Gottes Werk und Teufels Beitrag (The Cider House Rules, USA 1999) #Filmfest 159

Filmfest 159 A

2020-08-14 Filmfest ADie besonderen Regeln im Haus des Apfelweins und die allgemeinen des Lebens

Zwei Oscars fuhr die Verfilmung von John Irvings gleichnamigem Roman bei den Verleihungen des Jahres 2000 ein: Ausgezeichnet wurden Michael Caine als bester Nebendarsteller und die Drehbuch-Adaption des Romans durch den Romanautor selbst. Es geht um Abtreibung. Aber um was noch? Darüber schreiben wir in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Vereinigte Staaten, 1939–1945: Der junge Homer Wells wächst bei dem angesehenen Arzt Dr. Wilbur Larch auf, nachdem ihn seine Mutter in Larchs Klinik und Waisenhaus St. Cloud’s zur Welt brachte. Er wird zweimal adoptiert, kehrt jedoch immer wieder nach St. Cloud’s zurück, bis er zu alt für eine Adoption geworden ist. Dr. Larch entwickelt zu Homer eine Art Vater-Sohn-Beziehung. Als dieser älter wird, bildet Dr. Larch ihn zum Arzt aus. In der Klinik werden Frauen entbunden, die ungewollt schwanger wurden. Dr. Larch führt aber auch Abtreibungen durch, was zu dieser Zeit illegal ist. Homer wird ein guter Arzt und Gynäkologe, weigert sich aber aus moralischen Gründen, Abtreibungen durchzuführen.

Eines Tages kommen die hübsche Candy und ihr Freund Wally in die Klinik, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Der intelligente aber unerfahrene Homer ergreift die Gelegenheit, das Waisenhaus zu verlassen und fährt mit den beiden an die Küste. Dort kommt er bei Wallys Familie unter, bei der er als einziger Weißer unter sonst schwarzen Apfelpflückern Geld verdienen kann. Er versteht sich gut mit Wally, dieser verlässt aber die Plantage bald, um als Pilot im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Während Wallys Abwesenheit kommen sich Candy und Homer näher.

Homer ist glücklich und ignoriert die Briefe, in denen ihn Dr. Larch bittet, ins Waisenhaus zurückzukommen. Der Arzt soll nämlich aufgrund seiner „nichtchristlichen“ Haltung ersetzt werden. Dr. Larch fälscht Diplome für Homer und möchte, dass dieser als Arzt eingestellt wird. Doch Homer weigert sich, sein neues Zuhause und Candy zu verlassen. Mit seiner Vergangenheit will er nichts mehr zu tun haben und verschweigt seine medizinische Ausbildung gegenüber den anderen Apfelpflückern.

Schließlich wird er mit seiner medizinischen Ausbildung und der Frage nach Abtreibungen konfrontiert, als die Apfelpflückerin Rose schwanger wird. Als Homer erfährt, dass ihr eigener Vater sie geschwängert hat, ist er bereit zu helfen und führt die Abtreibung durch. Als sie eines Abends die Plantage verlässt, verletzt sie ihren Vater mit einem Messer. Der Vater behauptet, er habe sich die Messerstiche selber zugefügt, da er es nicht habe ertragen können, dass seine Tochter ihn verlasse und stirbt kurz darauf.

Nachdem Homer erfährt, dass Wally gelähmt aus dem Krieg zurückkehren wird und dass Dr. Larch gestorben ist, trennt er sich von Candy und geht wieder zurück ins Waisenhaus, um dort als Arzt die Leitung zu übernehmen. Wie Dr. Larch beendet er die Gute-Nacht-Geschichten: Schlaft gut, ihr Prinzen von Maine, ihr Könige von Neuengland.

Rezension

Wenige Jahre vor seinem Erfolg als Spider Man liefert Tobey MacGuire, damals 24 Jahre alt, eine überzeugende Vorstellung in einem Initiationsfilm, wie deutsche Kritiker das Werk nannten, er spielt den Homer Wells. Der Brite Michael Caine, der Dr. Larch verkörpert, zählt mittlerweile zu unseren Lieblingsschauspielern der „Zwischengeneration“, welche die Leinwand in den 1960ern zu bevölkern begann. Und Charlize Theron wirkt in ihrer Rolle als Candy wirklich candyhaft und doch eigenständig und eigentümlich.

Die Darstellerleistungen sind auch das Plus des Films, in US-Produktionen ist das freilich nichts Außergewöhnliches. Wir hätten den Film sogar in den 2000ern verortet, seiner Anmutung gemäß, er stammt aber aus dem Jahr 1999. Wir hatten uns auch gefragt, wie man heute filmisch mit dem Thema Abtreibung umgehen würde, nachdem die USA wieder ein Hexenkessel geworden sind, beinahe so schlimm wie während der Kommunistenhetze der frühen 1950ern und in den Hochzeiten des Rassismus, der gleichwohl ein anhaltendes Problem darstellt. Dieses Problem wird im Film gestreift, aber nicht konsequent erzählt.

Die Adaption wirkt, als sei das Drehbuch gegenüber dem Roman ausgerechnet bei den Cider House Rules selbst erheblich gekürzt worden, um der Entwicklung von Homer zu einem Arzt ohne Diplom und dann mit gefälschtem Diplom mehr Raum geben zu können. Dadurch wirkt der Film schlank und einfach strukturiert, aufs Wesentliche konzentriert, allerdings hat man das Wesentliche eben sehr zurückhaltend dargestellt. Ob ein Romanautor selbst das perfekte Feeling dafür hat, wo man sein Werk am besten kürzen kann, ohne dass es wesentlich an Substanz verliert, ist eine Frage, die man nicht so leicht beantworten kann. Immerhin hat John Irving für sein Skript einen Oscar gewonnen.

Auf der Ebene einiger einprägsamer Szenen funktioniert das Werk und uns hat’s stellenweise stark berührt. Aber schon das Thema Abtreibung wird auf zwei Standpunkte reduziert: Frauen entscheiden selbst, was mit ihrem Körper geschieht, das ist Dr. Larchs Ansicht, der nicht nach den Gründen für eine Schwangerschaftsabbruch fragt – und auf Homers Meinung, die einen Abbruch nur dann dulden mag, wenn Vergewaltigung oder Inzest vorliegen.

In einem solchen Fall nimmt er dann auch tatsächlich eine Abtreibung vor. Hinter dem Inzest unter schwarzen Wanderarbeitern tritt leider die Regeldiskussion zurück: Welche Regeln die Weißen aufstellen, wie sinnlos, an der Realität vorbeigehend und diskriminierend sie sind und wie es mit ihrer Befolgung aussieht. Das ist schon klug gemacht: Die Wanderarbeiter können alle nicht lesen. Erst, als Homer dazukommt und die Regeln vorliest, können sie diskutiert – und dezidiert nicht befolgt werden, nachdem zuvor einige mehr zufällig nicht eingehalten wurden. Damit wird auf die Selbstermächtigung der Afroamerikaner während der 1950er angespielt, die hier sozusagen zehn Jahre vorweggenommen wird. Wir können’s nicht ändern, uns hat es trotzdem geärgert, dass der Vorarbeiter mit seiner Tochter schläft und ihr ein Kind macht und dass dieser Vorgang wieder in dem Milieu abläuft, das nach dem gängigen Klischee am anfälligsten für derlei Haltlosigkeiten ist.

Die Relation zwischen dem Herrenhaus und der Baracke der saisonal anwesenden Apfelpflücker wird kaum angedeutet, die Geschichte ist immer dort, wo Homer ist, und der lebt zwischen seinen Kolleg*innen und dem Hummerfischer und seiner schönen Tochter.

Der Bezug zum Verhalten von Homer wird allerdings hergestellt. Er nutzt die Abwesenheit eines Mannes aus, der im Pazifik einen Bomber fliegt, um dessen Verlobter näherzukommen. Oder: Er lässt diese Nähe zu. Wahrscheinlich hat uns der Film auch deshalb persönlich getriggert, weil wir uns gut in Homers Lage versetzen konnten. Überhaupt ist es leicht, sich mit dieser Figur zu identifizieren und als der Film entstand, war in Deutschland die Anmaßung von Titeln oder das Plagiieren von Arbeiten anderer, was etwa auf das Gleiche kommt, noch kein Thema und man konnte es für einen seltenen Fall von Hochstapelei halten. Außerdem gab es Menschen tatsächlich, die ärztliche Tätigkeiten ausübten, ohne ein abgeschlossenes Medizinstudium vorweisen zu können. Das Ende des Films ist so: Man geht im Waisenhaus bzw. Kinderheim St. Cloud davon aus, dass es tatsächlich nicht auffallen wird, als Homer dort in die Fußstapfen von Dr. Larch tritt: Dieser Schluss wirkt wieder sehr anziehend. Motivwiederholungen, zumal, wenn sie einen literarischen Anstrich aufweisen und gleichermaßen die Fähigkeit zur Empathie testen, verfehlen ihre Wirkung selten.

Finale

Fragen wie Treue und Rückkehr in Zeiten der Not zum Partner sehen wir zwar, aber was in diesem Kontext geschieht, dient mehr der Reifung von Homer – er wird durch die hübsche Candy zum Mann und erkennt auch dadurch, dass ihm klar ist, dass er sich von ihr, die mit einem anderen verbunden, lösen muss. Dass eine Frau zu jemandem zurückkehrt, der plötzlich ihrer Hilfe bedarf, ist nicht ungewöhnlich – wie es langfristig aussieht, oftmals offen. Inzwischen aber hat man sich die besten Äpfel vom Baum der Erkenntnis organisiert und hatte das Glück, gar nicht erst in ein wirkliches Paradies eintreten zu dürfen – dadurch fällt die Rückkehr in ein Leben in okkupierter Verantwortung und jenseits der Lobster leichter. Psychologisch ist der Film weitgehend nachvollziehbar und bleibt immer interessant. Aber eine „große“ Literaturverfilmung ist er für uns nicht – vielleicht hat das auch damit zu tun, dass er nur 126 Minuten Spielzeit hat. Der Originalstoff hat das Zeug zu einem wuchtigen Dreistunden-Drama.

Ein wichtiger Aspekt, der die Cider House Rules erst erklärt, fällt in der Tat im Film vollkommen weg: Dass Homer mit Candy ebenfalls ein Kind zeugt und es nach St. Cloud gibt, später zu sich holt und noch Jahre nach der Rückkehr von Wally, dem Kriegsversehrten, mit diesem und Candy die Apfelfarm führt und mit Candy weiterhin ein außereheliches Verhältnis hat – die im Film dicht gedrängten Ereignisse in der Arbeiterbaracke spielen sich im Buch ebenfalls über viele Jahre hinweg ab und dadurch und weil das Herrenhaus ein eigenständiger Ort ist, kommt ein größerer Detailreichtum zustande, erhalten die „Cider House Rules“ erst ihren kompletten Sinn. Demgemäß ist das Buch also reicher und es ist weitaus epischer angelegt als der Film.

Am Ende kehrt Homer zwar auch im Roman nach St. Cloud zurück, aber es bedeutet einen Unterschied, ob man das nach zwei Jahren tut oder nach etwa fünfzehn. Er eignet sich als Arzt ja den Namen eines früh verstorbenen Jungen mit einer Atemwegserkrankung an – das aber nur Sinn, wenn ihn keine nun dort lebenden Kinder als Homer Wells kennen. 

76/100

© 2020 Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Lasse Hallström
Drehbuch John Irving (auch Roman)
Produktion Richard N. Gladstein
Musik Rachel Portman
Kamera Oliver Stapleton
Schnitt Lisa Zeno Churgin
Darsteller Deutscher Sprecher[5] Rolle
Tobey Maguire Flo Rian Bauer Homer Wells
Michael Caine Jürgen Thormann Dr. Wilbur Larch
Charlize Theron Natascha Geisler Candy Kendall
Delroy Lindo Bert Franzke Arthur Rose
Paul Rudd Philipp Brammer Wally Worthington
Jane Alexander Elisabeth Endriss Schwester Edna
Erykah Badu Sandra Schwittau Rose Rose
Earle C. Batchelder Tonio von der Meden Dr. Holtz
Evan Dexter Parker Frank Muth Jack
Norma Fine Ursula Traun Mrs. Goodhall
K. Todd Freeman Ole Pfennig Muddy
Heavy D Torsten Münchow Peaches
Lonnie R. Farmer Farmer Tommi Vernon
Patrick Donnelly Hubertus von Lerchenfeld Adoptivvater
Paz de la Huerta Katharina Schwarzmaier Mary Agnes
Kieran Culkin Buster
Kathy Baker Schwester Angela
Kate Nelligan Olive Worthington
Evan Parke Jack
Jimmy Flynn Vernon
Erik Per Sullivan Fuzzy Stone
Skye McCole Bartusiak Hazel
Spencer Diamond Curly
J. K. Simmons stumm Ray Kendall

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s