Vergewaltigt – Polizeiruf 110 Fall 268 #Crimetime 670 #Polizeiruf #Polizeiruf110 #Brandenburg #Herz #Krause #RBB #Vergewaltigung

Crimetime 670 - Titelbild © RBB, Conny Klein

Die Angst bleibt

Erst am heutigen Morgen haben wir anlässlich der Rezension von „Die letzte Kundin“ darüber geschrieben, dass offene Enden vom Publikum unserer Krimilandschaft nicht sehr geschätzt werden. Das Ende von „Vergewaltigung“ ist aber genau dies. Man weiß nicht, was noch geschehen könnte. Das gilt aber in mehrerer Hinsicht, nicht nur für die offensichtliche Situation. Und erst gestern hatten wir mit „Alles Lüge“ einen etwas jüngeren Polizeiruf mit Johanna Herz und Horst Krause besprochen und festgestellt, dass es schwierig ist, aus Herz das Prägnante zu extrahieren und Horst Krause in ein authentisch wirkendes Verhältnis zu ihr zu stellen. Ist das nun in „Vergewaltigung“ besser gelungen, was bleibt offen und wie war der Film insgesamt? Das steht alles in der -> Rezension.

Handlung (Wikipedia)

Die achtzehnjährige Claudia Schmidt wird nach einem Dorffest vergewaltigt. Ihre Eltern rufen am anderen Morgen die Polizei und Kommissarin Herz erscheint. Sie versucht mit Claudia, die noch immer sichtlich unter Schock steht, zu sprechen. Doch sie erhält kaum Antworten. Sie lässt das Mädchen im Krankenhaus untersuchen, wo Spermareste sichergestellt werden können. Allerdings finden sich keine großen Abwehr- oder Verletzungsspuren. Dementsprechend geben die beiden Vergewaltiger Frank Göber und Alex Kohlers, die sehr bald ermittelt werden können, einen einverständlichen Geschlechtsverkehr an. Dies machen sie so überzeugend, dass die Strafanzeige von der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen wird. Claudias Freund, Martin Koch, ist außer sich und auch Kommissarin Herz kann kaum fassen, wie der Staatsanwalt entschieden hat.

Nach diesem Vorfall meldet sich Frank Göbers Sekretärin und will eine Vergewaltigung zur Anzeige bringen, die ihr Chef vor einem Jahr an ihr begangen hat. Aus Angst vor einer Kündigung hatte sie sich nicht zur Polizei getraut. Doch der Staatsanwalt schmettert, aufgrund des langen Zeitraums, auch diese Strafanzeige ab.

Am nächsten Tag wird Alex Kohlers tot und kastriert aufgefunden. Somit fällt der Verdacht sofort auf Claudia, die jedoch von ihrer Chefin ein Alibi erhält. Da auch Claudias Freund Martin behauptet hatte, zum Tatzeitpunkt mit ihr zusammen gewesen zu sein, erscheint Kommissarin Herz dies verdächtig. Aber auch Claudias Eltern, die eine Metzgerei besitzen und im Umgang mit Messern versiert sind, kommen als Rächer ihrer Tochter in Betracht. Nachdem anhand von Blut- und DNA-Spuren eines der Messer aus der Metzgerei als Tatwaffe identifiziert wird, gesteht Claudias Vater die Tat. Kommissarin Herz hat Zweifel und überwacht Claudias Mutter, nachdem ihr Mann in Untersuchungshaft genommen wird. Sie könnte sich jetzt sicher fühlen und auch den zweiten Täter angreifen. Zu dessen Sicherheit observiert Kommissarin Herz Frank Göber, während Krause Claudias Mutter im Auge behalten soll.

Trotz all dieser Bemühungen trifft Gröber unbeobachtet auf Claudia, die ihn telefonisch zu sich bestellt hat. Ohne Vorwarnung betäubt sie ihn mit einem Elektroschocker und trifft alle Vorbereitungen, auch ihn zu entmannen. Im letzten Moment erscheint Herz und kann dies verhindern.

Obwohl Frank Göber offensichtlich straffrei ausgeht, hat seine Frau die Scheidung eingereicht und nach einem anonymen Anruf ist Göber sichtlich um sein Leben besorgt.

Rezension

Interessant an diesem Film ist, dass man am Ende wunderbar spekulieren kann. Nachdem es der Fleischer nicht war, dachte man zunächst, es sei seine Frau gewesen. Dann aber erfahren wir, die Tochter. Die könnte ja aufgrund ihrer Verortung im Medizinbetrieb – zwischenzeitlich hatten wir den starken Verdacht, es sei die Ärztin, die Frau des Vergewaltigers. Am Ende glauben wir, die vergewaltigte junge Frau selbst habe sich inhaftieren lassen, damit der Vergewaltiger sich sicher fühlt und die eigentliche Täterin tätig werden kann. Doch die Mutter? Oder die Ärztin?

Uu den für Männer weniger beängstigenden Nachrichten. Johanna Herz hat in keinem Film, den wir bisher gesehen haben, so viel Herz gezeigt und bis auf den Beginn funktioniert auch das Spiel mit Krause ziemlich reibungslos, der seinerseits viel Spielzeit bekommt. Endlich sieht man ihn und seine Hündin Vera auch mal richtig in Fahrt. Der Film zeigt insgesamt recht viel Action, ist für ein Werk, in dem es um ein Sexualdelikt geht, angemessen grausam und fies, weil Harald Schrott den Täter dieses Delikts auch sehr überzeugend spielt – und es dauert nicht ganz so lange wie bei vielen anderen Brandenburg-Polizeirufen, bis die Handlung Fahrt aufnimmt. Die Freiheit der Reihe, das Hauptverbrechen nicht gleich zu Beginn in Form einer zu präsentierenden Leiche abwickeln zu müssen, wie das in Tatorten fast immer der Fall ist, nutzt man gut; der Mord findet erst in der zweiten Hälfte statt. Prinzipiell kann man so eine augefeiltere Dramaturgie entwickeln und Figuren sehr schön einführen, bevor das Hauptverbrechen passiert.

Hier auch keine Überinformation: Die Zunahme von Sexualdelikten in Brandenburg, die Häufung, der somit sinnreiche Hintergrund, einen Vergewaltigungsfall hier anzusiedeln. Selbstverständlich kann es ein solches Delikt überall geben, aber hier wird etwas Typisches hervorgehoben, das sich darin manifestiert, dass Beziehungen allgemein nicht gerade feinfühlig organisiert sind. Eine gewisse Rohheit ist vielen Männern, die in Brandenburg-Polizeirufen vorkommen, nicht abzusprechen, das fällt uns nicht erst heute auf. Und die Frauen leiden oder gehen oder leiden erst und gehen dann oder sie bleiben sogar und man bedauert mit ihnen diese falsche Entscheidung.

Uns wundert, dass die Kritik nicht die Parallelen des Films zu Jodie Fosters‘ „Angeklagt“ aufgegriffen hat. Es ist alles doch recht ähnlich. Eine junge Frau wirkt sexy und macht auch einen Mann ein wenig an, wenn auch nicht so deutlich wie in „Angeklagt“. Man hält alles etwas dezenter, weil man eine Diskussion darüber vermeiden will, wie weit Frau Mann aufreizen darf und er sich trotzdem jederzeit im Griff haben muss. Hier war jedenfalls alles klar – Johanna Herz übernimmt die Rolle der Anwältin von Jodie Fosters Filmfigur und der Staatsanwalt steht für die bornierte Männerwelt, die gar nicht begreift, worum es geht. Sehr interessant, dass Devid Striesow als hellblonder StA-Schnösel gar nicht so unmöglich wirkt, wie man aufgrund vieler anders akzentuierter Rollen vermuten könnte, die er im Laufe der Zeit gespielt hat. Damals stand er aber erst am Beginn seiner Karriere und das immer etwas erstaunt Wirkende steht ihm gut, auch wenn das Erstaunen hier eher als Unverständnis ausgeformt ist: er versteht den nicht erlöschenden Ermittlungseifer von Johanna Herz nicht.

Klar mögen wir es nicht besonders, wenn Männer so dargestellt werden wie hier. Wir finden die Realität, das Geschehen und die Art, wie es in fiktionalen Handlungen gezeigt wird, gleichermaßen furchtbar, aber wir haben nicht vor, in die Verteidigungsposition zu gehen. Sicher ist eine aggressive Gesamtstimmung in der Gesellschaft nicht dazu angetan, in Ruhe über das nachzudenken, was man sieht. In den erhöhen Fallzahlen der letzten Jahre im Bereich der Sexualdelikte manifestiert sich beispielsweise auch eine höhere Bereitschaft der Opfer, Anzeige zu erstatten.

Inwieweit Männer mit falschen Anschuldigungen aus dem Feld der Sexualdelikte erpresst werden können, das thematisiert stellvertretend – genau, der Staatsanwalt. Die Gefahr besteht, aber wir sind leider nicht so fit in Fragen der Beweisführung. Was geschieht, wenn es keinerlei Verletzungsspuren beim Opfer gibt, wie hier?

Da weiß der Film auch keinen Rat, deshalb ist Frank Göber am Ende noch frei und das Selbstjustiz tritt an die Stelle des legitimen Urteils und seiner Vollstreckung. Wir müssen das wirklich festhalten: Wäre es nicht zum zweiten Delikt gekommen, wäre überhaupt niemand inhaftiert worden. Wenn nur Aussage gegen Aussage steht, gilt die Unschuldsvermutung und es wäre wirklich fatal, wenn es für bestimmte Deliktklassen zu einer Beweislastumkehr käme. Dann wäre wirklich jedweder Manipulation Tür und Tor geöffnet.

Leider gibt es da einen weiteren Aspekt. Damit Beweise für die Unfreiwilligkeit einer sexuellen Handlung gefunden werden können, ist jeder Frau raten, sich so gut wie möglich zu wehren. Der Elektroschocker oder das Pfefferspray sind fast gängige Utensilien geworden, wenn Frau einsame Orte aufsucht oder auch nur morgens auf einem Waldweg joggt. Aber wenn es zu einer Vergewaltigungssituation kommt – ist es dann besser, einen körperlich überlegenen Täter herauszufordern, wie Claudia Schmidt es hier eben nicht oder kaum getan hat? Lässt jemand, der ohnehin die Grenzen anderer nicht respektiert, eher ab oder gerät er vollends außer Kontrolle? Rechtlich ist es mittlerweile in Deutschland so, dass jeder Geschlechtsverkehr, der nicht mit Zustimmung erfolgt ist, als Vergewaltigung gilt. Nein, wir machen jetzt keine Witze darüber, dass man immer ein Freiwilligkeitsbestätigungsformular mitführen sollte, das vor jedweder Form körperlicher Annäherung beidseitig unterzeichnet werden sollte. Dann was ist, wenn es nach der Unterzeichnung aufgrund irgendeines in dem Moment nicht absehbaren Umstandes zu einer Willensänderung kommen sollte, die andere Seite aber die Vereinbarug als gültig ansieht?

Finale

Eine offen dargestellte Vergewaltigung ist immer eine Herausforderung, weil man Filme auch subjektiv wahrnimmt, nicht komplett distanziert – und nicht nur beschreibt, wie man die Bearbeitung bestimmter Themen bezüglich ihrer Umsetzung oder sogar der technischen Umsetzung aufgenommen hat. Sexualdelikte gehen uns alle an, weil die körperliche Integrität ein sehr hohes Gut ist. Selbst die Menschenwürde steht dahinter, denn ein würdevoller Umgang setzt immer Freiheit von Gewalt gegen den eigenen Körper voraus, der Umkehrschluss hingegen funktioniert nicht.

In „Vergewaltigung“ gibt es durchaus einige Momente, die man auch als zu kauzig bezeichnen könnte, aber – wo ein Krause ist, da ist auch ein wenig Hoffnung für fast alles. Das sorgt dafür, dass auch in den düstersten Dörfern ein kleines Licht scheint. In „Vergewaltigung“ herrscht aber allgemein eine ziemlich zupackende Art vor und man verliert schnell das, was doch Alexander von Alexandra unterscheidet.

Nun ja. Das stammt nicht von uns, Kriminalassistentin Schubert hat es gesagt. Hatten wir fast vergessen zu erwähnen: Weder das Drehbuch noch die Regie lagen in den Händen von Frauen.

8/10

© 2020 (Entwurf 2019) Der Wahlberliner, Thomas Hocke

Regie Christian von Castelberg
Drehbuch Stefan Kolditz
Produktion Thomas Wilkening
Musik Ralf Wienrich
Kamera Thomas Plenert
Schnitt Tina Freitag
Besetzung

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