Singvogel – Tatort 292 #Crimetime 623 #Tatort #Hamburg #HH Stoever #Brockmöller #NDR #Singen #Vogel

Crimetime 623 - Titelfoto © NDR

Raus damit: Welcher Vogel singt?!

Sofern der Titel „Singvogel“ keine Anspielung auf Rüdiger Vogler ist, der den Gefängnisseelsorger Herbert Tiefenthal spielt, ist Harald Holland (Günter Junghans) gemeint, der Millionendieb. Er verrät zwar nicht, wo er das Geld versteckt hat, aber es sickert etwas von den Zuständen im Gefängnis an die Polizei durch.

Diese Zustände sind brutal, und da sie schonungslos dargestellt werden, lässt sich für den Tatort 292 insgesamt sagen, dass er recht offensiv ist. Es lag nah, sich das nach Stuttgart Stammheim bekannteste deutsche Gefängnis, die JVA Hamburg-Fuhlsbüttel zum Vorbild zu nehmen, das unter dem Namen „Santa Fu“ heute eine richtige Marke ist, unter der sogar Produkte der Gefängnisinsassen vertrieben werden. Von solchermaßen postmodernen Ideen war man aber 1994 wohl noch ein wenig entfernt, als diese ruppige Tatortfolge entstand. Was gibt es über sie zu schreiben? Es steht in der -> Rezension.

Handlung

Ein brisanter Fall im Milieu der Gefängnismafia macht Stoever und Brockmöller zu schaffen: Als die Frau des inhaftierten Millionenräubers Harald Holland ermordet aufgefunden wird, führt die Spur in das Gefängnis, in dem Holland einsitzt. Bei der Vernehmung Hollands, dessen Beute nie gefunden wurde, beschuldigt er den „Knastkönig“ Ronny des Mordes an seiner Frau. Holland hat panische Angst vor Ronny, fühlt sich von ihm bedroht. Er will verlegt werden.

Die Gefängnisleitung kann die Schilderung Hollands nicht nachvollziehen und lehnt Stoevers Forderung nach sofortiger Verlegung Hollands ab. Diese Verweigerung erweist sich als fatal. Unterdessen ist Ronny wieder auf freiem Fuß, und Gefängnisfürsorger Tiefenthal nimmt ihn gegenüber der Polizei in Schutz. Stoever und Brockmöller stoßen bei ihren Ermittlungen auf eine Mauer des Schweigens: bei den Behörden, bei Ronny, dessen Freundin Jeanette und anderen.

Schließlich sieht Stoever nur noch eine Möglichkeit, die Morde aufzuklären: Er schleust den jungen Kollegen Thorwald als „Torpedo“ in das Gefängnis ein.

Rezension

Dass dieser Männerknast mit seiner hohen Rate von Schwerverbrechern auch einer der härtesten in Deutschland war, ist bekannt und man wird den Verdacht nicht los, dass die Gefängnisgang mit ihren Stereotypen, die hier unter den Augen von Stoever & Brockmöller ihr Unwesen treibt und beinahe mit größter Gelassenheit und Kaltblütigkeit einen eingeschleusten Polizisten umbringt, zwar verdichtet  ist, im Ganzen aber ein Bild von „Santa Fu“ zeigt, das auch Gefängnisleitungen nicht kalt lassen dürfte – und zwar schon deshalb, weil diese im Film als unglaublich borniert und hartgesotten dargestellt wird.

Die Ausstrahlung von „Singvogel“ sorgte jedenfalls vor 17 Jahren für Aufsehen und gehört damit zu den Tatort-Folgen, welche eine direkte gesellschaftliche Relevanz für sich beanspruchen dürfen. Man hatte ein heißes Eisen angepackt und eine Diskussion ausgelöst, die im Ergebnis sicher nicht zum Schaden eines modernen Justizvollzuges war.

Schön auch zu beobachten, dass man sich in einer technischen Übergangsphase befand. Die Ermittler haben noch keine Mobiltelefone, sondern werden von ihrer Dienststelle immer sehr präzise dort erreicht, wo sie sich gerade aufhalten, wohl aber bedienen sich die Knackis zwecks Abwicklung ihrer Geschäfte mit der Außenwelt moderner Kommunikationsmittel. Diese sehen allerdings eher wie Funktelefone für die Festnetzverwendung aus und nicht wie die frühen Mobilgeräte für die damals vorhandenen Netze D1 oder D2. Sollten wir  uns hier nicht geirrt haben, wäre das einer von mehreren logischen und faktischen Fehlern, die das Gesamtbild eines harten und klar bebilderten Tatortes etwas trüben.

Mit der fünften Folge von Paul Stoever (Manfred Krug) und der vierten für Peter Brockmöller (Charles Brauer) entwickelt sich das Hamburger P & P-Duo unaufhaltsam zum meistrenzensierten nicht mehr aktiven Ermittlerteam innerhalb unserer Anthologie.

Sie haben es verdient, denn sie waren das mit Abstand produktivste Ermittlerteam und setzten mit 17 Jahren Dienstzeit (Stoever) und 41 Folgen Maßstäbe, die lange Bestand hatten. Nur drei aktuelle Ermittler (Batic und Leitmayr in München und Lena Odenthal in Ludwigshafen) haben mittlerweile mehr Jahre im Fernseh-Ermittlungsdienst zugebracht und nur sie sowie die Kölner Ballauf und Schenk haben mehr Fälle gelöst.

Die 90er Jahre im Tatortbild. Der NDR hat sein robustes und tragfähiges Ermittlerteam aus der Hansestadt Hamburg häufig für passende Fälle eingesetzt. Dieser harte Gefängnisfilm namens „Singvogel“ ist sehr gut auf die beiden zugeschnitten, besonders Stoever wirkt in dem Milieu authentisch und bewegt sich dort mit einem Auftreten, das man haben muss, um sich in einer solchen Welt wenigstens Gehör zu verschaffen – Respektgewinnt er am Ende, als er die Ermordung des jungen Kollegen Thorwald (Mark Keller) verhindert und dabei dem Chef der Gang, dem widerlichen „Rambo“ Hergeht (Claude Oliver Rudolph) einen harten Schlag verpasst. Dabei schützt ihn seine Waffe, aber der Zuschauer kann seine eigenen Aggressionen mit diesem Schlag loswerden auf einen Schlag loswerden, sofern sie sich in üblichen Grenzen halten.

Ja, der Film macht aggressiv, diese Situation des Ausgesetztseins einem brutalen Mob gegenüber ist eine der dichtesten und bedrängendsten Darstellungen, die wir bis jetzt erlebt haben. Die Idee, sich vielleicht im Gefängnis in Ruhe dem Schreiben widmen zu können und nicht immer durch den Zwang zum Broterwerb darin gestört zu werden, ist erst einmal ad acta gelegt – auch wenn nicht jeder Knast so dicht mit wildestem Personal besetzt sein dürfte wie das gefühlte Santa Fu im Tatort „Singvogel“.

Die frappierende Direktheit von „Singvogel“ ist mittlerweile durch viel Subtext abgelöst worden, die Bilder edler, die Figuren ebenfalls. Kein heutiger Ermittler würde sich angesichts der Zustände in Santa Fu eines sozialpädagogischen Kommentars enthalten, keine Gefängnisgang wäre einfach nur sie selbst und so holzschnittartig, vielmehr gäbe es wohl immer auch abweichende Typen, die das soziale Gewissen des Zuschauers beruhigen und vor allem eine Gefängnisleitung, nicht nicht so konsequent abstreitet, dass einiges faul ist, im Kleinstaat dieser JVA. Das ist natürlich auch Spekulation und „Singvogel“ ist andererseits ein sehr schönes Beispiel dafür, wie man Zustände zeigen so zeigen kann, dass jeder sie versteht, ohne sie zu kommentieren. Die Verdichtung und Vereinfachung sind Kommentar genug.

Allerdings haben die Tatorte der frühen 90er auch unverkennbare Alterungserscheinungen. Das trifft vor allem auf die Szenen außerhalb der JVA zu, die teilweise altbacken wirken. Vieles, was man heute ausschließlich filmisch darstellen würde, also nur in Bildern, durch Handlungen und Gesten, wird hier durch teilweise hölzerne Dialoge gedoppelt und verlangsamt auf diese Weise nicht nur das Tempo, es sorgt auch für dieses Gefühl, dass sich inzwischen bezüglich der typischen Tatort-Erzähltechnik eine Weiterentwicklung ergeben hat. Dem Zuschauer wird heute mehr zugemutet, aber auch mehr zugetraut, was das Aufnehmen rein bildlicher Informationen angeht.

Probleme des Drehbuchs. Selbst bei den Fragwürdigkeiten der Handlung hatten wir das Gefühl, dass die Schwächen zeittypisch sind. Zum Beispiel der Sohn, der den Seelsorger Tiefenbach ständig verfolgt, obwohl er eigentlich durch seine Drogensucht dazu gar nicht in der Lage sein dürfte, ist nicht nur störend, sondern auch eine ganz offensichtlich ins Buch hineingeschriebene Klammer, die einen zu sehr verzettelten und ausgefransten Plot einer vernünftigen Lösung zuführen soll. Dass die Motivation gerade dieser Figur aber mehr als schleierhaft bleibt, wird in Kauf genommen. Auch das Verhalten der Prostituierten Jeanette Heuer (Claudia Messner), die offenbar nicht weiß, ob sie wirklich mit Tiefenthal das Weite suchen soll, wirkt inkonsistent und meist klischeehaft. Da passt einiges nicht zusammen. Ähnlich bei ihrem Zuhälter Ronny, der manchmal bedrohlich und brutal, dann aber wieder zu einfach wirkt, um in diesem Milieu dauerhaft bestehen zu können.

Diese gewisse Nachlässigkeit, das Schwanken bei der Figurenzeichnung, ist bei neueren Tatorten weniger zu beobachten, eher schon, dass man sie bewusst als Stereotypen belässt, um andere Akzente zu setzen. Eine solche klare Ausrichtung ist in „Singvogel“ nicht vorhanden, der Tatort hat zwar sein Zentrum in den Vorgängen im Gefängnis, wirkt aber dennoch ein wenig wie ein Bauchladen, in dem dies und das und jenes enthalten ist.

Gute Unterhaltung mit unguten Gefühlen. Allerdings ist er keineswegs ein schlechter Film und natürlich darf man nicht ausschließlich heutige Maßstäbe anlegen, das tut man bei klassischen Kinofilmen ja auch nicht, sondern sieht sie als Produkte ihrer Zeit an. Dass es in „Singvogel“ wenig Schönes gibt, wenig, woran man sich ausrichten kann, dass die Ästhetik in mancher Hinsicht nicht heutiges Niveau erreicht, ist vielleicht sogar ein Vorteil, weil dieses Fehlen von Glanz und formalen Effekten die Unmittelbarkeit und das Verstörende des Films unterstützt.

Da sich auch die beiden Ermittler in dieses kompakte Modell von einem Krimi gut einfügen, entsteht zwar ein unangenehmes Gefühl, ein Unbehagen, das vielleicht sogar tiefer geht als die soziale Entrüstung, die bei heutigen Tatorten beinahe immer mitschwingt und die man, gemäß den Bildern, in schöne Worte über unschöne Zustände fassen kann. Alibitatbestände gibt es in „Singvogel“ nicht – der Film spricht durch seine Unmittelbarkeit vor allem Urinstinkte an – zum Beispiel die Furcht davor, in eine Situation zu kommen, in der man bedrohlichen, feindlichen Mächten hilflos ausgeliefert ist. Die Art, wie hier vom Direktor über die Aufseher bis zu jungen, fiesen Knacki-Novizen, ja sogar bis über die Gefängnismauern hinaus alle Typen in Santa Fu kollaborieren, um ein geschlossenes, undurchlässiges System der Repression zu schaffen, macht nicht betroffen gegenüber einer mehr oder weniger abstrakten Thematik, sondern löst eine gereizte Stimmung, löst Abwehrhaltungen und Ängste aus.

Finale

„Singvogel“ ist ein ziemlich fordernder Tatort, der keine Interpretationen zulässt, dafür aber eine Menge Reizappeal hat. Wir meinen damit nicht die nackten Männerkörper, die man in einer Duschszene sieht, sondern das unangenehme Gefühl, das durch die Darstellung der Gefängnishierarchie mit ihren tödlichen Auswüchsen ausgelöst wird. Manches am Drehbuch und an der Darstellung wirkt veraltet, die Figuren außerhalb der JVA sind etwas fahrig gezeichnet, aber wirkungsvoll und unterhaltend ist „Singvogel“ auch heute noch, was ihm einen angemessenen Platz und sogar eine überdurchschnittliche Bewertung sichert.

7,5/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Stoever – Manfred Krug
Hauptkommissar Brockmöller – Charles Brauer
Thorwald – Mark Keller
Lydia Tiefenthal – Elisabeth Schwarz
Herbert Tiefenthal – Rüdiger Vogler
Jeanette Heuer – Claudia Messner
Ronny – Hans Kremer
Rambo Hergeth – Claude-Oliver Rudolph
Harald Holland – Günter Junghans
Gefängnisdirektor – Klaus Piontek
Polizeiinspektor – Thomas Neumann
Pitter – Rolf Peter Kahl
Thorsten Tiefenthal – Florian Lukas
Hennes – Hans-Dieter Brückner
Junger Kripobeamter / Spurensicherer – Kurt Hart
und andere

Regie – Michael Knof
Buch – Willi Voss
Produktion – Richard Schöps

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