gar die eigene Frau sich von ihm abwenden, ihn im Regen stehen lassen – und sind um so schockierter, als die Hauptkommissare Stoever und Brockmöller plötzlich Grund zum Zweifeln haben.

Spätestens, wenn der Hintergrund der Tat – sexueller Mißbrauch von Jugendlichen – deutlich wird, weiß der Zuschauer, wem er glauben kann und darf.

Besetzung
Rolle Darsteller
Hauptkommissar Stoever Manfred Krug
Hauptkommissar Brockmöller Charles Brauer
Jakov Samow Joachim Hermann Luger
Frevert Dieter Krebs
Meyer Zwo Lutz Reichert
Elena Samow Angelika Thomas
Irene Frevert Svenja Beneke
Jerry Rolf Zacher
Mutter Frevert Antje Weisgerber
Ruth Frevert I Isolde Barth
Stabliste
Aufgabe Name
Autor: Ulrich Kressin
Regie: Werner Masten

(Handlung, Besetzung, Stab aus DAS ERSTE)

III. Rezension

  1. Die Inhaltsangabe von „DAS ERSTE“

Ja, so kann man’s auch sehen. Die subjektiv geschriebene Inhaltsangabe hat uns verblüfft und wir fragten uns, ob sie nachträglich verfasst wurde oder aus der Zeit stammt, in der auch der Krimi entstand, also etwa 20 Jahre alt ist. Und, unabhängig davon, ob sie Teil des Spiels mit dem Zuschauer sein soll.

Sie weist aber auf etwas hin: Der Krimi wäre so heute nicht mehr zu drehen. Das Thema Kindesmisshandlung ist mittlerweile derart ausdifferenziert, dass man bestimmte Zweideutigkeiten und Eindeutigkeiten anders wertet. Zu Recht gäbe es heute Protest dagegen, dass schon die Inhaltsangabe sich mit dem Werbemanager Jakov Samov identifiziert, gespielt von Joachim Herrmann Luger, den wir alle als Papa Beimer aus der Lindenstraße kennen. Natürlich wird eine solche Figur schon durch die Besetzung als eine gekennzeichnet, die nicht ausschließlich negativ bewertet sein soll.

  1. Es geht so nicht, heute – es ist aber auch schon eine Zeit her

So sehr wir verstehen, warum man damals noch ein gewisses Verständnis für eine Figur wie ihn hatte, der einfach aus einer Mischung von Beschützerinstinkt und sexueller Attraktion für die minderjährige Irene Fevert (Swenja Beneke) einen Unfall verursacht  hat, bei dem diese ums Leben kam und so sehr man sich auch bemüht hat, den Unfall als psychologische Folge des Kindesmissbrauchs durch Irenes Vater (Dieter Krebs) darzustellen – für heutiges Verständnis ist das zu gewagt und setzt ein falsches Signal.

Das Mädchen war nun einmal minderjährig, wenn auch 16 und damit sexuell selbstbestimmt. Samov ist wohl etwa Mitte vierzig. Sein Handeln ist nicht strafbar, aber deswegen noch lange nicht zu tolerieren. Denn auch er rekurriert auf diese typische Opferstatur der jungen Irene, dieses stillen Mädchens, das leicht in eine solche Rolle gedrängt wird. Wäre sie eine offensive Berliner Rotzgöre, würde sich der Halbromantiker Samov sicher nicht auf diese Weise zu ihr  hingezogen fühlen, und sei sie noch so hübsch. Die Art, wie ihr Vater sie missbraucht, sorgt in der Tat dafür, dass sie am Ende umkommt, aber nicht in der linearen Weise, wie es hier zumindest gesagt wird (wie es gezeigt wird, kann man ja anders werten). Sondern dadurch, dass sie häufig angemacht wird. Ganz zu Anfang sieht man das schon, wo sie auf der Straße von einem schmierigen Typen erst umgarnt und dann verbal angegriffen wird. Diese Art von Leuten spürt, wer schwach ist und an wem man seine Aggressionen auslassen kann.

Vater Feverts Verhalten ist wie folgt zu bewerten: Zu dem Zeitpunkt, als der sexuelle Missbrauch seiner Tochter begann, war diese möglicherweise erst 14 Jahre alt und damit noch Kind. Bis zum Ende aber war sie Schutzbefohlene und diese sind bis zum 18. Lebensjahr durch § 174 StGB geschützt. Die Freiwilligkeit, auf die Fevert abhebt, ist irrelevant. Man kann sie nicht darin sehen, dass die Tochter sich gegen den dominanten Vater nicht offen zur Wehr setzt. Jede Manipulation, die durch das ungleiche Stärkeverhältnis in einer Vater-Tochter-Beziehung möglich ist, schützt die Schutzbefohlene. Demnach wäre zumindest nach heutiger Rechtslage alles zu tun, um Fevert anklagen und mit Freiheitsstrafe belegen zu können.

Mit Fevert gehen Stoever und Brockmöller am Ende doch recht lakonisch um, aber unter damaligen Umständen kann man das eher nachvollziehen als heute. Dass Stoever sich das Beweismaterial unrechtmäßig sichert (das Video, das Vater und Tochter zeigt), ist natürlich ein Ermittlungslapsus, der offenbar bei Tatortkommissaren ein richtiger Tick ist. Dass Stoever sich dadurch mitschuldig daran macht, dass Fevert davonkommt, auch das wird recht nonchalant behandelt. Selbstverständlich wäre Feverts Haus nach weiteren Spuren zu durchsuchen gewesen – und zwar schon beim ersten Verdacht per Beschluss, Stoever hätte ja allgemeinen Verdacht auf Pädophilie angeben können. Auch hier merkt  man allerdings die Zeitbezogenheit: Die berechtigterweise rigide Vorgehensweise der Behörden gegen Pädophilenringe, die Videos per Internet tauschen, war 1992 noch kein Thema. Die heutige Ausdifferenzierung des Themas, das muss man dem Krimi zugute halten, war damals kaum möglich. Es ist ja auch bezeichnend, dass das Strafrecht seitdem mehrmals zugunsten der Opfer von sexuellem Missbrauch verschärft wurde.

  1. Gealtert

Gerade die Darstellung dieses Themas macht viel von dem Alterungsprozess aus, den der Film durchlaufen hat. Die Seidenhemden, die damals en vogue waren, die  Mode, wie der moderne Werbemanager Samov sie trägt, ist heute auch passé, dagegen wirkt Vater Fevert geradezu zeitlos in seiner konservativen Kluft. Das würde man kaum wahrnehmen, wenn nicht ein anderer Aspekt den Film heute ein wenig seltsam wirken ließe. Es geht um die Zeichnung der Ehefrauen-Figuren.

Sowohl Frau Samov (Angelika Thomas) wie auch Frau Frevert, Irenes Mutter (Antje Weisgerber) wirken seltsam somnambul und lebensfern. Letztere zieht sich in die Malerei zurück, erstere merkt, im Gegensatz zu Jakov Samovs Mutter, überhaupt nicht, dass da etwas ist,  zwischen ihrem Mann und der Babysitterin Irene. Diese sehr bedächtigen, wie in Mull gepackt wirkenden Figuren sind noch richtiges 70er-Jahre-Kino aus der Werkstatt der Autorenfilmer. Man kann sich auch vorstellen, dass die Mutter von Irene sogar wusste, was ihr Mann mit der Tochter macht, obwohl die Kommissare das verbal verneinen. Sie schaltet einfach ab.

Diese Passivität hat etwas so Selbstverständliches, etwas, das nicht durch besondere psychische Bedingungen der Frau erklärt wird, dass es dadurch besonders verwundert. Natürlich, wer jahrelang einem repressiven Charakter wie Herrn Frevert ausgesetzt ist, kann apathisch werden. Trotzdem und nicht nur wegen des auch für 1992 etwas sehr traditionellen Stylings, wirkt diese Mutterfigur antiquiert und man hat für sie sie als diejenige, die alles laufen lässt, kaum mehr Sympathie als für denjenigen, der alles steuert. Auch Frau Samov ist seltsam reduziert und unkämpferisch veranlagt und leistet in gewisser Weise dem Verhalten ihres Mannes, der sich an eine Minderjährige heranmacht, Vorschub.

  1. Zwei Kommissare

Da wir hier erstmalig einen Fall von Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) rezensieren, muss natürlich auch zu diesem Duo etwas gesagt werden. An Stoevers ruppig-dominante Art muss man sich gewöhnen,  irgendwann geht’s dann, im Verlauf des Filmes. Was auffällig war: Die Tatort-Community beschreibt die Ermittlungsarbeit der beiden in diesem Fall teilweise als zu unsicher. Andererseits gehen die beiden, besonders Brauer, der schon kleidungsmäßig suggeriert, dass er zum eher elegant gekleideten Stoever der bissige Arbeitertyp ist, sehr ruppig mit den Verdächtigen um. Da muss  man Frevert sogar Recht geben, wenn er sagt, dass er sich das nicht gefallen lassen muss. Man will es der Figur nicht für gut geben, weil man schon ahnt, mit ihr stimmt einiges nicht, aber rechtlich gesehen ist es anders.

Deswegen werden die Verdächtigen zur Vernehmung geladen, weil es nicht geht, dass man sie in ihren eigenen vier Wänden so angreift. Uns hat das teilweise unangenehm berührt und bei allen Verrücktheiten, die sich heutige Kommissare leisten, die Unverletzlichkeit der Wohnung als Grundrecht, und dazu gehört auch, dass man nicht ohne Haftbefehl oder Vorladung kommen und so offensiv werden darf, wird sensibler gehandhabt, als Stoever und Brockmöller das im Jahr 1992 vorführen. Es gab Momente, da haben wir klar mit den Verdächtigen gefühlt – nicht, weil wir sie als Figuren so toll fanden, sondern, weil wir vor allem Brockmöllers spekulative und suggestive Art nicht mochten. Das ist zu unsouverän und hat ja auch nichts gebracht. Fündig wurden die Kommissare nur, weil Stoever in einer Art von Ahnung Frevert beschattete und dieser dann auf Samov traf.

Und durch einen  Zufall, der nicht in der Ermittlungsarbeit der beiden Kommissare lag – oder in einer gewandelten Disposition. Samovs Frau wird nämlich am Ende doch plötzlich aktiv und übergibt der Polizei das Beweisstück, das jeder normale Verdächtige längst vernichtet hätte – nämlich das eingerissene Hemd, das Samov an dem Abend getragen hatte, als er mit Irene im Wald war und dabei den Unfall verursachte. Kriminalistisch ist das eine schwache Lösung, die man immer hernimmt, wenn man mit Ermittlungsarbeit nicht weiterkommt. Jemand entschließt sich, auszupacken.  Gut, dass diese sehr simple Variante in heutigen Tatorten nicht mehr gängig ist. Psychologisch mag das schon nachvollziehbar sein, dass die Frau den Brief von Irene an ihren Mann findet und plötzlich erwacht aus einem beinahe ewigen Traum, in dem sie ihren Mann idealisiert, aber es schwächt die Position der Ermittler als Polizisten, die ihr Ding alleine vorantreiben können.

Ansonsten sind die beiden sehr kauzig und Pflanzen spielen dabei eine wichtige Rolle. Komisch, dass ein so stacheliger Charakter wie Brockmöller keine Kakteen mag. Das macht ihn geradezu unberechenbar und offenbar trifft das auch auf Stoever zu, der ihm die Kakteen geschenkt hat, weil er im Urlaub vergaß, Brockmöllers wesentlich pflegeintensivere Pflanzen zu gießen, woraufhin diese eingingen. Über diesen Part und was damit ausgedrückt werden soll, wer vordergründig und hintergründig sensibel oder eher ein holzklötziger Typ ist, darüber könnte man ein eigenes Kapitel schreiben, aber das wäre ja auch wieder spekulativ – zumal wir bisher nur diesen einen Tatort von Stoever / Brockmöller gesehen haben.

IV.  Fazit

Wir fanden es gut, dass der NDR diesen Tatort wieder einmal gezeigt hat. Der mündige Bürger muss bewerten dürfen, wie er die Dinge heute sehen will, die hier gezeigt werden. Im Grunde dürfte es gar keine Giftschrank-Folgen geben – im Notfall müsste man eben mit einer Vorkommentierung senden, wie etwa einen alten Nazi-Film, obwohl man das gewiss nicht vergleichen kann. Offensichtlich gehört „Blindekuh“ aber zu den unkritischen Folgen, denn es gab auch nicht, wie bei einigen anderen, eine längere Pause, sondern er wird in schöner Regelmäßigkeit alle zwei bis drei Jahre wiederholt. Das hat uns ein wenig erstaunt, weil er eben ein durchaus fragwürdiges Licht auf den sexuellen Missbrauch  Minderjährige wirft und vor allem mit der Figur Samov recht verständnisvoll, mit der Figur Frevert zu fatalistisch umgeht.

Vielleicht war es einer der ersten Tatorte, der sich an das Thema herangetraut hat, insofern hätte er eine historische Bedeutung, aber nach heutigen Maßstäben würden wir empfehlen, beinahe alles anders zu  machen, als es hier gezeigt wird. Deswegen eine Wertung, die diese Haltung spiegelt, aber nicht unberücksichtigt lassen will, dass das Thema in dieser Direktheit damals vielleicht mutig war: 6,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kommentare:

Matze 11. Mai 2012

Die Folge ist meiner Meinung nach ein eindeutiges Plädoyer dafür, das Beweismethodenverbot im deutschen Strafrecht zu lockern. Schließlich dient die Aufklärung eines Verbrechens auch dem Schutz des Gemeinwohls und muss deshalb den Persönlichkeitsrechten des Täters klar übergeordnet werden! Auch wenn natürlich klar ist, dass dies dem Opfer niemals helfen kann, das Erlittene ungeschehen zu machen.

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