Feuerkämpfer – Tatort 624 #Crimetime 615 #Tatort #HH #Hamburg #Casstorff #Holicek #NDR #Feuer #Kämpfer

Crimetime 615- Titelfoto NDR, Manju Sawhney 

Väter am Rande des Nervenzusammenbruchs und danach

Es ist immer schwierig, Tatorte zu beschreiben, in denen spezielle Rechtslagen besprochen werden – die sich mittlerweile geändert haben. Wir dachten bisher, vor allem das Sorgerecht für nichteheliche Kinder sei 2010 geändert worden, weil es bis dahin Väter stark benachteiligte, im Film ist aber offensichtlich überwiegend von Ex-Ehemännern die Rede, die von der bösen Anwältin, die sich am männlichen Geschlecht rächen will, um den Zugang zu ihrem Nachwuchs gebracht wurden. Das ist im Grunde ein interessantes Thema, auch heute noch. Wurde es in „Feuerkämpfer“ gut umgesetzt? Das klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Seit einiger Zeit treibt in der Hansestadt ein Feuerteufel sein Unwesen. Im Zuge dieser Brandstiftungen findet die Scheidungsanwältin Claudia von Brück den Tod. Doch ist sie in ihrer Kanzlei mit einer Justitia-Figur erschlagen worden, bevor jemand den Brand gelegt hat. Tochter Mechthild ist Alleinerbin. Sie wurde von einer Detektei beim Techtelmechtel mit dem Freund ihrer Mutter, Peter Krausser, abgelichtet. Die beiden geben zu, am Tatabend bei Claudia von Brück gewesen zu sein.

Holicek klappert die geschiedenen Männer ab, deren Partnerin von der Rechtsanwältin vertreten wurden. Er trifft schließlich auf den Waffenhändler Angelo Panigua, dessen Ex, Rebecca Stein, nun mit dem Feuerwehrkommandanten Joachim Kasten liiert ist, in dessen Revier die Brandstiftungen passieren. Durch die Ereignisse müssen beide ständig Sonderschichten schieben und Panigua hat seinen Sohn für sich. Auffällig ist, dass die Brände durch ein Benzin beschleunigt wurden, das ausschließlich in Feuerzeugen in Pistolenform verwendet werden darf. Durch die Polizei alarmiert, verschanzt sich Panigua mit seinem Sohn Lukas im Waffengeschäft und hat beim (endgültigen?) Abschied Tränen in den Augen. Casstorff kann Panigua vom Suizid abhalten und ihn zu einem umfassenden Geständnis die Brandstiftungen betreffend bewegen.

Durch einen Trick bringt Casstorff Mechthild von Brück dazu, den Totschlag an ihrer Mutter zu gestehen, da ja ihre Mutter ihren ersten Mann, den Vater, wegnahm.

Rezension

Es gibt viele Themen, da kann sich jeder in die Situation von Betroffenen hineinversetzen, beim Sorgerecht ist das schon nicht mehr durchgängig der Fall – wenn man zum Beispiel keine Kinder hat, ist dieser Krimi höchstens als Entscheidungsfhilfe in dem Sinne interessant, ob man sich’s nicht nochmal überlegen sollte. Augen auf bei der Partnerwahl. Das sagt sich so leicht. Egal, ob einer Beziehung Kinder entspringen oder nicht. Angesichts von Scheidungsquoten von mindestens einem Drittel und nichtehelichen Lebengemeinschaften, die mindestens genauso häufig in die Brüche gehen, sind die Kinder immer die Leidtragenden. Aber dass ein Vater, der bisher nie straffällig geworden war, eine riesige Brandserie legt, nur, um sein Kind häufiger betreuen zu dürfen, das weitgehend beim Stiefvater und der Mutter lebt, ist schon krass und leider auch krass unglaubwürdig. Man könnte sagen, eine typische überspitzte Krimikonstruktion, wenn es nicht darum ginge, Verständnis für die Väter zu wecken. Unser Verständnis war angesichts der Tatsache, dass bei solchen Bränden auch Menschen zu Tode kommen können, begrenzt, da half auch das dramatisch-rührselige Ende nicht mehr so viel.

Damit man es richtig versteht: Die Mutter arbeitet bei der Feuerwehr, der Stiefvater, den sie dort kennengelernt hat, ist Feuerwehrmann. Natürlich werden auch Standards diskutiert, die jeden Tag vorkommen, wie, dass Feuerwehrleute selbst die Brände legen, um sich zu beweisen oder häufiger ausrücken zu dürfen, weil sie eben nicht so viel Bock auf Familie haben oder weil sie eigentlich eh Pyrmanen sind – whatever. Wie bei der Partnerwahl, muss man auch bei der Wahl der Mitarbeiter einer Feuerwache genau aufpassen, dass man sich nicht einen Brandbeschleuniger einfängt. Arme Berufsfeuerwehr – was sagen eigentlich deren Angehörige dazu, dass der Fall des zündelnden Firefighters so dargestellt wird, als käme derlei ziemlich häuig vor? Vielleicht sollte man die Logik dabei etwas im Blick behalten: Der Mann muss ja dienstfrei haben, um die Brände unerkannt legen zu können. Gut, dass man daran wenigstens gedacht und die Dienstpläne der Hamburger Feuerwehr gecheckt hat.

Die „Kampfanwältin“ ist auch ein Begriff, den wir bisher nicht kannten. Wir dachten immer, alle Anwälte kämpfen wir ihre Mandant*innen, aber vielleicht gibt’s auch welche, die sich zumindest immer in der Nähe des Parteiverrats bewegen. Nein, schon klar, wenn jemand persönliche Rachegefühle in die Arbeit einfließen lässt, bekommt diese eine andere Note, als wenn versucht wird, möglichst das Wohl aller Beteiligten bestmöglich im Auge zu behalten – in Sorgerechtsfällen vor allem das Kindeswohl. Dass jemand, der von solch einer Anwältin wie Frau von Brück um sein Kind gebracht wurde, Rachegefühle hat, lässt sich gut denken, je nach Charakter könnten wir uns durchaus vorstellen, dass jemand auch tätig wird – obwohl es in der Regel dann eher die frühere Ehefrau oder Partnerin trifft als die Person, die sie rechtlich vertreten hat. Denn Ausgangspunkt und der viel stärkere emotionale Anker ist doch immer die Mutter des Kindes oder der Kinder. Deswegen sind Familiendramen, in denen Ex-Partner einander umbringen, eben realistisch – aber für so einen Krimi auch ein bisschen langweilig. Wir hätten uns trotzdem in die Phalanx der besorgten Väter einreihen können, wenn da nicht ein weiteres Problem wäre.

Das Problem heißt: Widerrechtliches Polizeihandeln. Wir fragen uns immer wieder, ob die Öffentlichrechtlichen nicht vielleicht manchmal einen an der Klatsche haben, wen sie Drehbücher umsetzen lassen, in denen so absichtsvoll wie hier gezeigt wird, dass Durchsuchungsbeschlüsse eh Quatsch sind und dass man gefakte Beweise allemal einsetzen darf, um Geständnisse zu erlangen, die man normalerweise nicht bekommen hätte. Aber der Reihe nach. Holicek dringt, nicht zum ersten Mal, in eine Wohnung ein, ohne dazu berechtigt zu sein, meist wird dann „Gefahr im Verzug“ gemurmelt, um den Mangel einer Berechtigung zu rechtfertigen, hier aber ironisiert Holicek das Ganze auch noch, indem er sagt: Wir sind docht nicht beim Fernsehen. Es sind ja gerade Fernsehfälle, in denen eben nicht die korrekte Vorgehensweise gezeigt wird. Noch krasser ist Casstorff, der ein falsches Beweismittel besorgen lässt und sich eine Geschichte dazu ausdenkt, warum trotz Brand noch Fingerabdrücke auf dieser Statue, die zu allem Überfluss auch noch die Justizia darstellt, vorhanden sien können. Auf dem echten Stück vom Tatort, der Tatwaffe, gibt es diese nicht. Nachdem Casstorff sich das Geständnis der Tochter und des Freundes der Mutter, der auch der Geliebte der Tochter ist, ertrickst hat, legt er das Teil aus Bronze oder was es sein soll, zur Seite und sagt: „Amateure“. Das ist nicht witzig, das ist unverschämt. Es bleibt aber nicht dabei. Als sich die Staatsanwältin bei ihm über diese Handhabe beschweren will, überfällt er sie mit einem Kuss und sie findet’s himmlich.

Kein Wunder, dass das Rechtsverständnis der Bevölkerung in die Binsen geht, bei einer solchen Anhäufung von Übertretungen aller Art. Die Kritiker finden an solchen Darstellungen nichts auszusetzen und auch das Publikum ist mehrheitlich d’accord. Dass die Frau Wilhelmi und der Kommissar sich kriegen, war eh abzusehen, wir meinen, wenn man schon eine Küche ausmisst und gar zusammenbaut! Ach ja. Auch dass die älteren Nachbarn sich über den nächtlichen Krach bei der Einweihungsparty beschweren, Nebbich! Können eh weg. 15 Jahre später wird man Corona erfinden, um ein paar mehr von diesen Nörglern loszuwerden als üblich. Bei uns werden wenigstens alibimäßig Telefonnummern: Eh, wenn ihr genervt seid, ruft an und macht mit!, in den Hausflur gehängt, aber selbst auf eine solche Geste würde Neoliberal-Macho Casstorff nicht kommen. Aber über den verlorenen Sohn philosophieren, das geht gerade noch so. Wir haben eine Ahnung davon, warum dieser nicht bei seinem Vater bleiben wollte.

Finale

Man könnte auch schön über destruktive Muster philosophieren, die Menschen immer wieder zeigen und was uns das für die politische Arbeit sagt und wie es jederzeit berücksichtigt werden muss, auch vom besten aller Systeme, einem hypothetischen also. Eltern, die Kinder als Druck- und Kampfmittel benutzen, sind vermutlich gar nicht die Regel, wie haben in Berlin viele Patchworkfamilien kennengelernt, in denen die Sorgeverteilung unter den vielen Beteiligten recht gut funktioniert, manchmal sogar auf eine Weise geschäftsmäßig, die uns dann such wieder etwas suspekt war, zumal, wenn Ex-Paare und aktuelle Paare mit allen Kindern zusammen Unternehmungen gestartet hatten, als sei es nie zu emotionalen Verletzungen gekommen und als könne man Gefühle an- und ausknipsen wie das elektrische Licht. Aber dass Partnerschaften auseinandergehen, ist an sich normal und wenn es nicht mehr läuft, sollten nicht Konventionen, wie etwa eine geschlossene Ehe, ewiges Unglück bedingen. Das ist dann auch nicht gut für die Kinder, wenn sie in einer disharmonischen Zwangsgemeinschaft aufwachsen. Familienanwält*innen werden weiterhin viel zu tun haben, so viel steht fest.

Ermittlungstechnisch ist „Feuerkämpfer“, der Film über Menschen, die mit Feuer gegen andere Menschen kämpfen, schwer zu bewerten, denn der richtige Riecher der Kommissare ist vorhanden, nicht aber hätten sie unter normalen Umständen Beweis gegen das mörderische Paar führen können. Es wäre ein Indizienprozess geworden, allenfalls.

6/10

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke


Hauptkommissar Jan Casstorff – Robert Atzorn
Oberkommissar Eduard Holicek – Tilo Prückner
Wanda Wilhelmi – Ursula Karven
Mechthild von Brück – Annett Renneberg
Rebecca Stein – Nadeshda Brennicke
Angelo Panigua – Diego Wallraff
Jenny Graf – Julia Schmidt

Stab
Drehbuch – Thomas Bohn
Regie – Thomas Bohn
Musik – Hans Franek
Kamera – Karl Heinz Valier

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