Todesfahrt – Tatort 491 #Crimetime 666 #Tatort #Leipzig #Ehrlicher #Kain #MDR #Todesfahrt

Crimetime 666 - Titelfoto © MDR, Steffen Junghans

Was man in diesem Film hätte erzählen können

In der Tat, die Verwendung von Magnesia kennen wir eher vom Geräteturnen. Aber es muss auch in einem Tatort wie diesem ein paar Besonderheiten geben. Eine davon ist sicher, wie es die Casting-Spezialisten dieses Mal geschafft haben, den Eltern Sprösslinge zuzuordnen, die ihnen optisch so unähnlich sind, dass es besser gewesen wäre, Adoptivkinder daraus zu machen. So hat man immer das Gefühl, da wurde schon in den Zeiten fremdgegangen, als alles, was sich in „Todesfahrt“ zu einer dicken, zähen Beziehungssoße verdichtet, noch flockige Ursuppe war. Das war das und alles andere steht in der -> Rezension.

Handlung

Bei einem Radrennen in Leipzig stürzt der Rennfahrer Sebastian Zander scheinbar grundlos vom Rad und muss bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert werden. Ärztliche Untersuchungen weisen nach, dass sich im Blut des Leistungssportlers Substanzen befinden, die keinen Zweifel an einem Medikamentenmissbrauch lassen.

Am nächsten Tag verunglückt die Mannschaftsärztin Catharina Kühn. Beim Versuch, auf der Autobahn einem LKW auszuweichen, versagen die Bremsen und das Auto prallt gegen einen Brückenpfeiler. Catharina ist sofort tot. Ihr Sohn Felix überlebt leicht verletzt.

Ehrlicher und Kain werden zum Unfallort gerufen. Die ersten Ermittlungen ergeben, dass die Bremsleitung angesägt war. Außerdem finden sie im Kofferraum des Unfallwagens eine große Summe Bargeld. Die Kommissare ermitteln nun in einem Mordfall. Ehrlicher muss Catharinas Mann, dem Tennistrainer Tobias Kühn, der gerade den Turniersieg seiner Schülerin Vanessa feiert, die tragische Nachricht überbringen. Zur gleichen Zeit stirbt Sebastian Zander im Krankenhaus.

Für die Kommissare stellt sich die Frage, ob der Dopingfall und der Tod der Ärztin in einem Zusammenhang stehen. Ehrlicher und Kain ermitteln, dass Catharina Kühn auch als Prüfärztin für einen Pharmakonzern tätig war und noch nicht zugelassene Medikamente an freiwilligen Probanden testete. Das hatte auch Sebastian Zanders Bruder herausgefunden und sie kurz vor ihrem Unfall bedroht.

Da erzählt der immer noch verstörte Felix den Kommissaren von einem intimen Telefonat zwischen seinem Vater und Vanessas Mutter Doris, die die zuständige Sachbearbeiterin für die zweifelhaften Tests des Pharmakonzerns ist.

Bei einer Hausdurchsuchung bei Doris Singer wird ein Messer gefunden, mit dem die Bremsleitung des Autos durchschnitten wurde. Der Fall scheint gelöst. Doch für Ehrlicher bleiben Zweifel. Er lässt die Tatwaffe ein weiteres Mal untersuchen. Dabei werden Spuren von Magnesia entdeckt, das Vanessa – ungewöhnlicherweise – beim Tennisspiel benutzt hatte.

Rezension

Es gibt eine gruselige Szene, in der Sohn Kühn seiner Mutter in die toten Augen schaut, kopfüber im Auto hängend, nach dem Unfall aufgrund manipulierter Bremsen. Die Szene hat sich sogar auf seltsam verquere Weise in unseren Träumen der folgenden Nacht eingenistet – vielleicht schauen wir im Moment zu viele Filme Ü 16. Gefühlt ist es fast jeder dritte, den wir parallel zur TatortAnthologie für die FilmAnthologie des Wahlberliners rezensieren. Da soll noch jemand behaupten, Gewalt in den Medien hat keinen Einfluss auf Menschen, auch wenn sie Ü 18 sind oder  Ü80.

Ansonsten wird viel Kriminalarbeit in Frederikes Waschcafé betrieben, dem emotionalen Ankerplatz sowohl von Kain und Ehrlicher als auch von Kriminaltechniker Walter, und irgendwie ist Fälle wie diesen aufzudröseln ja auch dem Waschen von schmutziger Wäsche sehr nah. Dass beim MDR ebenso schlicht wie konsequent die gesamtdeutsche Rechtssprache ignoriert wird und es wirklich in jedem Tatort „Durchsuchungsbefehl“ heißt, gehört zu den Dauerärgernissen, die man besonders dann solchermaßen durch Erwähung quittiert wie hier, wenn der Tatort insgesamt nicht überragend viel zu bieten hat und diese Sprachverwendung entweder auf eine beachtliche Renitenz an der falschen Stelle oder auf Schlampigkeit hinweist.

Gravierender ist aber, dass das interessante Thema Doping im Radsport als Füllmasse für eine private Eifersuchtsgeschichte verwendet wird, anstatt dass man uns mal so richtig darüber instruiert, wie das war, mit dem Hang zur systematischen Leistungssteigerung mit unerlaubten Mitteln. Blutdoping gab und gibt es bekanntlich in Radsport zuhauf, wobei 2001, als „Todesfahrt“ entstand, es um viele Spitzenfahrer lediglich Gerüchte gab, die sich später bestätigten. Fast alle Sieger der Tour de France in den 2000er Jahren waren gedopt, insbesondere Jan Ullrich (1997) und Lance Armstrong (1998-2005), aber auch dessen Nachfolger und späterer Teamkapitän Alberto Contador.

In der Regel ging es dabei um Varianten von EPO-Präparaten, welche die Bildung von roten Blutzellen anregen und das Blut damit dünner und besser zur Sauerstoffaufnahme geeignet machen. Im Spitzensport, besonders bei den Ausdauersportarten, eine denkbar wirksame Art, die Leistungsfähigkeit zu erhöhen.

Im Film wird zwar von der Verabreichung eines noch nicht freigegebenen Medikaments durch eine Prüfärztin berichtet, die Logik erschließt sich aber nicht. Denn zu dem Zeitpunkt gab es auf freigegebene EPO-Medikamente und es geht letztlich nur um den Nachweis, ob jemand gedopt war oder nicht, und ob dies nachweisbar ist oder nicht.

Vater spielen auch eine Rolle. Väter, die als Sportler erfolgreich waren und diesen Erfolg auf die nächste Generation übertragen möchten oder dem Hochleistungsdenken um jeden Preis verhaftet sind, Väter, die nicht ganz so erfolgreich waren und in ihren Kindern das verwirklichen möchten, was sie selbst nicht erreicht haben. Schön hätte man das gegenüberstellen und dabei gute Charaktere zeichnen können, aber alles dies findet irgendwie nebenbei statt und dann werden auch noch Radsport und Tennissport personal miteinander verzahnt, um eine Femme fatale auftreten zu lassen, die durch ihren Körperbau zwar eine schöne Verführerin abgibt, aber als Tennis-Vamp nur begrenzt glaubwürdig ist.

„Todesfahrt“ weist durch diese eher lieblose Abhandlung vieler Aspekte eine flache Dramaturgie auf, die auch von Ehrlicher und Kain nicht, wie in einigen anderen Dresden-Leipzig-Fällen, durch deren uriges Wesen überlagert und für den Zuschauer interessanter gemacht wird. Dazu sind die beiden dieses Mal auch zu sehr im Routineschema unterwegs. Sicher gibt es wieder nette Sprüche und wirken die Kommissare in der Welt der oberen Mitteklasse wieder so schön deplatziert wie immer, sie sind eben nicht nur die Guten, sondern auch die Ehrlichen, die lieber ein Glas Bier weniger trinken, als Sportarten nachzugehen, in denen es zu viele Freaks gibt. Alles sympathisch und mit der Botschaft verbunden, die Kirche im Dorf zu lassen und sich nicht ständig einem Druck auszusetzen, der irgendwann in den Tod führen kann, aber alles nicht so arrangiert, dass wir als Zuschauer betroffen und mitgerissen sind.

Jedes der großen Teams, die so viele Fälle gelöst haben wie Ehrlicher und Kain hat schwächere Fälle wie „Todesfahrt“ aufzuweisen, und es wäre grundfalsch, von einem „typischen Leipziger“ zu sprechen, weil er an der Darstellung eines gesellschaftlichen Themas mehr oder weniger scheitert. Die meisten Leipziger (Dresdner) Tatorte der Ehrlicher-Kain-Ära zeigen sehr klare politische Positionen, die auch auf die Befindlichkeit der Menschen in den neuen Bundesländern zugeschnitten sind, die von windigen Geschäftemachern überrollt wurden – einer Spezies, die es systembedingt im Osten kaum geben konnte, auf die aber auch im Westen immer wieder viele Zeitgenoss*innen hereinfallen. Der Leistungssport aber war wichtiges DDR-Thema, und die Herleitung aus dem Denken der damaligen Nomenklatura über die Marketingfunktion des Sport wäre sehr gut möglich gewesen.

Wir erinnern uns noch, unsere eigene Sportart betreffend (gemäßigter, garantiert dopingfreier Wettkampfsport), dass wir mit dem Paradesportler in unserer Familie, der auch Fan des herausragend erfolgreichen DDR-Sports war, häufig diskutiert hatten, weil uns insbesondere die Athletinnen, welche die DDR kurz vor ihrem Ableben hervorgebracht hatte, nicht geheuer waren. Ihre Stimmen, ihr Körperbau, das alles war nicht nur unästhetisch, sondern ganz offensichtlich unnatürlich. Und dennoch durften sie Olympiasiege en Masse einfahren und damit vorgaukeln, die DDR sei ein potenter Staat, der pro Einwohner weit mehr Spitzensportler*innen hervorbringt als jedes andere Land auf der Welt.

Dass dies auch typisch deutsches Denken war, ist die nächste Stufe der Erkenntnis und irgendwie ist es ja auch bemerkenswert, wie ruchlos und konsequent ein deutscher Staat wieder einmal mit den eigenen Menschen umgesprungen ist – dieses Mal nicht, um ganze Gruppen zu vernichten, sondern um leistungs- und begeisterungsfähige Jugendliche für Imagezwecke einem hohen Risiko auszusetzen und sie auf verbrecherische Weise zu manipulieren.

Fazit

Nicht, dass es Doping im Westen nicht gegeben hätte und gibt, sicher nicht. Aber die verblüffende Effizienz, welche die DDR auf diesem, und leider nur auf diesem Gebiet entwickelt hatte, gelingt nur in einer Diktatur. Auch die Tatsache, dass Menschen in der DDR nur dann bestimmte Teile der Welt sehen durften, wenn sie als Sportler unterwegs waren, hat dabei sicherlich keine geringe Rolle gespielt, nebst anderen Privilegien, die Aushängeschilder des Staates genossen.

Wenn man also in einem Tatort schon zwei Väter zeigt, welche erkennbar „Produkte“ des DDR-Sports sind, dann sollte man auch den Sturz in die Untiefen der jüngeren Sportgeschichte wagen, anstatt ein austauschbares Familiendrama in den Mittelpunkt des Falles zu stellen und ihm damit sein Potenzial zu nehmen. Im Jahr 2020, anlässlich der Veröffentlichung der Rezension im „neuen“ Wahlberliner, müssen wir nachtragen: Der MDR trug mit seiner Abwiegelungstaktik einige Mitschuld daran, dass Narrative nicht genug hinterfragt wurden – übrigens nicht nur solche von Ostalgikern, sondern auch rechte. In Dokumentationen nimmt sich das Schaffen des Senders sehr unterschiedlich aus, aber der Tatort ist nun einmal ein Produkt, das viel mehr Zuschauer erreicht und dadurch große Chancen bietet, wirklich etwas zur Aufbereitung und Aufarbeitung beizutragen.

5,5/10

© 2020 (Entwurf 2015) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Hauptkommissar Bruno Ehrlicher – Peter Sodann
Hauptkommissar Kain – Bernd Michael Lade
Techniker Walter – Walter Nickel
Catharina Kühn – Claudine Wilde
Felix Kühn – Julius Jellinek
Doris Singer – Naomi Krauss
Vanessa Singer – Cosma Shiva Hagen
Frederike – Annekathrin Bürger

Musik – Stephan Wildfeuer
Kamera – Dieter Krug
Buch – Christian Limmer
Regie – Udo Witte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s