Alles hat seinen Preis – Tatort 833 #Crimetime 648 #Tatort #Berlin #Ritter #Stark #RBB #Preis #haben

Crimetime 648 - Titelfoto © RBB, Daniela Incoronato

Wieder ein ruhiger Abend vor dem Fernseher

Ja, das Berliner Gebiet 10781, in dem die treue und am Ende doch sehr tief enttäuschte Sekretärin Edith Welziehn, geborene Ziehtenerin lebt, das kennen wir ganz gut. Und den Stau auf der Invalidenstraße und auf der A100 und überhaupt. Gut, dass in Wirklichkeit all diese Staus meist nicht alle gleichzeitig stattfinden.

Die Staumeldungen und die alten Mietshäuser des Taxiunternehmers Herbert Klemke vermitteln ein wenig Berlin-Feeling, obwohl sie nicht spezifisch sind. Hauptsächlich wurde wieder in Mitte gefilmt, das „Neue Berlin“ ist einfach zu faszinierend und der Ablichtung so dienlich, dass es selbst in einem Krimi dominiert, in dem es um soziale Relationen in familiären Strukturen geht. Ist „Alles hat seinen Preis“ trotz des Namens auch ein Kiezkrimi? Dies und mehr klären wir in der -> Rezension.

Handlung

Der Berliner Taxiunternehmer Herbert Klemke wird erschlagen in seinem Büro aufgefunden. Die Ermittlungen der Kommissare Till Ritter und Felix Stark bringen schnell zutage, dass verschiedene Personen am Tatabend Streit mit Klemke hatten: sein ehemaliger Mitarbeiter Bülent Delikara zum Beispiel, der von seinem Ex-Chef noch eine größere Summe Geld bekommt. Oder Ziska Zuckowski, sie führt mit ihrem Bruder Pit den mehr schlecht als recht laufenden Feinkostladen der Eltern weiter und konnte die ständig steigenden Nebenkosten ihres Vermieters Klemke nicht mehr aufbringen. Viele Verdächtige und viele Motive, aber keine handfeste Spur.

Ziska Zuckowski hat ein Motiv – ebenso wie KlemkesTochter Dagmar (Nicolette Krebitz), die mit dem Geld ihres Vaters eine Tauchschule in einem australischen Edel-Resort eröffnen wollte. Klemkes Sekretärin Edith Welziehn (Renate Krößner) war ihrem Chef seit über 40 Jahren treu ergeben und ist nun über den menschlichen Verlust zutiefst erschüttert.

Bei den weiteren Ermittlungen entdecken die Kommissare, dass Klemkes Bankberaterin Christa Meinecke (Tatjana Blacher) eigenmächtig Geldtransaktionen durchgeführt hat – unter anderem auch über Klemkes Konten. Frau Meinecke kennt sowohl Ziska Zuckowski als auch Dagmar Klemke seit Jahren und weiß um deren finanzielle Nöte und Sorgen. Und Klemke wiederum hatte herausgefunden, was Frau Meinecke hinter seinem Rücken tat und wollte sie am Tatabend zur Rede stellen.

Es gibt viele Verdächtige, aber sämtliche Spuren laufen ins Leere, denn alle möglichen Täter haben ein wasserdichtes Alibi. Dennoch sind sich Ritter und Stark absolut sicher: Sie müssen den Mörder in Klemkes direktem Umfeld suchen.

Rezension

Wir meinen: Das war wieder kein Kiezkrimi, wie wir ihn seit langem fordern. Zu austauschbar ist das Personal und sind die Plätze. Bei den Häusern hat man zudem noch das Gefühl, da wurden einige Gebäude, die in Wahrheit schon entmietet sind und saniert werden sollen, noch einmal mit von der Wirklichkeit überholten Filmbewohnern versehen, zuzüglich passender Innenrequisite im Studio mit 50er-Jahre-Ambiente. Eine gruselige Zusammenstellung, die genausowenig mit dem Berlin zu tun hat, das die meisten hier wahrnehmen, wie die Politik-Raumschiffe, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten niedergelassen und die Art, wie Tatorte in dieser Stadt gemacht werden, deutlich beeinflusst haben.

Wir haben ja auch keinen touristischen Blick auf die Stadt (mehr). Wir fordern mehr von einem BerlinTatort als einen versponnenen Öko-Lebensmittelladen, der nicht funktioniert, was außerdem eine falsche Suggestion ist: Selbstverständlich gibt es für solche Geschäfte eine Klientel. Gerade wurde in unserer Ecke ein Ladenlokal, in dem früher ein Netto-Discounter war, zu einem Bioladen. Wenn das keine Aufwertung ist, die zur Hoffnung auf nachhaltigeres Konsumentenverhalten Anlass gibt, dann wissen wir’s auch nicht.

Im Ernst, „Alles hat seinen Preis“ ist gemäß seinem wuchtigen und gleichzeitig nichtssagenden Titel in etwa so geworden, wie wir’s befürchtet hatten, nachdem klar war, dass es dieses Mal eine Nummer kleiner wird, die Verhältnisse betreffend. Der Film ist zwar kapitalismuskritisch, aber mit einigen falschen Untertönen; ist nicht wirklich lebensnah und dieser Eindruck verstärkt sich gegen Ende. Die launige Schlussszene passt so gar nicht zur emotionalen Lage im Moment der Falllösung: Der letzte Teil des Running Gags „Fahrrad vs. Auto“ zwischen Ritter und Stark. Woher wusste Ritter eigentlich, dass Starks Fahrrad demontiert war? Gut, so wichtig ist dieser Fakt nun nicht, dass damit auch der Fall demontiert wäre.

Wie man in einer so aufregenden Stadt wie Berlin einen so gemächlichen Tatort drehen kann wie „Alles hat seinen Preis“ muss besonders gewürdigt werden. Schon die Hochmilieu-Tatorte mit Ritter und Stark sind ja eher glanzfassadenlastig als rasant, jetzt man sich hin zu den Markowitz-Krimis der 90er Jahre entschleunigt – ohne aber die schönen Milieuzeichnungen der damaligen Folgen als  Ausgleich zu liefern.

Die Darstellung der Figur Dagmar Klemke (gespielt von Nicolette Krebitz) bestimmt in gewisser Weise den Film. Ganz reduziert, monoton, das war gewiss Absicht – eine Frau, die einen hohlen Traum von Australien lebt und nicht nur die optische Blässe, die nicht zu jemandem passt, der in Down Under eine Tauchschule hochziehen will, passt nicht. Alles passt nicht. Der Kapitalismus, der vordergründige Altruismus einiger Figuren, der prollige türkische Taxifahrer Bülent Delikara (Oktay Özdemir), der Umgang Ritters mit dem Typ und die Darstellung des Mannes selbst erinnern ein wenig an die letzten beiden Österreich-Tatorte. Eine gewisse deftige Darstellung von Ausländern geht mittlerweile in Berlin auch und die Erklärung der sozialen Hintergründe für illegale Handlung ist sehr (not-) dürftig eingeflickt.

Die Banken und Banker sitzen bekanntermaßen in Glaspalästen, dieses Mal mit Blick auf den Dom. Letzteres ist sehr hintersinnig – denn in der Bank residiert neben einem Haufen cooler  Manager auch die gute Fee Christa Meinecke (Tatjana Blacher), die mit seltsamen Kontobewegungen dafür sorgt, dass Kleinunternehmer plötzlich kreditwürdig ausschauen. Banken als Gegenmodell zur christlichen Ethik und gleichzeitig ein Einzelfall von einem Wesen mit Herz in genau einem solchen Herzen des seelenlosen Kapitalismus. Im Grunde schön verschachtelt.

Doch leider wird das nicht konsequent ausgespielt, denn die Banken sind zwar ziemlich an allem, was heutzutage schiefläuft, aber nicht am vorliegenden Mord am Taxiunternehmer Klemke schuldig. Es wäre aber andersherum auch nicht viel besser gewesen.

Wie geschrieben, die Art, wie Dagmar Klemke gezeigt wird, ist der Schlüssel zur Stimmung in diesem Fall, nicht die launigen Wetten der ewigen Buben Ritter und Stark und deren „get a life“ in Form von wir gehen mal einen in einer imaginären Kiezkneipe trinken, in der „Griechischer Wein“ gespielt wird und wo deshalb niemand mehr hingeht zum Bier trinken. Die Kneipe ist halt bissl wie Griechenland selbst, das haben wir verstanden.

Dass der Krimi durch die Wohnungsdekors, die Kneipe und die Schauspieler eine triste Grundstimmung hat, nicht etwa eine melancholische, wie seinerzeit bei Markowitz‘ Tatorten, das haben mal wieder die Macher zu verantworten, die einfach keine stilsichere Inszenierung mehr hinbekommen. Man kann einen Krimi langsam machen oder schnell, ihn in jedem Milieu spielen lassen, aber die Stimmigkeit ist der Schlüssel zu dem, was wir immer noch als Qualitätsempfinden in uns tragen. Wir spüren sehr genau, ob man uns gute Kost vorsetzt, gleich ob hausmännisch oder modular organisiert, oder ob es vielleicht an der Leidenschaft fürs eigene Werk mangelt.

Einzig Renate Krößner entwickelt als Edith Welziehn, Sekretärin, eine zeitweilig irritierende Präsenz und hat als Figur auch eine Biografie. Schon das hätte uns darauf bringen müssen, dass sie die Täterin sein könnte, aber etwas hat uns davon abgehalten, angestrengt darüber nachzudenken, wer nun den Klemke ermordet haben könnte. Eines der gezeigten Motive war so gut oder schlecht wie das andere. Nur dass es nicht der türkische Taxifahrer war, das war uns von Beginn an klar. Dass er dann doch als nicht sauber dargestellt wird und auch als alles andere als sympathisch, wäre mal eine Klischeebruch-Durchbrechung in einem geschlossenen Konzept gewesen, wenn wir es  in „Alles hat seinen Preis“ mit lauter deftigen Milieufiguren  zu tun hätten, mit Ethnien aller Art (natürlich auch Deutschen) von denen jeder die Leidenschaft besessen hätte, sich bis zum Mord hin durchs Leben zu boxen.

Es ist aber folgerichtig, dass Sekretärin Edith, die einzige interessante Figur, auch die Mörderin ist. Man findet es eh schade, dass es so kommen musste, und das spricht für sie. Ritter und Stark spielen nicht schlecht und es ist auch nicht ganz unrealistisch, dass so viel und zäh verhört wird, aber sie sind erkennbar nicht in der Lage, ein eher uninspiriertes Gesamtwerk zu retten. Wenn eben doch Klischeesätze dominieren wie „Heutzutage werden die großen Kredite eher bewilligt als die kleinen“ und irgendwie überhaupt kein Dynamik in die Dramaturgie kommt, alles modern sein soll und hölzern wirkt, dann hat man wieder einen typischen Berlin-Tatort aktueller Machart vor sich.

Berliner Leben würde sich viel besser für beliebte Klamotten à la Münster eignen als Münster selbst sich dazu eignet, aber das will man ja hier nicht, auch nicht als letzte Rettung vor dem endgültigen Versinken qualitativer Mittelmäßigkeit und krimitechnischer Bedeutungslosigkeit. Das Preußisch-Schwere hält immer mehr Einzug in die Berliner Tatort, die Berliner Schnauze hingegen haben höchstens noch die türkischen Zuwanderer. Eine gewiss nicht beabsichtigte Ironie.

Finale

So wird das nichts mit den in kräftigen Pinselstrichen gezeichneten Berlinbildern, die der Stadt des prallen Lebens gerecht werden könnten. Tatort für Tatort, Halbjahr für Halbjahr verstreicht und eine Chance nach der anderen geht ungenutzt ins Land. Der Berliner Tatort verschläft die Gegenwart, auch wenn er Gegenwartsthemen auf ambitionierte Art aufgreift und wirkt nebenbei jetzt schon fast so didaktisch wie die NDR-Krimis aus Hannover oder die  vom BR, nur, dass hier die Figuren wohlfeile Allgemeinplätze von sich geben, und nicht die Kommissare (zumindest nicht in „Alles hat seinen Preis“, da, und das sei lobend erwähnt, machen sie überwiegend ihren Job).

Die Globalisierung, die Banken, die sozialen Beziehungen, die sich nur noch über finanzielle Abhängigkeiten definieren, jedes der Themen für sich ist einen guten Tatort wert und es gibt ja auch gute Tatorte darüber, zum Beispiel aus Frankfurt, München, manchmal auch aus Köln. Es erfordert aber einiges Geschick, diese Themen auf glaubwürdige Art anhand von Einzelschicksalen kleiner Leute zu erklären und in ihrer Wirkung glaubhaft zu machen. Wenn zum Beispiel jemand einen Bioladen betreibt, der immer in Gefahr ist, von Shoppingcentern platt gemacht zu werden, dann sollte nicht der Bruder der  Ladenbesitzerin diese für eine Träumerin erklären, denn so relativiert sich ja jede Kapitalismuskritik doch sehr.

Außerdem fühlen wir uns als Kiezbewohner, die sich über jeden netten Kiezladen freuen und nur manche langlebigen Gebrauchsgüter in großen Geschäften oder online kaufen, diskriminiert. Nein, wir gehen nicht ins örtliche Möbelhaus und bestellen dann bei ebay, und Lebensmittel in einem hochwertigen Laden zu probieren und die gleichen dann in einem Discounter für ein Drittel zu erstehen – das ist wirklich welt- und lebensfremd, ebenso wie der Blick dieses Tatortes auf das Leben. Vielleicht sollten die Macher einfach mal mehr diesem Berliner Leben nachspüren als rein ideentheoretisch zu Werke gehen. Dann würde Einiges in den Berliner Tatorten vielleicht nicht so abstrakt wirken.

Und nicht auf die falsche Fährte führen, dass uns der Kapitalismus ja nicht so beschädigen kann wie die Figuren im Film, weil wir ja doch irgendwie lebenstüchtiger und realistischer und irgendwie widerstandsfähiger gegen alles Mögliche sind. Denn in der Realität ist das Ganze ja auch viel bedrohlicher, als es im Film dargestellt wird und es gibt nirgends eine gute Fee, die unsere Ideen mit idealistischen Kontoverschiebungen unterstützt.

Berlin sorgt mit dem wohl schwächsten Tatort des bisherigen 2012 dafür, dass sich die Durchschnittsbewertung aller bis heute für den Wahlberliner rezensierten Folgen erst einmal nicht weiter nach oben bewegt. Mit sehr viel gutem Willen gegenüber der Ambition und der Absicht, uns das zu sagen, was wir über den Kapitalismus leider schon wissen

6,5/10.

© 2020, 2012 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Till Ritter – Dominic Raacke
Hauptkommissar Felix Stark – Boris Aljinovic
Bülent Delikara – Oktay Özdemir
Lutz Weber – Ernst-Georg Schwill
Pit Zuckowski – Christian Blümel
Ziska Zuckowski – Alwara Höfels
Christa Meinecke – Tatjana Blacher
Dagmar Klemke – Nicolette Krebitz
Edith Welziehn – Renate Krößner
u.a.

Drehbuch – Hartmut Block, Michael Gantenberg
Regie – Florian Kern

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