Einer von uns – Polizeiruf 110 Fall 311 / #Crimetime 643 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Polizeiruf #Rostock #NDR #Buckow #König #einervonuns

Crimetime 643 - Titelfoto © NDR, Stephan Erhard

Eine neue Welt

Es ist immer etwas schwieriger, Dinge rückwärts zu erschließen, als von Beginn an dabei zu sein. Wir haben nun schon den einen oder anderen Film mit Buckow und König gesehen, aber da es bei ihnen, besonders bei Buckow, von Beginn an eine nicht abgeschlossene Geschichte aus der Vergangenheit gab, die fürs damalige Hier und Jetzt Relevanz besaß, war der dritte Fall der beiden, „Feindbild“, in dem König Buckow dann zu seiner Berliner Polizeigeschichte befragt, ziemlich voraussetzungsreich. Außerdem fehlte und fehlt uns noch die Nr. 2, „Aquarius“. Nun haben wir wenigstens den Anfang von allem und wie der Film so war, darüber erzählen wir in der -> Rezension.

Handlung

Alexander Bukow und Katrin König ermitteln im Rostocker Partydrogen-Milieu: Sie suchen in ihrem ersten gemeinsamen Fall nach dem Mörder zweier 13-jähriger Mädchen.

Hauptkommissar Bukow ist gerade erst von Berlin nach Rostock, seine Heimat, zurückgekehrt. Bukows Vergangenheit weist dunkle Flecken auf, und für Profilerin Katrin König ist unklar, auf welcher Seite ihr neuer Kollege wirklich steht. Das macht die Zusammenarbeit nicht immer einfach.

Rezension

Vor einiger Zeit hatten wir gelesen, dass man Regisseur Eion Moore zuschrieb, den Rostock-Polizeiruf geprägt und nach vorne gebracht zu haben. Bisher kennen wir von ihm z. B. „Wendemanöver“, wo er die nicht einfache Aufgabe hatte, über einen Zweiteiler hinweg Buckow und König und Brasch und Drexler zusammenzuführen, den einen ode anderen weiteren Polizeiruf wie „Muttertag“, der okay war, aber uns keine neue Dimension eröffnete – aber wir haben jetzt auch gesehen, dass der sehr gute Stuttgart-Tatort „Altlasten“ auch von ihm stammt. Aber „Einer von uns“ ist auch deshalb mehr ein Film unter der Autorenschaft von Moore, weil – sic! – das Drehbuch ebenfalls von ihm stammt. Manchmal ist die künstlerisch Einheit, die durch diese Doppeltätigkeit entsteht, super, weil der Regisseur genau weiß, was der Autor wollte – aber es gibt viele Gegenbeispiele, denn das Schreib- und Inszenierungstalent sind meist nicht ausgewogen verteilt.

Bei „Einer von uns“ ist aber ein sehr klares Konzept zu erkennen, das ebenso dynamisch wie sicher umgesetzt wurde. Jetzt ist auch klar, warum Kritiker so begeistert waren, als der Film erschien. Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass beim MDR damals noch Schmücke und Schneider ermittelten, die braven, netten Herren, dass Schwerin vorher von Hinrichs dominiert wurde, der ein besonderer Typ, aber doch eher dem komischen Fach zugeneigt war und in Brandenburg gab es zwar den wunderbaren Horst Krause, aber zu der Zeit arbeitete er mit der doch etwas zu farblos wirkenden Johanna Herz zusammen. Und beim Tatort?

Die Wechsel in Frankfurt zu Steier / Mey und vor allem in Dortmund zum Team Faber waren noch nicht erfolgt und Murot, der auch einen besonderen Stil einbrachte, startete gerade erst. Ein Team, das – genau – mit Altlasten zu kämpfen hatte, waren aber die Stuttgarter, und zwar nur in Person von Thorsten Lannert und bei ihm stand nie die Integrität infrage, sondern es ging um ein traumatisierendes Familienerlebnis, ähnlich wie bei Faber. In Münster hatte Thiel zwar schon einen Vaddern, der nicht immer ganz koscher war, aber kein Vergleich mit dem Halbwelt-Schwergewicht Veit Buckow, dem krassesten Polizisten-Elternteil, das wir bisher in einer der beiden Sonntagabend-Krimireihen bewundern durften. Mit Freddy Schenk gab es allerdings eine Art Role Model für einen Polizisten mit nicht sauberer Vergangenheit.

Trotzdem war es eine ziemlich neue Idee im deutschen Krimi, dass ein Teampartner von Beginn an gegen den anderen ermittelt und das über mehrere Filme hinweg durchgezogen wird – und auch später wird Buckow immer wieder in irgendetwas verwickelt, weil er in Rostock so viele Leute kennt und weil sein Vater eben eine Kiezgröße ist. Der gesamte Stil, die Alltagstypen, das Zackige und intuitiv und implusiv wirkende im Umgang miteinander, das muss 2010 beinahe eine Sensation gewesen sein, denn für die Art der Inszenierung gab es eben noch kein Vorbild. Nach unserer Ansicht kommt „Einer von uns“ eher angloamerikanischen, aber auch französischen Vorbildern von Copfilmen nahe als den bisherigen Werken der Reihen Tatort und Polizeiruf. Mittlerweile hat dieser energetische Stil Schule gemacht und fällt daher nicht mehr so auf, aber vielfach wirkt das nicht so gekonnt und einheitlich wie in „Einer von uns“. Die Handlung ist etwas rüde und es gab mal wieder Stellen, an denen wir über die Logik gestolpert sind, etwa bei Pöschels Einsteigen bei den Drogendealern – wer mal bei einem SEK war sollte ja gerade wissen, warum man solche Alleingänge vermeidet und Pöschel wirkt ansonsten nicht so übermotiviert – aber das Ganze wird dermaßen strikt vorangetrieben, dass man kurz mit den Augen rollt und gut is. Es müssen ja spannende Laufduelle gezeigt werden und außerdem hat der Regisseur-Autor schlau erkannt, dass man als Zuschauer dem Pöschel seinen angebissenen Finger herzlich gönnt.

Aber der Film würde nicht funktionieren, wenn er nicht von einem sehr kapablen Team getragen würde. Buckow, das Ghettokid und König, die Frau vom LKA, die aber nicht hochgestochen à la Lindholm daherkommt, sondern, wie wir in ihrem ersten Einsatz noch nicht erfahren, eine noch fundamentaler ungeklärte Vergangenheit hat als Kollege Buckow, sind wohl das beste Frau-Mann-Duo in den Reihen Tatort und Polizeiruf to date. Das Verhältnis zueinander ist spannend, die Art, wie sie spielen, ist frisch und macht Laune und der Anfangszauber ist in diesem Film auch deutlich zu spüren. Man muss es schreiben können, dass Menschen immer überraschend wirken, dazu ist die Fähigkeit erforderlich, dialektisch sauber ausgearbeitete und doch wie zufällig wirkende Dialoge zu verfassen und dabei immer die Persönlichkeit der Figuren zu bewahren. Serienfiguren überraschend und variantenreich sein und doch konsistent wirken zu lassen, das ist bei Serienfiguren schon eine Kunst, denn sie müssen ja immer wieder neu animiert werden.

Anneke Kim Sarnau als Katrin König und Charly Hübner als Sascha (Alexander) Buckow können diesen Stil umsetzen. Wenn man bedenkt, wie sich der NDR mit anderen Schienen, die alle der Tatort-Reihe angehören, unnötig selbst in Schwierigkeiten gebracht hat – mit Buckow / König ist ihm wieder ein Treffer gelungen, die beiden sind nicht nur bei den Polizeirufen weit vorne, sondern auch im Quervergleich mit immerhin 21 Tatort-Teams nach unserer Ansicht unter den Top Five. Der neuesten Buckow-König-Film „Kindeswohl“ war der erste Polizeiruf, den wir nach unserem Einstieg in die Rezension der Reihe schon bei der Premiere rezensieren konnten und Kritiker hatten bemängelt, dass sich die Backgroundstory zu Bukows hin velagert hat, während man König nachrangig behandelt. Jetzt wissen wir: Am Anfang war es ebenso. König wirkt aber nicht nachrangig, sie schleppt lediglich zu diesem Zeitpunkt noch kein erkennbares Päckchen aus der Vergangenheit mit sich herum.

Klar, Buckows betagter Volvo-Kombi quietscht beim Bremsen etwas zu viel und die Lauf- und Fahrwege bei Verfolgungsjagden – dass hiesige Krimis da internationales Niveau erreichen, wird vermutlich nie stattfinden, aber das ist eben kein spezielles Problem von „Einer von uns“. Action gekonnt zu gestalten, kommt bei der Regieausbildung in Deutschland offenbar zu kurz. Dabei ist das nicht ganz unwichtig, denn man will ja den Abstand zu anderen Filmländern nicht gegen unendlich wachsen lassen. Dafür sind die Konflikte und Charaktere ausgezeichnet gemanagt und was zum Beispiel die Anhänger von Schwedenkrimis atmosphärisch dort so viel besser finden, erschließt sich uns nicht. Freilich ist der erste Buckow-König-Polizeiruf kein Nordkrimi, obwohl Rostock sich für diese Spielart anbieten würde. Fürs Hanseatische sind die Typen jedoch viel zu exaltiert und die Stimmung nicht düster genug. Zum Glück. Der Magdeburg-Polizeiruf schlägt schon genug auf den Magen.

Es gibt ein paar Stellen, da wird das Tragische zu sehr überlagert vom Knackigen bzw. der Wechsel geht zu schnell, aber das ist eben dem gewollten Thrill geschuldet, der durch große Varianz zwischen Einstellungen erzeugt werden soll – da geht es manchmal eben alles etwas comichaft zu.

Finale

Wir haben wieder einen kleinen Konflikt auszutragen gehabt – nämlich bezüglich der Punktzahl. „Einer von uns“ ist nicht perfekt, sondern es stehen eher große Stärken einigen sichtbaren Schwächen gegenüber, aber wir finden den Erstling von Buckow und König doch sehr gelungen und – er hat Spaß gemacht. Das Team, wir erwähnen auch Pöschel, Thiesler, Röder, Veit Buckow als wichtige Benefits des Rostock-Polizeirufs ist eines der interessantesten, die Idee sehr tragfähig, auch wenn man offenbar doch Schwierigkeiten hatte, die Vergangenheitslinie immer gut einzubauen. Aber auch das kennen wir schon – von Faber aus Dortmund. Der Rostocker Polizeiruf hatte von Beginn an alles, um groß rauszukommen, musste nicht erst justiert und verfeinert werden und das ist sicher auch Eoin Moore zu verdanken, der vermutlich dieses Konzept, das sehr viele Möglichkeiten zur Entwicklung der Figuren bietet, als Erstautor und Erstregisseur mitentwickelt hat. Dass dieses Niveau nicht leicht zu halten ist, versteht sich beinahe von selbst – aber auch da verweisen wir wieder auf eine Tatort-Schiene: Die von Beginn an hoch geschätzten Lannert und Bootz aus Stuttgart hatten zwischendurch auch eine Stagnationsphase, mittlerweile bekommen sie aber wieder, man kann sagen, die besten Drehbücher der gesamten Tatort-Reihe. Wenn sonst niemand die Qualität liefern kann, muss eben Moore selbst nochmal in Doppelfunktion arbeiten, um Buckow und König auf der Höhe zu halten.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Eoin Moore
Drehbuch Eoin Moore
Produktion Iris Kiefer, Ilka Förster (Producerin)
Musik Warner Poland, Kai-Uwe Kohlschmidt, Wolfgang Glum
Kamera Bernd Löhr
Schnitt Antje Zynga

Charly Hübner: Alexander Bukow, Kriminalhauptkommissar
Anneke Kim Sarnau: Katrin König vom LKA
Uwe Preuss: Henning Röder
Andreas Guenther: Anton Pöschel
Vincent Krüger: Tom Becker
Jella Haase: Lulu Möllner
Josef Heynert: Volker Thiesler, Drogenfahnder
Klaus Manchen: Veit Bukow
Christian Beermann: Erik Scholz
Rainer Reiners: Rolf Schulte
Tamara Simunovic: Christine Böhm
Andreas Nickl: Dirk Böhm
Julia Blankenburg: Sabine Möllner
Fanny Staffa: Vivian Bukow
Anton Levit
Wladimir Tarasjanz: Koslow
Lukas Till Berglund: Frederik Bukow
Jack Owen Berglund: Samuel Bukow
Stefan Lochau: Porno Peter
Siegfried Kadow
Anika Wangard: Petra
Timo Jacobs: Pimpel

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