Der Spezialist – Tatort 323 #Crimetime 629 #Tatort #Düsseldorf #Duesseldorf #Flemming #WDR #Spezialist

Crimetime 629 - Titelfoto © WDR, H. Zinner

Der Spezialist prägt den Tatort

Rolf Hoppe (1930-2018) war ein mehrfach prämierter Charakterdarsteller, zuletzt erhielt er 2010 das Bundesverdienstkreuz. Der Mann, der als Bäckerlehrling anfing und es im 1995 gedrehten Tatort „Der Spezialist“ bis zum Hauptkommissar eines Dezernats für Wirtschaftskriminalität gebracht hatte, füllt seine Rolle als korrupter Polizist nicht nur aus, er ist das Ereignis dieser Folge.

Seine Darstellung fasziniert, ist intensiv und er wirkt sehr präsent. Gewisse Schwankungen muss die Figur Ammond, die er hier spielt, allerdings aushalten und die Frage steht im Raum, ob es wirklich so gedacht war, dass dieser Polizist, der am Ende seiner Dienstzeit einen ebenso goldenen wie illegalen Schnitt machen will, zuweilen kurios wirkt. Wir werden darüber weiter nachdenken in der -> Rezension.

Handlung

Karl Ammond, Hauptkommissar in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität, ist eine Kapazität und hochgeachtet. Jetzt steht der „Spezialist“ kurz vor seiner Pensionierung. Was die Kollegen nicht wissen: Ammond ist korrupt und hat seine Position ausgenutzt, um auf eigene Rechnung schmutzige Geschäfte zu machen. Sein Partner ist der Spediteur Schubert; ihr größter – und letzter – gemeinsamer Coup soll ein Waffendeal sein. Aber es gibt Komplikationen: Moretta, ein Angestellter der Spedition, ist mit Hilfe von Schuberts Sekretärin Edith Kruse an verräterische Unterlagen gekommen. Bei dem Versuch, Ammond damit zu erpressen, kommt es zum Kampf, in dessen Verlauf Moretta von einem Garagenhochhaus in die Tiefe stürzt.

Kommissar Flemming und seine Kollegin Koch ermitteln bei Morettas Arbeitgeber und registrieren dessen Nervosität. Das veranlaßt Flemming, Kontakt mit dem Kollegen Ammond aufzunehmen, um Informationen über Schubert zu bekommen. Ammond gelingt es – sehr zu Flemmings Mißvergnügen – sich in die laufenden Ermittlungen einzuschalten. Flemming spürt, daß Ammonds Interessen nicht die seinen sind. Als dann auch noch Morettas Freundin Edith tot aufgefunden wird und Ammond auf der Selbstmordtheorie beharrt, bezieht Flemming offen Position gegen den Kollegen. Aber Ammond ist viel zu clever, um ihm in die Falle zu gehen. Als der Waffendeal platzt und Ammond diese persönliche Niederlage geschickt in einen Ermittlungserfolg umzumünzen weiß, geht Flemming aufs Ganze.

Rezension

Da will einer ab nach Florida, in den Düsseldorf-Tatorten der Zeit offenbar ein Symbol für den Fluchtpunkt Ausstieg aus dem Alltag. Schon in „Flucht nach Miami„, einem der ersten von uns rezensierten Tatorte, stand eine ganz ähnliche Motivlage hinter einem ähnlichen Traum, für den ein Mann illegal handelte.

Ein erfahrener Polizist wie Karl Ammond ist auf einer einen Seite Strippenzieher in einem Geflecht von Wirtschaftskriminalität, die er eigentlich bekämpfen soll, ein Spezialist für nicht genehmigte Waffengeschäfte in Krisenregionen. Er übt Druck auf seine Partner aus, hier auf den Spediteur Schubert(Rainer Pigulla). Er versteht es, Situationen immer wieder zu seinen Gunsten zu wenden. Aber er bringt zwei Menschen um, ohne es zu wollen. Vor allem der Mord an der Zeugin des ersten Todesfalles (Claudine Wilde) ist schon beinahe komisch. Da würgt der kräftige Polizist das Mädchen herzhaft und ist dann erschüttert, dass sie dabei ums Leben kommt.

Am Ende ereilt ihn selbst das Schicksal. Geplatzte Träume enden zuweilen durch Schusswaffeneinsatz, bei dem keine Platzpatronen verwendet werden, doch die Figur Ammond hätte einen weniger banalen Abgang verdient.

Drei Polizisten und ein Waffenschieber. Besser: Zwei Polizisten und eine Polizistin. Letztere steht ein wenig abseits, das Duell zwischen den Kommissaren Ammond (Hoppe) und Flemming (Martin Lüttge) hätte man dramatischer ausformen können. Flemming aber ist zu gehandicapt durch seine Magenprobleme und seine grundsätzlich schlechte Stimmung, als dass er einen ebenbürtigen Part gegenüber Ammond spielen könnte. Er kann den Kollegen zwar überführen, aber die Ermittlungsarbeit ruckelt ein wenig und die Befindlichkeiten dominieren zu sehr.

In den 90ern waren die Tatorte grundsätzlich nicht so geschliffen und gefeilt wie heute, unter diesem Aspekt muss man ebenso die seltsamen Tode zweier Menschen betrachten, die leider dem Kommissar Ammond in die Quere kamen wie die Überbetonung von Kaffeeangelegenheiten. Grundsätzlich sind Flemming und seine Assistentin Miriam Koch (Roswitha Schreiner) in „Der Spezialist“ zu eindimensional angelegt, um heutige Anforderungen erfüllen zu können. Stringent ja, aber nicht so auf ihre Rollenklischees als Grantler und Polizistenbarbie festgelegt. Die wenig charmanten Reaktionen der Speditionsarbeiter, als dieses Wesen sie befragen will, sind nachvollziehbar.

Mehr als in anderen Folgen der Düsseldorf-Serie wirkt sie hier puppig, süß, aber auch zu weit weg von einer Polizistinnenfigur. Mag sein, dass sich unsere Wahrnehmung durch viele starke Frauenfiguren bei der Tatort-Polizei seitdem zu sehr gewandelt hat, als dass wir Fräulein Koch hier abnehmen würden, dass sie die rauen Jungs aus dem Frachtgeschäft mit einem kurzen Trick zur Räson bringen kann. Ein Typ wie Max Ballauf, der kurz zuvor aus der Serie herausgeschrieben wurde (und 1997, befördert zum Dienststellenleiter, zurückkehrte), der ist eines von mehreren fehlenden Elementen in dieser Folge.

Ein kongenialer Partner für Ammond auf der Seite des Verbrechens fehlt ebenso. Es gibt zwar dubiose Ostler, die gerne auch  Hand anlegen, wenn der deutsche Geschäftspartner nicht spurt, aber dieser selbst ist viel zu schwach dargestellt. Dass Männer auch mal Tränen zeigen, wurde zwar in den 90er Jahren salonfähig, aber hier wirkt es zu eckig, seltsamerweise. Ein Mann ist nur so stark wie seine Partner, und dieser Schubert als Partner von Ammond wirkt schwach und ängstlich. Kein Mann, dem man das Durchziehen großer Waffendeals wirklich zutraut. Eine der Schwächen der Figur Ammond liegt also nicht auf direkte Art in ihr selbst, sondern in der Wahl der Partner.

Unauffällige Inszenierung. Der Stil des Tatortes ist unauffällig und typisch 90er – aber in einem Punkt doch modern. Die Plotanlage als Howcatchem (in diesem Fall: Howcatchhim) – ist zwar nicht grundsätzlch eine Novität, aber wird vor allem angewendet um einzelne Figuren intensiver darzustellen. Sie wird aber, im Gegensatz zu neueren Filmen der Reihe, in „Der Spezialist“ nicht überwiegend genutzt, um Thrill zu erzielen. Das Leben der Zeugin Edith gerät zwar in Gefahr, das Publikum weiß, dass Ammond hinter ihr her ist, aber dieser Handlungsabschnitt ist nur einer von mehreren, der Thrill wird nicht konsequent auf einen Punkt hin gesteuert, der passenderweise das Finale ist. Trotz der großartigen Schauspielleistung von Rolf Hoppe bleibt man als Zuschauer überdies relativ unbeteiligt – und dies liegt sicher nicht allein daran, dass man ältere Tatorte auch unbewusst mehr mit Interesse als mit Hingabe verfolgt.

Alles was heute ist, das ist auch nah, andererseits sind die 90er-Tatorte noch keine Klassiker, nur, weil seitdem einige Zeit vergangen ist. Sie liegen ein wenig zwischen den Fronten. Haben nicht den antiquierten Charme noch älterer Folgen und noch nicht die heutige Bildsprache mit ihren Symbolen, nicht die vielen Ebenen, die man heute erkennbar einziehen will. Das lässt auch einen Tatort mit einer so präsenten Persönlichkeit wie Karl Ammond im Ganzen eher routiniert als inspiriert wirken.

Unschärfe und ein gewisser Mangel an Glaubwürdigkeit. Die Geschäfte, die Schubert betreibt und die Ammond deckt, sind wenig präzise dargestellt. Das hatte man sich wohl zugunsten der Herausarbeitung der Figur Ammond gespart – der Mann ist das Programm, auf ihn soll der Zuschauer achten. Das hätte er aber auch getan, wenn die Hintergründe der Geschäfte ein wenig mehr beleuchtet worden wären.

Ein weiteres Problem stellt die einseitige Abhängigkeit des Spediteurs von Ammond dar, die hier gezeigt wird. Natürlich hat Ammond den Partner in der Hand, aber gilt das umgekehrt nicht auch? Es wirkt aber nicht so, und da spielt wieder die zu schwach angelegte Figur  des Schubert eine Rolle.

Ob ein einzelner Kommissar überhaupt eine solche illegale Verstrickung herausbilden kann, ohne dass jemand von den eigenen Leuten ihm draufkommt und ohne dass er diese oder wenigstens einige von ihnen mit ins Boot nehmen muss, ist ebenfalls eine zulässige Frage.

Finale

Der Plot wirkt von Anfang bis Ende nicht rund, zerfällt in einzelne Elemente, von denen viele, für sich betrachtet, Fragen aufwerfen. Es gibt nur eine Figur, die überzeugen kann, und auch die leistet sich seltsame Unfälle, bei denen es Tote gibt, die einem Spezialisten nicht unterlaufen sollten – das ist der Wirtschaftskommissar Karl Ammond. Vielleicht sind die Abweichungen vom gut funktionierenden Spezialistentum satirisch gemeint, aber zu dieser Interpretation gehört mehr Wohlwollen, als einer ehrlichen Kritik eignet.

Das übrige Personal bleibt blass oder wirkt zu sehr in eine bestimmte Befindlichkeitsrichtung gebügelt, wie der Hauptkommissar Flemming und seine Kommissarin Miriam Koch. Auch als Lehrstück kann „Der Spezialist“ nicht dienen. Dafür sind die Machenschaften des Ammond zu – eben: speziell, sind die Hintergründe der Geschäfte zu wenig erläutert.

Am Ende gibt es keinen Flug nach Florida, sondern das Gefühl, aus dem Thema Waffenschmuggel hätte man mehr machen können. Hätte man die Figur Ammond in ein stärkeres Umfeld von Partnern und Gegenspielern gestellt, hätte dies der Dramatik des Tatorts auf jeden Fall auf die Sprünge geholfen. So bleibt eine Wertung von 6,0/10, trotz Rolf Hoppe.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Flemming – Martin Lüttge
Miriam Koch – Roswitha Schreiner
Schubert – Rainer Pigulla
Preisig – Joost Siedhoff
Edith – Claudine Wilde
Renate Ammond – Brigitta Köhler
Moretta – Claudio Maniscalco
Karl Ammond – Rolf Hoppe

Regie – Markus Fischer
Kamera – Jörg Schmidt-Reitwein
Buch – Alexander Adolph, Markus Fischer
Musik – Markus Fritzsche

Kommentare:

Melvon 30. November 2011

Wahnsinns Beitrag.Habe einige tolle Denkanstoesse bekommen. Freue mich schon auf weitere Posts zum Thema.

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