Borowski und der Fluch der weißen Möwe – Tatort 1131 #Crimetime Vorschau #Tatort #Kiel #Borowski #Sahin #NDR #Möwe #weiß #Fluch

Crimetime Vorschau - Titelfoto © NDR, Christine Schroeder

Ausrasten, töten

Es waren die 800er. Im Tatort-Dezennial von 801 bis 899 wurde der legendäre Ruf von Kommissar Klaus Borowski aus Kiel begründet. Die Filme aus dieser Zeit, ca. 2011 bis 2013 entstanden, brachten Borowski ganz nach vorne („Borowski und die Frau am Fenster“, „Borowski und der stille Gast“, „Borowski und der Engel“, häufig geschrieben von Drehbuchautor Sascha Arango, der faszinierende Figuren erschuf, die man gut ausleuchten konnte, weil sie als Täterpersonen von Beginn an dem Publikum bekannt waren. Nur musste der Kommissar eben erst auf sie kommen und sie fassen. Manchmal, wie bei „Der stille Gast“, wurde aus dem Howcatchem ein Thriller, denn – wird er weiter morden? Diese Struktur ist nur eines von vielen Elementen, das die Filme damals zu Highlights der Tatortgeschichte machen. Mittlerweile hat der NDR wohl offenbar alle Hände voll zu tun, überhaupt noch halbwegs vernünftige Drehbücher für seine vielen Tatort-Städte zu bekommen. Kein anderer Sender muss mehr in seine Sonntagabendfilme investieren. Vier Tatortschienen und ein Polizeiruf sind nach unserer Meinung mindestens ein Standort zu viel, womit wir nicht sagen möchten, dass ausgerechnet der Rostocker Polizeiruf überflüssig ist. Im Gegenteil. Vier Tatortschienen sind es auch dadurch geworden, dass für  zwei Alphamännchen kein Platz in Hamburg war, sodass Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) zur Bundespolizei ausweichen musste und die Hansestadt nun dem Kollegen Tschiller allein gehört. Aber in Hannover / Göttingen ermitteln mittlerweile zwei Polizistinnen, von denen zumindest eine auch noch besonders hohe Gagen einstreicht, was Till Schweiger für seine teilweise furchtbaren HH-Filme bekommt, wissen wir nicht und wollen es lieber auch nicht wissen.

„Der „Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ war Hüseyin Tabaks „Tatort“-Debüt und seine erste Arbeit fürs Fernsehen. Neben den jungen Darstellern ist Kida Ramadan (Deutscher Fernsehpreis für „4 Blocks“) in der Rolle des Luca dabei“, heißt es im ARD-Infotext zum Film.

Nach unserer Ansicht hat der NDR sich überdehnt, selbst der größte ARD-Sender, der Westdeutsche Rundfunk, tanzt nur auf drei Hochzeiten (Dortmund, Köln, Münster). Dieses etwas zu weit Gefächerte beim NDR lässt sich gut daran festmachen, dass für Borowski nicht mehr genug von diesen feinen Drehbüchern zur Verfügung stehen, die in der Hochphase seines Schaffens den Nordsender zur Bank für Premium-Krimis machte. Gemäß seiner großen Tradition auf dem Gebiet, die aber nicht lückenlos ist. Zwei Ermittlungspartnerinnen hat Borowski auch schon hinter sich, sofern man Polizeipsychologin Jung (Nr. 1) als solche bezeichnen kann. Sarah Brandt ist seit zwei Jahren ebenfalls weg und wurde durch Mila Sahin (Almila Bagriacik) ersetzt und „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ ist die vierte Zusammenarbeit der beiden. Was schreiben die Kritiker*innen, die sich vorab mit dem Film befasst haben?

„Die Ereignisse in Fall Nummer vier „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ schockiert das Kieler Team um Klaus Borowski (Axel Milberg) und Mila Sahin (Almila Bagriacik) zutiefst: Mitten in einer Veranstaltung an der Polizeihochschule rastet eine junge Schülerin aus und sticht ihren Kumpel ab. Der verstirbt noch am Tatort in den Armen des hilflosen Hauptkommissars“, leitet die Redaktion von Tatort Fans ihre Beschreibung ein und das Fazit fällt gemischt aus. Sehr verhalten, der Film werde im Lauf der Zeit immer unspannender, das andere Redaktionsmitglied gibt aber eine Empfehlung ab, outet sich dabei als Fan von Borowski, was wir im Rahmen dessen, was Position als Kritiker zulässt, von uns auch sagen können. Trotz der weniger guten Filme der letzten Jahre. Es ist aber nun einmal so, dass man die Schwächen eines Films nicht ganz so dramatisch findet, wenn man das Team mag. Man wertet etwas milder oder zwingt sich, den inneren Widerstand gegen einen Verriss zu überwinden.

Vollkommen begeistert äußert sich hingegen der SWR3-Tatort-Check, haut, wir meinen, erstmals, seit wir diese Kritiker-Vorschau abbilden, fünf von fünf Elchen raus und hält den Text kurz, um nicht zu spoilern. Kommt die große Borowski-Zeit doch wieder bzw. bricht eine neue an?

Wenn man sich nach einem heißen Kritiker-Flirt mit einem Tatort etwas abkühlen will, schaut man am beste bei „Filmstarts.de“ rein, dort kommt es sehr selten zu mehr als 3,5 von 5 Punkten. So auch dieses Mal, es sind 3. Auch hier bemängelt die Redaktion, dass der Film seine Höhepunkte zu früh hat und außerdem nicht alle Nebenfiguren so ausgeleuchtet werden, wie es ihnen aufgrund ihrer Bedeutung für den Fall zukäme. Auch das Spiel der Darsteller wird als nicht exakt auf gleichem Niveau angesiedelt bewertet – eben durch die Unwucht bei der Figurenzeichnung, die man zu erkennen glaubt. Außerdem findet man die Symbolik der weißen Möwe nicht heraus. Also nicht ganz so packend wie die besten Kieler Tatorte, die wir oben ebenfalls benannt haben, auch wenn einige Darsteller aus „4 Blocks“ mitmachen und der Film dadurch sicher auch etwas Angesagtes hat, schauspielerisch gesehen.

Im Spiegel leitet Christian Buß so ein: Deutsche Police Academy. „Erste heitere Verfolgungsjagden, erste schreckliche Bluttaten: Der Kieler „Polizeiruf“ erzählt das Drama einer Polizeischülerin. Jung, flott – nur leider symbolisch völlig überfrachtet.“ Immerhin glaubt er, die Möwen-Symbolik ermittelt zu haben, attestiert dem Film aber ein Auseinanderdriften zwischen Stil und Inhalt, vor allem zum Ende hin und kommt nur auf 4/10 Punkte. So gesehen, trudelt es mit den Bewertungen stark abwärts, die weiße Möwe im Sinkflug.

Wir haben aber noch Tittelbach.TV., die selten weniger als 4 von 6 Sternen vergeben. „(„Borowski und der Fluch der weißen Möwe“) handelt von den Folgen eines vergangenen Verbrechens, von Traumatisierung, Kontrollverlust und Rache“, heißt es in der Kritik von Thomas Gehringer. Tittelbach TV schreibt ja immer viel über die Hintergründe der Filme und gibt die Meinung von Drehbuchautorin Eva Zahn wieder, dass ihre Recherchen ergaben, selbst schwer traumatisierte und psychisch erkrankte Täter*innen oder Verdächtige wird offenbar während der Vernehmungsphase keine psychologische Hilfe zuteil. Das hat uns ziemlich schockiert und wir hoffen, dass das doch nicht durchgängige Praxis darstellt. Bis auf ein paar Kleinigkeiten findet Gehringer den Film sehr gelungen und – voilà, es gibt 5/6.

Wir werden uns morgen Abend ein eigenes Bild machen und im Anschluss über den neuen Borowski schreiben (der nach der Zählung einiger Kritiker die Nr. 35, nicht die 34 ist – in der Liste des Tatort-Fundus sind aber bisher nur 33 Fälle aufgeführt).

TH

Handlung

Während eines Workshops, den Kommissar Borowski und seine Kollegin Mila Sahin an einer Polizeischule abhalten, kommt es zu einem fatalen Zwischenfall. Völlig unvorhersehbar sticht während einer praktischen Übung die Polizeischülerin Nasrin auf ihren Mitschüler und flüchtigen Bekannten Sandro ein. Dieser erliegt wenig später seinen Verletzungen. Der Fall sorgt für öffentliche Empörung.

Fragen nach den Gründen ihres Tuns prallen an Nasrin Erkmen ab – sie kann sich an nichts erinnern. Für Tobias Engel, Nasrins Freund und ebenfalls Teilnehmer an dem Workshop, bricht eine Welt zusammen. Bei den Ermittlungen stoßen Borowski und Sahin auf den Fall von Jule: Die junge Frau hatte sich kurz vor der Tat vor Tobias‘ Augen von einem Hochhaus gestürzt – und war eng mit Nasrin befreundet.


Besetzung und Stab


Hauptkommissar Klaus Borowski – Axel Milberg
Kommissarin Mila Sahin – Almila Bagriacik
Kriminalrat Roland Schladitz – Thomas Kügel
Gerichtsmedizinerin Dr. Kroll – Anja Antonowicz
Polizeischülerin Nasrin Erkmen – Soma Pysall
ihr Freund, Polizeischüler Tobias Engel – Enno Trebs
Polizeischüler Sandro – Louis Held
Polizeischüler Leroy Schüttler – Stefan Hegli
Polizeischüler Marcel – Philipp Jacob
Selbstmörderin Jule Gajewski – Caro Cult
Kioskbesitzer Luca Gajewski, Vater von Jule – Kida Khodr Ramadan
Felicitas – Anne Zander
Volkan – Sahin Eryilmaz
Enrique – Sascha Weingarten
u.a.

Drehbuch – Eva Zahn, Volker A. Zahn
Regie – Hüseyin Tabak
Kamera – Lukas Gnaiger
Szenenbild – Dorle Bahlburg
Schnitt – Jochen Retter
Ton – Stefan Schmahl
Musik – Judit Varga

 

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