Die Frau an der Straße – Tatort 295 #Crimetime 637 #Tatort #Düsseldorf #Duesseldorf #Flemming #Koch #Ballauf #WDR #Frau #Straße

Crimetime 637 - Titelfoto © WDR

No Country for Old Men and Beautiful Women

WDR-Tatorte der Vergangenheit sind teilweise anders als andere mit nicht mehr aktiven Ermittlerteams. Zum Beispiel, weil es mit Max Ballauf (bis 1993) einen Link zur Gegenwart gibt. In diesem Fall aber gibt es noch einen, in Person von Andrea Sawatzki, die eine ungewöhnliche Frau spielt und dabei das Charisma zeigt, das bei ihrer späteren Kommissarinnen-Figur Charlotte Sänger für einige Polarisierung gesorgt hat.

Obwohl man merkt, wie die Tatorte sich zur Mitte der 90er Jahre hin der heutigen Ästhetik anzunähern begannen, ist der Fall selbst konventionell und für Spannung sorgt eher, was aus Sawatzki wird und aus Flemming als die Auflösung des Falles. Was, bitte, will ein so steifer, alter Anwalt mit einer jungen Elfe wie Sawatzki? Das musste schiefgehen. Ansonsten steht mehr zum Fall in der -> Rezension.

Handlung

Eine junge Frau bei Nacht und Regen winkend am Rand einer Landstraße – zum Glück ist es Kommissar Flemming, der anhält und sie mitnimmt. Sie habe Krach mit ihrem Mann gehabt, sagt sie – aber eine Polizeikontrolle lässt Flemming aufhorchen: Eine Frau wird gesucht, die dringend ärztliche Hilfe braucht. Hat er jemanden gesehen? Flemming ist so verblüfft, dass er erstmal weiterfährt. Aber nun muss Alice Rains Farbe bekennen. Ja, sie ist aus der Privatklinik von Professor Dernheim weggelaufen, weil man sie – nach einer Fehlgeburt – mit Psychopharmaka vollgepumpt habe.

Flemming nimmt die Frau zunächst mit zu sich nach Hause und benachrichtigt dann heimlich ihren Mann, der sogleich für ihren Rücktransport in die Klinik sorgt, da sie unter einer schweren Psychose leide. Flemming ist sich da nicht so sicher.

Einige Tage später bittet Alice ihn erneut um Hilfe. Es geht um Jan van Eyck, den Geschäftspartner ihres Mannes, der in Spanien von einem – flüchtigen – Autofahrer überrollt und lebensgefährlich verletzt wurde. Auch er befindet sich inzwischen in der Obhut von Professor Dernheim, und Alice behauptet, dass man ihn umbringen wolle.

Flemming ist irritiert, lässt sich jedoch von Dernheim über den Zustand des Patienten beruhigen. Am nächsten Tag ist von Eyck tatsächlich tot. Gegen den Widerstand ihres Mannes holt Flemming Alice aus der Klinik. Er bringt sie zunächst in seiner Wohnung unter. Einen Tag später wird sie dort tot aufgefunden – erschossen mit seiner Dienstwaffe. Ein Disziplinarverfahren beginnt, Flemming wird suspendiert. Kommissarin Miriam Koch fühlt sich von allen guten Geistern verlassen, denn Kollege Max Ballauf hat soeben den Dienst quittiert, um ein neues Leben zu beginnen. Aber damit hat er es zum Glück nicht eilig und so beschließt Ballauf, auf eigene Faust den mysteriösen Vorfällen in Dernheims Klinik nachzuspüren.

Rezension

„Die Frau an der Straße“ ist als Fall sicher nicht brillant, aber die Figuren überzeugen oder sind uns in ihren Rollen so vertraut, in ihren Verhaltensweisen und manchmal auch in ihren Manierismen, dass man unweigerlich ein Heimatgefühl bekommt, auch wenn sie heute in Köln spielen und nicht mehr in Düsseldorf, wie zu Kommissar Flemmings Zeiten.

Sehenswert ist der 295. Tatort auf jeden Fall, gut besetzt und gespielt, die Ermittlungsarbeit ist nicht schlecht und vor allem erleben wir Kommissar Flemming in einer für seine Verhältnisse ungewöhnlichen intensiven Einbindung, ohne dass die Sache kitschig wird.

Kommissar Flemming (Martin Lüttge) in der Mitte und sein Team in einem Moment der Veränderung. „Die Frau an der Straße“ ist ein Tatort aus Flemmings „mittlerer Phase“. Nicht in der Zeitabfolge, denn er hatte seinen Dienst erst 1992 aufgenommen, der vorliegende Fall stammt aus 1993 und der letzte wurde 1997 gedreht – aber es war bereits der achte von seinen fünfzehn Fällen. Der WDR sorgt mit seinen recht häufigen Wiederholungen dafür, dass die Folgen, in denen er als leitender Ermittler zu sehen ist, weitaus mehr präsent bleiben als diejenigen anderer inaktiver Kommissare.

Die Folge 295 gilt als eine seiner besten und tatsächlich ist sie intensiv, ohne auch nur einen Moment lang spektakluär zu wirken. Das liegt vor allem an Flemming selbst. Er ist kein spektakulärer Typ, und seine Hinwendung zu Alice Rains (Andrea Sawatzki) wirkt dadurch angenehm zurückhaltend – selbst in dem Moment, als er sie aus der Klinik mitnimmt, kommt nicht das Gefühl auf, dass man unnötig auf Effekte gesetzt hat. Der Schauspieler Martin Lüttge hat, wie auch Klaus J. Behrendt (Ballauf) und sein späterer Partner Dietmar Bär (KHK Freddy Schenk), ein Gesicht, das der Kamera genug bietet, um nicht langweilig zu wirken. Lange Großaufnahmen in entscheidenden Momenten sind nie starr oder peinlich – besonders im Tatort „Die Frau an der Straße“.

Flemming ist konservativ gekleidet und gestrickt, wenn auch auf einem Bauernhof lebend. Und er ist eine tragende Kommissarfigur. Wir haben noch keine der späten Folgen von ihm rezensiert, in denen Max Ballauf nicht mehr im Team ist, können aber schon die Vergleiche zu einigen anderen ziehen, in denen das Düsseldorfer Büro noch von drei Ermittlern besetzt war.

Ruhig und konsequent, selbst in diesem Fall, in dem er unter großem Druck steht, weil die junge Alice sich in seiner Wohnung offenbar erschossen hat, geht er seinen Weg, ganz das Gegenteil des hippeligen Max Ballauf, der immer irgendein eigenes, dienstwegfernes Ding dreht – in diesem Fall die Undercover-Ermittlung in einer Privatklinik, plottechnisch der schwächste Teil von „Die Frau an der Straße“.

Am Ende geht Ballauf nach Kanada, offenbar ohne Familie, nicht, wie vorgesehen, mit ihr. Auf diese Weise erfährt man auch, dass der junge Kommissar das verliert, was er als älterer nicht mehr wiederfindet: soziale Einbindung. In den neueren Folgen wird dieses Verlustszenario aber nicht thematisiert, man muss die tiefe Enttäuschung, die ihn hat scheu werden lassen, aber wohl aus der Tatsache heraus interpretieren, dass seine Familie ihn verlassen hat, als er sowieso dem stressigen, beziehungsgefährdenden Kriminaldienst Adieu sagen will. Insofern ist „Die Frau an der Straße“ auch ein Schlüsseltatort, betreffend die Figur Max Ballauf.

Roswitha Schreiner als Kriminalkommissarin Miriam Koch, stets adrett und nett, sorgt mit Ballauf dafür, dass das Büro des altertümlichen Flemming nicht verstaubt, aber der Vergleich mit Andrea Sawatzki zeigt auch etwas Interessantes auf: Sie hat nicht die Ausstrahlung, die Sawatzki später die Position als Frankfurter Kommissarin einbringen wird und einige Fernsehpreise.

Klinik und Tod. Dass wir heute meinen, das alles schon oft gesehen zu haben – die Privatklinik als Hort des Bösen, Ärzte und Anwälte als sinistre, geldgierige Figuren, das liegt daran, dass es mittlerweile zum Comment gehört, dass diese Berufsgruppen in Tatorten nicht gut wegkommen. Unablässig wird von verschiedenen ARD-Sendeanstalten seit vielen Jahren gegen den Sockel der Götter in Weiß gehämmert, während auf anderen Sendeplätzen der Öffentlich-Rechtlichen weiterhin das Bild traditonelle Bild vom Doktor als Gutmensch gepflegt wird – beides nicht ohne Erfolg.

Ärzte sind nach wie vor die angesehenste Berufsgruppe sind und das zu Recht. Mit den Medizinern verbindet sich nach wie vor der heldenhafte Kampf Kampf um Leben und Tod und auch die Herrschaft über Leben und Tod. Das macht sie mythisch, und jemand muss ja einmal für die Entmythifizierung sorgen, sagte sich irgendwann irgendjemand und so kamen die Tatorte zu ihrer Feindbild-Berufsgruppe Nummer eins bis zwei (neben den Unternehmern und Managern). Gar keine Frage, dass es im medizinischen Komplex, in dem es um viel Geld geht, solche Figuren gibt wie den hier gezeigten Privatklinik-Chef Dr. Dernheim (Rüdiger Joswig), denn wo es um Geld geht, sind die Versuchungen regelmäßig größer als die moralische Disziplin. Aber solche Typen wie dieser Mann sind in der Wirklichkeit denn doch Ausnahmen, nicht die Regel.

Eine Frau entflieht dieser todbringenden Krankenhauswelt und sie heißt auch noch Alice Rains und trifft den Kommissar im strömenden Regen. Ein ins Negative gezogenes Wunderland, aus dem die sensible junge Frau ausbrechen will in die Realität und in beiden Welten bleibt sie eingehüllt in ihre unverwechselbare, somnambule Aura. Wie der Kommissar sie aufnimmt und ein wenig zum Frauenheld mutiert und man ihr sogar glaubt, dass sie ihn nett findet, weil sie ein Gespür für die Guten und Aufrechten hat, das sich später, in ihrer Rolle als Charlotte Sänger, zu voller Blüte entwickelt.

Es versteht sich von selbst, dass sie sich nicht getötet hat, das könnte eine Frau wie sie gar nicht, die auf ihre Weise immer kämpft, fragil und stark zugleich wirkt. Es war ihr Mann, der kurz zuvor schon ihren Liebhaber aus dem Weg geräumt hat, von dem sie ein Kind erwartete – das sie verlor. Wie solch unterschiedliche Menschen zusammekommen – man weiß es nicht, und glücklicherweise sind Krimis nicht in der Not, solche Konstellationen erklären zu müssen, es reicht, wenn sie deren Folgen aufzeigen.

Manches wirkt durchaus klischeehaft, aber die starken Figuren Flemming und Alice Rains heben die 295. Tatortfolge höher.

Der Plot. Weshalb man einen zweiten Fall eingeflochten hat, erschließt sich auch nach einigem Nachdenken nicht zweifelsfrei. Dieser kommt nämlich zu kurz, wird lapidar nebenbei von Miriam Koch gelöst und die benötigte Zeit hätte man in die Intensivierung der Haupthandlung stecken können. Aber die Vermutung liegt nah, dass gerade das Banale an diesem Fall, der anfangs wie der Hauptfall wirkt (ein Mord im Alkoholrausch) gerade durch seine Banalität die andere emotionale Temperatur signalisieren soll, dass sie als Gegenmodell zur intensiven Zweierbeziehung zwischen Flemming und Rains gedacht ist, die in die Routinearbeit des Kommissars einbricht wie ein Naturereignis.

Seine Prioritäten verändern sich und auch sein Leben gewinnt ean Tragik, denn es wir nicht alle Tage vorkommen, dass Schutzsubjekte sich in den Wohnungen derer erschießen, die sie mit viel Engagement schützen wollten, ohne Rücksicht auf die eigene Person, die aufgrund dieser Ereignisse eine Suspendierung verkraften muss. Selbstverständlich ermittelt Flemming auch ohne offiziellen Auftrag und ist in diesem Tatort gleichermaßen seiner kriminalistischen Ehre wie seinen Gefühlen verpflichtet.

Sehr spannend ist „Die Frau an der Straße“ nicht, man weiß früh, auch wenn er als Whodunnit angelegt ist, dass der Film seine Täter in der Klinik finden wird – allerdings mit thrillermäßigem Einschlag, denn anfangs gibt es noch kein Verbrechen. Zumindest keines, das die Mordkommission anginge, dafür aber Suspense um Alice Rains. Erst im letzten Drittel sterben zwei Menschen und Flemming bleibt nur noch die eher einfache Lösung. Als Polizeikrimi angelegt, konnte der Film hier wohl nicht konsequent sein und sich für ein Genre und damit für formale Geschlossenheit entscheiden.

Das schadet ihm in Maßen, ebenso wie die nicht sehr glaubwürdige Einführung von Max Ballauf als Pfleger in der Dernheimschen Klinik, die viel zu einfach ist. Gerade in einem Schuppen, in so Vieles unentdeckt bleiben soll, kann es nicht angehen, dass ein neuer Mitarbeiter überhaupt nicht überprüft wird, sondern einfach hereinspazieren kann und sofort Arbeit bekommt.

Finale

Einer der schönsten Flemming-Filme, die den Kommissar menschlich und trotzdem in seiner Rolle glaubwürdig und als Charakter konsistent zeigen. Für Nostalgiker ist einiges dabei, aber auch für Fans interessanter Schauspielleistungen – die sich allerdings im Wesentlichen auf zwei Figuren beschränken, die anderen vermögen nicht hervorzustechen, allenfalls Ballauf kann man neben Flemming und Rains zu den Auffälligen rechnen. Dem Plot fehlt es an Konsequenz, aber allein die Nachtszene in Flemmings Auto bildet ein hinreichendes Gegengewichtt und wir kommen auf eine überdurchschnittliche Wertung, auch 18 Jahre nach der Erstausstrahlung von „Die Frau an der Straße“: 7,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Kriminalhauptkommissar Flemming: Martin Lüttge
Max Ballauf: Klaus J. Behrendt
Miriam Koch: Roswitha Schreiner
Alice Rains: Andrea Sawatzki
Friedhelm Rains: Claus Eberth
Doktor Dernheim: Rüdiger Joswig
Pfleger: Armin Rohde
Schwester Paula: Hanna Petkoff

Regie: Ilse Hofmann
Buch: Nikolaus Stein von Kamienski und Jacki Engelken
Kamera: Daniel Koppelkamm
Musik: Andreas Köbner

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s