Mord in der Akademie – Tatort 290 #Crimetime 635 #Tatort #Düsseldorf #Duesseldorf #Flemming #Koch #Ballauf #WDR #Akademie #Mord

Crimetime 635 - Titelfoto © WDR

Kurzweiliger Howcatchem im Stil seiner Zeit

Ein wirklich origineller und auch sehr zeittypischer 90er-Jahre-Tatort, das ist „Mord in der Akademie“ auf jeden Fall. Kein Whodunit, sondern eher ein Howcathem (der Täter ist dem Publikum, nicht den Ermittlern, früh bekannt, wie er überführt wird, ist der interessante part).

Aber – stimmt das wirklich? Da sind wir uns nicht ganz sicher. Wir werden in der -> Rezension noch erörtern, warum wir glauben, dass man sich hier möglicherweise hat etwas Besonderes einfallen lassen – und durch die vielen anderen Besonderheiten (starkes Ausspielen des Themas AIDS, Schwulen- und Künstlerszene) hat’s aber niemand gemerkt.

Die Leistungen der meisten Darsteller sind sehr gut, wenn auch das oben genannte Milieu und dessen Protagonisten überzeichnet bzw. klischeegenähert wirkt. Dort, wo die Spielkunst nicht ganz so dominiert, hat man wenigstens nostalgische Gefühle – wie etwa, wenn man den jungen Max Ballauf an der Seite des dominanten Kommissars Flemming sieht.

Wir halten „Mord in der Akademie“ heute noch für sehens- und empfehlenswert. Tatorte sind meist Zeitdokumente, hier trifft das in besonders hohem Maß zu.

Handlung

ie Düsseldorfer Kunstakademie ist Schauplatz eines mysteriösen Mordes: Bei der Arbeit in der Gipswerkstatt wird der Student Till Bornemann von einem Maskierten erdrosselt. Tills Freundin Pia, die ihm als Modell für einen Gipsabdruck saß, hatte zwar nichts gesehen, aber gehört, wie der nichts Böses ahnende Till seinen Mörder mit „Gereon“ anredete.

Der Kunststudent Gereon Müller jedoch behauptet, nichts mit dem Mord zu tun zu haben und bringt Kommissar Flemming auf die Idee, daß sich der Täter einer der von ihm gefertigten Masken bedient haben könnte. Flemming glaubt ihm – denn Gereon scheint kein Motiv zu haben. Was aber ist mit Heinz Joesges, dem Leiter der Gipswerkstatt, der die Leiche gefunden hat? Flemming und sein Team finden schnell heraus, daß Joesges homosexuell veranlagt ist und ein Verhältnis mit Till hatte – bevor der sich Pia zuwandte. Ein Mord aus Eifersucht also?

Als sich zu Pias Entsetzen herausstellt, daß Till aidsinfiziert war, bekommt der Fall eine neue Dimension. Flemming und sein Team recherchieren in der Homosexuellenszene. Gert „Gerta“ Kosminski, der eine Kneipe in der Düsseldorfer Altstadt besitzt, wird zur Schlüsselfigur. Er hatte Joesges an Till verloren und hofft nun, daß alles wieder so wird wie zuvor. Aber Joesges weist ihn zurück. Mit einem Trick gelingt es Flemming, die beiden gegeneinander auszuspielen und die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Rezension

Die Leistungen der meisten Darsteller sind sehr gut, wenn auch das oben genannte Milieu und dessen Protagonisten überzeichnet bzw. klischeegenähert wirkt. Dort, wo die Spielkunst nicht ganz so dominiert, hat man wenigstens nostalgische Gefühle – wie etwa, wenn man den jungen Max Ballauf an der Seite des dominanten Kommissars Flemming sieht.

Wir halten „Mord in der Akademie“ heute noch für sehens- und empfehlenswert. Tatorte sind meist Zeitdokumente, hier trifft das in besonders hohem Maß zu.

Ist das Ende, wie es scheint? Dieses Mal ergehen wir uns in einer Spekulation. Was wäre, wenn der Mörder des jungen Till Boernemann (Markus Knüffken) gar nicht der Mörder wäre? Wenn der Trick, mit dem Flemming die beiden ehemaligen Liebhaber Heinz Joesges (Joachim Kemmer) und „Greta“ Kosminsiki (Gerd Böckmann) in Wirklichkeit gar nicht funktioniert hat? Der Werkstattleiter der Kunstakademie und der Besitzer einer Schwulenbar, einst ein Paar, biss Till dazwischenkam, sind sie wirklich durch Gereon Müller (Rufus Beck), der als Lockvogel den neuen Liebhaber von Heinz geben soll, zu überführen gewesen?

Im Sterben hat Till Gereon erwähnt, weil sich der Mörder hinter dessen Künstlermaske verborgen hat. Dies hat Tills Freundin Pia gehört. Sehen konnte sie den Mörder nicht, denn ihr Gesicht war gerade von einer Gipsmaske bedeckt, Till hatte sie als Künstlermodell eingesetzt. Till hat den Werkstattleiter Heinz finanziell ausgenutzt – und ihn auch noch mit AIDS angesteckt. Seine Freundin Pia hingegen glücklicherweise nicht. Gereon hingegen hatte kein Motiv; Heinz hingegen hatte eines. Demütigung, Rache, starke Emotionen eben. Er ist ja auch ein sehr emotionaler Typ.

Aber er liebte einmal den Schwulenbarbesitzer Kosminski. Will aber nicht zu diesem zurück. Weil er AIDS hat? Weil die Liebe wirklich erloschen ist? Kosminski weiß nichts davon, dass Heinz infiziert ist. Er lädt ihn zu einem romantischen Frühstück ein. Er will, nachdem Till aus dem Feld ist, Heinz zurückhaben. Da wird er damit konfrontiert, dass nun Gereon etwas mit Heinz haben könnte. Und in dieser Szene auf der Polizeiwache, wo diese unwahre Tatsache behauptet wird, da verhält sich „Greta“ auffällig gekränkt, auch wenn es keine Verbalisierung gibt.

„Greta“ hatte ein mindestens so starkes Motiv, Till umzubringen, wie Heinz Joesges es hatte. Und Heinz Joesges wirkt so schockiert, als er seinen AIDS-Befund liest. Man muss daran erinnern, dass in den frühen 90ern ein HIV-Befund „positiv“ beinahe den sicheren Tod auf Zeit bedeutet hat. Die vielen Maßnahmen, die es heute gibt, um das Leben trotz HIV-Infektion erträglich und länger machen zu können als ohne Behandlung, die waren damals erst in Ansätzen erkennbar. Es war der Höhepunkt der AIDS-Welle und Angst und Hilflosigkeit waren die Hauptgefühle jener Zeit – und das Ende der sexuellen Freiheit.

Auch dieser seltsame Selbstmordversuch mit der Maske, den Heinz am Ende vollziehen will, könnte ein Symbol sein. Dafür, dass der wirkliche Mörder immer noch maskiert ist. Dafür, dass es genauso gut „Greta“ gewesen sein könnte, Kominski konnte jederzeit in der Akademie herumspazieren, hatte wohl einen eigenständigen Zugang, verschafft durch Werkstattleiter Joesges. Das wird im Verlauf des Films mehr als einmal deutlich. Was also, wenn der Tatort gar nicht zu Ende ermittelt war? Wenn Joesges’ Geständnis falsch war?

Da kommen wir auf seine melancholische Art und sein AIDS zurück. Vielleicht war es ihm in dem Moment egal, ob er ins Gefängnis muss, obwohl er wohl ahnte, dass sein Exfreund „Greta“ in Wirklichkeit der Täter war. Diesem wird ermittlungstechnisch erstaunlich wenig Aufmerksamkeit gewidmet, nichts spricht dagegen, dass er in Wirklichkeit Till umgebracht hat, um Heinz zurückzubekommen, Heinz dies am Ende auch weiß – und ihn durch eigenes Geständnis schützt. Das wäre sehr differenziert und würde auch gut die u. E. vergleichsweise absolute Gefühlswelt homosexueller Männer spiegeln, in denen Eifersucht und Hingabe durchaus überdurchschnittliche Dimensionen annehmen können – und beides miteinander verknüpft sein kann. Vordergründige und weniger vordergründige emotionale Abhängigkeiten wären, wenn es stimmt, was wir hier als wirkliche Falllösung skizzieren, sehr schön dargestellt und dann wäre „Mord in der Akademie“es ein wirklich erstklassiger Tatort. Wir hielten es auf jeden Fall für glaubwürdig.

Zudem verrät „Mord in der Akademie“ an mehreren Stellen auch, dass er seine ermittlungsseitige Daseinsberechtigung nicht ganz so ernst nimmt. Wie Ballauf und Koch agieren und Flemming sie immer mal wieder faltet, wie er selbst oft sehr rau mit den Verdächtigen umgeht und Ballauf ein blödes Psychospielchen mit Joesges machen lässt. Das ist rabulistisch inszeniert, und das war sicher Absicht, ebenso wie die Zeichnung des Homosexuellenmilieus (wobei es „das“ Milieu natürlich genauso wenig gibt wie bei Heterosexuellen, und „Szenen“ haben viele soziale Gruppen).

Didaktisches mit AIDS. Das Team um Flemming war seinerzeit eines der interessantesten und bot viel Raum für Komik. Verblüffend, wie bei dem hochgradig ernsten AIDS-Thema in diesem Tatort noch so viel Witz unterzubringen war. Aber es funktioniert, wenngleich man sagen muss, die Dramatik der HIV-Infektionen, die gleich mehrere der Nebenfiguren befällt, wird dadurch gemildert. Da man sich auf wenige Figuren konzentriert hat, konnte das Thema sehr umfassend behandelt werden, auch die junge Kommissarin Miriam Koch (Roswitha Schreiner) stellt sich anhand ihrer etwas billig im Auto ausgelebten jungen Liebe mit dem Staatsanwalt in den Dienst der Sache.

Der Tatort 290 „Mord in der Akademie“ ist sozusagen der Film zu den damals allüberall präsenten AIDS-Aufklärungsspots und -plakaten. Gib AIDS keine Chance, zumindest die beiden halten sich wohl daran. Im Gegensatz zur Schwulenszene. Es ist immer so eine Sache mit den Klischees. Klischee heißt nicht, dass etwas falsch ist, und dass AIDS in der Szene weiter verbreitet war und wohl auch noch ist als in der Durchschnittsbevölkerung, ist belegt. Da dachte man sich wohl, wenn wir das aufgreifen, dann dürfen die homosexuellen Männer im Film auch ein wenig so sein, wie man sich Schwule eben vorstellt. Das trifft auf „Greta“ zu, die, man ahnt es, in der Beziehung mit Heinz die Frau ist und auch eine etwas tuntige Art hat, es trifft auf die Barbesucher zu. Nicht hingegen auf den bisexuellen Schönling Till, der ermordet wird – auch die Bisexuellen hat man nicht vergessen! – und nicht so sehr auf Heinz, der eben ein sensibler Mensch ist, verkannter Künstler, Faktotum der Akademie.

Auch das Strafrechtliche der bewussten oder fahrlässigen Ansteckung Dritter mit AIDS, man glaubt es nicht, darf noch deklamiert werden, passenderweise von dem jungen Staatsanwalt, fortan offiziell Freund von Miriam Koch. Wir erinnern uns: Ein paar Jahre zuvor, also etwa zu dem Zeitpunkt, als der junge Staatsanwalt vielleicht sein Erstes Juristische Staatsexamen geschrieben hat, waren an den Universitäten Schul- bzw.

Lehrfälle mit AIDS sehr en vogue und die aktuelle Entwicklung der Rechtsprechung des BGHSt (Bundesgerichtshof für Strafsachen) zum Thema Ansteckung mit AIDS war eine der spannendsten Sachen, die ein juristisches Studium damals zu bieten hatte. Natürlich, die Rechtsprechung musste erst einmal für diese ganz neuen Tatbestände die Werkzeuge entwickeln, um sie juristisch einordnen und ggf. strafrechtlich sanktionieren zu können. So einfach, wie der Staatsanwalt die Sache hier für Laien im Telekollegstil, allerdings mit kleinem Grusel-Lichteffekt untermalt, wiedergibt, war sie erst einmal gar nicht. Mehrere Normen aus dem Bereich der Körperverletzungs- und Tötungsdelikte für verschiedene Fallkonstellationen mussten eng diskutiert und ausgelegt werden.

Fall und Psyche. Der Tatort „Mord in der Akademie“ lebt unter anderem von seinen glänzenden Figuren und der straffen Zeichnung zweier Milieus, die selbstverständlich Berührungspunkte haben. Auch da wird das Klischee sicher nicht völlig falsch sein, dass sich unter angehenden Bildenden Künstlern mehr Schwule befinden als z. B. auf in einer Werkstatt, die Automechaniker ausbildet.

Es wird darauf hingewiesen, dass nicht alle angehenden Maler und Bildhauer schwul sind; im Grunde werden diese Typen, der Liebende, der Melancholiker, der Narzist, schon recht eindimensional rübergebracht – aber der Tatort 290 liefert den Beweis dafür, dass dies, wenn gut gemacht, durchaus eine runde Sache sein kann. Viele geniale Figuren der Filmgeschichte waren sehr einseitig gezeichnet, man hat aber akzeptiert, dass die Macher es so wollten, um zu pointieren – und das billigen wir ihnen auch hier zu.

Trotzdem ist erstaunlich, dass das einfach so ging. Nicht nur die recht häufigen Nacktszenen – vermutlich der erste vollkommen nackte Mann in einem Tatort, der schöne Till, der kurz darauf ermodet wird – sondern auch die Milieuzeichnung sind gewagt. Auch für heutige Verhältnisse ein sehr freizügiger Tatort, sowohl körperlich als auch emotional, die Schwulenszene ein wenig zu karikieren, das könnte aber höchstens noch im Münster funktionieren, wo die Milieu-Überzeichnung zum State of Mind der Tatortmacher gehört. In der übrigen Republik sind wir mittlerweile in der political correctness einfach zu weit vorangekommen.

Ein weiterer Pluspunkt ist die stimmige Psyche der Figuren – im Grunde aller Figuren. Auch wenn die jungen Ermittler da etwas abfallen, die übrigen Figuren sind gerade deshalb wohl so stimmig, weil sie nicht mit zu viel – in diesem Fall falsch verstandener – Differenzierung überlastet wurden. Dennoch werden sie als Menschen gut kenntlich und können das Interesse des Zuschauers erstklassig auf sich  ziehen.

Technisch ist 290 gut gemacht, es gibt aufgrund der einfachen Konstellation wenig Möglichkeiten zu Logik- und anderen Plotfehlern, auch wenn man sagen muss – Flemmings Spielchen sind nicht nur fies, sondern auch ein wenig unrealistisch. Vor allem die Uhrenszene mit Ballauf und Joesges, die ja wohl nur dazu dienen soll, den Mann sturmreif zu machen. Ballauf muss es ausbaden, er bekommt eine ins Gesicht gehauen. Da ist der leidende Joesges dann doch ausgerastet. Man kann’s verstehen, es hat auch angesichts der Tatsache, dass er am Ende als Mörder an Till gilt, keine besondere Relevanz.

Finale

Von den älteren Wiederholungen, die wir bisher gesehen haben, eine der interessantesten. Gerade, weil manches so zeitgebunden ist, bleibt es doch lebendig. Der günstige Fall, dass ein Tatort deutlich ein Kind seiner Zeit ist, aber dennoch nicht verstaubt wirkt, ist hier zu sehen, und warum soll man dann nicht auch einmal bei der Bewertung hoch greifen? 8,0/10 halten wir für angemessen, unabhängig davon, ob unsere Spekulation bezüglich des wirklichen Mörders richtig ist.

8/10

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

 

Besetzung
Bernd Flemming – Martin Lüttge
Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Miriam Koch – Roswitha Schreiner
Till Bornemann – Markus Knüffken
Heinz Joesges – Joachim Kemmer
Pia Erzberger – Anne Kasprik
„Greta“ Kosminski – Gerd Böckmann
Gereon Müller – Rufus Beck
„Heinzi“ Dombrowski – Oliver Lentz
u.a.

Drehbuch – Claus Michael Rohne
Regie – Ulrich Stark
Kamera – Manfred Ensinger

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