Der Vagabund und das Kind (The Kid, USA 1921) #Filmfest 156

Filmfest 156 A "Concept IMDb Top 250 History" (2)

 

Mehr als ein Lächeln und ganz sicher eine Träne

Eine Frau setzt ihr kleines Kind aus, wie sie meint, in Sicherheit, nämlich in der Limousine reicher Leute, doch die wird umgehend gestohlen und die Gangster legen das Kind in einem Slum ab, wo der Tramp Charlie es auf seinem Morgenspaziergang findet, es zunächst ebenfalls loswerden will, aber dann durch einen Sorge-Aufruf gerührt wird, den er auf einem Zettel findet, dieser Zettel wird später noch eine wichtige Rolle spielen, doch zunächst entwickelt sich ein kumpelhaftes Vater-Sohn-Verhältnis, das unter anderem geschäftlich nutzbar gemacht wird. Auf welche Weise das geschieht und über vieles mehr zum Film schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung

Als sie das Krankenhaus nach der Entbindung verlässt, legt eine vom Vater ihres Kindes verlassene Mutter ihr Neugeborenes in eine Limousine.[2] Auf einem Zettel hinterlässt sie die Bitte, für „das Waisenkind“ zu sorgen. Anschließend will sie sich das Leben nehmen. Kurz darauf stehlen Diebe die Limousine. Als sie das Baby auf dem Rücksitz bemerken, entsorgen sie es kurzerhand neben einer Mülltonne. Der Tramp, der arm, aber nicht obdachlos ist, findet das Kind. Nachdem er vergeblich versucht hat, es wieder loszuwerden, nimmt er es mit zu sich nach Hause. Er findet den Zettel der Mutter und kümmert sich fortan wie ein Vater um den Kleinen, dem er den Namen John gibt. Die Mutter hat inzwischen – von Reue geplagt – ihre Selbstmordabsichten aufgegeben, findet aber vor der Villa die geparkte Limousine nicht wieder und erfährt, dass diese gestohlen wurde.

Fünf Jahre später ist aus der Mutter ein Opernstar geworden. Sie leistet Wohltätigkeitsarbeit, bei der sie, ohne es zu wissen, auch ihrem mittlerweile zu einem aufgeweckten Kleinkind herangewachsenen Sohn begegnet. Auf einem Empfang trifft sie den Vater des Kindes wieder, der ebenfalls berühmt geworden ist, aber die Wunden der Vergangenheit sind nicht zu heilen – sie leidet noch immer unter dem Verlust ihres Kindes.

Bei einem ihrer Besuche im Armutsviertel findet sie den Jungen krank vor und bringt ihn zu Charlie. Sie verspricht, wiederzukommen, um nach dem Jungen zu sehen. Dem Arzt, der John behandelt, erklärt Charlie auf dessen Frage, nicht der wahre Vater zu sein, und zeigt ihm den von der Mutter geschriebenen Zettel. Der Arzt kündigt an, sich darum zu kümmern, dass das Kind angemessene Pflege erhalte. Einige Zeit darauf erscheinen zwei Mitarbeiter des örtlichen Waisenhauses, um John abzuholen. Die heftige Gegenwehr Charlies und des Jungen kann nur mit Hilfe eines herbeigerufenen Polizisten gebrochen werden, doch Charlie entkommt dem Polizisten und kann John noch vor der Ankunft im Waisenhaus wieder an sich bringen.

Währenddessen trifft die Mutter, die wie versprochen nach dem Jungen sehen will, vor der leeren Wohnung den Arzt, der ebenfalls vergeblich gekommen ist. Er zeigt ihr den Zettel, und die Mutter erkennt, dass John ihr eigenes Kind ist.

Da Charlie nicht zurück in seine Wohnung kann, übernachtet er mit John in einer billigen Armenunterkunft. Deren Wirt entdeckt in der Zeitung eine Suchanzeige nach dem Kind und bringt den schlafenden John zur Polizei, um sich die Belohnung zu verdienen. Charlie sucht vergeblich nach John. Während die Mutter im Morgengrauen ihr Kind von der Polizei abholt, kehrt Charlie niedergeschlagen zu seiner Wohnung zurück. Er findet sie verschlossen vor und schläft vor dem Hauseingang ein. Aus einem Traum wird er unsanft von einem Polizisten geweckt, der ihn zum Haus der Mutter bringt, wo er John wieder in die Arme schließen kann.

Rezension

Nachdem wir uns mit sieben Filmen aus seiner Zeit bei der Mutual Picture Corporation auf die „großen Chaplins“ vorbereitet haben (1), nähern wir uns wieder einem Film, den wir erstmalig gesehen haben, da waren wir gefühlt kaum älter als Jackie Coogan, der unvergleichliche Kinderstar, mit dem Chaplin in diesem Film zusammen ein Duo abgibt, das in die Filmgeschichte einging.

Männern, die alleine erziehen (müssen), ist der Film unbedingt zu empfehlen, denn da steckt so viel Schönes und Wahres drin über das Vater-Sohn-Verhältnis und wie es im Optimalfall sein kann. Nein, wir meinen damit nicht, dass die beiden ein Kleingaunerpärchen bilden, obwohl auch das auf jeden Fall dazugehört: Zwei schlagen sich durchs widerständige Leben oder widerständig durchs Leben. Dieses Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft ist es im Wesentlichen, das den Film so anziehend macht. Keine Welt kann so grausam sein, dass darin nicht Liebe und fröhliches Miteinander möglich wären.

Die ebenfalls innewohnende Sozialkritik greift prinzipiell heute noch, aber nicht in der Schärfe, die wir hier gezeigt bekommen. Zu Anfang erfindet Edna Purviance, Chaplins Ex-Frau, die „Das Kind“ geboren hat, das Chaplin bald darauf „John“ taufen wird (der damals häufigste Name in den USA), die Babyklappe auf eigene Faust. Aber wie lange hat es gedauert, bis es sie wirklich gab? Schon im 18. Jahrhundert wird die Einrichtung nachweislich beschrieben, aber in Deutschland wurde sie erst 1999 institutionell eingeführt. Es werden moralische Bedenken gewesen sein,  die eine frühere Verwirklichung verhindert haben. Seit „The Kid“ waren also fast 80 Jahre vergangen, bis Frauen in Not ihre Kinder auf eine Weise abgeben konnten, die eine sichere Fürsorge ermöglicht.

Für einen Moment hatten wir den Eindruck, Chaplin wollte seiner Exfrau mit der Rolle der Mutter, die sich des Kindes entledigt, nicht unbedingt etwas Gutes tun. Der Knackpunkt ist dabei nicht das Verhältnis zum Kindsvater, der ein Hallodri im Künstlerleben ist und ihr Foto sinnbildlich verbrennt, sondern, dass sie nicht als arm gezeigt wird. Chaplin konstituiert seine Figuren auf sehr anschauliche Weise über die Optik, mithin die Bekleidung. Und im Gegensatz zu dem Slumbewohnern, zu denen Chaplin gehört, wirkt die Mutter eher mittelständisch und erst, als sie den ganz großen Erfolg hat, der ihr eine Versorgung des Kindes problemlos ermöglicht, weil sie sich zum Beispiel ein Kindermädchen leisten kann, nimmt sie es zu sich – durch einen filmtypischen Zufall befördert, erfährt sie, dass der kleine John bei Charlie lebt.

Allerdings ist das Kind unehelich, und das stellte 1921 eine andere Kategorie dar als heute. Deswegen auch der anklagende Zwischentitel: „Die Frau – ihre Sünde ist es, Mutter zu sein“. Gemeint ist damit, dass sie als ledige Person ein Kind geboren hat, nicht die Mutterschaft an sich. Außerdem nimmt sie am Ende auch Charlie auf. Nicht sofort, erst einmal ist er herzzerreißend allein, aber dann kommt das Auto der Mutter mit dessen Chauffeur und nimmt Charlie auf. Eine Beinahe-Wiederholung des Endes von „Der Vagabund“, der fünf Jahre zuvor bei der Mutual entstand und mit dem „The Kid“ eine weitere auffällige Parallele hat: Dort ist Charlies Love Interest ein Mädchen, das in seiner Kindheit von Zigeunern geraubt, von ihnen misshandelt und als Arbeitssklavin benutzt wurde, also ebenfalls ein seiner natürlichen Umgebung entrissenes Wesen und das Ende beider Filme konstituiert sich auf die gleiche Weise: Charlie kommt in Kontakt mit diesem Wesen, das sozusagen errettet wird und seine Rettung geht damit einher.

Wir haben „The Vagabond“ als den persönlichsten unter Chaplins Mutual-Filmen bezeichnet, und wir lgen uns darauf fest, dass von den ab 1920 entstandenen Filmen wiederum „The Kind“ sein ureigenster ist – neben „Limelight“, seinem elegischen Abgesang auf das Leben als Clown. 

Wer die Slums und das sich Finden und verlassen werden so dramatisch beschreiben kann wie Chaplin, der hatte selbst etwas damit zu tun und wir verzeihen daher die stellenweise zu bemerkende Überdramatisierung der Darstellungen, die ein paar Stunden nach dem Film die Regung hervorriefen: So ungeheuerlich und direkt sind wir selten manipuliert worden. Dann: Warum nicht, wenn’s einem guten Zweck dient, nämlich das soziale und politische Gewissen zu wecken oder zu stärken – und das war sicher eines von Chaplins Anliegen mit „The Kid“, in diesem ersten längeren Spielfilm von Chaplin mindestens so stark ausgeprägt wie in „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“.

Chaplins Kindheit in ärmsten Londoner Verhältnissen gehört zur Legende vom Mann, der aus dem Nichts kam und zwischenzeitllich der reichste Filmstar Amerikas wurde. Die eigene Mutter, die in eine Anstalt eingewiesen wurde, worauf hin sein Bruder und er eine harte Kindheit im Waisenhaus fristeten, das alles kann man bei „The Kid“ nicht wegdenken. Trotzdem schaffte er es zu Weltruhm. Der amerikanische Traum hat viele Symbolfiguren, Chaplin ist eine der wichtigsten. Seine spätere, zwangsweise Abwendung von den USA macht seine Biografie endgültig zu einem Sinnbild, weil sich in ihr alles Gute und Schlechte spiegelt, was dem Land der einstmals unbegrenzten Möglichkeiten eignet. Und selbstverständlich muss die Frage erlaubt sein, wie chaplineske Jugendbiografien im Normalfall weiterverlaufen.

Unbegrenzt waren 1921 bereits Chaplins Möglichkeiten, da er seit 1919 als Mitbegründer der United Artists, des ersten unabhängigen Filmverleihs (zusammen mit den ebenfalls zur Superstar-Kategorie zählenden Schauspielern Mary Pickford und Douglas Fairbanks sowie dem Pionier D. W. Griffith) in der Lage war, sich absolut selbst zu verwirklichen.

„The Kid“ ist aber ein Übergangsprojekt in mehrerer Hinsicht: Weg von den Kurzfilmen hin zu den nächsten großen Chaplins wie „Goldrausch“, steht er mit 54 Minuten Spielzeit etwa in der Mitte, außerdem wurde der Film noch für die First National produziert, nicht für United Artists, da Chaplin seinerzeit noch einen 1917 geschlossenen Vertrag mit der Firma hatte, die später in den Warner Brothers aufging. Künstlerisch konnte Chaplin aber schon bei der Mutual im wörtlichen Sinn sein eigenes Ding drehen und das trifft auch auf „The Kid“ zu, mit dem Chaplin eine Schaffenskrise beednete, die ihn nach 1918 erfasst hatte und es bewirkte, dass er beinahe wiederwillig daran ging, vertraglich vereinbarte Arbeiten fertigzustellen.

Ihm fehlte wohl die zündende Idee für den nächsten künstlerischen Schritt, und die kam ihm als er den vierjährigen Jackie Coogan sah, der ein „Theaterkind“ war. Was heute nicht mehr so einfach ist, kam vor hundert Jahren häufig vor: Dass eine Artistenfamilie schon die Kleinsten mit auf die Bühne nahm, denn erstens  ziehen Kinder immer und trugen damals etwas zum Unterhalt der Familie bei, zweitens wurden sie auf diese Weise zu quasi geborenen Schauspielern, Tänzer und, bei entsprechendem Talent, zu Sängern (siehe auch das etwa zeitgleich ablaufende Schicksal des späteren Musicalstars Judy Garland).

Eine Herzensangelegenheit wie diesen Film zu kritisieren und dabei auch seine Schwächen zu benennen, ist nicht einfach, zumal, wenn das Werk von Chaplin stammt, den wohl jeder verehrt, der das Medium Film liebt. Wir gehen deshalb auch von der positiven Seite heran.

Neben der fantastischen Chemie zwischen Coogan und Chaplin, die viel über Chaplin aussagt, der hier seine eigene Kindheit noch einmal durchlebt, gibt es jene großartige Ausbalancierung von Komik und Tragik, von kleinem Gaunertum und großem Pathos, die von vielen Kritiken gerühmt werden – so sehr, dass der Film noch heute auf „Rotten Tomatoes“, einer der beiden US-Sammelbasen für Kritiken, eine 100 %-Bewertung bekommt. Die vielen wunderbaren, nie übertriebenen und nie banalen Gags und der ikonische Moment, in dem Jackie Coogan auf der Ladefläche des Lkw der staatlichen Fürsorge steht und weinend die Hände nach Charlie ausstreckt, sind so fesselnd und so emotional, dass es fast hundert Jahre nach dem Entstehen des Films Taschentücher benötigt, um ihn anschauen zu können. Selbst beim Schreiben ist das alles sofort wieder präsent. Heute würde man eine solche Szene nicht mehr filmem, weil man glaubt, es würde lächerlich wirken. Da fragen wir uns natürlich: warum?

Weinen heute Kinder nicht mehr und gibt es das Gefühl des großen Abschiedsschmerzes mit Tränen nicht mehr? Doch, aber wir haben eine andere Einstellung. Unser Zeitalter mit seinem leider berechtigten Zynismus ist vieler Illusionen und einfacher Zugänge zu den wahren Dingen des Lebens beraubt und das Wort Kitsch anstatt Kunst fällt schnell, wenn es um das unreflektiert wirkende Zeigen von Gefühlen auf der Leinwand geht. Wer zum Beispiel würde als Kritiker zugeben, eine Rosamunde Plicher-Verfilmung zu schauen, die wir für die Übertragung von Groschenromanen in bewegte Bilder halten, in denen Gefühle en Gros feilgeboten werden.

Da gibt es allerdings einen wichtigen Unterschied: Chaplins Film ist sicher auch berechnend, aber nicht Ausdruck einer wirklichkeitsfremden Gefühlsduselei, die auf die Naivität bestimmter Publikumskreise zielt, welche geradezu industriell ausgeschlachtet wird und keinerlei Tiefe aufweist – selbst die Tatsache, dass es einfache Gefühle und die typischen Schwierigkeiten, sie gegen eine feindliche Welt durchsetzen zu können, tatsächlich gibt, wirkt das alles seicht und emotional korrupt. Bei Chaplin und Coogan wirkt hingegen jeder Moment aufrichtig und authentisch und die vielen witzigen Einfälle, welche die Verbindung der beiden an uns vermitteln, sind originell und echte, innovative Kunst.

Eine Auseinandersetzung zwischen Kunst und Kommerz gab es im frühen Film in den USA bereits, sonst wären z. B. nicht die United Artists gegründet worden, die es den Topstars ermöglichen sollten, ambitionierte Projekte außerhalb des Studio-Massensystems zu verwirklichen. Und es war jedem klar, dass Chaplin einen Film geschaffen hatte, der besser war als die anderen, die sich mit ähnlichen Themen befassten. Chaplin selbst hat nie wieder diese emotionale Dichte und Nähe erreicht, weil er später darauf verzichtet hat, ein Kind als Lockvogel der Gefühle einzusetzen. Mit am wenigsten ziehen Kinder übrigens in Deutschland, wie auch die niedrige Fertilität beweist.

Was wir an dem Film weniger mögen, ist also nicht, dass er emotional sehr auf die Pauke haut, sondern es hängt vorwiegend mit der Traumszene zusammen. Die hat uns beinahe herausgerissen und wir sind im Nachhinein nicht ganz schlüssig, ob wir sie nicht einfach als unnötig deklarieren sollen, obwohl sie einer der fantasievollsten Momente in Chaplins Filmen ist. Der soziale Realismus, der den Film unter der Einschränkung seines emotionalen Temperaments kennzeichnet, wird hier aufgehoben und die Engel und Teufel sind doch vielleicht etwas zu viel des Kontrastes zwischen Gut und Böse. Traumsequenzen sind immer hopp oder top, das gibt’s kaum etwas dazwischen, obwohl unsere Träume ja alles bieten können, was uns der Wachzustand verwehrt; die Dinge virtuos neu zusammenfügen und aufzeigen, was wir nicht verarbeitet haben und die das Unterbewusstsein deshalb immer wieder auf seine heilende Weise anordnen möchte.

Allerdings ist die Traumsequenz in „The Kid“ nicht sehr psychologisch intendiert, sondern wiederholt im Grunde noch einmal die Trennlinien, die wir in den vorherigen Sequenzen bereits gesehen haben: Die Menschen in dem armen Viertel sind die Engel, auch der Rohling, mit dem Charlie sich zuvor geprügelt hat und der ja auch nur ein Vater ist, der auf seinen Sohn stolz sein möchte (den Klein-John vermöbelt hat, obwohl der andere viel größer ist als er, was sich in dem Kampf zwischen Charlie und dessen Vater spiegelt). Ganz aus dem Rahmen fällt diesbezüglich die angedeutete Verführung, die keine Hinterlegung im Realgeschehen hat – und in der wir Lita Grey sehen, die Chaplin später und nach einer Affäre heiraten wird. In dem Film soll sie erst 12 Jahre alt gewesen sein und dass dies kontrovers diskutiert werden würde, sollte Chaplin klar gewesen sein.

Vielleicht deren Szene nur ein Mini-Vehikel für die damals noch minderjährige Schauspielerin. Vielleicht ist sie auch sehr von Chaplin selbst, der gerade eine teure Scheidung hinter sich hatte, als „The Kid“ uraufgeführt wurde (2) und der andeuten wollte, dass immer irgendwelche Teufel unterwegs sind, um Frauen dazu zu bringen, Männer wie ihn zu verführen. Durchaus möglich, dass die Avancen in seinem bekanntermaßen reichhaltigen Liebesleben weniger von ihm ausgingen und dass er ihnen tief im Inneren misstraute, weil er wusste, wie sehr sein Ruhm dabei möglicherweise eine Rolle spielte. Wäre er nur ein Tramp – allein aufgrund seiner Liebenswürdigkeit hätte er gewiss nicht diese zahlreichen weiblichen Personen für sich gewinnen können.

Faktisch tritt der Film in diesem Moment jedenfalls aus seinem Anliegen heraus, das bis dahin so einheitlich und sehr handlungslogisch inszeniert wurde. Schon zu Beginn droht der Film zwar, hypersymbolisch zu werden (Die Mutter mit dem Kind auf dem Arm, das eingeblendete Kreuz als schwere Last) (3), aber er fängt sich dann schnell ein, als das Schicksal des Kindes in den Vordergrund tritt. Die Mutter hingegen, als sie dazu in der Lage ist, widmet sich mit Hingabe, nicht etwa aus einer Konvention heraus, das wird ausdrücklich betont, sozialen Aufgaben – und dadurch kommt sie mit Charlie in dessen Viertel in Berührung, hat einen Erinnungsschub, als sie John begegnet und durch eine Verkettung von Umständen wird das Kind ihr wieder zugeführt. Alles großartig erzählt, mit einer visuellen Kraft, die man heutigen Filmen mit ihrer oft verschenkten technisch-bildgestalterischen Brillanz wünscht.

Finale

„The Kid“ ist ein wirklich wunderschöner Film, einfach und höchst wirkungsvoll, zeigt eines der besten Vater-Sohn-Duos der Kinogeschichte, von dem alle späteren Filme dieser Art profitierten (z. B. der deutsche „Wenn der Vater mit dem Sohne“ aus 1955, der wohl nicht zufällig eine sehr ähnliche Handlung aufweist und den wir für den Wahlberliner als den ersten Film mit Heinz Rühmann rezensiert haben). Was für den deutschen Film gilt, hätte man sich auch in „The Kid“ vorstellen können, nämlich dass die beiden ein Artistenpärchen werden, es hätte genauso viel Bezug zur Realität gehabt wie die gezeigte Variante des ingeniösen Kleingaunertums.

Wäre Charles Chaplin nicht selbst ein in Armut aufgewachsenes, uneheliches Kind gewesen, wäre dieser Film wohl nie so packend geworden – und die tief empfundenen Gefühle darin entziehen sich schon deshalb wohl einer strengen Bewertung hinsichtlich der Manipulation, die wir beschrieben haben. Die Generationen, die noch ein eigenes, tiefes Erleben hatten, konnten solche Dinge vermitteln. So vermitteln, dass wir heute, mit unseren meist ganz andren, wesentlich weniger dramatischen Biografien, diese Überzeitlichkeit erkennen.

Über unsere Eingangs-Empfehlung an alleinerziehende Männer hinaus, die mehr ein Aufhänger war, meinen wir, alle die mal richtig ins Gefühl abtauchen wollen, sind hier richtig. Das Herz schlägt, in diesem alten Stummfilm und er hat eine Seele, die heutige Kitsch-Massenprodukte nicht aufweisen. Dass man den Lackmus-Test für die Fähigkeit zu echten Gefühlen insofern machen kann, dass jemand das eine mögen muss und das andere nicht, würden wir allerdings nicht bejahen.

Vor allem unsere „Empathie-Referenzgruppe“ in der IMDb, die Frauen ab 45 Jahren, bewerten diesen Film enorm hoch (mit durchschnittlich 8,8/10) und das ist mehr als schlüssig. Ebenso, dass ganz junge Frauen ihn von allen Alters- und Genderkategorien am wenigsten mögen.

© 2020 (Entwurf 2014) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

  1.  Wie der Film sogar in Sicherheit gebracht werden musste, um nicht zur Verfügungsmasse zu gehören, bis es dann doch eine gütliche Einigung gab, wird in der Wikipedia beschrieben.
  2. An eine Szene mit einer Hochzeit, in der ein Priester eine Ehe zwischen einer Minderjährigen und einem alten Knacker segnet und die offenbar in wenigen Sekunden große Gesellschaftskritik darstellt – die Mutter sieht diese Szene und entschließt sich dann, das Kind in die Limousine zu legen – können wir seltsamerweise nicht erinnern. Wurde sie aus der restaurierten Fassung des Films tatsächlich wegen ihres brisanten Gehalts entfernt? Für uns hat es nämlich so gewirkt, dass die Mutter nach dem hin und her irren im Park einen eher innerlich, nicht durch ein konkretes, auslösendes Ereignis befördernden Entschluss gefasst hat. Wir haben die Unehelichkeit zwar oben richtig interpretiert, das war auch nicht schwer, aber die Motivation der Mutter ließe sich anhand des hier besprochenen, fehlenden Bildes aber eindeutiger nachvollziehen. Sollte man die Szene wegen ihres antiklerikalen Inhalts tatsächlich entfernt haben, würde das viel aussagen – nicht nur über das heuchlerisch puritanische Amerika vor dem Ersten Weltkrieg, sondern beinahe noch mehr über das heutige.

IMDb-Wertung: 8,3/10
Unsere-Wertung: 84/100
IMDb-Top-250-Platzierung: 101
Credit für die zugrundeliegende Liste in „Moviepilot“

Regie Charlie Chaplin
Drehbuch Charlie Chaplin
Produktion Charlie Chaplin
Musik Charlie Chaplin
Kamera Roland Totheroh
Schnitt Charlie Chaplin
Besetzung

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