Direkt ins Herz – Tatort 449 #Crimetime 646 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Herz #direkt

Crimetime 646 – Titelfoto © WDR

Vorwort 2019

Wie sich Dinge manchmal treffen. Bei der Auflösung unseres Archivs durch Wiederveröffentlichung älterer Rezensionen stand nun „Direkt ins Herz“ auf dem Plan, ein Köln-Tatort aus dem Jahr 2000. Und der Zufall will es, dass heute Abend ein neuer Fall aus der Domstadt präsentiert wird: „Gefangen“ – hier geht’s zur Vorschau.

Wir nehmen es vorweg: „Direkt ins Herz“ ist einer unserer Lieblingsfilme mit Max Ballauf und Freddy Schenk und es wird schwierig werden für den neuen Film, ihn zu toppen. Zwanzig Jahre sind seit der Premiere von „Direkt ins Herz“ vergangen. Eine Ära haben die Kölner inzwischen begründet.

Wir zeigen heute nach einiger Zeit wieder eine ältere Kritik im Original-Layout. Bis auf die Copyright-Ergänzungen haben wir alles so belassen, wie es am 30. Juli 2011 erstmals veröffentlicht wurde. Damals war die Kritik zu „Direkt ins Herz“ die Nr. 70 der TatortAnthologie, die im April 2011 startete, als Wiederveröffentlichung führt sie die Nr. 646 in der Rubrik „Crimetime“.

I. Kurzkritik

Trifft dieser Tatort direkt ins Herz, oder in den Kopf – oder geht der Schuss vollkommen daneben? Da kann man sich nicht solala stellen, man muss sich entscheiden.

Wir haben das getan und werden eine sehr hohe Bewertung ziehen. Auch wenn der Plot etwas überfüllt daherkommt und nicht alles daran logisch ist, man merkt vielen sogenannten Milleniumstatorten an, dass man sich damals richtig etwas vorgenommen hatte.

Ein neues Zeitalter schien anzubrechen, in dem dramaturgisch alles möglich sein sollte, auch das große Kino, das dieser Tatort bietet. Die schauspielerischen Leistungen, die hier gezeigt werden, gehören zu den besten, die wir in diesem Format bisher gesehen haben, dazu kommt eine packende Inszenierung, die zwar am Ende abhebt, aber über 80 Minuten hinweg voll überzeugt. Dazu Dialoge, in ganz leichtem rheinländischen Slang und um Längen natürlicher vorgetragen als in den meisten deutschen Fernsehfilmen, andere Tatortfolgen eingeschlossen. Zudem hat der Film große formale Stärken. Auf all das werden wir in der Rezension näher eingehen.

Ja, und dieses Mal funktioniert auch die Liebesgeschichte zwischen Ermittler und Tatverdächtiger. Das ist so stark gespielt, dass man am Ende nicht weiß, ob man heulen oder wütend sein soll, dass das Strukturkonseravtive am Krimigenre wieder siegen musste. Aber wie man auch an Max Ballauf sieht, es geht beides.

II. Handlung, Besetzung, Stab

In der Kölner Innenstadt wird am helllichten Tag ein Mann erschossen. Die Kugel wurde aus 700 Metern Entfernung abgefeuert und ging direkt ins Herz. Hauptkommissar Freddy Schenk glaubt die Tatwaffe zu kennen, mit der man aus so großer Entfernung noch punktgenau treffen kann. Das Opfer Charly Hecker war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der sich im Leben scheinbar nichts zu Schulden kommen ließ. Bei den Verhören von Heckers junger Frau Franka passiert Kommissar Ballauf etwas, was nicht sein darf: Er verliebt sich in die Witwe des Ermordeten und beginnt, sich heimlich mit ihr zu treffen.

Plötzlich haben die beiden Kölner Fahnder einen Toten mehr. Ein weiterer Geschäftsmann wurde auf dieselbe Art und Weise getötet – ebenfalls aus Hunderten von Metern Entfernung mitten ins Herz! So zielsicher sind in Deutschland nur vier Menschen! Einer davon ist der Ex-Häftling Hans Turger. Der Mann war Mitglied einer mutmaßlichen Bande, die einen Geldtransporter überfallen und einen Wachmann getötet haben soll. Alle damals Verhafteten streiten jedoch bis heute ab, die Tat begangen zu haben.

Auch die millionenschwere Beute wurde nie gefunden! Was wäre, wenn die wirklichen Täter tatsächlich heute ungestraft ein Leben hinter bürgerlicher Fassade führen? Gehörten die beiden Opfer dazu? Und wenn, was weiß Franka Hecker? Soll sie den Max Ballauf verführen, um ihn auszuhorchen und eventuelle Spuren zu verwischen?

Darsteller:

Kommissar Max Ballauf: Klaus J. Behrendt
Kommissar Freddy Schenk: Dietmar Bär
Lissy: Anna Loos
Franka Hecker: Anja Kling
Walter / Charly Hecker: Bernd Tauber
Elisabeth Leuschner: Emanuela v. Frankenberg
Hans Turger: Gerd Lohmeyer
Fritz Knaller: Jochen Stern
Roland Weller: Wolfgang Müller

Stab:

Buch und Regie: Wolfgang Panzer
Kamera: Erwin Horak

(Handlung, Darsteller, Stab: WDR)

III. Rezension

  1. Die großen Gefühle

„Mitten ins Herz“ weist einige Ähnlichkeiten mit dem kürzlich rezensierten Spitzentatort „Tödliche Tarnung“ auf. Nicht, was die Konstruktion der Handlung angeht, aber die großen Themen, die darin verankert sind. Es geht um Liebe, die sich mit Tod verbindet und um Männerfreundschaften, die am Ende bleiben. Und beide sind Schlüsseltatorte zu Ermittlerfiguren. Bei Ballauf ist es bereits der zweite nach „Die Frau an der Straße„.

Man muss diese Dramatisierung mögen, sonst kann man diese Art von Krimis nicht hoch ansiedeln – und man kann sich nicht frei machen für die sehr hohen filmischen Qualitäten von „Direkt ins Herz“. Die meisten Effekte sind leicht zu erkennen, die Symbole gut zu entschlüsseln, aber das macht sie gewiss nicht schlecht, denn sie alle verknüpfen sich mit den gezeigten Gefühlen der Hauptfiguren und ergeben einen formal sehr harmonischen Film.

Das hat sicher auch damit zu tun, dass Drehbuch und Regie aus einer Hand sind – was man schreibt, kann man selbst eben auch kongenial umsetzen. Vor allem die Lebendigkeit der Dialoge ist frappierend. Da wirkt alles natürlich, der Humor, der Scharfsinn, die Sprüche in den Szenen von Freundschaft und hinterfragtem Vertrauen – und die fragilen Worte in den ersten Momenten der Liebe.

Offenbar hat das gesamte Team gut harmoniert und alle haben sich gegenseitig vertraut. Das gilt  für die Schauspieler untereinander und für die Interaktion mit Regisseur Wolfgang Panzer. Nur so konnten diese intensiven Momente zustande kommen.

Vor allem Klaus J. Behrendt als Max Ballauf hat uns vollends überzeugt. Er liefert hier die beste Leistung, die wir bisher von ihm gesehen haben. Erstaunlich, wie der Mann zwischen seinem Abgang aus dem Düsseldorfer Tatort 1993 und 2000 gereift ist. 1993 ging er nach Kanada, nachdem seine Familie ihn verlassen hatte. 2000 war er bereit für eine neue Liebe – und das Ende kennen wir, nachdem wir „Direkt ins Herz“ gesehen haben. Es ist daher absolut richtig, dass man ihn nach zwei solchen Erlebnissen als nicht bindungsfähig darstellt.

Wenn Bindung jedes Mal so ausgeht wie in „Mitten ins Herz“, dann ist es wirklich besser, allein zu bleiben. Man kann das Ende kritisieren, aber Franka Hecker in Person von Anja Kling als Dauergast im Kölner Tatort war wohl doch nicht denkbar. Vielleicht wäre es interessant, eine solche Figur dennoch „mitzuziehen“ – zumindest für eine Zeit, als sie so barbarisch und in einer ohnehin überzogenen Szene sterben zu lassen. Dass man ihr nicht direkt ins Herz, sondern in den Kopf geschossen hat, macht es nicht wesentlich besser.

  1. Szenenapplaus

Mas Ballaufs Gesichtsausdruck, als Kollege Freddy Schenk (Dietmar Bär) ihn mehr oder weniger zwingt, sein Verhältnis zu Franka zu offenbaren, den hätten wir ihm bis dahin nicht zugetraut. Jetzt wissen wir, wozu seine markanten und doch weichen, sensiblen Gesichtszüge gut sind. Hier hat er besonders die Mundpartie genutzt, um eine große Menge an Ausdruck zu zeigen. Das hatten wir immer vermutet, dass er das kann, weil seine Mimik einen sehr beweglichen, differenzierten Eindruck macht, aber er spielt die Möglichkeiten zu selten aus bzw. darf es nicht tun. Dieser Moment, in dem die Freundschaft des damals noch jungen Teams Schenk-Ballauf auf die Probe gestellt wird, ist vielleicht der beste des Films und dem Motiv der Männerfreundschaft gewidmet.

Schenk: „Irgendetwas ist anders – hat deine Fischerweste heute Ruhetag?“
Ballauf: „Ziehst du dich nie um?“
Schenk: „Ich (mich) schon.“

Dieser herrliche Dialog liegt einige Spielminuten früher – hier wird erstmalig verbal angedeutet, dass Schenk seinen Kollegen auf Freiersfüßen sieht. Da weiß er aber noch nicht, dass dessen Engagement einer in den zu lösenden Fall involvierten Frau gilt.

Ballauf: „Haben sie einen anderen Mann oder nicht? Ich muss sie das fragen.“

Franka schaut ihn nur an, dann geht sein Telefon. Freddy ist dran. Wir sind in Filmminute 19, dem Ende einer ganz wunderbaren Szene. Diese Anbahnung, wie hier zweideutige Worte, das Dekor des Schlafzimmers, das nur ihr gehört hat, die Musik zueinander finden, das hat Spielfilmformat. Immer steht derjenige von beiden, der gerade einen emotionalen Schritt geht, vor dem roten Hintergrund, die  Gesichter sind im Ganzen sehr warm ausgeleuchtet, die Musik tastet noch, da ist ein weicher Saxophonklang dominierend, wie in einer Bar als Hintergrundmusik, die eine angenehme, anregende Atmosphäre zum Kennenlernen schafft. Und am Ende der Szene findet sich das Liebesthema der beiden zum ersten Mal – dieses Piano, die Kaskade von absteigenden Tönen. Das ist der Moment, in dem er sie so zweideutig fragt. Auch die Mimik der beiden während der langen Szene ist zu schön, um wirklich zu sein, aber es ist ja auch ein Film.

Etwa sechs Filmminuten später und nach einem halben Tag gespielter Zeit steht Ballauf wieder vor ihrer Tür und gibt vor, noch eine Frage stellen zu wollen.

Franka: „Oder möchten Sie die Antwort auf Ihre letzte Frage.“
Ballauf: „Ja.“

Darauf hin klebt sie ihm eine.

Ballauf: „Das ist doch keine Antwort.“
Franka: „Sind Sie immer so verletzend?“

Man muss sich erstmal reinfinden, weil in der Zwischenzeit einiges passiert ist, die Zeit zwischen den Szenen ist etwas zu lang geraten, dass es aber zwischen ihnen ein retardierendes Moment gibt, ist richtig, um die Spannung, die hier eindeutig auf der Entwicklung der Gefühle liegt, nicht so sehr auf dem  zu der Zeit noch etwas zähen Krimiplot, aufrechtzuerhalten.

„Ich bin Franka.“

In diesem Moment beginnt die schönste Tatort-Romanze, die uns bisher begegnet ist, und erst einmal ein langer, intensiver Austausch ohne (viele) Worte. Ein großer Glücksfall, dass man zwei Schauspieler hatte, die das alles so subtil darstellen konnten. Auch hier fällt uns von den gegenwärtigen Kommissaren nur Lannert (Richy Müller) ein, der das ähnlich hinbekommen könnte. Vielleicht Batic aus München im Jahr 2000, aber nicht mehr heute, nach über 20 Jahren im Dienst.

  1. Die Kehrseite – der Krimiplot

Die Idee der Männer, die sich einst beim Bund kennenlernten, sich später immer wieder einmal treffen, um Verbrechen zu begehen und sonst ganz brave Bürger sind, ist ungewöhnlich. Herrlich, wie sie sich da in alten BW-Overalls konspirativ zusammenfinden und in einer Szene der Intellektuelle unter ihnen mit irgendjemandem über Krankenkassenangelegenheiten telefoniert. Der Mann ist im sonstigen Leben, also, wenn er nicht auf Raubzüge geht, Arzt.

Sie dann auch noch mit einer zweiten Gruppe von Männern in Verbindung zu bringen, die für die erste mal einfache Arbeit bei einem Raub gemacht hat, dafür aber ins Gefängnis wanderte und dort zu Scharfschützen ausgebildet wurde, ist mehr als ungewöhnlich. Da hat man sehr viel in einen Tatort hineingepackt, der schon durch seine Romanze besticht, es musste stellenweise zu Verlusten an Stringenz und Logik kommen. So wäre es beispielweise für die scharf und gut schießenden Verbrecher weitaus sinnvoller gewesen, nach ihrem Freikommen die anderen zu erpressen, als sie zu erschießen.

Das ist es auch, was man „Direkt ins Herz“ anlasten kann. Dass man die Wucht des Ganzen dadurch gemindert hat, dass es zu viele Plotelemente gibt. Die Absicht ist erkennbar, hier etwas Großes zu schaffen, und beinahe hat man es auch geschaft. Es ist ein sehr guter Tatort geworden, auch wenn man die Verbindungen der beiden Männergruppen nicht genug ausgeleuchtet hat  und das Ende wirklich ernüchternd ist.

Selbstverständlich trägt es auch dazu bei, die Ermittlerfiguren, besonders Ballauf, mit mehr Profil und tragischer Biografie auszustatten. Insofern eben sein zweiter Schlüsseltatort, weil sein künftiges Verhalten unter normalen Umständen durch dieses erneute Verlustlerlebnis nach dem Verlust seiner Familie einige Jahre zuvor (nicht durch Tod, sondern durch Verlassen) stark beeinflusst sein muss.

Der Showdown in der Lagerhalle ist Geschmacksache auch in der Art seiner Ausgestaltung – sehr amerikanisch. Beim Schusswechsel zwischen Ballauf und dem Schwager, der Franka erschossen hat, schießt letzterer eine Leitung an und Wasserdampf strömt aus, direkt vor Ballaufs Gesicht. Das erinnert uns an einen Film und ist wohl auch ein bewusstes Zitat. Schade, dass uns nicht mehr einfällt, wo wir das schon einmal gesehen haben.

Dazu komnt noch die Nebenhandlung des Abschieds der Assistentin Lissy Pütz (Anna Loos), die später durcht Theresa Mittelstaedt ersetzt werden wird – das alles ist ein wenig zu viel und führt dazu, dass man sich den Film im Grunde Szene für Szene noch einmal anschauen muss, um alle Zusammenhänge auf Logik zu überprüfen. Das kann man dem  Zuschauer aber nicht zumuten und diese Überfrachtung, nicht etwa die ungewöhnliche und etwas unglaubwürdige Idee der zwei Banden sorgt dafür, dass es einige Abzüge gibt in der Endabrechnung geben wird.

IV. Fazit

„Direkt ins Herz“ werden nicht nur die Männer getroffen, die von den Scharfschützen hingerichtet werden,  zusätzlich wird Max Ballauf von Franka mitten ins Herz getroffen. Ein großartiger Titel, dieses Mal, und es ist auch nicht so schwierig, seine Zweideutigkeit zu entschlüsseln. Die Filmqualitäten von „Direkt ins Herz“ sind für Tatortverhältnisse überragend, alle Emotionen großartig ausgespielt, aber auch dieses Mal sind es einige Plotschwächen, die eine noch höhere Bewertung verhindern – dennoch gehört die Folge 449 zur Riege derer, die knapp hinter den beiden bisherigen Spitzentatorten stehen. Das bedeutet, wir werten mit 8,5/10.

© 2020, 2011 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

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