Interview mit DFB-Präsident Fritz Keller: „Wer eine rechte Partei wählt, ist im Fußball falsch“ (Gesichter der Demokratie)

Liebe Leser*innen, Sven Lilienström, der Gründer von „Gesichter der Demokratie“, hat uns wieder ein Interview geschickt, das wir untenstehend veröffentlichen. Er führte es mit dem 2019 erstmals gewählten DFB-Präsidenten Friedrich Walter Keller.

Das Interview ist auch auf der Seite von „Gesichter der Demokratie“ einsehbar. Unterhalb des Textes schreiben wir einige kommentierende Sätze.

Sehr geehrter Herr Hocke,

mit mehr als 7 Millionen Mitgliedern ist der Deutsche Fußball-Bund e.V. (DFB) der größte nationale Sport-Fachverband der Welt. Auf dem Ordentlichen DFB-Bundestag im September 2019 wurde Friedrich Walter „Fritz“ Keller von allen 257 stimmberechtigten Delegierten zum 13. Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes gewählt. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit DFB-Präsident Fritz Keller (63) über Wertevermittlung im Fußball, die WM-Vergabe an Katar und die Frage, warum rechtes Gedankengut keinen Platz im Fußball hat.

DFB Praesident Fritz Keller
Bild © Thomas Boecker / DFB

Herr Keller, die erste Frage möchten wir in guter Tradition auch Ihnen stellen: Welchen Stellenwert haben Demokratie und demokratische Werte für Sie ganz persönlich?

Demokratische Werte sind nicht verhandelbar. Denn wir tragen dafür die Verantwortung, dass auch künftige Generationen selbstbestimmt in Frieden leben können. Deshalb müssen wir dieses hohe Gut Demokratie, nach der sich Menschen in anderen Ländern sehnen und für die sie ihr Leben riskieren, hegen und gegen jede Form von Angriffen verteidigen – indem wir diesen unsere gemeinsamen Werte gegenüberstellen.

Zu den Kernthemen Ihrer Präsidentschaft gehört das klare Bekenntnis zu Vielfalt, Integration, Inklusion und Menschenrechten. Wie viel gesellschaftliche Verantwortung steckt im Fußball – regional und national?

Der Fußball erreicht Millionen Menschen in Deutschland, über alle vermeintlichen Grenzen hinweg. Er führt Menschen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären. Und deshalb kann er Werte, die für unser Zusammenleben von Bedeutung sind, transportieren wie kein anderer Sport und kaum eine andere Institution in Deutschland. Im Kleinen, wenn Kinder im Team Fußball spielen und merken, dass es nur gemeinsam geht. Und im Großen, wenn die Vorbilder aus der Nationalmannschaft und der Bundesliga unsere Werte vorleben.

Die Presse- und Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut in einer Demokratie. Was darf man rund um das Stadion sagen, rufen oder singen und wo verläuft Ihrer Meinung nach die Grenze zur Beleidigung oder Volksverhetzung?

In Deutschland ist das Sagbare klar durch Gesetze geregelt, die in solchen Fällen in aller Konsequenz angewandt werden sollten. Daneben ist jeder Einzelne von uns auf dem Rasen und auf der Tribüne gefordert, aufzustehen und gegen Beleidigungen oder Diskriminierungen seine Stimme zu erheben und einzuschreiten. Denn die Störer sind in der Minderheit und können nicht gegen die überwältigende Mehrheit ankommen. Das muss man sich nur von Zeit zu Zeit wieder vergegenwärtigen.

Der Rechtspopulismus wird zunehmend auch in der Mitte der Gesellschaft salonfähig. Rechte Parolen im Stadion sind die Folge. Wie möchte der DFB verhindern, dass der Fußball als politische Bühne missbraucht wird?

Gegen rechte Parolen schreiten wir mit aller Härte ein. Denn wer rechtes Gedankengut hat oder eine rechte Partei wählt, ist im Fußball falsch. Der Fußball steht für Verständigung und nicht für Ausgrenzung. Für Vielfalt, für Integration, für Akzeptanz und Toleranz. Diese Werte sind mit rechten Positionen nicht vereinbar. Gleichzeitig laden wir jeden ein mitzumachen und schlagen niemandem die Tür zu. Wer sich zu unseren Werten bekennt, den nehmen wir in unserer Gemeinschaft auf. Und die ist viel reizvoller als eine Ideologie, die Hass und Negativität verbreitet.

Sie haben zuletzt die WM-Vergabe an Katar kritisiert und betont, dass die Nationalspieler im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre Stimme gegen Menschenrechtsverletzungen und Rassismus erheben werden. Reicht das?

Auch der DFB hat selbstverständlich eine Stimme. Und auch die werden wir erheben. Wir werden Missstände klar benennen, wir werden uns mit Akteuren der Zivilgesellschaft austauschen. In einer zunehmend von Konflikten geprägten Welt sind wir der Ansicht, dass Verständigung, Austausch und Zusammenarbeit – insbesondere im und durch Sport – notwendig sind, um über politische, manchmal auch über moralische oder ethische Grenzen hinweg, Brücken bauen zu können und damit die Grundlagen für Verbesserung zu schaffen.

Mannschaftssport fördert nachweislich die Identitäts- und Wertebildung. Wie groß schätzen Sie in diesem Zusammenhang den Einfluss von Jugendfußball auf das Sozialverhalten von Kindern und Jugendlichen ein?

Diesen Einfluss kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Beim Fußball, in der Gemeinschaft bekommen Kinder Werte vorgelebt und vermittelt, von denen sie ein Leben lang profitieren. Und deshalb ist es so wichtig, dass wir die Menschen, die den Kindern diese Werte wie Fair Play, Respekt, Freundschaft, oder den Umgang mit Niederlagen vermitteln, stärker wertschätzen. Denn was unsere Ehrenamtlichen in unseren rund 25.000 Vereinen in Deutschland leisten, wird allzu oft als selbstverständlich hingenommen. Das ist es aber keinesfalls. Es ist ein für die gesamte Gesellschaft unverzichtbares Engagement, für das wir allen ehrenamtlich Tätigen von Herzen danken müssen. Und wir müssen gemeinsam mit der Politik die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement verbessern und die Anerkennung stärken.

Herr Keller, Sie führen in dritter Generation das Weingut Franz Keller und wurden – gemeinsam mit Ihrem Sohn – zum „Winzer des Jahres 2018“ gekürt. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen gutem Fußball und einem guten Wein?

Ganz einfach: auch der Wein schmeckt in Gesellschaft besser. Fußball und Wein genießt man am besten zusammen. Beides führt die Menschen zusammen!

Vielen Dank für das Interview Herr Keller!

Über die Initiative Gesichter der Demokratie:

Seit Gründung der Initiative Gesichter der Demokratie im Februar 2017 haben bereits mehr als 600.000 Menschen die Selbstverpflichtung zum Schutz und zur Stärkung der demokratisch-zivilgesellschaftlichen Grundwerte unterzeichnet. Mediale Aufmerksamkeit erhält die privat organisierte Initiative durch zahlreiche prominente Persönlichkeiten aus Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft – darunter der ehemalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, Norwegens Premierministerin Erna Solberg, die Staatspräsidentin der Republik Estland Kersti Kaljulaid, der Bundesminister des Auswärtigen Heiko Maas, Generalbundesanwalt Dr. Peter Frank und OSZE-Generalsekretär Thomas Greminger. Alle gemeinsam setzen mit ihren persönlichen Statements ein nachhaltiges und öffentlichkeitswirksames Signal für mehr Toleranz, Pluralismus, Diversität und Meinungsfreiheit.

***Ende des Interviews und des Begleittextes***

Weitere Interviews von „Gesichter der Demokratie“ im Wahlberliner:

Die China-Cables-Interviews
BFH-Präsident Mellinghoff :“„Die Maßnahmen reichen nicht aus“  (Corona-Krise)
Ex-BVerfG-Präsident Hans-Jürgen Papier: „Eine totale Ausgangssperre wäre rechtlich problematisch“ (Corona-Krise)

Kommentar

Wir haben im „ersten Wahlberliner“ (2011-2016) auch Fußballspiele kommentiert und dabei immer wieder Politisches gestreift, aber nicht in den Vordergrund gestellt. Nach der Eröffnung des neuen Wahlberliners im Juni 2018 haben wir diese Berichterstattung nicht wieder aufgenommen. Zum einen wegen des Aufwands, denn wir hatten uns zuvor auf Live-Timelines spezialisiert, die mittlerweile von so vielen Stellen kommen, dass wir darin keinen Mehrwert erkennen, den wir unseren Leser*innen anbieten könnten.

Die Entscheidung, nicht mehr über Fußball zu schreiben, hatte aber auch mit vielen Enttäuschungen über die Entwicklung des Fußballs im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen zu tun, die zu einer gewissen Distanzierung geführt haben. Ein dritter Grund waren die Olympischen Spiele von 2016 und die zumindest medial immer mehr überbordende Drogenproblematik im Sport.

Die im Interview angesprochene Vergabe der WM 2022 nach Katar war nur einer von vielen Vorgängen im Einflussbereich der FIFA, die uns wenig begeistert haben, aber auch Aspekte wie die heutige Fankultur und Überlegungen zum Kommerziellen, zu dem enormen Druck, unter dem Sportler im Fußball stehen, haben uns nachdenklich gemacht. Mittlerweile gehen unsere Überlegungen weiter: Ist speziell der Fußball wirklich verbindend oder verstärkt er, insbesondere in den Zeiten des Rechtsrucks, den offenbar nicht in den Griff zu bekommenden Tribalismus? Wir meinen damit weniger die Spitzenmannschaften, bei denen eine Besetzung mit Spielern aus vielen Nationen üblich ist, als bestimmte Fangruppen oder auch Anti-Fans, die den Fußball als Vehikel für Rassismus missbrauchen.

Wir danken Sven Lilienström für die Möglichkeit, das Interview mit dem DFB-Präsidenten zu zeigen und sind gespannt darauf, welche Antworten uns der nach wie vor größte Einzelsportverband der Welt in den nächsten Jahren auf die obigen Fragen geben wird. Es ist keine einfache Zeit, im Allgemeinen und für den DFB, in der Friedrich Keller das Präsidentenamt übernommen hat.

Wir haben in der Wikipedia nachgeschaut: Der Taufpate des DFB-Präsidenten ist tatsächlich der legendäre Fritz Walter, daher die Wahl des Vornamens. Vielleicht ein gutes Omen für den DFB, eine Verpflichtung auf jeden Fall.

Mit diesem Beitrag geht auch  unsere Rubrik „One World“ an den Start, deren Inhalte mehr Appell- und Mutmachcharakter haben sollen in Bezug auf die eine Welt, in der wir alle leben, als dies mit Kategorien wie „System / Diskurs“ oder „Economy / Change“ möglich ist, die weiterhin den gewohnt kritischen Duktus behalten sollen. Wir verfügen nach wie vor über ein Logo für die eher seltenen Sportberichte, aber wir finden, wenn Fußball etwas Verbindendes haben soll und wo er doch fast überall auf der Welt gespielt wird und tatsächlich etwas Verbindendes haben soll, ist er vor allem Bestandteil der Eine-Welt-Philosophie.

TH

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