Gefangen – Tatort 1132 #Crimetime 647 #Tatort #Köln #Koeln #Ballauf #Schenk #WDR #Gefangen

Crimetime 647 - Titelfoto © WDR, Thomas Kost

Der Polizist, das Trauma, der Haartrockner und die Erlösung

Wir hatten heute in Erinnerung an famose Köln-Zeiten die Kritik zu „Direkt ins Herz“ sozusagen als Begleitrezension wiederveröffentlicht (sie wurde im Jahr 2011 verfasst) und nun wäre es Max beinahe wieder passiert. Julia, Patientin in der Psychiatrie, rührt ebenjenes niemals ruhende und von Halluzinationen geplagte Herz des Polizisten, der dieses Mal noch verletzlicher gezeigt wird als sonst und dem wir am liebsten durch den Bildschirm  hindurch zu Hilfe geeilt wären, denn wirkliche Hilfe bekommt er eigentlich durch den ganzen Film hindurch nicht und muss sich erst einmal eigenständig befreien, damit er überhaupt professionellen Beistand annehmen kann. Das klingt kompliziert, ist es auch und die Frage ist, wie ein 90-Minuten-Krimi dies  und weitere psychologische Themen abbildet. Wir schreiben darüber in der -> Rezension.

Handlung

Im neuen „Tatort“ aus Köln „Gefangen“ müssen die Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk den Mord an einem Chefarzt einer psychiatrischen Klinik aufklären.

Dabei befindet sich Ballauf selbst gerade in Behandlung: Ein Trauma, das er bereits überwunden dachte, kehrt mit aller Macht zurück. Nachdem er im Einsatz die Kollegin Melanie Sommer erschossen hat, plagen ihn Albträume und Schuldgefühle. Manchmal glaubt er, die Tote vor sich zu sehen. Sprechen kann er darüber nicht, auch nicht mit seinem Partner Freddy Schenk. Entsprechend angespannt ist die Stimmung im Team.

Bei ihren Ermittlungen im Krankenhaus erregt eine Patientin Ballaufs Aufmerksamkeit. Julia Frey behauptet, sie werde gegen ihren Willen in der geschlossenen Abteilung der Klinik festgehalten. Die stellvertretende Chefärztin Dr. Koch verweist jedoch auf Julias emotionale Instabilität. Doch Max ahnt, dass Julias Hilferuf begründet sein könnte. Er spürt eine Verbundenheit mit der jungen Frau.

Rezension (mit Angaben zur Auflösung!)


Wir beginnen mal mit dem Check eines wichtigen Fakts: Gibt es die „Anstalt“ noch? Wir meinen nicht die ZDF-Satiresendung, sondern die psychiatrische Klinik, in der Patienten so untergebracht werden, dass sie über ihren Ausgang nicht selbstständig bestimmen können.

„Eine geschlossene Abteilung bzw. geschlossene oder geschützte Station ist ein Bereich eines Krankenhauses oder einer anderen Einrichtung (zum Beispiel: Langzeiteinrichtung für psychisch Kranke), in der Bewohner oder Patienten untergebracht sind, die per Gesetz oder richterlichen Beschluss dort für eine – meist bestimmte – Zeit zu bleiben haben. Der Bereich ist dadurch gekennzeichnet, dass der Zugang nur über Schließtüren, die ausschließlich vom Personal zu öffnen sind, möglich ist. Gemeint ist dabei keine absolute Sicherungsverwahrung ohne jede Fluchtmöglichkeit, sondern nur ein abgeschlossener bzw. kontrollierter Bereich. Wird der Zugang in der gesamten Einrichtung derart kontrolliert, spricht man von einer geschlossenen Einrichtung oder (veraltet) von einer geschlossenen Anstalt.“


Insofern stellt der Film die Lage wenigstens korrekt dar, besonders, wenn jemand unter (rechtliche) Betreuung gestellt wird, kann er auch in eine geschlossene Abteilung eingewiesen werden, und eine solche Betreuung ist bei bestimmten Krankheitsbildern nicht so selten, wie man vielleicht denken mag, weil die Menschen, die unter einer solchen Betreuung stehen, eben im Alltag vergleichsweise wenig sichtbar sind. Aber es gibt viele andere Punkte, die uns nicht so richtig gefallen wollten. Filmemacher tendieren ohnehin dazu, Ärzt*innen (vor allem Ärzte), Jurist*innen und auch die Seelenheilberufe zu vergruseln, diese Tendenz ist leider auch im Tatort Nr. 1132 wieder zu erkennen. Leider holpert es dabei erheblich – wieder einmal bei der Logik. Und weil es hier nicht nur um  Handlungselemente, sondern auch um Narrative über Berufsgruppen geht, wollen wir doch mal wieder etwas genauer hinschauen, nachdem wir uns mittlerweile schon fast abgewöhnt hatten, Tatorte noch auf ihre Handlungsplausibilität zu überprüfen: Wir leben in verrückten Zeiten, warum sollen Menschen, die Verbrechen begehen und solche, die Verbrechen aufklären sollen, noch irgendwie regulär von a.) via b.) auf c.) schließen?

Ebenso tendieren die meisten Kritiker, sonst hätte der Film nicht vorab gerade von den Vollprofis doch recht gute Bewertungen bekommen. Wir greifen zunächst einen der gröbsten Klöpse heraus, der sich hier im Dickicht des Psychischen und seiner Bewertung abspielt.

Wir hatten schon in der Vorschau erwähnt, dass Lydia Rosenberg den Kommissar Max Ballauf gar nicht behandeln dürfte, wg. ihrer Rolle als frühere Geliebte. Früher? Es gab doch gar kein offizielles Ende. Egal. Dass sowas nicht passiert, muss gerade bei einer Stelle wie der Polizeipsychologie strikt gewahrt werden. Selbstverständlich darf sie dann aber, wenn sie das schon tut, nicht in Julias Akte schauen und Max fachliche Tipps geben, zumal sie richtigerweise sagt, sie sei Psychologin, nicht Psychiaterin. Nach ein paar Sekunden hat sie dann aber die Plausibilität von Julias Krankenbiografie gescheckt und ist sogleich darauf gestoßen, dass diese die falsche Medikation erhält. Nicht schlecht, dass man eine so offensichtliche Manipulation dann tatsächlich in einer Krankenakte dokumentiert und damit jeder neutralen Begutachtungsstelle gleich das Beweismittel liefert, mit dem man die Approbation verlieren kann. Selbst ohne die Geschichte, die verstärkungsweise dahintergestellt wird – die Vergewaltigung, aus welcher der Klinikchef von seinem Anwälte-Freund mit einem Schweigegeld geboxt wurde. Psychiater, Klinikchefs zumal, sind typische Vergewaltiger, das lernen wir ganz nebenbei. Aber: Ärzte, Juristen, alles das gleiche Grobzeug. Mindestens 75 Prozent aller sexuellen Übergriffe in Deutschland werden vermutlich von Angehörigen jener Berufsgruppen begangen. Siehe oben. Und erst die Pfleger*innen. Haut fotografieren, Sex träumen, Irrtum bemerken, sich erhängen. Dass niemand unter Klischess und Eploitation leide! Zur Entschuldigung: Der Film wurde vor Corona gedreht, vielleicht würde man jetzt mit den Angehörigen systemrelevanter Berufe in Maßen weniger rüde umgehen.

Wir haben nun schon zwei Ebenen erläutert, auf denen das, was Lydia und Max da treiben, falsch ist nund gar nicht geht. Es kommen aber noch zwei weitere hinzu: Lydia kennt die Patientin gar nicht, kann also nicht wissen, ob deren Krankenbiografie in Bezug auf deren Person schlüssig ist. Hingegen nur das Aufgeschriebene zu checken, reicht doch nicht aus, um Max einen Anhalt darüber geben, ob die konkrete Person richtig diagnostiziert wurde. Die vierte Ebene ist eine typische Schlamperei, die leider zur wenig exakten Bearbeitung psychologischer Themen passt: In einem späteren Dialog wird behauptet, Lydia Rosenberg habe die Diagnose Julias für falsch gehalten. Das ist eindeutig nicht der Fall. Aber auch das, was sie gesagt hat, ohne die Person zu kennen und alle Umstände der Akteneinsicht sind mehr als problematisch.

Das alles hat man so inszeniert, damit Max sich für Julia einsetzt, schon klar. Aber vielleicht hätte er ja aufgrund seiner psychischen Ausnahmesituation auch von selbst so hellsichtig sein können, dass er ihre Akte einer neutralen Stelle vorlegt. Das wäre einigermaßen stimmig gewesen. Natürlich ein Drehtag weniger für Juliane Köhler, die Darstellerin von Lydia Rosenberg, sie wäre dann nicht so in den Fall integriert gewesen. Unser Tipp: Sie nächstes Mal korrekt handeln lassen und Max darf sich dann darüber ärgern, und das kann er so süß und rührend wie kein anderer Tatort-Polizist, deswegen haben wir ihn in früheren Rezensionen auch als die Passionsfigur unter den Ermittler*innen bezeichnet (u. a. wegen des Verlustes seiner großen Liebe im oben erwähnten „Direkt ins Herz“).

Ein weiteres Problem im „psychiatrischen Komplex“ ist zu besprechen. Julia müsste ihre Krankheit gespielt haben, um so konsequent einen Mord planen zu können, wie das hier der Fall ist. Eine Einweisung einer vollkommen Gesunden als Borderlinerin, die zudem, was gemäß Lydia Rosenberg selten vorkommt, ein schizophrenes Bild zeigt, würde, wenn sie länger dauern soll, voraussetzen, dass das gesamte Klinikpersonal etwas unterbelichtet ist, denn das ein Jahr lang beides zu spielen, ist im Grunde nicht möglich. Es würde auch bedeuten, dass Julia sich dadurch gerächt hat, dass sie die Krankheit, die man ihr in die Akte geschrieben hat, quasi vollständig adaptieren konnte, indem sie sich über deren Bilder informiert hat. Was dabei herauskam: Sie malt bösartige Bilder, die natürlich allesamt manipulative Fakes sind, alle Zimmerwände kann man damit behängen. Aber die behandelnde Ärztin ist natürlich involviert und der Pfleger ist in sie verknallt und froh, dass sie da ist und seine fotografischen Spielchen mitmacht. Aber: Julia muss ja wirklich krank sein, sonst hätte es ja die Vorgeschichte bis zu ihrem Kind nicht gegeben. Es handelt sich ja nicht im Wesentlichen um ein postnatales Trauma, sondern um eine Situation, die schon Jahre zuvor durch den plötzlichen Tod der Eltern ausgelöst wurde. Das heißt, sie war wirklich krank und darauf angewiesen, von ihrer älteren Schwester „durchgebracht“ zu werden. Welches Krankheitsbild genau vorlag, erfahren wir leider nicht, aber liefe es auf das hinaus, was später diagnostiziert wird, wäre es echt und dann wäre sie nicht in der Lage gewesen, so zu handeln, wie sie gehandelt hat. Und warum auch gerade nach einem Jahr?

Kein logischer Fake ist übrigens das Bild von Max, das sie malt. Sie konnte zwar nicht wissen, dass und wann er sie zwecks Befragung aufsuchen wird, aber seine angedeuteten Gesichtszüge konnte sie noch schnell in das Bild hineinkritzeln, als er schon im Zimmer war. Schwierig dann aber wieder: Was sie ihm alles zurechnet. Später, als sie ihm genau sagt, woher sein Trauma rührt, ist es klar, da hat sie sich im Internet informiert, sein Schuss auf eine Kollegin ist presseseitig dokumentiet. Aber bei der ersten Allein–Begegnung beweist sie fast hellseherische Fähigkeiten, und was Kritiker gerne als ein hoch veranlagtes Abweichen von Realität und Wahrnehmung apostrophieren, ist in Wahrheit – Quatsch. Denn was wir sehen, wird so dargestellt, dass man davon ausgehen muss, dass es objektiv passier ist.

Eine Verschiebung gibt es nur, wenn Max halluziniert. Nicht, dass dies nun besonders realistisch dargestellt wäre, aber wenigstens ist es schön gefilmt und das Visuelle von „Gefangen“ ist selbst für heutige Verhältnisse sehr gut, sehr durdacht und folgt dort, wo es wichtig ist, der Subjektivität, zum Beispiel, wenn Max und Freddy durch einen riesigen, endlos langen Gang zum Schießstand latschen. Das ist geradezu surrealistisch gefilmt, aber es passt zu dem Tunnel, in dem Max sich befindet und es gibt viele herausragende Momente, die sehr atmosphärisch wirken, z. B., wenn auch in Situationen, in denen normalerweise das Licht eingeschaltet wird, man in diesem Film genau darauf verzichtet, oder wenn die Kamera durch kleine Fahrten das, was man sieht, so ergänzt, dass sich seine Bedeutung verändert, z. B. in der Dreierszene im Zelt.

Dass man in dieser Szene sieht, wie Julia die Hand des Anwalts zu ihrem Schritt führt, nun ja. Wer soll das gefilmt haben? Sie, mit der anderen Hand? Um ihn später zu erpressen? Da würde sich ja eine ganz neue Motivlandschaft auftun. Und dann schaut die Schwester sich später dieses Video an? Dann hätte sie doch darauf kommen können, dass Julia das Kind eventuell mit ihrem Mann gezeugt hat. Grübel. Ja, bei vielem, was man  hier sieht, kann man sich nur damit behelfen, dass man etwas gesehen hat, was es vielleicht gar nicht gibt. Wir werden uns den Film zur Zweitsichtung vormerken, vielleicht sehen wir dann etwas ganz anderes. Vielleicht gibt es von ihm aber auch eine EV, eine Extendend Version, in der ein paar wesentliche Missing Links eingefügt wurden.

Aber nun zu den unumstößlichen Pluspunkten von „Gefangen“. Die beiden Ikonen der 1960er, ein 911 in Grün und Mercedes 280 S Automatic, die etwa das gleiche Baujahr aufweisen könnten, Mon Dieu!, war die Welt damals noch relativ in Ordnung. Mit Vorhängen hinter dem Heckfenster (die S-Klasse) und einem Sound, als hätte de Elfer von damals schon 400 PS gehabt. Fantastisch. An Freddys Stelle hätten wir die Probefahrt nachgeholt, als klar war, der Anwalt war nicht der Mörder. Oder? Nein, stimmt, er hat Julia – war sie nun krank oder nicht? Ach je. So schwierig. Okay, seine Frau hat er auf jden Fall mit ihr betrogen. Keine Dreiecksverhältnisse in den eigenen vier Wänden, vor allem, wenn die Ehefrau keine Kinder bekommen kann!

Aber nun zu den wirklich unumstößlichen Pluspunkten des Films. Alles bis hierher haben wir nur geschrieben für Menschen, die es etwas genauer wissen wollen. Jetzt kommt das, was dieses Werk so anziehend macht. Die Wurstbraterei ist wieder da! Das meinen wir ganz ernst, denn sie ist einer der ganz wichtigen Anker des Köln-Tatorts und immer, wenn sie ins Bild kommt, muss alles gut werden und wird alles gut. Deshalb fällt Max auch nicht mehr auf den Fön-Trick von Julia rein, weil er vorher mit Freddy an der Wurstbude war. Und in dem Moment, als er Julia widersteht und die Lage richtig einschätz: Sie wird sich nicht umbringen, in dem klar ist, sie kann Max nicht mehr manipulieren, da verschwindet die Halluzination und Max kann fröhrlich die Sitzungen mit Lydia wieder aufnehmen und wohin auch immer das führen mag, denn sein Trauma is ja nun weg und es gibt gar keine fachlichen Gründe mehr für die Therapie. Ja, psychologisch gesehen wieder ein Witz, aber auch einfach schön, sich vorzustellen, dass man sich auf diese Weise, kraft eigenen Willens, von einem Trauma befreien kann. Es ist ja kein „Gegenschock“ gewesen, den wir hier sehen, Max hat nur einfach geschnallt, wie man sich nicht den Tag durch eine Tote vermiesen lässt, obwohl sie kurz zuvor noch behauptet hat, sie lässt sich nicht einfach beseitigen. Es stellt sich heraus, das geht nicht durch Abknallen, wohl aber durch Widerstand gegen Manipulation. Uff.

Freddy ist wieder der gute, aber unbeholfen wirkende Kumpel, das merkt man auch an den Dialogen. Dafür, dass die beiden einander schon so lange kennen, sollte er mehr draufhaben, um Max zu bespielen, aber es ist eben ein Film für Ballauf. Ein Film, der ihn aus der Ferne sichtet, ihm kameraseitig immer näher kommt, sein wunderbar gealtertes Gesicht liebevoll absucht und manchmal dreht sie sich auch halbwegs um ihn und andere Figuren herum oder nimmt ungewöhnliche Perspektiven ein, wie etwa seitlich-von-hinten, um zu suggerieren, hier stimmt etwas nicht, schön zu sehen in der Vernehmung des Anwalts.

Fazit

Auf der Stimmungsebene funktioniert der Film gut und er ist auch überwiegend gut gespielt, wobei nur Klaus J. Behrendt als Max wirklich gefordert wird. Der Ton zwischen den Figuren ist nicht immer perfekt, manche Sätze klingen banal, aber Kritiker meinen ja auch, das sei eine Art spielerischer Umgang mit den typische Köln-Krimi-Konventionen und den überhaupt für Tatorte und dann für fast alle Whodunits dieser Welt typischen Konventionen. Wir tendieren dazu, diese Standards zumindest teilweise für das zu halten, was sie bei oberflächlicher Betrachtung sind. Standards, die man einsetzt, um das Publikum zu leiten oder auch zu manipulieren. Nicht wegen der ironischen Brechung, sonst hätte man den Ton eben etwas anders gestalten müssen, damit’s klar wird, aber, um sich nicht zu sehr in den Tiefen von Maxens Trauma und Untiefen der Küchenpsychologie zu verlieren. So kann der angeschlagene Polizist noch einige Dinge abrufen, die er schon seit einer halben Ewigkeit beherrscht und die vielleicht auch in der rechten, der wahren Realität immer ähnlich sind: Ey, raus mit der Krankenakte, entweder jetzt freiwillig oder später auf richterlichen Beschluss! Wir hätten die Akte nicht rausgegeben, sondern sie zwischen dem Moment, in dem Max sie verlangt und dem Moment, in dem er den richterlichen Beschluss vorlegen kann, kräftig frisiert. Und vorher natürlich nicht schon mündliche die Schweigepflicht gebrochen  Zeit. Zeit kann den Unterschied zwischen Freiheit und mitgefangen, mitgehangen ausmachen. Aber was wissen wir schon darüber, wie eine Frau handelt, die gerade durch eine Manipulation zur stellvertretenden Klinikleiterin wurde? Gefangen sind wir alle, in unserer begrenzten Wahrnehmung. Weil wir das wissen und die Kölner einfach lieben und ihre Autos und ihre Wurstbude, noch gerade

7/10

Da haben wir uns ja wieder mal schön manipulieren lassen.

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Vorschau: Bitte nicht schlapp machen, Max!

‚“Gefangen‘ ist nicht nur eine 30-jährige Insassin der Kölner Psychiatrie – auch Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) hat mit sich zu kämpfen, seinen Ängsten und traumatischen Erlebnissen im vergangenen Fall „Kaputt“ (Tatort-Folge 1098). Therapieren lassen will sich der sture Ermittler nicht, die Hilfe von Kollege und Freund Freddy, Assistent Jütte und der Polizeipsychologin Lydia Rosenberg lehnt er strikt ab. Und dabei muss das rheinländische Tatort-Team gerade jetzt zusammenhalten: Der renommierte Chefarzt der psychiatrischen Klinik wird in seinem Haus erschossen vorgefunden.“

So beginnt die Redaktion von Tatort Fans ihren Bericht zum 79. Fall von Ballauf und Schenk. Was immer Max auch zu erleiden hat: Jungs, ihr seid nur noch vier Filme hinter den Bayern Batic und Leitmayr zurück und die sind etwas älter – die ewige Krone des Teams mit den meisten Fällen winkt! Die längste Dienstzeit werden die beiden Köln-Cops kaum erreichen, die Bayern sind sechs Jahre länger dabei (seit 1991) und Lena Odenthal hält den Rekord mit nunmehr 31 Dienstjahren und hat nach Bekunden ihrer Darstellerin Ulrike Folkerts nicht vor, aufzuhören, solange die Physis mitmacht, und die kann bei jemandem, der sehr trainiert ist, noch lange halten. Nach „Leonessa„, den wir gerade rezensiert haben, muss man die Absicht von Folkerts als Drohung denn als Grund zur Freude empfinden. Aber zurück ins Rheinland (ja, Ludwigshafen liegt auch am Rhein, aber in der Pfalz):

Man registriert in der Tatort-Fans-Redaktion, dass die Würstchenbude zurück ist und ist ansonsten einigermaßen zufrieden bzw. nicht sehr begeistert. Allgemein wird das zu Routinierte oder auch Stanardmäßige an den Köln-Filmen bemängelt. Und, dass zwischen dem Fall, der das Trauma bei Max ausgelöst hat und „Gefangen“ weitere gesendet wurden, in denen davon nichts zu spüren ist.

Schade, wenn’s so wäre, dass mit zwei älteren Herrschaften eben kein Aufbruch mehr möglich ist. Um 2013, mit „Franziska“ und „Ohnmacht„, sah es so aus, als wollten die beiden sympathischen Kumpels wirklich noch einmal zu neuen Ufern. Auf dem Titelbild, das wir ausgesucht haben, wirkt Max Ballauf allerdings eher so, als ob es bald mit seiner Dienstfähigkeit zu Ende ginge. Daher unsere Bitte.

Der SWR-Tatortcheck hebt ebenfalls den zerbrechlichen Max hervor, kommt aber zu der Auffassung, „Gefangen“ sei ein guter Krimi ohne Hektik und vergibt vier von fünf Elchen.

Filmstarts.de erklärt die Zusammenhänge zwischen Max‘ Trauma und dem aktuellen Fall: „Der Kölner „Tatort: Kaputt“ endete im Juni 2019 mit einer einschneidenden Erfahrung für Hauptkommissar Max Ballauf: Der altgediente „Tatort“-Ermittler, der schon seit 1992 in der Krimireihe auf Täterfang geht, musste eine verstörte junge Kripo-Kollegin erschießen, um so ein anderes Leben zu retten. Seither war dieses Ereignis in den Krimis aus Köln allerdings kein Thema mehr – Ballauf hat in seinen 28 Dienstjahren am Rhein schließlich schon so manchen Rückschlag weggesteckt und folgenübergreifende Drehbücher sind im Kölner „Tatort“ auch eher die Ausnahme.“

Wir erfahren auch, dass Max seine Sitzungen mit Polizeipsychologin Lydia Rosenberg ausfallen lässt. Ja, was auch sonst, schließen waren die beiden mal ein Paar und wenn zusätzlich die Vergangenheit triggert und eine Rollenvermischung zu beobachten ist, kann das nix werden, mit der Traumatherapie.

„Filmstarts“ wird am Ende 3,5 von 5 vergeben, das ist für dieses Portal beachtlich. Es ist bedingt durch etwas, das uns dann doch überrascht hat: Man hält diesen Krimi für überraschend, nicht konventionell, obwohl  man zugibt, dass er immerhin so anfängt. Das deckt sich vor allem nicht mit der Aussage der Tatort-Fans-Redaktion und solche Wahrnehmungs-Diskpreanzen machen es für uns noch einmal spannender, einen Film anzuschauen.

Aber auch Tilmann P. Gangloff von Tittelbach.TV hält diesen Film für sehr eindringlich, darüber hinaus für spannend, wobei die Spannung nicht aus dem Thrill herrühren soll, sondern aus der psychischen Instabilität von Max Ballauf. Wir finden psychische Instabilität ja auch immer spannend, wenn auch schwer zu „schreiben“, zumindest, so, dass sie authentisch und einigermaßen den heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis gemäß dargestellt wirkt und nicht, um mal den Meister etwas durch den Kakao zu ziehen, so exploitativ und outdated rübergebracht wie bei Hitchcock. Aber dessen Filme sind ja nun auch mal fast alle mehr als ein halbes Jahrhundert alt („Psycho“, der letzte Hitchcock mit – sic! – Psycho-Touch, feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag).

Christian Buß hat sich im Spiegel wieder einen schönen Titel ausgedacht: „Eine flog über das Kuckucksnest“. Er empfindet die Twists des Films als gewagt, dies aber nicht direkt schlimm und vergibt am Ende 7/10. Konsequenz der Ansicht, dieser Tatort sei angenehm risikofreudig. Damit bildet sich, nach den eingangs wiedergebenen Meinungen, die den Film eher für konventionell halten, bei den Profis etwas wie eine Linie heraus, die zum Gegenteil tendiert. Realität vs. gefühlte Realität, oder was? Das Erklärende früherer Köln-Tatorte, über das wir anhand ebenjener früheren Tatorte ebenfalls referiert und vor allem die Anlage der Dialoge nach dem Schema These und Antithese hervorgehoben haben, sieht Buß aber als vergangen an; nunmehr mute man dem Publikum das Verschwimmen von Realität und gefühlter Realität zu. Vielleicht ist dies auch wieder ein typischer „Kritiker-Film“ und 80 Prozent z. B. der Tatort-Fundus-Nutzer schreiben in ihren kurzen Anmerkungen: Köln halt wie immer, nur Max kaputt.

Am morgigen Abend, gegen 21:45 Uhr, wissen wir mehr und werden es in diesem Blog namens „Der Wahlberliner“ niederschreiben.

TH

Besetzung und Stab

Hauptkommissar Max Ballauf – Klaus J. Behrendt
Hauptkommissar Freddy Schenk – Dietmar Bär
Oberkommissar Norbert Jütte – Roland Riebeling
Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth – Joe Bausch
Polizeipsychologin Lydia Rosenberg – Juliane Köhler
Prof. Klaus Krüger – Thomas Fehlen
Dr. Maren Koch – Adina Vetter
Patientin Julia Frey – Frida-Lovisa Hamann
Florian Weiss – Andreas Döhler
seine Ehefrau Christine Weiss, Julias Schwester – Franziska Junge
Polizistin Melanie Sommer – Anna Brüggemann
Pfleger Dennis Oberender – Thomas Schubert
Jürgen Buschmann, Pächter des Tennisclubs – Thomas Huber
seine Tochter Eva Buschmann – Kyra Sophia Kahre
u.a.

Drehbuch – Christoph Wortberg
Regie – Isa Prahl
Kamera – Moritz Anton
Szenenbild – Stefan Schönberg
Schnitt – Daniel Scheuch
Ton – Wolfgang Wirtz
Musik – Volker Bertelmann

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