Bienzle und der Tod im Weinberg – Tatort 641 #Crimetime 624 #Tatort #Stuttgart #Bienzle #SWR #Weinberg #Wein #Tod

Crimetime 624 - Titelfoto © SWR, Stephanie Schweigert

Bienzle und die erste Rezension

Erst, nachdem wir über 169 Tatorte geschrieben haben, machen wir mit Bienzle ein schwäbisches Weinfass auf und probieren eine Krimi-Rebe, die mittlerweile nicht nur (wie es in dieser Tatortfolge bei einer Mischung aus Trollinger und Burgunder (?) vorkommt) abgeschnitten, sondern mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist.*

Die Nachfolger von Kriminalhauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), die neue Generation Lannert / Bootz, haben viele Qualitäten, teilweise großartige Fälle, auch wenn es zuletzt nachgelassen hat. Aber die schwäbische Aura, die verströmen sie nicht, das wird im direkten Vergleich sehr deutlich. Damit entfällt bei ihnen etwas, das polarisiert, denn die Schwaben und ihr Ländle haben Fans und Gegner, wenn auch nicht ganz in dem Maße wie die Bayern. Wie es mit der Betrachtung von Bienzle und seinem Weinbergfall weitergeht, ist nachzulesen in der -> Rezension.

Handlung

Karl und Mike Dippon sind Brüder, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Während Karl das elterliche Weingut an den Stuttgarter Hängen mit Inbrunst weiterpflegt, hat Mike sich entschieden, in die im Tal liegende Welt der Hightech-Industrie einzusteigen, einer Welt, in der er sich schnell ziemlich viele Feinde gemacht hat.

Als er ausgerechnet beim Leichenschmaus seiner Mutter durch einen ungeklärten Sturz ums Leben kommt, findet Kommissar Bienzle schnell Menschen, die Mike gehasst haben oder von seinem Tod profitieren: Ralf Schaufler z. B., Chef eines kleinen aber feinen Zulieferbetriebs, wurde von Mike, der für die Auftragserteilung des großen Maschinenbaukonzerns WÜWAG verantwortlich ist, gnadenlos gedrückt, so dass seine Existenz gefährdet ist. Auch Mikes erbitterter Konkurrent innerhalb des Betriebs, Stefan Butz, ist verdächtig, war er doch am Tatort, was er zunächst verschwiegen hat. Oder ist es doch eine Familiengeschichte? Die Witwe von Mike,Nadja Jehle-Dippon, ist zumindest sehr am Testament ihrer verstorbenen Schwiegermutter interessiert.

Bei Bienzle privat wirbelt ein Baby, das Hannelore leichtsinnigerweise für ein paar Tage in Pflege genommen hat, den Haushalt ebenso wie den Hausfrieden gründlich durcheinander.

Rezension

Mit Ernst Bienzle, seiner ruhigen Art, seinen ruhigen Fällen und der lokalen Verotbarkeit hatte man beim SWF / SWR ein klares Konzept, erdacht von Felix Huby, der das Drehbuch für „Bienzle und der Tod im Weinberg“ schrieb und der schon mehrere Tatortermittler aus der Taufe gehoben hat. Ein Routinier, das merkt man der Folge 641 in jeder Hinsicht an. Sie ist deutlich nach Muster gearbeitet, dies aber solide und ohne logische Brüche, wie sie in heutigen Tatorten geradezu Methode geworden sind – man kann auch sagen, man behilft sich damit, dass man sie mit der Notwendigkeit entschuldigt, dass das Effektvolle oder Skurrile keine Logik braucht.

Es gibt im „Tod im Weinberg“ aber etwas, das eher zum kleinen als zum großen Einmaleins der Krimikunst zählt: Bienzle wird mehrfach Zeuge von aufschlussreichen Gesprächen, die ihm weiterhelfen. Weil er einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist – Zufälle, die auch nicht besonders wahrscheinlich sind, bringen den Fall also voran, es sind keine Ermittlungen im engeren Sinn. Sogar die Auflösung des „Hauptmordes“ wird dadurch befördert und letztlich bewirkt. Das gibt doch wieder Abzüge, mindestens in der B-Note, und die wirken sich bei einem klassischen Whodunnit stärker aus als in Folgen, bei denen man ohnehin deutlich darauf hingewiesen wird, dass sie andere Akzente setzen wollen.

Bienzle, der 2007 seinen letzten Tatort löste, war der auch letzte Tatortkommissar mit Hut und Trench und einer gewissen (Alt-) Herrenattitüde, die es in den ersten drei Jahrzehnten der Serie häufig zu beobachten gab. Er hat sich nicht emotional angebiedert, auch wenn sein Privatleben in Person von Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) präsenter war als bei frühen Ermittlerfiguren. Damit gewann Bienzle eine Facette hinzu, die mittlerweile zur üblichen Ausstattung der Tatortpolizisten gehört.

Im Herbst wird der Wein gelesen, passenderweise war der 1. Oktober 2006 das Datum der Erstausstrahlung von „Bienzle und der Tod im Weinberg“. Ziemlich genau sechs Jahre später hat der SWR den Krimi nun wiederholt. Etwas Überraschendes ist uns dabei aufgefallen.

Er wirkt traditionell, ein wenig altmodisch – aber nicht überholt. Das mag daran liegen, dass man sich Themen gesucht hat, die auch heute noch aktuell sind, wie die jungen Weinbauern, Winzer oder eben die in Schwaben so genannten Wingerter, und zwar jene Spezies, die sich höchste Qualität auf die Fahnen geschrieben hat und mit großer Leidenschaft Betriebe führt, die oft über Generationen in der Familie sind. Unternehmer mit oft hohen Ansprüchen, die aus Tradition etwas Neues schaffen und damit Erfolge erzielen. Das gibt es in Schwaben wirklich und man wird den Verdacht nicht los, dass die Gründlichkeit und Leidenschaft dieses Menschenschlages fürs Detail und fürs Hochwertige auch hier wieder zu Spitzenprodukten führt, weil es eben im Naturell der Leute liegt, an der Perfektion zu arbeiten.

Wie auch im Maschinenbau, der ebenfalls eine Rolle in „Bienzle und der Tod im Weinberg“ spielt. Qualität ist etwas Schwäbisches, sozusagen branchenübergreifend. Dass die Zulieferer ausgequetscht werden, ist hingegen keine schwäbische Spezialität, sondern eher ein Kennzeichen für Branchen und Branchensegmente, in denen es wirklich um kleinste Margenvorteile geht, aufs ganze Produkt gerechnet. Es geht um Investitioinsgüter, die sich dem globalen Wettbewerb stellen müssen, wo Qualität schon wichtig ist („Die Tschechen halten nicht unsere Toleranzwerte ein“), aber eben nicht alles darstellt. Das wird in der Tatortfolge 641 in einem verständlich aufbereiteten Ausschnitt dargestellt, ähnlich wie das Winzertum, seine Strebungen und Tendenzen und wie man tatsächlich Trollinger mit Burgunder kreuzt. Tut man das wirklich? Wir schauen das jetzt nicht nach.

Alle Figuren in „Bienzle und der Tod im Weinberg“ sind in der Welt des Weines oder der Maschinen zuhause, ein wunderbar schwäbisches Szenario, und sie sprechen und agieren auch so, wie man sich das nun einmal von Schwaben denkt. Vielleicht wirken die Figuren auch deshalb authentisch, weil sie lokal gefärbt sind und man kann sie gut verfolgen, ohne ein Dictionnaire ins Hochdeutsche auf dem Sofa – das ist nicht überall so, wo Lokales herausgehoben wurde. Bei der Bienzle-Folge 641 gibt es wenig Subtext, die Figuren sind schlüssig, wie sie handeln, ist vorstellbar. Ein wenig Globalisierungskritik ist auch drin (die Osteuropäer als Konkurrenten des heimischen Zulieferers); wenn man will, ein wenig Kapitalismuskritik. Manager, die Fehler vertuschen wollen und profit- und profiliserungssüchtige Jungkarrieristen, heilandsack!, die gibt es zuhauf, wie wir nicht erst seit der Bankenkrise wissen. Letztlich ist die Botschaft aber strukturkonservativ: Kleine Unternehmer, handwerkstreue Winzer, deren Arbeiter und Angestellte sitzen alle im selben Boot und wären alle solche traditionellen Schwaben, gäbe es viele Missstände in der Welt nicht. Doch die Welt der Qualität und der Anständigkeit wird immer von Leuten, die den rechten Weg verlassen haben oder von diffusen Einflüssen von außerhalb (die preisdumpenden Ostler, wahlweise die preisdumpenden und alles kopierenden Chinesen!) bedroht.

Dass der erste Mord am Ende keiner war, sondern ein veritables Ringen von ungleichen Brüdern um Prinzipien dazu führt, dass der traditionelle Neurer überlebt, dass am Ende beinahe auch die Frau des modernistischen Bruders noch in die Zentrifuge mit dem guten Wein gerät, als sie versucht, den wahren und würdigen Erben jenes Weines zu erpressen, das ist ein Statement und man muss gar nicht mit den Finessen der Filmkunst oder der Literatur allzusehr vertraut sein, um die Botschaft zu lesen. Ein durchschnittlicher Rezipient kann diesem Tatort mühelos folgen, sowohl inhaltlich als auch seine Aussagen betreffend, und diese Übersichtlichkeit macht „Bienzle und der Tod im Weinberg“ nicht unsympathisch.

Man hat die Schraube noch nicht soweit überdreht, dass die Logikwindungen bersten und nur noch mentale Grenzgänger auftreten. Dies nimmt man zwischendurch, bei der Rezension einer Wiederholung und zwischen vielen konzeptionell innovativen Tatorten, die nicht immer gelingen, dankbar zur Kenntnis, wohl wissend, dass die Zeiten sich ändern und ein so altes Ding wie die Tatortserie neue Ansätze braucht, um weiterhin ein großes Publikum zu faszinieren.

Finale

Dass Bienzle zu einem kleinen Kind kommt, das er zu versorgen hat, ist so ein kleiner Nebenstrang, den man schmunzelnd zur Kenntnis nimmt, dazu gehört auch das Schmunzeln darüber, dass klar erkennbar ist, dass eine recht schlichte Kriminhandlung auf diese Weise jene 85-90 Minuten erreicht, die eine Tatortfolge nun einmal zu dauern hat. Es ist okay, es schadet niemandem und gibt Dietz-Werner Steck als Ernst Bienzle tatsächlich etwas Großväterliches. Wir haben ihn auch schon in zwei oder drei anderen seiner Fälle gesehen (die wir nicht für den Wahlberliner rezensiert haben), da gibt es kein solches, zusätzliches menschliches Element, und er wirkt eher spröde und kühl. Allerdings ist die Liste der Bienzle-Fälle, die wir bisher angeschaut haben, noch recht kurz und wir sind gespannt auf weitere Folgen, die uns wohl vorwiegend der SWR präsentieren wird.

Mag schon sein, dass unsere überwiegend positive Rezeption von „Bienzle und der Tod im Weinberg“ auch der Tatsache geschuldet ist, dass wir eben noch nicht so vertraut mit diesem Ermittler sind und daher das, was viele Fans und Kenner stört, nämlich die Langsamkeit und Musterhaftigkeit der Stuttgarter Tatorte von 1992 bis 2007, uns zunächst einmal nichts ausgemacht hat – eben als Kontrastprogramm zu den oft überdrehten aktuellen Exemplaren der Serie, und weil wir das Schematische noch nicht so oft gesehen haben, dass es uns schon langweilen könnte.

7,5/10

*Alle Angaben beziehen sich auf den Zeitpunkt der Erstveröffentlichung im Oktober 2012.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke 

Ernst Bienzle Dietz-Werner Steck
Hannlore Schmiedinger – Rita Russek
Günter Gächter – Rüdiger Wandel
Rominger – Walter Schultheiß
Mike Dippon – Christof Arnold
Karl Dippon – Christian Koerner
Sophie Dippon – Margarete Salbach
Ursula Dippon – Korinna Beilharz
Ralf Schaufler – Heinrich Schmieder

Regie – Jochen Nitsch
Buch – Felix Huby und Dieter de Lazzer
Kamera – Thomas Makosch
Musik – Martin Grassl
Szenenbild – Andreas Fassongé

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