Zwei Schwestern – Polizeiruf 110 Fall 114 #Crimetime 671 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #DDR #Meißen #Grawe #Fuchs #Schwestern

Crimetime 671 - Titelfoto © Fernsehen der DDR / ARD

Zwei ungleiche Schwestern und zwei Idioten

Gegenwärtig werden die Polizeirufe der Vorwendezeit chronologisch gesendet. Wir hatten etwas wenig Zeit und arbeiten den Media-Receiver in der Regel, aber kunstlos von neu nach alt ab und deswegen gibt es zum Nachfolger „Die letzte Kundin“ bereits eine Rezension, „Zwei Schwestern“ folgt erst heute nach. Wir müssen also rückwirkend feststellen, dass die starke Stellung, die man Leutnant Thomas Grawe in „Die letzte Kundin“ eingeräumt hat, sich in „Zwei Schwestern“ bereits zeigt. Dieses Mal ermitteln Fuchs und er zwar noch gemeinsam, in „Die letzte Kundin“ bekam er von Fuchs einen ungelösten Fall ganz übertragen und der Leitende assistiert nur noch mit guten Ratschlägen, aber Grawe hat auch hier mehr Spielzeit. Es war ganz offensichtlich, dass neben Lutz Zimmermann Grawe den Kern der „nächsten Generation“ nach Fuchs und Hübner darstellen sollte. Vera Arndt war schon etwas früher ausgestiegen. Nachdem wir diesen Punkt schon abgehandelt haben, gibt es dennoch einiges über „Zwei Schwestern“ zu schreiben. Mit den beiden Idioten sind nicht Fuchs und Grawe gemeint, damit das hier auch noch geklärt ist. Weiter dann aber in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Beate Bernert hat sich gerade von ihrem Mann Kurt Singer scheiden lassen. Kurt, der bei der Müllabfuhr arbeitet, nimmt den Spruch des Richters zur Güterteilung ernst und beginnt, in der Wohnung sämtliche Möbel mit einer Kettensäge zu durchtrennen. Beate nimmt ihre Kleider und zieht zu ihrer Schwester Angelika. Kurze Zeit später vergnügt sie sich bereits mit ihrem großen Freundeskreis bei der Geburtstagsfeier einer Freundin. Sie tanzt und flirtet mit Angelikas Verlobtem Jochen, der sich hemmungslos betrinkt. Kurt kommt nur kurz zu Besuch und geht bald wieder. Von Beates Verhalten ist er abgestoßen, zumal er weiß, dass Beate es auf Jochen abgesehen hat. Angelika erzählt Beate, dass sie von Jochen ein Kind erwartet und beide heiraten wollen. Auf ihre Bitte, Jochen in Ruhe zu lassen, reagiert Beate ausweichend. Eines Tages berichtet Kurt Angelika am Telefon, dass sich Beate gerade mit Jochen im Stadtpark trifft. Kurze Zeit später wird Beate leblos im Park gefunden. Sie wurde mit einem Stein niedergeschlagen und kommt schwer verletzt ins Krankenhaus.

Hauptmann Peter Fuchs und Leutnant Thomas Grawe übernehmen die Ermittlungen. Sie befragen Jochen, der aussagt, zum Treffen mit Beate zu spät gekommen zu sein und nur noch den Krankenwagen wegfahren gesehen zu haben. Er findet am Treffen mit Beate nichts Unredliches, wisse Angelika doch, dass er sich mit ihrer Schwester gut verstehe. Auch Angelika meint, dass ihre Beziehung sehr tolerant sei. Sie sagt aus, dass sie am Tattag zunächst einkaufen war und später ihre Tochter aus dem Kindergarten abgeholt habe. Kurt wiederum war ebenfalls einkaufen, was Zeugen bestätigen können. Dennoch identifiziert die Telefonistin der Rettungsleitzentrale ihn als den Anrufer, der den Krankenwagen für Beate gerufen hat. Kurt gibt zu, nach dem Einkauf an eben der Stelle vorbeigekommen zu sein, an der Beate lag. Die Ermittler erfahren auch, dass Kurt früher mit Angelika verlobt war und aus dieser Beziehung die Tochter Ulrike stammt. Kurt verließ Angelika für ihre Schwester, die in Jochen einen neuen Freund fand. Angelika könnte die Tat aus Eifersucht zwischen Einkauf und Tochterabholung begangen haben, doch begrüßt Beate ihre Schwester liebevoll, als sie aus dem Koma erwacht. Für Peter Fuchs ist Kurt ein möglicher Täter, doch lehnt Grawe diese Theorie ab, habe Kurt seine Wut über Beate doch an den Möbeln ausgelassen. Umso überraschter ist er, als Beate indirekt Kurt belastet und der sich kurze Zeit später freiwillig stellt und ein Geständnis ablegt. Er kann auf Nachfrage jedoch keine genauen Angaben zum Stein, mit dem er zugeschlagen hat, machen und weiß auch nicht, wie oft er zugeschlagen hat. Er kann wieder gehen.

Die Ermittler ahnen, dass Kurt den wahren Täter decken will, und vermuten, dass Angelika ihre Schwester erschlagen wollte. Fuchs und Grawe erfahren, dass Angelika stets die duldsame der Schwestern war und vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen ihrer Schwester gegenüber hatte, übernahm sie doch nach dem Tod der Eltern deren Haus in Meißen, während Beate klaglos in eine Wohnung zog. Angelika führte Beate später in das Kollektiv der Porzellanmanufaktur Meißen ein, wo die junge Frau schnell Anschluss fand. Vor allem bei den Männern ist sie sehr beliebt. Nun erpresst Beate Angelika. Auf Anraten der Ärzte zog sie für die Zeit der Genesung bei Angelika ein, obwohl sich Jochen dagegen aussprach. Beate macht Angelika klar, dass sie Jochen will und andernfalls jederzeit aussagen kann und würde, wer sie niedergeschlagen hat. Sie drängt sich in die Beziehung von Angelika und Jochen, verhindert ihren gemeinsamen Abend anlässlich ihres zweijährigen Zusammenseins und macht Angelika vor Jochen schlecht. Obwohl die Ermittler Angelika mehrfach aufsuchen, sagt diese nicht aus. Auch ihre Drohung Beate gegenüber, sich im Ernstfall selbst der Polizei zu stellen, macht sie nicht wahr. Stattdessen organisiert sie für sich eine Opernkarte, um Beate und Jochen nicht allein in die Oper gehen zu lassen. In Dresden verbringt sie jedoch die meiste Zeit außerhalb des Zuschauerraums, da ihr angeblich die Luft zu schlecht ist.

Vor dem Opernbesuch hat sie ihrer Nachbarin Frau List, die auf Ulrika aufpasst, einen Brief an Grawe übergeben. Frau List liest Grawe am Telefon den Brief vor. In ihm gesteht Angelika, Beate niedergeschlagen zu haben. Sie schreibt, dass sie dafür bezahlt habe und immer noch bezahle, dass jedoch sie, Beate und Jochen bezahlt haben werden, wenn Grawe den Brief erhält. Der leitet sofort eine Großfahndung an, vermutet er doch, dass Angelika Selbstmord begehen will. Nach dem Opernbesuch steuert Angelika den Wagen, auf dessen Rückbank sich Beate und Jochen befinden. Beide provozieren Angelika indirekt, weil sie das meiste der Oper nicht mitbekommen hat. Zu spät bemerken sie, dass Angelika nicht nach Meißen fährt und in immer höherer Geschwindigkeit auf einen Brückenpfeiler zurast. Es kommt zum Zusammenprall und wenige Sekunden später explodiert der Wagen. Die Rettungskräfte sind kurz darauf vor Ort und können Angelika schwerverletzt bergen. Sie wird abtransportiert. Fuchs und Grawe blieben hilflos zurück – wer keine Hilfe annimmt, dem kann nur schwer geholfen werden.

Rezension

Am Ende stehen sie trotzdem bedröppelt da, die wackeren Kriminaler von der Vopo. Denn sie konnten die Katastrophe nicht verhindern. Die wohl größere Katastrophe, die aus zwischenmenschlichen Problemen resultierte, die bis dahin im DDR-Polizeiruf gezeigt wurde. Wir erfahren übrigens nicht, was aus den beiden Insassen auf dem Rücksitz wurde. Die böse Schwester und einer der beiden Idioten, werden sie überleben? Der guten Schwester, die passenderweise den Namen Angelika trägt, wünscht man es doch sehr. Die andere trägt den Namen „Beate“, was in dem Fall wohl bedeuten soll, sie stellt ihr eigenes Glück oder das, was sie dafür hält, rücksichtslos über andere Menschen und deren Schicksal. 

Hans-Werner Honert hat einen famosen Polizeiruf gemacht. In seinen Filmen aus jenen Jahren ist ein ganz eigenartiger Spin. Man kann beim Anschauen lachen und heulen wie bei einem Hollywood-Melodram oder einer Tragikomödie – oder einem Drama mit komödiantischem Einstieg. Allein der Wechsel der Tonlage ist frappierend. Der Einstieg mit den zerteilten Möbeln hat einen geradezu satirischen Einschlag, das Ehepaar, das dabei ist, sich zu trennen, wirkt ziemlich skurril – doch als Angelika in den Plot einsteigt, fügt sich das erst zu einem alptraumhaften Szenario und ihre Wehrlosigkeit und dann ihr Versuch, sich doch zu wehren gegen die Lage und die Schwester, sind sehr berührend und gut nachvollziehbar dargestellt. Alle Darsteller*innen machen einen feinen Job und es gibt kaum einen falschen Ton in dem Film, über den wir gestolpert wären. Es wirkt sogar auf uns, als wäre der Duktus schon über das Ende der DDR hinausgedacht. Die typische Ostbegrifflichkeit ist in manchen Momenten sehr stark: „Wir sind ein gutes Kollektiv“ / „Ich will euch eure Prämie nicht streitig machen.“ Aber auch klar abgegrenzt, denn die Sprache wirkt überwiegend modern-zeitlos und erleichtert den Zugang zu den Figuren zu finden. 

Was wir auch immer sehr schön finden, ist, wenn ein Stück feine DDR dargestellt wird, wie die Porzellanmanufaktur Meißen, damals „VEB Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen“, an deren handwerklichen Wunderwerke sich eine banale Wirklichkeit bricht. Angelika und ihre Schwester Beate zählen auf ihre Weise zu den Aushängeschildern der Manufaktur, die eine künstlerisch, die andere als Führerin von Besuchern. Auch die dritte Person des Quartetts, Jochen, arbeitet als Restaurator im künstlerischen Bereich. Nur Kurt, der Müllmann, sticht ab und ist doch Teil eines seltsamen Geflechts, in dem vier Personen auf sehr dichte Weise miteinander verwoben sind. 

Aber Jochen und Kurt sind die beiden Idioten, unabhängig von ihrer unterschiedlichen beruflichen Stellung. Sie lassen sich von der offensiven Beate so manipulieren, dass die sanfte Angelika gleich zweimal das Nachsehen hat. Doch zur schlussendlichen Katastrophe haben alle beigetragen. Sicher überleben wird nur der Mann, der aus Verdienstgründen auf den Müll gegangen ist, denn er ist nicht dabei, als der Wartburg gegen den Brückenpfeiler rast und sofort in Flammen aufgeht. Die Actionszene hielten die Macher des Films für so gelungen, dass sie sie aus anderer Kameraperspektive in Zeitlupe wiederholten. Uns hatte das Schränke und Tische zersägen besser gefallen. 

In keinem System der Welt lassen sich menschliche Verfehlungen ausschalten, weshalb man jetzt auch verstärkt auf künstliche Intelligenz setzt, die uns dann auch bald dirigieren wird, mit ihrer überragenden emotionalen Sicherheit. Doch, die wird man ihr auch noch anerziehen oder sie wird sie sich selbst beibringen. Wir spüren immer dem gesellschaftskritischen Ton in den DDR-Polizeirufen nach, der selten so offensichtlich ist wie in Tatorten der verschiedenen Epochen, aus naheliegenden Gründen. Ist dieses Privatisieren, diese Dominanz privater Gefühle, schlechter Eigenschaften wie alles haben wollen, sich alles gefallen lassen, sich nicht entscheiden können, nun ein Abgesang an den neuen Menschen oder ankert sich alles daran, dass das Kollektiv trotzdem funktioniert und man es nicht so hoch hängen soll, was Menschen jenseits der Arbeit tun, wie sie sich zueinander verhalten? 

Es kommen mit Fuchs und Grawe nur zwei Ermittler zum Einsatz, normalerweise ist für uns der Einsatz von mindestens dreien ein Zeichen dafür, dass man einen „Premium-Polizeiruf“ drehen wollte. Aber die ungewöhnliche Länge von 93 Minuten, also etwas mehr als das heute übliche Tatort-und-Polizeiruf-Format, die Ansiedlung in der Porzellanmanufaktur, deren (allerdings nicht sehr viele gezeigte) Innenräume man eigens in Babelsberg nachgebaut hat, die Herstellung bei der DEFA mit Kinofilm-Material veranlassen uns summarisch zu dieser Zuordnung – auch wenn diese Ende der 1980er nicht mehr so deutlich zu erkennen war wie in den 1970ern, als die Polizeirufe mit erkennbar unterschiedlichem Aufwand und vielleicht auch nicht alle mit den gleichen Ambitionen gestaltet wurden. 

Wir müssen damit zu den Figuren zurück, die hier so viel Zeit bekommen, wie es braucht, um eine Handlung gut auf die Spitze zu treiben. Die beiden Schwestern sind in ihrer Unterschiedlichkeit wirklich hervorragend gespielt, ein bisschen plakativ, theaterhaft, vor allem die jüngere, aber was wir sehen, ist im Grunde auch ein Stück, mehr jedenfalls als ein Kriminalfilm. Wir meinen sogar, den dreiaktigen Aufbau zu erkennen – wobei der Schlag mit dem Stein auf den Hinterkopf von Beate das Ende des ersten Aktes darstellt, der missglückte Ausflug von Angelika mit Jochen in „die Bar“ das Ende des zweiten. Man kann die Handlung aber auch der Plotpoint-Theorie unterordnen, das kommt bezüglich der Zeitanteile vielleicht sogar besser hin. 

Ein weiteres Plus sind die vielen starken, prägnanten Szenen, die Gefühlszustände ausdrücken. Ganz auffällig: Als Grawe zur Befragung von Kurt auf die Müllkippe kommt. Ein einsames Sofa vor abgedecktem Müllberg, Grawe setzt sich zu Kurt in dieses „Wohnzimmer“, geradezu existenzialistisch mutet das an. Man ist allein, aber über allem ist nur der Himmel und das Panorama ist weit. Wir erinnern uns, wie Fuchs erstmals zu Kurt kam und keinen richtigen Platz in dessen zersägtem Mobiliar fand. So wirken die meisten übrigen Szenen, in denen die Beziehungsenge auch durch entsprechende Kamera-Einstellungen und  Sets dokumentiert wird. Freilich ist es auch ein typisches Merkmal der Polizeirufe, dass die Räume häufig so klein wirken.

Negativ fallen nur einige kleine Schnittfehler auf, über die wir uns angesichts der  ansonsten erreichten handwerklichen Qualität der Polizeirufe gewundert haben, aber das ist nur eine Randnotiz.

Finale

Erstmals dachten wir beim Anschauen dieses Films – was wäre gewesen, wenn die Polizeirufe sich hätten ungestört weiterentwickeln können und nicht ab 1990 den westdeutschen Stil übernommen hätten? Es gibt zwar bis heute Spuren des Vermächtnisses aus der DDR-Zeit, aber die sind doch sehr undeutlich geworden, mehr am Aufbau als am Stil orientiert – so ist es heute in Polizeirufen immer noch häufig der Fall, dass das Verbrechen nicht schon passiert ist, wenn der Film beginnt. Diese hochentwickelte Figurenschau Ende der 1980er, dieses sehr ins Innere der Menschen leuchten war durchaus eigenständig. Es wirkt nicht in allen Filmen gleichermaßen anziehend und man kann nicht immer so schön Angst vor der bösen Schwester haben und über alle anderen den Kopf schütteln und am Ende so gepflegt trauern wie beim Anschauen der 114. Produktion der Reihe, was man tut, weil man spürt, da ist viel dem Leben Abgeschautes drin und man fühlt sich auch ein wenig enttarnt, ausgeguckt. Aber schlechte Filme aus dieser Phase haben wir bisher sehr selten zu verzeichnen. „Zwei Schwestern“ zählt zu den richtig guten.

8,5/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Hans-Werner Honert
Drehbuch Günter Mehnert
Produktion Giselher Venzke
Musik Jürgen Wilbrandt
Kamera Hans-Jürgen Kruse
Schnitt Brigitte Koppe
Besetzung

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