Doktorspiele – Polizeiruf 110 Fall 250 #Crimetime 661 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Halle #Schmücke #Schneider #MDR #Doktor #Spiele

Crimetime 661 - Titelfoto © MDR / Saxonia Media

Ganz in Weiß mit einem Blumenstrauß

Ob beim Polizeiruf eine „offizielle Zählweise“ gibt, entzieht sich unserer Kenntnis, wir wissen also nicht, ob Schmücke’s und Schneider’s „Doktorspiele“ eine Sonderstellung als Nr. 250 bekommen sollte. Dass es ein Film mit diesen beiden werden sollte, wäre allerdings nicht abwegig, denn sie haben den Polizeiruf mit ihren netten Gesichtern und ihrer Durabilität stabilisiert und dadurch, dass sie so eingängig sind, ein wenig von seinem bisher eindeutigen Ostgepräge entfernt und, man kann schon sagen, „standardisiert“.

Der Fall, um den es hier geht, hätte in dieser Form auch in einem Tatort und in einer westdeutschen Stadt angesiedelt sein können, auch wenn das Klinikum „Halle-Sowieso“ heißt. Mit einer kleinen Abweichung vielleicht. Worum es dabei geht und alles andere, was zum Film wichtig ist, steht in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Im Krankenhaus in Halle gibt es in letzter Zeit gehäuft Todesfälle nach einer Meningitisinfektion. Der Journalist Leo Preiss ist diesem möglichen Skandal auf der Spur und versucht sich in die Klinik einweisen zu lassen. Obwohl der dortige Chefarzt Dr. Heiner Wolff dessen Simulation durchschaut, gelingt es ihm sich kurzfristig ein Bett zur „organisieren.“ Dies befindet sich im selben Zimmer, wie das von Kommissar Herbert Schneider, der sich nach einem komplizierten Armbruch einer Operation unterziehen musste. Ihm fällt sein Bettnachbar durch dessen betriebsame Schreibarbeiten am Laptop auf und so ist er überrascht, als er am nächsten Morgen hören muss, dass der Patient leider plötzlich verstorben wäre. Nachdem sich Preiss‘ Kollegin Kirsten Nolte meldet, da ihr dieser plötzliche Tod nicht normal erscheint, ermittelt Kommissar Herbert Schmücke und stößt auf seltsame Umstände. Zunächst will man ihm den Totenschein nicht zeigen, dann ist die Leiche verschwunden ebenso wie der Laptop des Toten. Angeblich wäre Preiss an einem Herzinfarkt gestorben. Nachdem die Leiche irrtümlich verlegt wurde und zurückbeordert wird, verunglückt der Leichenwagen und brennt aus. Für Schmücke ist das alles „oberfaul“. Preiss‘ letzte Recherche galt einer Jutta Esche, die nach einem Knöchelbruch im Hallenser Krankenhaus behandelt wurde und unerwartet an einer Hirnhautentzündung starb. Nach Angaben der Anästhesistin, Dr. Renate Busse, erfolgte die Narkose der Patientin durch eine Spinalanästhesie, was für Schmücke eine mögliche Infektion mit Meningitiserregern erklärt.

Schmücke kommt es sehr gelegen, dass sein Kollege noch als Patient im Krankenhaus liegt und so hofft er, über ihn einige interne Informationen zu erhalten. Schneider erfährt, dass es in der Stations-Belegschaft einige Querelen gibt. So ist der junge AiPler Albert Kempter permanent übermüdet und hält sich mit Medikamenten fit. Zudem hat der arrogante Oberarzt Heiner Wolff ihm die Freundin ausgespannt. Assistenzärztin Dr. Julia Knabe möchte endlich selber operieren, doch Wolff lässt sie nicht und schikaniert sie. Er versucht sogar von ihr sexuelle Gefälligkeiten zu erpressen, was seiner aktuellen Geliebten, Schwester Dorothea, nicht verborgen bleibt.

Nach Preiss Recherchen hatte es vor einigen Wochen im Keller des Krankenhauses einen Rohrbruch gegeben, der das Lager für medizinisches Zubehör in Mitleidenschaft zog. Obwohl die dort gelagerten Injektionsnadeln sehr wahrscheinlich kontaminiert und eigentlich unbrauchbar waren, wurden sie trotzdem aus Sparsamkeitsgründen benutzt. Dr. Wolff hatte angeblich eine Anweisung erteilt, dass die Materialien zu benutzen sind. Er leugnet jegliche Verantwortung und beurlaubt seine Anästhesistin mit sofortiger Wirkung, die ihm diese Weisung unterstellte. Seine Beliebtheit unter der Belegschaft leidet damit weiter und gipfelt in einem tödlichen Unfall. Gerade als Wolff sich zu einem Rendezvous mit Assistenzärztin Dr. Julia Knabe begeben will, wird er vorsätzlich von einem Auto überfahren. Die Lackspuren führen zu Volker Esche, dem der Unfallwagen nachweislich gehört. Ein möglicher Racheakt des Ehemanns für den durch Wolff verursachten frühen Tod der jungen Mutter ist durchaus denkbar, aber für Schmücke zu offensichtlich.

Schmücke muss allerdings erkennen, dass er bis jetzt einem Phantom nachgejagt ist, denn nachdem die Leiche von Preiss, trotz der Verbrennungen, obduziert werden konnte, stellt sich tatsächlich ein Herzinfarkt als Todesursache heraus. Niemand hat ihn ermordet. Allerdings hat er mit seinen Recherchen im Krankenhaus einigen Staub aufgewirbelt, der am Ende zur Suspendierung von Dr. Renate Busse geführt hat. Volker Esche ist sich sicher, dass er die Ärztin am Vortag vor seinem Haus hatte stehen sehen. Nach ihrem Alibi befragt gibt sie an, den Abend bei Dr. Julia Knabe verbracht zu haben, damit sie nicht allein ist, wenn Dr. Wolf bei ihr eintreffen würde.

So führt eine vielversprechende Spur zu Schwester Dorothea und ihrem Exfreund Albert Kempter. Als er bemerkt, dass er in Verdacht geraten ist, ergreift er die Flucht und hat Pech, da er mit Schneiders Gipsarm kollidiert. Anhand von Schuhanhaftungen, die im Fahrerbereich des Unfallwagens gesichert werden konnten, ist Kempter die Tat zweifelsfrei nachzuweisen.

Rezension

„Für die Außenaufnahmen des „Klinikums Saale-Hohenweiden“ diente das Arbeitsamt Halle, die Innenaufnahmen erfolgten im Universitätsklinikum Halle-Kröllwitz, das Chefarztzimmer ist ein Eckbüro im MDR-Gebäude in Halle mit Blick über den Hallmarkt auf die Marktkirche. Hohenweiden liegt ungefähr 8 km südlich von Halle und verfügt über kein eigenes Krankenhaus“, heißt es in der Wikipedia.

Kürzlich schrieben wir, wenn im Tatort ein Weißkittel auftaucht und auch noch Dr. Wulfe heißt, dann bleibt von der weißen Weste nicht viel übrig. Genau das Gleiche gilt auch, wenn der Arzt den Namen Wolff trägt. Der Wolf jagt alle Schäflein, also das weibliche Personal auf der Station, gleich, ob Ärztin oder Krankenschwester.  Nebenbei sorgt er in seiner Eigenschaft als ausführendes Organ des Sparministierums auch noch dafür, dass verunreinigte Spritzen verwendet werden. Aber die Gerechtigkeit ist nicht aufzuhalten und ereilt ihn in Person eines gedemütigten Arztes im Praktikum. 

Dass die Drehbuchautorin den Vornamen Scarlett trägt, vermutlich ein Pseudonym, hat uns bei diesem Film sofort eingeleuchtet. Bezüglich der Melodramatik reicht „Doktorspiele“ beinahe an „Vom Winde verweht“ mit seiner Hauptfigur Scarlett O’Hara heran – und covert gleichzeitig alle Arztserien, die bis dahin im deutschen Fernsehen gelaufen waren und dreht ihre Klischees ins Negative, um – auf einen Missstand hinzuweisen? Es ist immer leicht, viele Jahre nach dem Erscheinen eines Film zu bewerten, welche Relevanz er im Fach Gesellschaftskritik hat und immerhin kann man sagen, die Ökonomisierung der Gesundheit wird hier schon gut eingefangen. Und dass man sich in Kliniken leicht was einfangen kann und kränker rauskommt, als man eingeliefert wurde oder gar vorzeitig verstirbt, ist mittlerweile leider keine Fiktion mehr. 2003 aber war das schon recht fortschrittlich und wir rechnen es den Machern hoch an, auf dieses Thema eingestiegen zu sein.

Dummerweise hat man das aber in ebenjene wüste Geschichte vom Wolf und den Schäflein eingebettet, die das Anliegen doch ziemlich überlagert. Ausgerechnet die hübsche Anästhesistin, gespielt von Gerit Kling (die ältere Schwester von Anja Kling) aber lässt der Wolf(f) aus, woran man sieht, dass Geschmack nicht erstritten werden kann, wenn das Drehbuch es so will. Es gibt nette, heitere Momente auch in diesem Drama des multiplen ärztlichen Fails, die aber erst recht das Baukastenprinzip des Plots deutlich machen, der nach äußerst konventionellem Muster Spuren legt und wieder wegnimmt, wie den Leichenwagen mit dem toten Journalisten, der in der Tat zufällig in die Sandgrube gestürzt ist. Und wären es nicht Schmücke und Schneider, die hier ermitteln, würde man dem Geschehen vermutlich nicht so bereitwillig folgen. Dieser Unterschied hat wohl so manchen ihrer Fälle gerettet und der Halle-Schiene sehr geholfen.

In gewisser Weise erinnert uns das Schaffen von Schmücke und Schneider, je besser wir sie kennen, an das von Stoever und Brockmöller. Nicht, dass die Typen ähnlich wären, aber beide Duos haben es verstanden, viele mittelmäßige Fälle mit ihrer Beliebtheit dem Publikum schmackhaft zu machen. Ein bisschen ähneln viele Schmücke-Schneider-Polizeirufe auch den Bienzle-Tatorten.

Damit kommen wir auch dem Geheimnis einiger Fails der letzten Jahre näher: Wenig überzeugende Plots und wenig zugängliche Ermittler*innen in Kombination verzeiht das Publikum dann nicht mehr. Aber beide Reihen, Tatort und Polizeiruf, sind seit 2003 auch weite Wege gegangen, das merkt man deutlich, wenn man sich heutige Filme anschaut. 

Der Tiefpunkt von „Doktorspiele“ war die Sequenz, in welcher erst der junge AiP der verknallten Nachtschwester erklärt, wes Geistes Kind jener Wolf ist, der sie ihm ausgespannt hat und direkt in der nächsten Einstellung darf sie dann die Verifizierung jener Aussage erlauschen, weil Wolff die Assistenzärtzin anbaggert. Puh. Es gibt mehrere solcher Szenenfolgen, die spannungstötend sind, weil in einer Szene etwas behauptet hat, was sich sofort in der nächsten verifiziert. Offenbar hatte man Angst, nicht verständlich, sondern zu kompliziert zu werden. Das kommt davon, dass man mit drei Personen acht Beziehungsknoten flechten will oder so, jedenfalls haben alle irgendwas miteinander am laufen.

Ob eine echte Klinik ein solches Sumpfgebiet der Gefühle sein kann wie dieses fiktionale Krankenhaus in einem Ortsteil von Halle, wollen wir nicht erörtern, wir haben schon einige Dinge erlebt, die man von außen nicht für möglich halten würde – und immerhin wird hier eine Arbeit verrichtet, die auch einen hohen ethischen und moralischen Impact hat. Wenn man auf diese Weise jahrelang zusammenarbeitet, kann sicher einiges an Verbindungen entstehen. Aber so in Richtung Zwist und Niedertracht gedreht und so, dass der Streit sogar während einer OP vor einem narkotisierten Patienten ausgetragen wird, in der Form, dass zwei miteinander nicht klarkommen und sich gar nicht darum scheren, dass die anderen an der Operation Beteiligten das mitkriegen, übersteigt immer noch unser Vorstellungsvermögen. Auch die Aufgabenverteilung müsste ja vom Leiter der Station festgelegt, mitbestimmt, vermittelt werden, der in diesem Film aber eher abgehoben und führungsschwach erscheint. Vielleicht sind wir da zu sehr von jenen filmischen Werken beeinflusst, mit denen die überragende und beinahe faschistoide Reputation von Ärzten als Übermenschen erst aufgebaut wurde.

Moderne Filme holen diesen Beruf denn auch aus dieser hybriden Aura, ohne gleich das Gefühlsleben so exploitativ zu gestalten wie „Doktorspiele“ – jedoch ist der Titel sehr gut gewählt. Man könnte eine eigene Anthologie mit Klinik-, Seniorenheim- und ähnlichen Filmen erstellen, die in den Reihen Tatort und Polizeiruf mittlerweile abgedreht wurden. Einer der eindrucksvollsten, die wir in letzter Zeit gesehen haben, war „Nachtdienst„, ein München-Polizeiruf, in dem Hanns von Meuffels auf einer Demenzstation ermittelt hat.

Finale

Wir hatten das in letzter Zeit öfters, dass wir einem Film Kredit geben wollten für die Idee, ein bestimmtes Thema aufzugreifen und dem Publikum näherzubringen, was mit den Millionenformaten Tatort und Polizruf besser möglich ist als auf irgendeine andere Weise – und dann gab es Aspekte wie eine falsche Tonlage, einen unterambitionierten Plot, die eine volle Würdigung verhinderten. So ist es leider auch bei „Doktorspiele“. Die Ökonomoisierung des Gesundheitswesens als Zeichen dafür, dass der Neoliberalismus am Ende ist, kann aber jederzeit wieder aufgegriffen werden, denn das Thema ist immer noch aktuell. Aber man muss nicht so viel Wölfisches und Schäfchenhaftes reintun, sonst hat man als Zuschauer doch das Gefühl, einer Märchenvorstellung beizuwohnen. Selbst, wenn kein einzelnes Detail, für sich genommen, unmöglich ist.

6,5/10

© 2020 ( Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Marco Serafini
Drehbuch Scarlett Kleint,
Michael Illner
Produktion Susanne Wolfram
Musik Gast Waltzing
Kamera Bernd Neubauer
Schnitt Ilana Goldschmidt
Besetzung

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