Der Fremdwohner – Tatort 515 #Crimetime 649 #Tatort #München #Muenchen #Batic #Leitmayr #BR #fremd #wohnen

Crimetime 649 - Titelfoto BR / Bavaria Film / klick / Christ

Er ist kein „Mietnomade“, also keine Fiktion

A gmahde Wiesn“, „Vorstadtballade“* und nun „Der Fremdwohner“. Und jedes Mal zwei bis drei Jahre rückwärts, Time Machine verkehrt, Ivo wird wieder blond, Franz wieder grau statt weißgrau. Aber es gibt mittlerweile über 70 Münchener Tatorte und in der Anthologie fehlt noch etwa die Hälfte davon, da ist eine solche Serie beim Lücken schließen hilfreich. Außerdem entsteht ein gutes Feeling, wenn man schon im Team „drin“ ist und immer mehr Details und natürlich auch Abweichungen von Film zu Film entdeckt.

Handlung

In der beschaulichen Münchner Au passiert ein unerklärlicher Mord: Die begeisterte Sporttaucherin und lebenserfahrene Sekretärin Veronika Burger ist das Opfer. Nicht nur deren Freund Jean-Claude Bartl benimmt sich verdächtig, als er mit einer gefälschten Vollmacht an den Banksafe der Toten will. Auch die Spur zu Frau Burgers ehemaligem Arbeitgeber, den als seriös geltenden Notar Dr. jur. Wilfried Manz, steckt voller mysteriöser Fallstricke. Die Münchner Kriminalhauptkommissare Ivo Batic, Franz Leitmayr und Oberkommissar Carlo Menzinger geraten in ein schwer zu enträtselndes Verwirrspiel möglicher Spuren.

Warum besteht Veronikas beste Freundin Anita Mecke darauf, dass es ein geheimnisvolles „Phantom“ in Veronika Burgers Wohnung gab? Dafür findet sich kein Beweis. Da stirbt Notar Dr. Manz in seiner Garage. Batic und Leitmayr finden schnell heraus, dass ein angeblicher Selbstmord vorgetäuscht ist.

Während die Münchner Kommissare unter Hochdruck die Beweislage auswerten, erhalten sie den Brief eines anonymen Zeugen, der den Mord an Veronika Burger beobachtet haben will. Nach und nach nimmt das „Phantom“ gespenstische Gestalt an.

Neben den neuen Tatorten ist das nun der dritte Münchener hintereinander, der die TatortAnthologie weiter auffüllt – nicht zu viel vom selben Team?

Rezension

Wie bewährt sich der Fremdwohner im Vergleich zu bereits reszensierten Fällen der Bayern-Cops?

Sehr auffällig ist zunächst sein Verhältnis zu einem Tatort, der gar nicht vom BR und in München gedreht wurde: „Der stille Gast“ mit Klaus Borowski aus Kiel als Ermittler. Da der Münchener Tatort wesentlich älter ist, versteht sich von selbst, wer wo abgekupfert hat. Allerdings kann gerade anhand dieses Vergleichs auch wichtige Unterschiede herausarbeiten.

In Kiel ist der stille Gast wirklich der Täter, es handelt sich um einen echten, eindeutigen Thriller und Howcatchem, der ziemlich straight erzählt ist. In München hingegen gibt es einen sehr gelungenen Twist, als wir erfahren, dass der Fremdwohner gar nicht getötet hat, sondern ein unglücklicher, einsamer und von einem eigenen und einem sozusagen ererbten Trauma belastet ist, welches das spätere, selbst erlebte sozusagen provoziert hat.

Solche Filme funktionieren nur, wenn Figuren wie der Fremdwohner oder der Gast gut gespielt sind. Das heißt, man benötigt einen kapablen Darsteller. Den hatte man in Kiel in Lars Eidinger auf jeden Fall, aber auch der Fremdwohner ist mit August Zirner hervorragend besetzt. Identisch ist sogar deren Beruf, beim Fremdwohner allerdings vorgespielt, während eine der wenigen Schwächen des Kiel-Tatortes der Umstand ist, dass es kaum glaubwürdig wirkt, dass ein echter Paketdienstfahrer immer so auf Abwege gehen kann. Ein Problem haben die Filme aber auch gemeinsam, nämlich: Wie ist es immer so leicht möglich, in die Wohnungen einzudringen? Ein dickes Schlüsselset oder mal schnell hineinhuschen, um einen Nachschlüssel fertigen zu lassen, reichen mir da nicht aus. Was auch bedeutet: Wir müssen uns keine übertriebenen Sorgen vor Fremdwohnern machen, selbst dann nicht, wenn wir keine ausgefuchsten Systemschlösser an den Wohnungstüren haben.

Selbstverständlich bemerkt man den Altersunterschied der Filme. Da gleicht sich Plus und Minus wieder aus. Während in Kiel ein Happy-End nicht möglich ist, sogar ein zweiter Film mit demselben Täter gedreht werden kann, findet am Ende unser Münchener Fremdwohner eine Friseurin, die es ihm nicht verübelt, dass er sich in ihr Leben gemischt hat. Immerhin hat er ihre Tochter in einer wichtigen Situation beschützt. Die Schlussszene ist wundervoll und rührend, im Norden hingegen ein Open End, das man zunächst gar nicht als solches identifiziert, weil der mörderische Gast ja festgenommen wurde. Das ist emotional eine andere Hausnummer.

Allerdings zeigt der Münchener Tatort auch noch Spuren der 1990er. Wie zum Beispiel das echte Mörderpärchen. Seit irgendwann vor der Wende, in den mittleren 1980ern, gefiel sich die Reihe darin, den Wohlstand zu geißeln, indem sie nichtsnutzige Menschen zeigt, die sich mit absurden Dingen befassen können, weil sie postmateriell sind, da sammeln sich seltsame Clowns aller Art und besonders gerne werden visuelle Künstler, die Porno- und Clubszene und alles, was einen Hauch von Exhibitionismus und schräger Lebenskultur hat, hergenommen. Die Wendezeit hat diese eigentlich stereotype, unrealistische, nicht selten langweilige Klientel deshalb gut überstanden, weil eben die Wende kam. Der Abgleich zwischen existenzbedrohtem Ossi und dekadentem Wessi hat diese Art von Figuren noch einige Jahre gerettet und so sehen wir in „Der Fremdwohner“ ein Mörderpärchen, das schön abstoßend, aber auch lächerlich und überzogen im eher biederen Filmstil der 1990er wirkt. Das fängt im Grunde schon mit der allzu puppigen Puppe im Aquarium an, dass alles einen gekünstelten Eindruck macht. Ich habe beinahe meinen Augen nicht getraut, dass uns diese Puppe als Leiche verkauft wird und dachte an absurdes Theater. Dieser Eindruck rang mit dem des bedauernswerten Fremdwohners um die Vormacht, während ich mir den Film angeschaut habe.

Zu Wort, wenn man das so bezeichnen kann, kommt auch der Münchener Stadtteil Au, der so etwas wie die Berliner Siedlungen der Bauhauszeit hat, etwas kleinteiliger, etwas lichter als die sonstige urbane Bebauung, ein gehobenes Viertel, das einen geradezu kleinstädtischen (nicht dörflichen) Charme ausstrahlt – oder eben den einer städtebaulichen Idee, die allen Anspruch auf Urbanität erheben darf, ohne ihn mit menschenfeindlicher Betonklotz-Architektur beleben zu müssen. Dass Franz da einzieht, passt ganz gut, zu Ivo „Baci“ hätte es auch gepasst, aber der hilft ja immerhin beim Möbel tragen. Für einen Moment dachte ich, sie lassen das Sofa wirklich über die Brüstung fallen, aber so weit in Richtung Münster wollten sie in München wohl doch nicht gehen, zumal Münster gerade erst in dem Jahr startete, in dem „Der Fremdwohner“ entstand. Der Fremdwohner selbst hingegen wohnt in einer solchen Bausünde, in der die Anonymität und die Einsamkeit mehr zuhause sind als die Bewohner und folgerichtig über diese Bewohner herrschen.

„Der Fremwohner“ ist sicher nicht der spektakulärste Münchener Krimi mit Batic und Leitmayr, auch wenn er einen weiteren Tatort angeregt hat, und das Team ist okay, aber hat in diesem Film keine Sternstunde, insbesondere gilt das für den damals noch konstituierenden Carlo Menzinger, der hier in Person von Michael Fitz ein wenig unbeholfen wirkt.

Finale

Das Kriminalistische haben wir noch nicht besprochen, bis auf die Tatsache, dass man den Fremdwohner lange für den Mörder hält und sich dann abrupt herausstellt, dass es die Fotografin und ihr Gspusi waren. Und dass die Tote, die so seltsam ins Aquarium hineinhängt, einen Freund hat, der eine Karikatur von einem Checker ist.

Irgendwie habe ich das Gefühl, das muss 2002 schon ein alter Hut gewesen sein, sich darüber lustig zu machen, dass jemand das Wort „checken“ etwas zu häufig verwendet, jedenfalls hat dieser Charakter ein gewisses Fremschäm-Potenzial. Das Motiv für die Morde des abgedrehten Pseudokünstler-Pärchens sind sehr unschlüssig und, sofern es sich dabei um die Idee handelt, Life-Inszenierungen mit echten Tötungshandlungen zu machen, ausgemachter Humbug. Interessanterweise gibt es das in Münster  nicht, dass das Motiv so an den Haaren herbeigezogen ist und damit Teil des Klamauks wird, und das ist sicher ein Geheimnis des Erfolgs der nunmehr mittleren WDR-Schiene.

Die Empathie für den Fremdwohner hingegen, der als interaktiver Gast besser bezeichnet wäre, weil er ja nicht wirklich in seinen Zielobjekten und bei seinen Zielsubjekten wohnt, reißt einiges heraus, was sonst allenfalls Durchschnitt darstellt und führt zu einer respektablen Wertung von

7/10.

© 2020 (Entwurf 2016) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

*Im neuen Wahlberliner noch nicht veröffentlicht

Ivo Batic – Miroslav Nemec
Franz Leitmayr – Udo Wachtveitl
Carlo Menzinger – Michael Fitz
Pieringer – August Zirner
Claudia Ruhland – Claudia Lössl
Ana Gramm – Barbara Philipp
Wilfried Manz – Wilhelm Manske
Boris Bartl – Andreas Maria Schwaiger
Anita Mecke – Bettina Redlich
Bernie – Michael Tischan
Conny – Maren Gilzer

Buch – Markus Fenner
Regie – Peter Fratzscher

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