Robin Hood, König der Vagabunden (The Adventures of Robin Hood, USA 1938) #Filmfest 155

Filmfest 155 A

2020-08-14 Filmfest ADas essenzielle Abenteuerkino

Eine schöne Restauration in hervorragender Bildschärfe und satten, das Grün betreffend etwas giftigen Farben haben wir genießen dürfen, genau das, was einem solchen Abenteuerklassiker wie „Robin Hood“ eignet, und diese gepimpte Version des ersten Dreifarben-Technicolorfilms von Warner ist nun jene, die künftig wohl ausgestrahlt werden wird. Daran ist nichts Schlimmes, die Musik ist original und die deutsche Synchronisation ebenfalls die ursprüngliche, was bedeutet, dass satte Schauspielersprache mit leichtem Rauschen das Flair dieses alten Films erhöht. Freilich kam der Film erst nach dem Ende der NS-Zeit nach Deutschland:

Im Juni 1950 wurde das mit 22.000 Zuschauern größte Freilichtkino der Welt an der Berliner Waldbühne mit Robin Hood, König der Vagabunden eröffnet.[10

Mehr dazu in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Im Jahre 1191 wird König Richard Löwenherz auf dem Rückweg vom Kreuzzug durch Leopold von Österreich gefangen genommen. In England sieht Richards machthungriger Bruder Prinz John seine Chance gekommen und bemächtigt sich mit Hilfe anderer normannischer Adeliger der Vorherrschaft über das Land. Er erhöht die Steuern für die Angelsachsen, um angeblich mit dem zusätzlichen Geld Richards Lösegeld aufzubringen, doch tatsächlich füllt er damit seine eigene Kasse. Wegen der hohen Abgaben verarmt die sächsische Bevölkerung, und wer die Steuern nicht zahlt oder an Prinz John Kritik übt, wird von dessen Schergen auf alle möglichen Arten gequält. Als der Sachse Much im königlichen Forst aus Hunger einen Hirsch schießt, obwohl hierauf die Todesstrafe steht, greift Sir Guy von Gisbourne, Prinz Johns einflussreicher Berater, ihn auf und will ihn töten lassen. Doch der sächsische Adelige Robin von Locksley, auch bekannt als Robin Hood, taucht auf und kann Gisbourne verjagen. Der gerettete Much schließt sich Robin aus Dank an.

Am Abend gibt Guy von Gisbourne ein Bankett mit Prinz John und anderen Adeligen als Gästen, wo auch Robin Hood Thema ist. Der tritt in den Saal ein und bezichtigt Prinz John forsch des Verrats an König Richard. Als Prinz John verkündet, er sei so lange Regent, bis sein Bruder zurückkehre, sagt Robin ihm offen den Kampf an. Die Wachen versuchen, Robin zu fangen, doch der kämpft sich frei und entkommt. Wegen Robins Taten erklärt Prinz John ihn für vogelfrei und entzieht ihm Adelstitel und Besitz. Robin zieht sich mit seinem treuen Freund Will Scarlet in den Wald von Sherwood zurück. Hier trifft er Little John sowie den Mönch Dick, die er als Freunde und Mitkämpfer gewinnen kann. Er sammelt eine rasch größer werdende Anzahl von gepeinigten Sachsen um sich. Die Männer nehmen den Kampf gegen die Schreckensherrschaft auf, indem sie unter anderem opportunistische Adelige und Kirchenmänner überfallen und ausrauben.

Eines Tages begleitet Sir Guy von Gisbourne zusammen mit dem feigen Sheriff von Nottingham sowie der schönen Jungfer Lady Marian Fitzwalter, einem Mündel König Richards, einen Transport sächsischer Steuergelder. Robin und seine Männer überfallen den Zug und verschleppen ihn in ihr Lager im Sherwood Forest, wo sie ein Bankett veranstalten und den Normannen ihre prunkvollen Kleider und das Steuergeld abnehmen. Robin nutzt die Gelegenheit, Marian die Augen über die wahren politischen Zusammenhänge zu öffnen, und beide kommen sich näher. Nachdem Robin die Normannen unverletzt freigelassen hat, ersinnt der Sheriff von Nottingham eine List, ihn zu fangen: Er veranstaltet ein Bogenschützenturnier, dessen Teilnahme sich Robin als bester Bogenschütze des Landes nicht entgehen lässt. Nachdem der verkleidete Robin das Turnier gewonnen hat, wird er von Gisbourne festgenommen und zum Tode verurteilt. Mit Marians Hilfe und durch das Eingreifen von Robins Gefährten gelingt ihm vor der Hinrichtung die Flucht. Robin und Marian werden ein Paar und sie versorgt ihn von nun an mit Informationen vom Hofe Prinz Johns.

Richard und einige seiner Kreuzritter kehren als Kaufleute verkleidet nach England zurück. In einem Wirtshaus treffen sie auf den Bischof von Blackcanons, der Prinz John ergeben ist. Der Bischof erkennt Richard und informiert Prinz John umgehend darüber, dass der König zurück in England ist. Prinz John gibt Dickon Malbete, dem Hauptmann der Hofgarde, den Auftrag, Richard umzubringen. Marian belauscht die Intrige, doch bevor sie Robin benachrichtigen kann, wird sie von Gisbourne gefangen genommen. Weil sie zu Robin hält, verurteilt Prinz John sie zum Tode und lässt sie in den Kerker werfen. Marians Dienerin Bess kann aber Much benachrichtigen, mit dem sie befreundet ist. Much lauert Dickon unterwegs auf und kann ihn im Kampf töten. Im Glauben, Richard sei ermordet, will Prinz John sich am nächsten Tag in der Burg Nottingham zum König krönen lassen.

Mittlerweile trifft Robin im Wald auf den verkleideten König Richard, der sich zu erkennen gibt, als er der Treue der Geächteten zu ihrem König gewahr wird. Sie zwingen den Bischof von Blackcanons, der die Krönung vollziehen soll, Robin und seine Männer als Mönche verkleidet unbehelligt ins Schloss zu führen. Gemeinsam mit Richards Kreuzrittern nehmen sie den Kampf gegen Prinz Johns Gefolgsleute auf. Robin gelingt es, Guy von Gisbourne in einem Fechtduell zu töten. Dann befreit er Lady Marian aus dem Kerker. König Richard verbannt Prinz John und seine Gefolgsleute ins Exil, begnadigt Robin und dessen Männer und gibt Robin seine Ländereien wieder, sowie Marian zur Frau. Schließlich verlässt Robin mit Marian an seiner Seite das Schloss.

Rezension

„The Adventures of Robin Hood“ verfügt über Flair und Skills im Übermaß. Glänzend besetzt, ohne viel Brimborium von vorne bis hinten durchgefilmt, abenteuerlich im Gepräge und natürlich fern von den Relativierungen  oder Ironisierungen, die heute in Filmen dieser Art als Subtext unerlässlich sind, wenn immer wieder Stoffe wie dieser neu verfilmt werden. Robin Hood-Filme eignen sich kulturhistorisch und sozialgeschichtlich erstklassig für eine Dissertation, zu fertigen mehr von angehenden Sozial- oder Kulturhistorikern als von Filmtheoretikern, denn natürlich spiegeln die vielen Verfilmungen von der 1922er Version mit Douglas Fairbanks bis zu der von 2010 unter der Regie von Ridley Scott mehr die Zeitumstände, unter denen sie entstanden sind, als das Mittelalter, in dem sie spielen.

Nachdem am Beginn des Tonfilmzeitalters technische Grenzen zu beachten waren, befreite sich gegen Mitte der 30er Jahre das Kino wieder von diesen Beschränkungen, zusätzlich kam der echte Farbfilm auf, das Dreifarben-Technicolor, das besonders dem romantischen Abenteuer dienlich war und führte zu einem Boom der Mantel- und Degenfilme – befördert auch durch einen Publikumsgeschmack, der genug von grauen Depressionsdramen und zu viel Realismus hatte.

Die Warner Brothers, die das Werk produziert haben, waren durchaus im harten, realistischen Film und später auch im Film noir zuhause, aber sie konnten auch anders und hatten mit Errol Flynn und Oliva de Havilland das beste romantische Liebespaar jener Zeit zusammengeführt, um ganz andere Streifen zu drehen – erstmalig spielten die beiden zusammen in „Captain Blood“, der Errol Flynn auf einen Schlag zum Star machte (ausführliche Rezension im Wahlberliner).

Nicht auf hoher See und in exotischen Gefilden, sondern in den grünen Wäldern Mittelenglands fanden sie sich wieder und die Chemie stimmte auch bei der zweiten Zusammenarbeit. Wieder führte Michael Curtiz Regie (zumindest zeitweise), der schon für „Captain Blood“ verantwortlich war. Was also sollte schiefgehen?

Es ging nichts schief. Die 1938er Version mit ihrer Spielfreude, ihrer simplen Botschaft, der klaren Teilung in ganz böse Bösewichte und besonders gute Gutmenschen, ihrer destinativen Form, Liebe zu zeigen als etwas Natürliches und Romantische, ohne viel Aufhebens und noch ohne die Psychologisierung, die bereits in Ansätzen im US-Kino zu sehen war, dieser Film am Vorabend des Zweiten Weltkrieges ist bis heute der gültige Robin Hood-Film, denn dieses Thema ist nach unserer Ansicht Differenzierungen nicht so leicht zugänglich, wie sie in späteren Versionen immer wieder versucht wurden. Entweder oder. Kämpfen oder sich unterdrücken lassen, Liebe oder Tod, Freundschaft oder Verrat, nichts liegt dazwischen und nicht zuletzt von dieser märchenhaften Eindeutigkeit leben solche farbenprächtigen Abenteuer. Es hätte vielleicht noch etwas mehr Humor sein dürfen, wie er in ähnlichen Swashbucklern gezeigt wird, aber diese Siegessicherheit und große Ausstrahlung, die Errol Flynn seinem Robin Hood verleiht, machen das wett und Michael Curtiz war kein Komödienregisseur.

Die Botschaft ist sozial, daran ist bis heute kein Fehl zu finden. Sie ist pro Freiheit und gegen die Unterdrückung und das auf eine absolut direkte Weise. Damals nicht selbstverständlich: Auch die Kirche wird nicht geschont, denn der einzige Kirchenmann, den wir sehen, ist ein korrupter Bischof, ein Wendehals obendrein. Einen Subtext gibt es allerdings: Robin Hood macht Richard Löwenherz, als dieser nach England zurückgekehrt ist, bei aller Treue und Verehrung, die er für den König empfindet, einen Vorwurf. Nämlich, dass dieser in fremden Ländern umherzieht, anstatt sich ums Wohlergehen seines Volkes zu kümmern und es gegen böse Mächte wie Bruder John und Konsorten zu schützen. Löwenherz versucht, die Kreuzzüge als gute Sache zu rechtfertigen, aber so stimmig wirkt das nicht. Es ist klar, was damit gemeint ist: 1938 sah man einen neuen Krieg in Europa kommen und war zunächst und ohne Wissen um das Ausmaß der NS-Verbrechen auf der Seite der vielen Amerikaner, die nicht 20 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg schon wieder in einen Waffengang fern der Heimat, auf dem alten Kontinent, verwickelt werden wollten. Die Politik habe sich bitte erst einmal um das Wohl des eigenen Landes zu kümmern, das sich gerade erst von der schwersten Wirtschaftskrise seiner Geschichte zu erholen begann.

Gut und Böse sind im Mittelalter freilich nicht nach politischem System geordnet, zur Verbreitung von demokratischen Werten gibt es andere Filme. Die Archetypen, die uns hier begegnen, kann man auf die Zeit beziehen, aber das Schöne an solchen Filmen ist das Überzeitliche. Es gibt immer etwas, wofür oder wogegen sich zu kämpfen lohnt. Ob am Ende immer eine schöne Frau steht und die Wiedereinsetzung in alle Titel, wie Richard sie dem zwischenzeitlich für vogelfrei erklärten Robin gewährt, es geht immer um etwas sehr Wichtiges. Wo wären wir, wenn wir nicht daran glauben würden? Nicht im Jahr 1938, jedenfalls.

Die USA tragen eine große Mitschuld daran, dass wir heute nicht mehr so denken können, denn sie hat uns ihre Werte nach der Stunde Null als Alternative zum auch ideologischen NS-Desaster angeboten und mit den Werten kamen diese wunderbaren Filme wie „Robin Hood“ nach Deutschland, die uns träumen ließen und ein wenig von der verlorenen Unschuld zurückzugeben schienen. Seit längerer Zeit aber sorgen gerade die USA dafür, dass wir alles hinterfragen und uns nicht mehr mit einfachen Antworten zufriedengeben und je mehr wir den Zynismus des Systems verstehen, das die heutigen USA kennzeichnet, desto mehr entfernen wir uns von der Grundlage, auf der wir uns verständigt hatten, als wir Filme wie „Robin Hood“ als Botschafter einer anderen, edleren Welt willkommen hießen.

Leider beeinflusst das auch unsere Sicht auf diese schönen, alten Filme, die wir besonders gerne rezensieren, weil sie in mancher Hinsicht mehr inspiriert sind als das heutige Kino. Sie haben echten Schwung, die Kraft eines noch jungen Mediums und den Glauben an sich selbst. Um sie in Relation zur Wirklichkeit zu setzen, ist der Blick auf die Entwicklung bis heute zwar wichtig, aber um sie genießen zu können, müssen wir diese Perspektive aufgeben und sie als Märchen verstehen, die im Wesentlichen für Erwachsene und Kinder gleichermaßen angefertigt wurden und wie alle Märchen eine Philosophie, einen moralischen Kodex, eine Prämisse haben.

„Die Abenteuer des Robin Hood“ sind prunkvolles Kino am Ende eines großen Hollywood-Jahrzehnts, das aber sein bestes Jahr noch vor sich haben sollte, in dem „The Wizard of Oz“ und „Gone With the Wind“ enstanden. Diese Filme stehen auf jeden Fall über „Robin Hood“, der sich einer tieferen Analyse abseits seiner Zeitbezüge auch deshalb verschließt, weil er kaum bestreitbare Wahrheiten über Freundschaft und Gerechtigkeit und über einfache, große Gefühle so unverstellt darbietet, dass man nicht um die Ecke denken und in trüben Gewässern des Unterbewusstseins forschen muss, um ihn ganz und gar zu erfassen. Dadurch, und nicht etwa, weil wir ihn nicht mögen, endet die Rezension bereits hier, mit

81/100

© 2020, 2017, 2014, 2013 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Michael Curtiz, William Keighley, zahlreiche Nebenregisseure
Drehbuch Norman Reilly Raine, Seton I. Miller
Produktion Hal B. Wallis, Henry Blanke
Musik Erich Wolfgang Korngold
Kamera Tony Gaudio, Sol Polito

Errol Flynn: Robin Hood
Olivia de Havilland: Lady Marian
Basil Rathbone: Sir Guy von Gisbourne
Claude Rains: Prinz John
Patric Knowles: Will Scarlet
Eugene Pallette: Bruder Tuck
Alan Hale Sr.: Little John
Herbert Mundin: Much, der Müllerssohn
Melville Cooper: Sheriff von Nottingham
Ian Hunter: König Richard Löwenherz
Una O’Connor: Bess
Montagu Love: Bischof von Blackcanons
Harry Cording: Dickon Malbete

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